19. Dezember 2005

Medien im Ausnahmezustand

Was das Fernsehen in Krisenzeiten alles (nicht) leisten kann

Stephan Alexander Weichert

TV-Macher spielen immer häufiger Notfallszenarien durch, um im Krisenfall auf Zack zu sein. Ging es bisher darum, wer zuerst auf Sendung ist, befindet sich der Journalismus immer häufiger in einem professionellen Dilemma: Auch wenn bei Spendenaufrufen oder der Entscheidung, Terroristen und Randalierern kein Forum zu bieten, ehrenhafte Absichten dahinter sein mögen, fehlt es an redaktionellen Richtlinien, wie in Krisensituationen zu verfahren ist. Überlegungen zur Funktionslogik des Leitmediums im Ausnahmezustand.

Nicht erst seit der Diskussion um die Ausstrahlung des Geiselvideos der entführten und am Sonntag freigelassenen Susanne Osthoff im Irak zeigte sich, dass die Schlüsselrolle des Fernsehens in Krisensituationen nicht überschätzt werden kann. Wer die Wirkungsmacht des Fernsehens dieser Tage schon hat schwinden sehen, wurde schon Wochen zuvor eines Besseren belehrt: Als jugendliche Randalierer Ende Oktober in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois des Nachts loszogen, um eine Strassenschlacht nach der anderen zu liefern, setzte in ganz Frankreich eine hitzige Debatte über die Notwendigkeit einer medialen Selbstzensur ein - aus Furcht, die sensationslüsterne Berichterstattung könne potenzielle Nachahmungstäter auf dumme Gedanken bringen.

Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, nicht gerade zur Deeskalation der Ausschreitungen beigetragen haben. Im Gegenteil: Es steht zu vermuten, dass sich die Randalierer durch die anfänglichen Fernsehbilder eher bestätigt, ja geradezu angespornt sahen, im Taumel ihrer Zerstörungswut immer neue Fahrzeuge und Dorfschulen in Flammen aufgehen zu lassen. Um einen öffentlichkeitswirksamen "Hitparaden-Effekt" zu vermeiden, entschieden sich deshalb einige französische Radiostationen (Radio France) und TV-Sender (TF 1, France 2, France 3 und LCI) wenige Tage nach Ausbruch der Unruhen (und nach über 6500 brennenden Fahrzeugen), keine genauen Zahlen verkohlter Autowracks mehr zu nennen. Schliesslich wurden sogar die Schauplätze der Gewalt verschwiegen, um den territorialen Wettstreit zwischen den Bewohnern der armseligen Vorstadt-Ghettos nicht noch unnötig anzuheizen (vgl. Carvajal 2005; Hehn 2005).

Zum ersten Mal schien es, als habe das journalistische Verantwortungsbewusstsein über das ökonomische Kalkül der TV-Macher gesiegt. Andererseits: Auch wenn diese Methode der publizistischen Selbstzensur sicher edlen Motiven folgt, rüttelt sie doch an den Grundfesten der Pressefreiheit. Und wie so häufig in Krisenzeiten ist vor allem den Fernsehmachern zumindest eines anzulasten: die Ursachen und Hintergründe vernachlässigt und sich stattdessen vordergründig auf die Krisenherde konzentriert zu haben. Was die Beispiele von Frankreich und der entführten Archäologin aber demonstrieren ist, dass das Fernsehen zu einem Hauptakteur auf der Bühne des sozialen und politischen Lebens geworden ist. Mehr denn je sorgt das Leitmedium in Krisensituationen für fragwürdige Multiplikationseffekte, die nicht nur (wie im französischen Ausnahmezustand) auf die öffentliche Meinungsbildung in ganz Europa, sondern auch (wie beim Entführungsfall Susanne Osthoff) auf das politische Denken und Handeln bis hoch in die Regierungsetagen einwirken.

 

Handlanger der Terroristen?

Vor allem im Hinblick auf den internationalen Terrorismus droht die Gefahr, dass das Fernsehen zum verlängerten Arm für kriminelle Bekenntnisse und Botschaften wird, ein zweifelhaftes Va-banque-Spiel, dessen Ausgang noch ungewiss ist. Daran ändert auch wenig, dass Geiselvideos aus Verantwortungsgefühl unter Verschluss gehalten werden, wie es der ARD-Chefredakteur, Hartmann von der Tann, vertreten hat (vgl. Hanfeld 2005: 48). Derart weitsichtige, aber auch anachronistische Entschlüsse haben im Nachrichtenjournalismus Seltenheitswert. Zu gross ist die Sensationsgier und - vor allem unter den privaten Wettbewerbern - der Konkurrenzkampf. Die Privatsender schulden der Öffentlichkeit schliesslich keine Rechenschaft, sondern handeln frei nach dem Motto: Wenn wir's nicht als Erste in voller Länge bringen, dann tun es die anderen!

Überhaupt laufen die TV-Macher ständig Gefahr, einen strategischen Fehler nach dem anderen zu begehen. Moralisch gesehen zwar vorbildlich, sind solche wagemutigen Entscheidungen wie diejenige der ARD jedoch eine professionelle Gratwanderung zwischen Selbstzensur, Terrorpropaganda und Informationsfreiheit. Etwaige Forderungen von Familienangehörigen, eine Entführung - wie im Falle Osthoff - um jeden Preis medial publik zu machen und dadurch öffentlichen Druck auf die Bundesregierung ausüben zu wollen, sind aus Sicht der Betroffenen zwar nachvollziehbar (vgl. Netzeitung 2005; Di Lorenzo 2005b), für die Medien aber verhängisvoll: Macht sich das Fernsehen damit nicht zum Gespielen der Entführer?

Entsprechend lehrreich war zumindest die (damals nicht zur Debatte stehende) Ausstrahlung des Entführungsvideos der Journalistin Giuliana Sgrena im staatlichen italienischen Fernsehen Mitte Februar 2005, das die Öffentlichkeit derart mobilisierte, dass sich die Politik aufgrund von Protestkundgebungen in Italien letztlich zum Handeln gezwungen sah und alle diplomatischen Hebel in Bewegung setzte. Die Geisel kam am Ende frei, allerdings flossen nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich Unsummen von Lösegeld. Damit hatten zwar Entführer und Entführte, was sie wollten. Aber genau diese emotionalen Reaktionen haben die politische Erpressbarkeit demokratischer Systeme offenbart und vermutlich weitere Nachahmungstäter auf den Plan gerufen.

 

Betroffenheit schafft Solidarität

Fest steht jedenfalls, dass wohl nur im Falle von Krisen die gesellschaftlichen Konsequenzen der Fernsehberichterstattung in diesem Ausmass spürbar sind - im Negativen wie im Positiven. Denn auch umgekehrt verdeutlichen beispielsweise die Berichte über die Tsunami-Katastrophe vor bald einem Jahr und die tragischen Bilder vom Wirbelsturm Katrina diesen Sommer, dass das Fernsehen entgegen aller Kulturkritik weitaus mehr sein kann als nur eine stumpfe Berieselungsmaschine: Durch eine massenwirksame, mitunter stark von emotionalisierten und personalisierten Schicksalgeschichten getriebene Berichterstattung über die Krisenregionen (vgl. Broder 2005; Leder 2005) trugen die Massenmedien dazu bei, dass dem Tsunami nicht nur eine stumme Welle des Bedauerns, sondern auch der Spenden folgte, alleine in Deutschland in der Höhe von 125 Millionen Euro.

Gegenüber dieser rekordverdächtigen Summe nahm sich die Spendenbereitschaft nach dem Erdbeben in Pakistan merklich verhaltener aus, was nach einer aktuellen Studie des Instituts Media Tenor in einem direkten Zusammenhang mit der geringeren Medienaufmerksamkeit zu sehen ist (vgl. Stadler 2005). Demnach wurde in Deutschland bei dem Zehnfachen an Medienberichten über die Flutkatastrophe in Südostasien weniger als ein Zwanzigstel an Spendengeldern für die Erdbebenregion in Kaschmir eingetrieben (Stand: Anfang November). Erst angesichts der sich anbahnenden humanitären Katastrophe erklärt ein Hamburger Chefredakteur: "Ja, es fehlen diesmal die erschütternden Bilder vom Leid der Frauen und Kinder, die Spendenabende im Fernsehen, die Appelle von Prominenten", leitartikelte Giovanni di Lorenzo (2005a: 1) Ende November in der Wochenzeitung "Die Zeit". Eine wissenschaftliche Untersuchung des Malteser Hilfsdienstes habe ergeben, referierte di Lorenzo in seinem prominent auf Seite eins platzierten Appell an die Leser, dass die Bürger mehr spendeten, wenn sie gut über die Zustände informiert würden, "und nicht, wenn heftig auf die Tränendrüse gedrückt oder moralinsauer ans Verantwortungsgefühl appelliert wird." Entsprechend unmissverständlich war seine Losung: "Lassen Sie uns bitte einen Beitrag leisten."

 

Berichten oder helfen: Journalisten im Zielkonflikt

Solch ehrenhafte, aber unjournalistische Motive machen auf das Dilemma des Fernsehens zwischen Verantwortung und Sensationalismus aufmerksam. Die ebenso temporeiche wie auf möglichst schockierende Nachrichtenbilder getrimmte Krisenberichterstattung lässt den redaktionell Verantwortlichen kaum Zeit, darüber nachzudenken, wie eigentlich berichtet werden soll. Derartige Stresssituationen können das soziale Gewissen von Journalisten in Krisensituationen belasten: Einerseits würden sie mit einer anteilnehmenden Berichterstattung womöglich Gutes bewirken, zum anderen gilt (gemäss des Credos von Ex-Tagesthemen-Chef Hajo Friedrichs) genau dies unter Journalisten als unschicklich: sich für eine Sache - sei sie nun gut oder schlecht - einzusetzen. Ausgerechnet der Marxsche Imperativ, die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern sie auch verändern zu wollen, wird für die Krisenjournalisten zum Lackmustest, wobei selbst die Heimatredaktionen zwischen die Fronten professioneller Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung geraten: Dürfen Radiomoderatoren Schauplätze verschweigen, um Nachahmer fern zu halten? Sollten Chefredakteure die Bequemlichkeit ihrer Leser anmahnen und zu Spenden aufrufen? Müssen Fernsehverantwortliche wirklich zuerst mit dem Auswärtigen Amt telefonieren, bevor sie ein Erpresservideo ausstrahlen? Kurz: Welches Handeln wird zur professionellen ultima ratio, wenn die Zeit drängt?

 

Eigendynamik im Krisenfall

Was für das gegenwärtige Krisen-TV erschwerend hinzu kommt: News und Views, also Berichte und Kommentare, sind bei Qualitätszeitungen für den Leser noch vergleichsweise leicht zu unterscheiden. Für Fernsehberichte ist das allerdings nicht immer ganz eindeutig zu bestimmen. Im Ereignis-Hype einer spontanen Krisensituation entfaltet das Live-Medium - anders als die eher hintergründig und analytisch berichtende Presse - eine ungekannte Dynamik, die gleich von mehreren Einflussfaktoren bestimmt ist. Zu nennen sind:

  • die Plötzlichkeit, mit welcher Krisen über Redaktionen hereinbrechen, was oftmals professionelle Kurzschlusshandlungen nach sich zieht,
  • das Tempo der Krisenberichterstattung, das dem Aufmerksamkeitsmodus der Nachrichten geschuldet ist, als Erster auf Sendung sein zu müssen,
  • die Selbstüberbietungsspirale der TV-Sender, nicht nur schneller, sondern auch besser zu sein, also ständig exklusive Nachrichten zu liefern,
  • der Hang des Fernsehens zum Voyeurismus, der oftmals zu kommentarlosen Bilderteppichen der Gewalt und des Grauens führt,
  • das rasch aufkommende Desinteresse der Zuschauer, sobald nichts Neues mehr passiert oder kein frisches Bildmaterial mehr verfügbar ist.

Diese Faktoren kennzeichnen nur einige neuralgische Punkte der Krisenberichterstattung. Vor allem seit dem 11. September 2001 hat die Krisenkommunikation dadurch eine ganz neue Qualität erfahren, die sich nicht zuletzt in der exorbitanten Zunahme der Breaking News, den immer gewiefteren Medieninszenierungen auch von unerwarteten Live-Ereignissen und der Etablierung des Krisenjournalismus als Ressort-Schwerpunkt mit eigener Infrastruktur widerspiegelt (vgl. Weichert 2005a). Es gebe, so WDR-Intendant Fritz Pleitgen (2005: 7), inzwischen sogar Kollegen aus der Branche, "die geradezu süchtig sind nach Krisen. Denn sie sehen, dass sich der Kampf um Marktanteile und Quoten gerade in Krisenzeiten besonders gut austragen lässt." Die sich häufenden globalen Krisen und Katastrophen haben somit nicht nur unsere Vorstellungen von Sicherheit, sondern auch den Fernsehjournalismus verändert.

Das gilt umso mehr für die Funktionen des Fernsehens: Dem Leitmedium in Krisenzeiten muss nämlich zugestanden werden, dass es durch vertraute Medienrituale entscheidend zur Orientierung und Krisenbewältigung beitragen kann. Durch die zunehmenden Wechselwirkungen von Realereignis und Medienereignis erhält die journalistische Verpackung der Krise in medienaffine Geschichten eine völlig neue Erkenntnisdimension. Begreift man das Krisenfernsehen nicht als reine Faktenübermittlung terroristischer, ökologischer oder technischer Katastrophen, sondern als Aneinanderreihung und Verkettung kleinerer Fortsetzungsgeschichten und Einzeldramen, wird eine Rahmung des Geschehens erkennbar, die sich überwiegend an dem Erzählmuster vom "Schlimm-sein-und-wieder-gut-werden" abarbeitet. Diese ritualisierten Medienerzählungen können der Bevölkerung dazu dienen, dramatische Ereignisse wie die Bombenanschläge von Madrid und London oder die Folgen von Hurrikan Katrina zu verarbeiten.

 

TV als Bewahrer der Ordnung

Ein Exkurs in die Kulturanthropologie könnte die ungeahnte Bedeutung des Fernsehen erklären, zu der ihm die Krisen, Konflikte und Katastrophen der vergangenen Monate verholfen haben. Nach Ansicht von Victor W. Turner (1969), dem grossen schottischen Anthropologen, hatten kultisch-religiöse Rituale mit festgelegten Regeln und symbolischer Bedeutung einen ähnlichen Zweck wie heute die Krisenberichterstattung: kreatives Chaos und konservative Ordnung als zwei radikal entgegengesetzte Kräfte wieder miteinander in Einklang zu bringen. Einzig dieser rituelle Prozess verhindert Turner zufolge, dass Gesellschaften über kurz oder lang in totalitären Verhältnissen erstarren oder sich in anarchischem Wahnsinn auflösen. Diese tragende Funktion könnte heute das Fernsehen übernehmen - in vielfacher Hinsicht: indem es als erste Informationsquelle dient, das Geschehen über einen längeren Zeitraum hinweg einordnet, dem Publikum wichtige Eindrücke über den aktuellen Fortgang der Krise liefert und ihm dabei hilft, sich im normalen Lebensalltag zurechtzufinden (vgl. Weichert 2005b).

Tatsächlich geht es in Krisen fast immer darum, in kürzester Zeit Hintergründe, Erklärungen und Interpretationen für die Zuschauer bereitzuhalten und dem Vorgefallenen einen Sinn zu geben. Auch wenn die Berichterstattung über Krisen anfänglich eher Angst und Stress auslöst, kann sie über einen längeren Zeitraum hinweg der Krisenbewältigung dienen, indem sie wie ein Therapeut das Erlebte widerspiegelt, angefangen bei der Vertrauensbildung bis hin zur Wiederherstellung von gesellschaftlicher "Normalität". Gerade in Krisensituationen kann das Fernsehen Vertrauen schaffen, zum Verbündeten im "Kampf gegen den Terror" werden und helfen, Ängsten zu begegnen. Weil Moderatoren, Experten und Korrespondenten über Krisen niemals nur nüchtern berichten, sondern immer auch erzählen, dramatisieren und menscheln, macht sich die Funktionslogik der Massenmedien gerade dort bemerkbar, wo diese an ihre Kapazitätsgrenzen geraten. Denn sobald die Routinen der Berichterstattung aussetzen, ergreift das Fernsehen Verteidigungsmassnahmen, indem es das Wirklichkeitsbedrohende verstehbar macht und signalisiert, "alles im Griff" zu haben.

 

Katastrophen als Regelfall

Doch wie genau funktionieren Krisenereignisse im Fernsehen? Die Kulturwissenschaftlerin Mary Ann Doane (1990) ging schon Anfang der 1990er-Jahre für das amerikanische TV davon aus, dass das Fernsehen auf einem "Modell des Katastrophischen" beruht: Dass Krisen sozusagen im Tagesgeschäft der Nachrichten strukturell erwartet werden, das Unerwartete also in irgendeiner Weise immer schon eingeplant wird (expect the unexpected), hängt natürlich mit der Funktionslogik des Nachrichtenwesens zusammen. Es erscheint aber, dass gerade der 11. September ein Wendepunkt für viele Nachrichtenredaktionen war. Erst nach 9/11 haben sich Redakteure ernsthaft um Vorkehrungen bemüht, wie sie künftig auf Krisenereignisse besser vorbereitet sein können. Ähnlich wie Doane gibt die US-Medienwissenschaftlerin Patricia Mellencamp (1990) zu bedenken, dass die Funktionsweise der Fernsehnachrichten auf Schock und Therapie basiere, indem Ängste geschürt, im Verlauf der Krisenberichterstattung aber Erklärungen geliefert und Lösungen aufgezeigt würden. Mellencamp, die ihre Thesen unter anderem an der Kennedy-Ermordung und der Challenger-Katastrophe belegt, betont, dass diese Dialektik des Fernsehens darauf beruht, den Zuschauern ständig suggerieren zu müssen, alles unter Kontrolle zu haben. Mit der Dekonstruktion des Ereignisses in "Brennpunkten", Sondersendungen und Talkshows wird demonstriert, dass selbst solche erschütternden Ereignisse die Fernsehmacher nicht so schnell aus der Fassung bringen können. Ein weiteres Merkmal ist die Redundanz der Bilder: Indem das Fernsehen die immer gleichen Endlosschleifen des Terrors zeigt, kann es - entgegen der Befürchtung einer Abstumpfung des Publikums - eine wichtige Verarbeitungsfunktion erfüllen. Dabei ist die Berichterstattung über Krisen und Katastrophen "open ended": Sie endet bestenfalls erst dann, wenn eine tragfähige Lösung gefunden ist. Wiederholungen sind für die Zuschauer ein Fernsehritual, das ihm vermittelt, während der Beobachtung einer bedrohlichen Lage in Sicherheit zu sein. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den niemals abreissenden 24-Stunden-Programmfluss.

Nur selten bricht das Fernsehen aus diesem hermeneutischen Sicherheitszirkel aus. Umso genüsslicher wird in amerikanischen Journalistenkreisen die Anekdote eines Nachrichtensprechers aus Los Angeles erzählt, der während des Erdbebens von 1987 in einer Live-Sendung unter seinem Moderationstisch Zuflucht gesucht hat, aus Angst, ihm falle die Decke auf den Kopf. Für diese Reaktion, die auf die Zuschauer nur allzu menschlich wirkte (allerdings Panik auslöste), hatten seine Kollegen nichts als Spott und Häme übrig. Ähnlich ergriffen waren auch die Kloeppels, Wickerts und Seiberts des deutschen Nachrichtenfernsehens am 11. September angesichts der Rauchsäule in New York. Und das, obwohl die Moderatoren so etwas wie die Musikkapelle auf der sinkenden Titanic sind - immer schön Haltung bewahren, Panik vermeiden und so tun, als würde das, was gerade geschieht, eigentlich niemanden unmittelbar betreffen.

 

Das Fernsehen: eine soziale Instanz

In einer Zeit, die vermutlich als Krisenjahrzehnt in die Geschichte eingehen wird, lassen sich in dieser Perspektive - zum Teil konträr zu den aktuellen Bedingungen - völlig neuartige Funktionen des Fernsehens erahnen, deren Auswirkungen in die künftige Krisenberichterstattung stärker einzubeziehen wären:

  • Deutlicher als im Medienalltag kommen in Krisensituationen über einen längeren Zeitraum betrachtet die Funktionen der Orientierung und Konfliktbewältigung hinzu: Als Medium, das Informant, Ratgeber und Trostspender zugleich ist, kann das Fernsehen besonders im Ernstfall für eine Stabilisierung der gesellschaftlichen Grundordnung sorgen, indem es Krisenereignisse journalistisch einordnet. Und indem das Fernsehen den Menschen realistische Vorstellungen des Geschehens vermittelt, akute Probleme thematisiert und kulturelle Wertvorstellungen transportiert, trägt es insgesamt zur Überwindung von Krisen und zu Solidaritätsbekundungen bei.
  • Um zu betonen, dass etwas Wichtiges stattgefunden hat, aber auch, um Programmzeit zu füllen, sobald nichts Neues mehr passiert, bemüht sich das Fernsehen, seine Berichterstattung um ein Krisenereignis herum zu arrangieren. Dieser "Erklärapparat", begleitet von Kommentierungen, Expertenwissen und Hintergrundinformationen über das Ereignis, greift bei Krisen in einer umso intensiveren Weise. Moderatoren und Korrespondenten werden zu Heldenfiguren, die während der Krise "bei uns bleiben" und somit zu Vertrauten und Vorbildern werden, die der Situation standhalten.
  • Krisen bedrohen Kontinuität und Konventionen, Gewohnheiten und Gesetze, die das Fernsehen durch Erzählung und Wiederholung des Geschehens zu verteidigen sucht. Indem es zunächst den Schock der Krise stimuliert, reguliert das Fernsehen in seiner Doppelrolle als Beobachter und Bewahrer später die Bedrohung, indem es dem Krisenereignis einen medialen Rahmen gibt. Die Berichterstattung über Krisen unterliegt dabei immer auch Formen der Eigeninszenierung, die sich in den formal-ästhetischen Darstellungsstandards, Programmstrukturen und journalistischen Arbeitsprozessen ausdrücken.
  • Während Nachrichten konstant verfügbar sind und damit einen wesentlichen Anteil des Sendeflusses ausmachen, markieren Krisen nicht nur Unterbrechungen des Programms, sondern auch des sozialen Alltags. Mitunter handelt es sich um Zäsuren, weil die Wahrnehmung der dramatischen Ereignisse im Fernsehen von öffentlichen Diskursen begleitet wird, die kollektive Zugehörigkeiten zu einer Kultur oder Gesellschaft bestärken. Wegen der einprägsamen Erfahrungen löst das Fernsehen gerade während Krisenereignissen bei den Zuschauern hochintegrative Nutzungsrituale aus und macht sie zu stark involvierten Teilnehmern.

Nach wie vor gilt die Maxime, dass es keine Alternativen zur Krisenberichterstattung gibt - das Fernsehen muss berichten. Zu diskutieren bleibt, unter welchen Umständen dies in Zukunft geschehen soll. Aufgerüstete Krisenreporter, nervöse Breaking-News-Laufbänder, ausgeklügelte Notfallpläne für Live-Schaltungen und seitenlange Expertenlisten sind nur kosmetische Massnahmen. Es mag zwar ehrenwerte Gründe haben, wenn Krisenjournalisten zu Spenden aufrufen oder terroristischen Erpressern das Forum verweigern. Wenn die Medien aber künftig einem Gewissensdilemma entgehen wollen, brauchen sie redaktionelle Richtlinien wie sie beispielsweise die BBC aufgestellt hat, um die Zahl der handwerklichen Fehler in Krisensituationen möglichst auf Null zu reduzieren. Solche Massnahmen unterstützen könnte die Einsicht, dass es bei der Krisenberichterstattung noch um viel Wichtigeres geht als Schnelligkeit und Exklusivität: den Zuschauern helfen, dramatische Ereignisse besser zu verarbeiten. Als ständiger Begleiter in Krisenzeiten sollte sich das Fernsehen daher seiner Hauptaufgabe vergewissern, möglichst umfassend zu informieren und differenziert aufzuklären, ohne die soziale Verantwortung aus den Augen zu verlieren.

 

Stephan Alexander Weichert ist Gründer und Herausgeber des Medienmagazins Cover. Er arbeitet am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik mit Sitz in Berlin und Köln und promovierte mit einer Arbeit über den "11. September als Medienereignis".

 

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Literatur:

Broder, Henryk M. (2005): Die Überlebenden von der Ostsee. In: Der Tagesspiegel, 13.1.2005, S. 35.

Carjaval, Doreen (2005): Some television stations choose to tone down coverage. In: International Herald Tribune, 10.11.2005, S. 6.

Di Lorenzo, Giovanni (2005a): Zelte für Kaschmir. In: Die Zeit, 17.11.2005, S. 1.

Di Lorenzo, Giovanni (2005b): "Leider ist es ein sinnloses Risiko". Interview mit Giuliana Sgrena. In: Die Zeit, 1.1.2005, S. 2.

Doane, Mary Ann (1990): Information, Crisis, Catastrophe. In: Mellencamp, Patricia (Hrsg.): Logics of Television. Essays in Cultural Criticism. Bloomington, Indiana/London, S. 222-239.

Hanfeld, Michael (2005): Keine Propaganda des Terrors. Interview mit Hartmann von der Tann. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2005, S. 48.

Hehn, Jochen (2005): Frankreichs Sender üben Selbstzensur. In: Die Welt, 15.11.2005.

Ganley, Elaine (2005): "Warum habt ihr keine Kameras geschickt?". In: Netzeitung, 13.11.2005.

Leder, Dietrich (2005): Nach der Medienflut. In: Freitag, 14.1.2005, S. 11.

Mellencamp, Patricia (1990): TV Time and Catastrophe, or Beyond the Pleasure Principle of Television. In: dies. (Hrsg.): Logics of Television. Essays in Cultural Criticism. Bloomington, Indiana/London, S. 240-266.

Netzeitung (2005): Sgrena rät zur Ausstrahlung von Osthoff-Video. In: Netzeitung, 30.11.2005.

Pleitgen, Fritz (2005): Instrumente der Information. Die Verantwortung der Medien in Krisenzeiten. In: Funkkorrespondenz, 47 (2005), S. 7-12.

Stadler, Rainer (2005): Ohne Bilder keine Spenden. Deutsche TV-Nachrichten im Vergleich. In: Neue Zürcher Zeitung, 12.11.2005.

Turner, Victor (1969): The Ritual Process. Structure and Anti-Structure. Ithaca/New York.

Weichert, Stephan A. (2005a): Die Selbstüberbietungsspirale. Probleme und Perspektiven journalistischer Krisenberichterstattung. In: Beuthner, Michael/ Weichert, Stephan A. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden, S. 345-363.

Weichert, Stephan A. (2005b): Der 11. September als Medienereignis. Entwurf einer Ritualtheorie mediatisierter Krisenberichterstattung im Fernsehen. Dissertation, Universität Hamburg.

Weichert, Stephan A. (2004): Die Selbstüberbietungsspirale. Krisenberichterstattung im Angesicht des Terrors. In: Medienheft, 14.12.2004:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k23_WeichertStephanAlexander.html

 

Links:

http://www.bbc.co.uk/guidelines/editorialguidelines/edguide/war/

http://www.krisenjournalismus.at

 

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