19. Oktober 2007

Wahlen 2007 im Internet

Schöne neue e-Möglichkeiten

Wolf Ludwig

Politikverdrossenheit, sinkende Beteiligung bis Wahlabstinenz haben Beobachter in den letzten Jahren wiederholt diagnostiziert. Mit neuen Mitteln wie eVoting, orakeln dagegen ICT-Optimisten, werde der lahmenden Demokratie schon wieder auf die Beine geholfen. Bislang gibt es jedoch nur spärlich Belege für den neuen Trend, aber diverse Projekterfahrungen sowohl bei Abstimmungen wie bei den aktuellen Wahlen.

Medienwissenschaftler spekulierten bereits über "das Ende der Gemeinsamkeiten" wie mögliche "negative Folgen des Internets für die gesellschaftliche Integration". Forscher Mirko Marr von der Universität Zürich konnte jedoch noch "keine Substitution der klassischen Medien durch das Internet" ausmachen, sondern stellte vielmehr eine "moderate Umverteilung bei der Zuwendung zu den einzelnen Medientypen" fest (Marr, zit. bei Andermatt 2006). Auch Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz nimmt Widersprüchliches wahr. Sie sprach von der "Tatsache, dass die Mehrheit der Stimmberechtigten nicht oder nicht regelmässig zur Urne geht, das heisst aber noch lange nicht, dass sie auf die demokratischen Rechte verzichten will", so die Kanzlerin (2007). Neue Medien und Kommunikationsmittel spielen jedenfalls bei Wahlen, das haben die Erfahrungen in Frankreich wie in Deutschland gezeigt, eine zunehmend gewichtigere Rolle. Und kaum eine Partei kann sich heute, wenn auch nur aus Imagegründen, noch leisten, die zeitgemässen Mittel zu ignorieren.

 

Vielversprechende Modellversuche

Die seit 2003 in den Kantonen Genf, Neuenburg und Zürich durchgeführten Modellversuche "dienen der Überprüfung der Machbarkeit der elektronischen Stimmabgabe in der Schweiz", erläutert die Bundeskanzlei. Zum eVoting waren jedoch erst eine beschränkte Anzahl und nur jene Stimmberechtigten zugelassen, die sich vorab jeweils in einen elektronischen Behördenschalter namens "Guichet Unique" eingetragen hatten. Die auserkorenen Modellkantone mussten die Einzelversuche bislang vor Abstimmungen jeweils beim Bund beantragen. Die Bundeskanzlei hat 2006 dem Bundesrat Bericht über die bisher gemachten Erfahrungen erstattet: "Dabei standen Kosten- und Nutzenaspekte sowie die Abwägung von Chancen und Risiken im Zentrum." Der Nationalrat bewilligte schliesslich im Dezember 06 die gesetzlichen Grundlagen, "die eine Ausweitung der Vote électronique Versuche ermöglichen", wie es in einer Medienmitteilung der Bundeskanzlei heisst (11.03.07).

Im September schaffte der Bundesrat weitere Voraussetzungen mit der "Änderung der Bundesgesetzgebung über die politischen Rechte", die im Januar 08 wirksam werden: "Mit den Verordnungsänderungen", so die Sektion für Politische Rechte, "legt der Bundesrat fest, nach welchen Regeln in der nächsten Legislatur Versuche mit Vote électronique durchgeführt werden können. Bis 2011 sollen solche Tests auf maximal zehn Prozent der Stimmberechtigten beschränkt bleiben." Ferner "behält sich der Bundesrat vor, Versuche weiterhin örtlich, sachlich und zeitlich einzuschränken, um das Risiko kalkulierbar zu halten" (21.09.07). Zu den "Risiken" befragt, teilt Sektionschef Hans-Urs Wili mit, dass sich diese "auf die mögliche Anfechtbarkeit von Wahlresultaten beziehen". Denn eVoting in den verschiedenen Anwendungsformen ist nicht unumstritten, wie Diskussionen in anderen Ländern und Fachkreisen zeigen (heise.de 09.02.07). Im Unterschied zur Schweiz stehen dort - Florida lässt grüssen! - Wahlmaschinen und -Computer in den Abstimmungslokalen in der Kritik, während die elektronische Wahl hierzulande übers Internet läuft. Auch Österreichs Innenminister erhofft sich von eVoting einen "Demokratieschub" (heise.de 03.06.07).

 

Demokratie versus eDemokratie?

Mit den "neuen Herausforderungen für die Schweizer Demokratie" beschäftigte sich Anfang Oktober auch ein Workshop der Schweizer Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) in Münchenwiler. Denn die "Sache mit dem e-" kennzeichnet neue Formen der Kommunikation zwischen Institutionen, Bürgern, Behörden und Unternehmen, heisst es in der abschliessenden Mitteilung zur jüngsten Diskussion über "Demokratie versus e-Demokratie?". "E-Demokratie meint das Abwickeln demokratischer Prozesse mit Hilfe des Internets", wie Andreas Ladner, vom "Institut de hautes études en administration publique" (IDHEAP) in Lausanne, in seinem Einführungsreferat erläuterte. "Einen besonderen Stellenwert haben dabei Wahlen und Abstimmungen über das Internet. Wichtig ist dabei aber auch die Entscheidungsfindung wie die Meinungsbildung, die mit Hilfe des Internets abgewickelt werden können", so Ladner weiter. Für etliche der Teilnehmenden bestand neben dieser Grunddefinition jedoch weiterhin Klärungsbedarf zu Begriff und Verständnis von Demokratie mit neuen elektronischen Mitteln. Ausserdem wurden bei der SATW-Tagung noch einige "Begriffsverwirrungen in der Öffentlichkeit" konstatiert. Denn "viele BürgerInnen haben Probleme bei der Zuordnung von 'eDemocracy', was für demokratische Entscheidungsfindung steht, im Unterschied zu 'eGovernment', was vielmehr eine Leistungserbringung durch Behörden meint", wie die SATW weiter feststellte (vgl. auch Gisler 2003: 46f.).

Auch seien in der Öffentlichkeit nach wie vor Vorbehalte gegen neue Möglichkeiten der elektronischen Abstimmung (eVoting) auszumachen, obwohl "die bislang vorliegenden Ergebnisse in den Modellkantonen Genf, Neuenburg und Zürich durchaus vielversprechend sind". Die Stimmberechtigten müssten jedoch "darauf vertrauen können, dass die Sicherheitsanforderungen stimmen und das Stimm- und Wahlgeheimnis gewahrt bleiben". Beim Einsatz neuer elektronischer Beteiligungsmöglichkeiten sollten "Vorteile, Nutzen, Transparenz und Datenschutz im Vordergrund stehen". Der Gebrauch von englischen Begriffen und Termini sei dabei "nicht verständnisfördernd". Den Wahl- und Stimmberechtigten müsse ausserdem und immer wieder vermittelt werden, "dass e-Anwendungen traditionelle Angebote und Verfahren zwar ergänzen, aber diese nicht ersetzen können". Als eine der Kernaussagen der SATW-Debatte über eDemokratie gilt die Feststellung, "dass bei allen Konzepten, Verfahren und eAnwendungen der Mensch im Mittelpunkt stehen muss".

 

"Wo sich Kandidaten offenbaren"

Eine Gruppe von vier Studenten hatte 2003 eine prima Idee und startete seinerzeit "einen bescheidenen Versuch" mit einer Wahlhilfe zur letzten National- und Ständeratswahl. Als sich beim ersten Anlauf immerhin schon 50 Prozent der Kandidierenden für beide Kammern in der Datenbank der jungen Wahlhelfer registrierten, "hat uns das ermuntert, weiter zu machen", resümiert Projektleiter Daniel Schwarz die Gründungsgeschichte. Weitere Modellversuche insbesondere in grösseren Kantonen wie Zürich, Bern, Waadt und Genf folgten. Und Erfolg ist bekanntlich verführerisch. "Aufgrund des stetig wachsenden Renomées schafften wir schliesslich 2007 den nationalen Durchbruch", konstatiert Schwarz nicht ohne Stolz. Denn am 11. September anno 2007 konnte in der Alpenrepublik ein neues Kapitel Wahlgeschichte geschrieben werden: smartvote startete die Wahlhilfe-Plattform für Jung- und NeuwählerInnen, wie es in der Ankündigung heisst, - diesmal gleich in allen Landessprachen plus Englisch. "Wo sich Kandidaten offenbaren", titelte vorab bereits die "Berner Zeitung" frohlockend (vgl. Haslebacher 13.08.07). Mit der neuen "Wahlhilfe my-vote.ch" sollten nun landesweit bisher Abstinente "die Möglichkeit haben, ihre eigene Position zu ermitteln".

Und die Wahlberechtigten machten davon gleich massenhaft Gebrauch: Bis 18.10.07 konnte smartvote.ch schon 800'000 ausgestellte Wahlempfehlungen vermelden (davon 127'359 für den Ständerat und 708'699 für den Nationalrat). Und diesmal galt es unter Parteien schon als Pflicht, auf der neuen Plattform möglichst komplett vertreten zu sein: Von den insgesamt 3'100 zu den Wahlen Kandidierenden liessen sich 2'630 (17.10.07) bei smartvote registrieren - das sind immerhin satte 85 Prozent des um Stimmen buhlenden politischen Personals. Auch von den gemäss smartvote zur Wahl angetretenen 33 Parteien haben die allermeisten Wählbaren in der Datenbank ihr politisches Profil hinterlegt. Der selbst für die Projektverantwortlichen "unverhoffte Ansturm" lässt vermuten, dass nicht nur Jung- und NeuwählerInnen vom praktischen Angebot Gebrauch machten. Denn wer als Wahlberechtigter bis anhin nicht wusste, wo die jeweiligen persönlichen bis politischen Affinitäten liegen - von links-grün bis rechts-populistisch - konnte dies mit dem neuen Wahlwerkzeug endlich herausfinden nach dem bequemlichen Motto: "my-vote.ch. bringt die Politik zu dir!" Vorbei das mühsame Suchen, Orientieren, Nachhaken und Abwägen unter allerlei kontroversen Positionen im demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess.

Die smartvote-Betreiber wurden diesmal mit Zuspruch förmlich überhäuft. "20Minuten" offerierte gar ein eigenes Wahldossier: "Dort ist my-vote als Wahlmaschine aufgeschaltet und nebenbei hat es Videos, Blogs, ein Sorgenbarometer und vieles mehr", hiess es beim Neustart im September vielversprechend. Auch andere Medien kamen zuhauf. Unter den Partnern findet sich ziemlich alles, was im Schweizer Blätterwald Rang und Namen hat: von der BaZ über weitere Regionalzeitungen bis zur NZZ, öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen inklusive. Als Medienpartner prangt auf der Homepage der Inbegriff der "Idée Suisse" - die SRG SSR. Und ebenso die ASO, die Organisation der AuslandsschweizerInnen, weiss den neuen Wahl-Service zu schätzen.

Zeitweise, wie am 8. Oktober - zwei Wochen vor der Wahl -, war der Andrang auf die Wahlempfehlungen so gross, dass die "sechs smartvote-Server zu Spitzenzeiten gar überlastet" waren und an die Grenzen kamen. "Für allfällige Unannehmlichkeiten möchten wir uns schon jetzt entschuldigen", hiess es auf der Eingangsseite von smartvote mit der Empfehlung, "die frühen Morgenstunden, die Mittagspause oder die Zeit von 17 bis 19 Uhr für einen Besuch unserer Website zu nutzen". Bei einem Selbstversuch auf smartvote.ch konnte der Autor (im Kanton Neuenburg niedergelassener Ausländer, aber dennoch für Kommunal- bis Ständerratswahlen stimmberechtigt) eine frappante Stimmigkeit seiner smartvote-Empfehlung feststellen. Dabei gab's zwei Möglichkeiten zur Auswahl: eine "smartvote rapid, die 5-Minuten-Version für eilige Wählerinnen und Wähler - basierend auf maximal 36 Fragen" oder die "smartvote deluxe-Variante, die 15-Minuten-Version für die ganz Interessierten - basierend auf maximal 73 Fragen". Der Autor entschied sich für Letztere und der banale Aufwand zeigte durchaus valable Resultate (die er lediglich aus wahltaktischen Erwägungen verwarf). Dabei fehlt auf der "persönlichen Wahlempfehlung" auch nicht der wichtige Hinweis: "Dies ist kein offizieller Wahlzettel, bitte NICHT in die Urne werfen!"

Die zehn Wahlexperten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die derzeit zur Beobachtung der Medienberichterstattung und brieflichen Stimmabgabe in der Eidgenossenschaft weilen, werden wohl kaum Gründe für Beanstandungen finden. Bei so viel neuen Möglichkeiten und nützlichen Wahlwerkzeugen erwarten wir am kommenden Wahlsonntag auch keine Traumergebnisse für die zur Qual der Wahl stehenden Parteien, jedoch zumindest eine rauschende Wahlbeteiligung als elementarster Ausdruck einer quietschfidelen Demokratie.

 

Wolf Ludwig ist Journalist in Neuchâtel

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Quellen:

Andermatt, Nicole (2006): Informationsgesellschaft Schweiz. Medien, Organisation und Öffentlichkeit im Wandel. In: Medienheft, 23. Oktober 2006:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k26_AndermattNicole.html 

Bundeskanzlei (2007a): Erfolgreicher Versuch zu Vote électronique im Kanton Neuenburg. Mediemitteilung vom 11. März 2007:
http://www.news.admin.ch/message/?lang=de&msg-id=11402 

Bundeskanzlei (2007b): Bundesrat genehmigt weitere Tests mit Vote électronique, Medienmitteilung vom 04. April 2007:
http://www.news.admin.ch/message/?lang=de&msg-id=11945 

Bundeskanzlei (2007c): Änderung der Bundesgesetzgebung über die politischen Rechte per 01.01.2008 in Kraft gesetzt, Medienmitteilung vom 21. September 2007:
http://www.bk.admin.ch/themen/pore/evoting/00773/index.html?lang=de 

Bundeskanzlei (2007d): OSZE-Wahlexperten in der Schweiz. Medienmitteilung vom 15. Oktober 2007: http://www.news.admin.ch/message/?lang=de&msg-id=15150 

Gisler, Michael (2003): Zum Beispiel eGovernment. Anwendungen der ICT in der Verwaltung. Medienheft-Dossier 20, 28. November 2003:
http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d20_GislerMichael.html 

heise.de (2007): E-Voting ist keine E-Demokratie. 09. Februar 2007:
http://www.heise.de/newsticker/result.xhtml?url=/newsticker/meldung/85092&words=E%20voting%20ist%20kein 

heise.de (2007): Österreichs Innenminister tritt für E-Voting ein. 03. Juni 2007: http://www.heise.de/newsticker/result.xhtml?url=/newsticker/meldung/
90554&words=%D6sterreichs%20Innenminister%20f%FCr%20E%20voting&T=
%D6sterreichs%20Innenminister%20f%FCr%20E-Voting

Haslebacher, Martin (2007): Wo sich Kandidaten offenbaren. In: Berner Zeitung, 13.08.2007.

Huber-Hotz, Annemarie (2007): Demografie und politische Rechte - Herausforderungen für die Schweiz. Medienmitteilung zum Referat der Bundeskanzlerin in Interlaken, 08. Januar 2007: http://www.news.admin.ch/message/?lang=de&msg-id=10105

 

Link:

smartvote:
http://www.smartvote.ch/frames/my-vote/ 

 

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