04. Juni 2004

Bundeshaus Bern

Journalisten und die nationale Politik

Michel Wenzler

Wie fügen sich Bundeshauskorrespondenten in das Geflecht der nationalen Politik ein? Jean-Martin Büttner, der seit sechs Jahren für den Tages-Anzeiger aus Bern berichtet, gibt im Medienforum der Paulus Akademie Einblick in seine Arbeit.

Wie ein Bundeshausjournalist sah Jean-Martin Büttner nicht aus, als er am 27. Mai im Medienforum der Paulus-Akademie über seine Erfahrungen als Korrespondent in Bern sprach. In Jeans und einem zu gross geratenen T-Shirt konnte man sich ihn nur schlecht zwischen den fein gekleideten Parlamentariern und Bundesräten vorstellen. Auch hatte er nicht die Erscheinung, die man von jemandem erwarten würde, der vor kurzem mit dem Züricher Journalistenpreis ausgezeichnet worden war.

 

Die Suche nach guten Geschichten

Den Preis erhielt er für einen Essay über den vor zehn Jahren verstorbenen Journalisten Niklaus Meienberg. Büttner ist von Meienberg fasziniert, wie er im Gespräch mit Lisbeth Herger, Studienleiterin für Medienethik und Medienpolitik an der Paulus-Akademie, verriet. Ihm gefällt insbesondere dessen Kombination von Sprachgewalt und Zorn. Er räumte aber auch ein, dass es Meienberg in der Zeit des Kalten Krieges einfach hatte, sich zu profilieren: Damals gab es klare Fronten, Gut und Böse waren getrennt. Heute ist nach Büttners Auffassung die Arbeit als Journalist schwieriger: Es gäbe nicht mehr Rechts und Links, sondern nur gute Geschichten, gab er zu bedenken. Woran man diese erkennt, verriet er indes nicht. Vielmehr machte er den Eindruck, als würde er sich wie viele Journalisten eher auf sein Gefühl verlassen als eine systematische Auswahl von Themen vornehmen. Herger merkte denn auch kritisch an, dass die Orientierung an guten Geschichten und Ideen eine grosse Beliebigkeit zulasse und mit der Realität mitunter wenig gemeinsam habe.

Büttner warf ein, dass er sich - anders als viele seiner Berufskollegen - nicht am Grundsatz der Realität orientieren würde. In der Berichterstattung wolle er auch nicht neutral bleiben, sondern er verwende Mischformen zwischen Bericht und Kommentar. Dies begründet Büttner mit seinem Temperament: Häufig würde er sich wünschen, er könnte einen Bericht so neutral schreiben wie eine Agenturmeldung. Oft verliere er aber an Pressekonferenzen oder Parlamentsdebatten die Geduld, da er sich immer wieder denselben Unsinn anhören müsse. "Stundenlange Debatten führen mich oft ins Satirische", meinte er schmunzelnd. Er sieht diesen Charakterzug aber nicht als Nachteil, sondern ist überzeugt, dass szenische Elemente wie Artikulation oder Körpersprache in der Berichterstattung thematisiert werden müssen, weil sie mit den kommunizierten Inhalten verschränkt seien. Der studierte Psychologe will solche atmosphärische Aspekte daher auch nicht unkommentiert lassen.

 

Langweilige Bundespolitik?

Dass er dabei immer wieder an Grenzen stösst, ist ihm klar. Viele Themen lassen sich eben nicht mit kreativen Sprachspielen vereinbaren. In der Berichterstattung über die Asylpolitik etwa sei nicht viel Raum für barocke Ausschmückungen im Text, gibt er zu bedenken. Seit er Korrespondent im Bundeshaus sei, wirkten deshalb viele seiner Texte - im Vergleich zu seinen früheren Artikeln im Kulturressort des Tages-Anzeigers - harmlos. Büttner weiss auch, dass sich nicht viele Leute für die eher unspektakuläre Berichterstattung aus dem Bundeshaus begeistern lassen. Er bezeichnete diesen Umstand als die "Tragik des Journalismus": Was im Bundeshaus ablaufe, sei kaum zu vermitteln, weil der politische Prozess so langsam sei. "Was in Bern geschieht, ist sehr langweilig zu lesen."

Für ihn als direkten Beobachter sei die Mechanik der Politik aber fesselnd. Allerdings habe er sich auch erst daran gewöhnen und seine Erfahrungen mit dem politischen System sammeln müssen, um sich in den wiederkehrenden Prozeduren wie etwa der Vernehmlassung zurechtfinden zu können. Es gelte auch Strategien zur Bewältigung der grossen Arbeitsbelastung zu entwickeln - schliesslich sei es kaum möglich, Hunderte von Seiten Gesetzestexte zu lesen und an allen Sessionssitzungen anwesend zu sein. Büttner setzt deshalb auf Personenkontakte: "Man muss wissen, welche Politiker draus kommen." Wenn er mit den richtigen Leuten rede, erhalte er ein gutes Profil zu einem Thema. Oft seien die stillen Politiker die kompetentesten. Deshalb müsse man aufpassen, dass man den kritischen Blick nicht verliere und den starken und lauten Politikern nicht zu viel Platz einräume. Büttner will die Artikel nämlich nicht über Personen, sondern über Themen erschliessen.

Wie weit dieses Credo vor einem unkritischen Umgang mit der Bundespolitik schützt, ist allerdings fraglich. Jedenfalls ging Büttner nicht auf den Umstand ein, dass Themen und Personen häufig miteinander verknüpft sind und sich kaum voneinander trennen lassen. Auch konzentrieren sich die Medien in aller Regel lieber auf politische Schwergewichte und Säbelrassler als auf Hinterbänkler, die sich nicht spektakulär in Szene zu setzen wissen. Büttners Erklärung, er habe wie alle Journalisten eine Faszination für mächtige Politiker wie Bundesrat Blocher, war aufschlussreich und sorgte für einige kritische Anmerkungen aus dem Publikum des Medienforums.

 

Gespräche hinter der Bühne

Kann es einem Bundeshausjournalisten überhaupt gelingen, die nötige Distanz zu wahren und einen Schulterschluss zwischen Journalismus und Politik zu vermeiden? Büttner ist sich bewusst, dass er sich vor Instrumentalisierungen schützen muss. Der Umgang mit Politikern ist für jeden Journalisten im Bundeshaus eine Gratwanderung zwischen effizienter Informationsbeschaffung und der Wahrung der Unabhängigkeit. Büttner würde deshalb immer abwägen, wem die Information nützt, die ihm zugespielt wird. Er habe auch erkannt, dass viele Informationen erst dann relevant sind, wenn jemand bereit ist, sie öffentlich zu vertreten.

Gerüchte und vertrauliche Hintergrundinformationen seien aber von grosser Bedeutung, da sie oft die Vorstufe einer späteren Thematisierung von Sachverhalten sind. Politiker und Journalisten bewegen sich zu diesem Zweck auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen begegnen sie sich in einem öffentlichen Rahmen, zum anderen aber auch bei inoffiziellen Anlässen. Büttner erzählte von "Off the record"-Veranstaltungen, bei welchen sich Bundesräte mit Journalisten einflussreicher Medien zu Hintergrundgesprächen treffen. An solchen Veranstaltungen würden viele Details besprochen, die in keiner Zeitung gedruckt werden. Ohne dieses Wissen könnten aber viele Treffen nicht lanciert werden und manche Einzelheiten kämen gar nie an den Tag, meinte Büttner. Bei Politikern wie Bundesrat Couchepin werde es nämlich erst interessant, wenn sie das Mikrophon abdrehen.

Neben den positiven Aspekten des vertraulichen Austauschs zwischen Politikern und Journalisten übersieht Büttner aber die negativen Konsequenzen nicht. Besonders skeptisch ist er gegenüber der Neigung vieler seiner Berufskollegen, Politiker beraten zu wollen. Büttner stösst sich an diesem Verhalten, da seiner Meinung nach das Prinzip der Gewaltentrennung in Mitleidenschaft gezogen werde. Damit äusserte er indirekt Bedenken gegenüber der Verselbstständigung der politischen und medialen Eliten.

Dass nicht nur die Politiker am Volk vorbei politisieren, sondern auch die Journalisten an ihren Lesern vorbei schreiben, lässt sich immer wieder beobachten. Dieser Gefahr will Jean-Martin Büttner in seiner neuen Tätigkeit entgegentreten. Er kehrt demnächst dem Bundeshaus den Rücken und wird als Autor beim Tages-Anzeiger für die Leser die Politik konkret erlebbar machen. "Wir sind in der Berichterstattung sehr institutionenlastig", räumte er selbstkritisch ein. Beim Leser werde zudem oft zu viel Wissen vorausgesetzt. Büttner will künftig den Leuten wesentliche Begriffe und Prozesse der Politik näher bringen, damit nicht nur Bundeshauskorrespondenten und Politiker wissen, was es mit dem Schengen-Vertrag eigentlich auf sich hat.

 

Michel Wenzler hat Publizistikwissenschaft und Politologie an der Universität Zürich studiert.

 

Im Medienforum an der Paulus-Akademie Zürich werden regelmässig Gäste aus der Medienwelt zu ihrem Selbstverständnis und zu medienpolitischen Brennpunkten befragt. Initiantin und Gesprächsleiterin ist Lisbeth Herger, langjährige Journalistin und derzeit Studienleiterin für Medienethik und Medienpolitik an der Paulus Akademie. Das nächste Medienforum ist am 1. September 2004 mit Susanne Brunner, DRS-Korrespondentin aus San Francisco. Das Gespräch findet statt von 19.30 bis ca. 21.30 Uhr und dreht sich um "Nachrichten aus Bushs schöner neuer Welt". Um Anmeldung wird gebeten an paz.veranstaltungen@bluewin.ch.

 

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Literatur:

Büttner, Jean-Martin (2003): Was er als Stil betrieb, ist heute eine Marke. In: Tages-Anzeiger vom 19.9.2003: http://www.meienberg.ch/fileadmin/Meienberg/_dokumente/Tages-Anzeiger-2003-09-19.pdf 

Hoffmann, Jochen (2003): Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus. Wiesbaden.

Meier, Oliver (2002): Der ewige Berserker. Ein Nachruf auf Niklaus Meienberg. In: Medienheft, 17.9.2002: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k18_MeierOliver.html 

Saxer, Ulrich (1995): Politische Elite und Medienelite. Das schweizerische Bundeshaus als Beispiel. In: Armingeon, Klaus / Blum, Roger (Hg.): Das öffentliche Theater. Politik und Medien in der Demokratie, Bern, S. 131-150.

 

Links:

Paulus-Akademie: www.paulus-akademie.ch
Verein meienberg.ch: www.meienberg.ch 

 

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