22. Januar 2009

Präsident Obama

Ein amerikanischer Traum

Gerti Schön

Wie die Menschenmassen sind auch die Medien dem Charme des ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten erlegen. Zu lange dauerte die Regierung der Furcht, zu verführerisch klang die Botschaft der Hoffnung. Doch die innen- und aussenpolitischen Herausforderungen sind enorm, und die Medien tun gut daran, beizeiten aus dem amerikanischen Traum zu erwachen. Noch haben sie gut an den Obama-Stories verdient. Doch die Wirtschaftskrise könnte ihnen die Grundlage entziehen, die Regierungsgeschäfte kritisch zu begleiten.

Es war ein Tag würdevoller Feierlichkeiten, emotionaler Momente und ausgelassener Freude, und so kam es auch in den amerikanischen Medien herüber: Die Atmosphäre guten Willens, ernsthaften Verantwortungsbewusstseins und hoffnungsvollen Optimismus', die Barack Obama mit seiner gesamten Persönlichkeit kommunizierte, sprang nahtlos auf die Berichterstattung in den amerikanischen Medien über. Es gab keine kritischen Worte, keine Häme, keine Bosheiten – nicht einmal für George Bush. «It's a love fest», wie es ein Besucher in Washington zusammenfasste. Ein seltener Seitenhieb kam von britischer Seite: «Also deshalb habt ihr uns vor ein paar Jahrhunderten aus dem Land geworfen», kommentierte die BBC-Journalistin Katty Kay auf der Webseite «DailyBeast.com». «Ihr habt den Pomp und die Zeremonie der Krönung einfach mit dem Pomp und der Zeremonie der Inauguration ersetzt».

 

Ein Prinz ohne Fehl und Tadel

Die Medien berichteten live fast den ganzen Tag lang, und zwar nicht nur die Nachrichtenkanäle, sondern auch die Networks und die Printmedien mit ihren Webseiten. Obamas Inaugurations-Rede schallte von unzähligen Plattformen und die Internetnutzung stieg dramatisch: Allein «CNN.com» verzeichnete im Verlauf des Tages über 21 Millionen Videostreams. «Er ist unser erster aristokratischer Präsident – im besten Sinne des Wortes», fasste Malcolm Gladwell, Journalist und Autor des Bestsellers «The Tipping Point» das Gefühl des Tages zusammen. «Bush war ein Kumpel. Clinton der freundliche Onkel. Obama ist ein Prinz.» Wohl aus diesem Grund schoben denn auch die meisten Kommentatoren die Schuld an dem Vereidigungs-Versprecher dem obersten Verfassungsrichter John Roberts in die Schuhe, auch wenn Obama später klarstellte, sie hätten beide Patzer gemacht. Selbst wenn er gewollt hätte, an seinem ersten Tag konnte Obama einfach keine Fehler machen.

Angesichts eines Wirbelwindes neuer Entscheidungen, die der neue Präsident umgehend einleitete, änderte sich die Berichterstattung auch am zweiten Tag nicht. «Präsident Obama – klingt immer noch gut», fasste MSNBC-Moderatorin Rachel Maddow zusammen. Woran es sicherlich nicht fehlte, waren allerdings Worte der Vorsicht. Das einflussreiche Washingtoner Onlinemagazin «Politico.com» fand zum Beispiel «Sieben Gründe für gesunde Skepsis». Einer davon lautete, dass zu viele brillante Köpfe sich häufig gegenseitig im Wege stehen können – wie etwa in Obamas Kabinett. Auch sein sicheres Auftreten wird hinterfragt: «Wir wissen noch nicht, wie gerechtfertigt sein Selbstbewusstsein ist – oder wie naiv». Nicht zuletzt der Umstand, dass die krisengeschüttelte Presse kaum noch Geld für investigativen Journalismus hat, sorgt die Autoren. Angesichts einer geschwächten republikanischen Partei, wer soll der neuen Regierung da noch auf die Finger sehen?

 

Kitsch und Klatsch

Ähnlich wie Amerika im Allgemeinen, scheinen auch die US-Medien so erleichtert über den Regierungswechsel, dass die Gefahr einer allzu langen Idealisierung des neuen Mannes an der Spitze durchaus möglich ist. Bereits in den Wochen nach den Wahlen am 5. November schwappte die amerikanische Presse schier über vor Begeisterung über den neuen Präsidenten. Während seriösere Medien wie die «New York Times», die «Washington Post» oder «Politico» Hoffnungen hinsichtlich seiner Innen- und Aussenpolitik äusserten, widmeten sich Massenmedien wie das Fernsehen und Blogs wie die «Huffington Post» mit Vorliebe Diskussionen darüber, welche First Lady Michelle Obama abgeben würde und in welche Richtung ihr Modegeschmack gehe. Das Webmagazin «Salon.com» brachte gar einen Artikel über den Allerwertesten der First Lady, in dem die Autorin ihre Hoffnung ausdrückte, dass Michelle Obama eine Überholung des nahezu krankhaft perfektionistischen Schönheitsideals der Amerikaner erreichen könnte.

Zwar war die «Obamania» Anfang Dezember mit dem Skandal um Rod Blagojevich, dem Gouverneur des Obama-Heimatstaates Illinois, vorübergehend abgekühlt. Obwohl selbst der bewährt konservative TV-Sender «Fox News» berichtete, es gebe keine Hinweise darauf, dass Obama in irgendeiner Weise darin verwickelt sei, leitete allein schon die Fragestellung eine gewisse Ernüchterung ein. Dazu kam, dass Obamas Plädoyer an den US-Kongress, umgehend ein milliardenschweres Hilfspaket für die US-Wirtschaft zu verabschieden, nicht einstimmig begrüsst wurde. Man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Obama schon vor seinem eigentlichen Antritt von den komplizierten Geschäften des Regierens aufgesogen werden würde.

Doch rechtzeitig zur Inauguration war die feierliche Stimmung wieder hergestellt. Die New Yorker Klatschblätter, «New York Post» und «Daily News», beide keineswegs von liberaler Gesinnung, titelten mit Schlagzeilen wie «Die Stimme der Hoffnung» oder «Erneuert den Traum» vor Obamas Konterfei. Die konservative «Washington Times» druckte ein Essay von Obama auf der ersten Seite, und die progressive Radiostation «WWRC 1260» in Washington benannte sich kurzerhand in «Obama 1260» um. Es scheint, als ob sich in diesen schweren Zeiten auch die konservative Presse nach einem Funken Optimismus sehnt. «Viele Menschen sind sehr glücklich, und warum sollte man so einen Moment nicht beim Schopf packen», schrieb «Wall Street Journal»-Kolumnistin Peggy Noonan.

 

Gut im Geschäft

Wer noch Zweifel am Popstar-Status des neuen US-Präsidenten hatte, dürfte von einer internationalen Studie des Medienforschungsunternehmens «Global Language Monitor» überzeugt worden sein. Dieses vermeldete Ende Dezember, dass Obamas Wahlkampf und Wahlsieg die meistberichtete Geschichte des noch jungen Jahrhunderts war. Ereignisse wie der Irakkrieg, der Tod des Papstes Johannes Paul II., der 11. September und die Tsunami in Asien wurden mit über 250 Millionen Obama-Stories in den Schatten gestellt.

Nicht zuletzt bot die Inauguration allen Medien, wie auch schon die vorangegangene Wahlnacht, die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Der Nachrichtensender CNN etwa, der zu beiden Gelegenheiten die höchsten Quoten sowohl bei den Zuschauern des TV-Senders wie auch bei den Internetnutzern von «CNN.com» Spitzenwerte aufwies, konnte an diesen Tagen seine meisten Werbekunden verbuchen. Kein Wunder, war doch auch das Zuschauerinteresse enorm. Insgesamt 37,8 Millionen Amerikaner schauten sich die Rede zum Amtsantritt von Barack Obama an, etwas weniger als Ronald Reagan 28 Jahre zuvor, der 42 Millionen vor den Bildschirm lockte.

Doch auch die von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Printmedien können das Phänomen Obama nutzen, um ihre Kassen aufzufüllen, kauften doch die Amerikaner am Tag nach der Wahl wie auch nach der Inauguration so viele Tageszeitungen, Magazine und Bücher wie selten zuvor. Zahlreiche Zeitungen druckten wegen der grossen Nachfrage nach, das Massenblatt «USA Today» etwa druckte am 6. November mit zwei Millionen Exemplaren werktäglich 500.000 mehr als üblich. Die meisten Blätter verdoppelten ihren Normalpreis am nächsten Tag und wurden in den Folgewochen immer teurer. Ein Exemplar der «New York Times» wurde kurz nach dem Wahlsieg auf «Ebay» gar für 250 Dollar verkauft.

Auch die Buchverlage wollen mit dem Spektakel Geld verdienen und haben mehr als zwei Dutzend Obama-Bücher in Planung, die von biographischem Material über sämtliche Obama-Familienmitglieder über Fotobände bis hin zu Kinderbüchern reichen. Selbst Sachbücher, etwa über Abraham Lincoln oder Franklin Roosevelt, beide eine beliebte Obama-Lektüre, sind derzeit populär. Nicht fehlen darf in dem Spektrum ein unvermeidliches Hass-Buch mit dem Titel «Audacity of Deceipt» des konservativen Autors Brad O'Leary, in dem jeder nur mögliche Kritikpunkt an dem neuen Präsidenten ausgeschlachtet wird.

Nicht aussen vor bleibt in all dem Getümmel auch das Lieblings-Gesprächsthema der Medien: sie selbst. Mit Genuss wurde etwa die Nachricht ausgeschlachtet, dass Obama kurz vor dem Amtsantritt mit einer Reihe liberaler und konservativer Kolumnisten diniert hatte, wobei das grösste Interesse den Namen auf der Gästeliste galt, wer es also in die oberste Liga des Kolumnistensports geschafft hatte und wer aussen vor blieb. Ähnlich eifersüchtig reagierte auch die «New York Times», nachdem Obama dem Konkurrenzblatt «Washington Post» einen Redaktionsbesuch abstattete, während die New Yorker Zeitung bisher leer ausging. Die «Times» berichtete in sarkastischem Ton über den Besuch und vermerkte, dass «rund 100 Leute – wohlmöglich Post-Reporter? – die Ankunft des Präsidenten erwarteten und dabei jubelnd ihre Kaffeetassen schwenkten». Woraufhin die Post sich genötigt sah zu erwidern: «Bedeutet diese Episode, die nach Ansicht einiger Beschäftigter eine Spur peinlich war, dass die Zeitung für Obama ist? Nicht wirklich. Es bedeutet lediglich, dass wenn eine Berühmtheit in den Büros auftaucht, Journalisten wie alle anderen reagieren: sie glotzen».

 

 

Gerti Schön lebt und arbeitet in New York.

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Bisher zu den Wahlen in den USA erschienen sind:

Schön, Gerti (2008): Cool auf dem Barhocker. Barack Obama macht eine gute Figur – fast zu gut. In: Medienheft, 31. Oktober 2008: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p08_SchoenGerti_05.html

Schön, Gerti (2008): Kaum ein Moment für YouTube. Doch Obama scheint McCain auszustechen. In: Medienheft, 16. Oktober 2008: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p08_SchoenGerti_04.html

Schön, Gerti (2008): Sündenböcke, Satiriker und Statisten. Die wechselhafte Rolle der Medien im US-Wahlkampf. In: Medienheft, 08. September 2008: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p08_SchoenGerti_03.html

Schön, Gerti (2008): Quoten statt Voten. Trivialisierung des US-Wahlkampfs. In: Medienheft, 28. April 2008: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p08_SchoenGerti_02.html

Schön, Gerti (2008): Chronische Sinnlosigkeit. Vorwahlen in den US-Medien. In: Medienheft, 04. Februar 2008: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p08_SchoenGerti.html

Schön, Gerti (2004): Kulturkampf in Amerika. US-Wahl polarisiert. In: Medienheft, 04. November 2004: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p23_SchoenGerti.html

Schön, Gerti (2004): Wahlentscheidende Medienkommentare. Bush und Kerry im TV-Duell. In: Medienheft, 02. Oktober 2004: http://www.medienheft.ch/politik/bibliothek/p22_SchoenGerti.html


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