12. Juni 2006

Der wechselnde Blick auf die Welt

Die Schweizer "Tagesschau" im Laufe der Zeit

Martin Luginbühl

Fernsehnachrichten dokumentieren die Zeitgeschichte und sind auch selbst dem Wandel der Zeit unterworfen. Von der TV-Illustrierten über die 'wahrhafte' Wiedergabe und die 'unmittelbare' Berichterstattung zur 'auffälligen' Präsentation: Stationen in der Geschichte der Schweizer "Tagesschau".

Die Art und Weise, wie in Fernsehnachrichten Ereignisse präsentiert werden, folgt gängigen Routinen. Da wir als Publikum diese Darstellungsroutinen zumindest unbewusst kennen, fallen sie uns meist nicht auf, und die Darstellung der berichteten Ereignisse erscheint uns von diesen Ereignissen selbst vorgegeben zu sein. Ein Blick zurück in die Geschichte der "Tagesschau" zeigt jedoch, dass mit den wechselnden Formaten stets auch unterschiedliche Präsentationsweisen verbunden waren und sind, welche den dargestellten Inhalt beeinflussen.

 

"Infotainment" in den 50er Jahren

Die erste Ausgabe der Schweizer "Tagesschau" wurde am 29. August 1953 ausgestrahlt und bestand aus zwei Beiträgen: einem Beitrag über die Eröffnung des Flughafens in Zürich und einem Beitrag über die Radweltmeisterschaft in Zürich. Etwa drei Monate später wurde die "Tagesschau" viermal wöchentlich auf Deutsch und Französisch (ab 1958 auch auf Italienisch) ausgestrahlt, später dann sechs- und schliesslich, ab 1965, siebenmal pro Woche. Die einzelnen Sendungen dauerten etwa zehn Minuten - manchmal etwas länger, manchmal weniger lang. Gezeigt wurden aneinander gereihte Filmmeldungen, ein Moderator war nicht im Bild zu sehen.

Inhaltlich lag das Schwergewicht meist nicht auf der Politik: In der Sendung vom 10. Februar 1958 etwa können acht von elf Beiträgen zum Bereich "soft news" (Gesellschaftliches, Kultur, Sport, Unglücke, Wetter) gezählt werden. Die drei Beiträge zu politischen Ereignissen im Ausland standen zwar am Anfang der Sendung, dann aber folgten Beiträge, in denen in humoristischer Weise etwa über ein Vogelspital in Indien berichtet wurde, über australische Kinder, die Fernsehen spielen, über eine illustrierte Speisekarte und über einen Auto-Slalom auf einem gefrorenen Schweizer See. Die Sendung bewegte sich so von "hard news" zu "soft news", wie sie das heute noch tut, und in den meisten Fällen vom Ausland zum Inland. Schweizer Politik war selten ein Thema; in der hier betrachteten Woche von 1958 ist kein einziger Beitrag zum Thema Schweizer Politik zu finden. Der grosse Anteil an "human interest"-Meldungen verweist darauf, dass Unterhaltung und das Vorführen von Skurrilitäten aus aller Welt zentral waren. Auf die unterhaltende Intention verweist auch die Tatsache, dass viele Beiträge nicht dem Stil der "umgekehrten Pyramide" folgten (Beantworten der "W-Fragen" was, wer, wo, wann, wie und warum am Anfang des Beitrags, dann Nennung zusätzlicher Details), sondern Ereignisse als eine Art Kurzfilm in ihrer chronologischen Reihenfolge darstellten - offenbar ganz in der Tradition der Filmwochenschau.

Hinter diesem Sendungsformat liegt einerseits die Tatsache, dass oft kaum genug Film vorhanden war, um die Sendungsdauer auszufüllen - nur schon Nebel über dem Flughafen konnte dazu führen, dass keine neuen Filmrollen aus dem Ausland angeliefert werden konnten. Andererseits lag der Sendung damals ein anderes Selbstverständnis zugrunde. So sagte etwa Felix Hurter, Leiter der "Tagesschau" von ihren Anfängen bis 1963, die "Tagesschau" sei "eine neue Form der illustrierten Zeitung", die "wie die Illustrierte vom Bild abhängig ist" (Radiozeitung 27.5.-2.6.1956: 20.). Gemeinsam mit der Illustrierten hatte die "Tagesschau" aber offenbar nicht nur die Abhängigkeit vom Bild, sondern auch die Intention zu unterhalten.

 

Distanziertes Verkünden in den 60er und 70er Jahren

Bereits in den späten 60er Jahren kam die "Tagesschau" ganz anders daher. Als sie 1966 ein eigenes Studio erhielt, konnten die drei Sprachversionen mit einem Nachrichtensprecher im Bild produziert werden (vgl. Abb. 1). Dies führte zu einer flexibleren visuellen Darstellung von "breaking news" (damals meist tagesaktuelle Meldungen), bei denen kein Film oder Bild zur Verfügung stand. Zugleich - und dies ist ebenso wichtig - gab dies der "Tagesschau" ein menschlicheres Gesicht; von nun an wurde die Sendung von einer sichtbaren Person präsentiert. Zwar war die "parasoziale Kommunikation", also die Kommunikation, die dem Publikum das Gefühl gibt, direkt angesprochen zu werden, noch auf ein Minimum reduziert: Der Sprecher begrüsste das Publikum nur kurz, um dann von den Zetteln vor ihm abzulesen. Anmoderationen von Filmmeldungen wurden kaum realisiert. Aber mehr als ein Drittel der Sendungszeit bestand nun aus Sprechermeldungen, die vom sichtbaren Sprecher verlesen wurden.


Abbildung 1: Tagesschausprecher Léon Huber in der Sendung vom 11.07.1968.*
Zum inhaltlichen Kern der "Tagesschau" avancierten nun vor allem politische Ereignisse, also "hard news" - dies ist bis heute so. Während in der untersuchten Woche der 50er Jahre lediglich 18 Prozent der Beiträge (gemessen an der Sendungsdauer) dem Themenbereich "Politik" zuzuordnen sind (und 54 Prozent dem Bereich der "soft news"), so sind es in der untersuchten Woche aus dem Jahr 1968 60 Prozent. "Soft news" folgten gegen Ende der Sendung und machten nur noch gut fünf Prozent der Sendungsdauer aus. Insgesamt wurden die Filmmeldungen kürzer. Die vom Sprecher verlesenen Meldungen waren (und sind) in der Regel ohnehin kürzer als Filmmeldungen. Dies führte dazu, dass in den einzelnen Sendungen über mehr Ereignisse berichtet wurde, ebenso hatte dies ein höheres Tempo der gesamten Sendung und mehr kondensierte Berichterstattung zur Folge.

*Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Schweizer Fernsehens;
Abdruck nicht gestattet, alle Rechte vorbehalten.

Während die "Tagesschau" der 50er eine Art TV-Illustrierte war, die mit Filmmeldungen gleichermassen informierte wie unterhielt, so ist die "Tagesschau" der 60er Jahre primär als Sendung für kurze, kondensierte Information über "hard news" zu charakterisieren. Auch die Formen des Berichtens änderten sich: Während in den 50er Jahren das berichtete Ereignis meist chronologisch dargestellt wurde, so überwog in den 60er und 70er Jahren das Prinzip der "umgekehrten Pyramide". Zudem - und dies gilt für die "Tagesschau" bis in die späten 70er Jahre - wurde über die Ereignisse in einer betont distanzierten Art und Weise berichtet.

1970 schrieb der damalige Chefredaktor Dario Robbiani im Jahresbericht der SRG unter anderem, in der Tagesschau werde "das Gesetz des angelsächsischen Journalismus der '5W' gewahrt" (wer, was, warum, wo, wann), und die Meldungen würden "wahrhaft, treffend, ausgeglichen und in neutraler Präsentation" wiedergegeben. Die Idee der Fernseh-Illustrierten wurde offenbar durch diejenige einer sachlich-objektiven Verkündung ersetzt. Das neue "Tagesschau"-Konzept war erfolgreich: Zu Beginn der 70er Jahre war die "Tagesschau" die erfolgreichste Sendung des Schweizer Fernsehens und das Fernsehen war die wichtigste Informationsquelle des Landes.

Das Format der Sendung änderte sich nicht wesentlich bis 1980. Dennoch können in der hier beobachteten Woche von 1978 wichtige Entwicklungen gesehen werden, insbesondere das Aufkommen der Textsorte "Korrespondentenbericht"; dabei handelt es sich um einen Beitrag, der von einem durch den Nachrichtensprecher namentlich genannten Korrespondenten produziert wurde; manchmal ist der Korrespondent selbst im Bild vor Ort zu sehen, und oft enthalten diese Beiträge O-Töne (also Redeausschnitte von Politikern, Expertinnen, Betroffenen, etc.). Während in den meisten Textsorten, die in den 70er Jahren realisiert wurden, eine distanzierte Art des Berichtens vorherrschend war, so deutet diese Textsorte, die in den amerikanischen Fernsehnachrichten seit den 60er Jahren vorherrschend ist, mindestens einen partiellen Wandel weg vom distanzierten, anonymen Verkünden der Nachrichten an.

 

Kritisches Berichten in den 80er Jahren

1980 wurde ein neues Format für die "Tagesschau" eingeführt. Neu präsentierte ein Moderator die Sendung, der auch Themen verband und Meldungen ergänzte (vgl. Abb. 2). 


Abbildung 2: Moderator Alfred Fetscherin im Studio des Sendeformats von 1980.
Das informative Gewicht wurde auf Schwerpunktbeiträge gelegt; gleichzeitig wurde die Sendezeit von 20.00 Uhr auf 19.30 vorverlegt und um zehn Minuten verlängert. Offizielles Ziel dieses neuen Formats waren mehr Analyse, mehr Hintergrund und mehr nationale Nachrichten (vgl. Pressemitteilung SF DRS vom 01.01.980). Nach kontroversen öffentlichen Diskussionen - den Modertoren wurde u.a. vom Blick vorgeworfen, auf dem "hohen Ross der Bewusstseinsbildung" zu sitzen (02.11.1980: 12), von "Selbstverwirklichung" und dem "Einbringen politischer Meinungen" sprach die NZZ (02.09.1980: 34) - wurde die Sendung nach einem Jahr durch eine revidierte Version ersetzt, in welcher sich der Moderator auf das Anmoderieren von Beiträgen konzentrierte. 

1985 wurde die "Tagesschau" wieder umgestaltet; Grundzüge des Formats von 1980 blieben aber bestehen. Ziel des neuen Formats war es, "direkter, unmittelbarer und lebendiger" zu sein, wie der damalige Programmchef Ulrich Kündig sagte. Zu sehen waren, in der Mitte des Redaktionsbüros, ein Moderator, ein Nachrichtensprecher und ein Sportjournalist (vgl. Abb. 3).

Während die Hauptaufgabe der Person im Nachrichtenstudio in den 60er und 70er Jahren darin bestand, Nachrichtenbeiträge in einer distanzierten Art zu verlesen, so übernahm der Moderator in diesem neuen Format die Rolle eines Präsentierers, beinahe eines Gastgebers, der das Publikum begrüsst ("Guten Abend, meine Damen und Herren"), der fast jeden Beitrag einleitet (die Filmmeldungen, die Korrespondentenberichte und die beiden so genannten "Nachrichtenteile"), der das Publikum durch die Ereignisse des Tages führt ("Zum Wetterbericht kommen wir in einigen Augenblicken - doch sehen Sie zunächst […]."), der die Sendung organisiert ("Auch im Nachrichtenteil, Leon Huber, geht es zunächst um die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl"), der das Wort an andere Personen gibt (wie etwa im vorangehenden Beispiel an den Nachrichtensprecher), der Beiträge - oft auch belehrend - ergänzt ("Gewiss hat die Flüchtlingsbewegung […] zugenommen, aber eine Zahl sollten wir uns dennoch vergegenwärtigen: 90 Prozent der Flüchtlinge halten sich nach wie vor in Ländern der Dritten Welt selbst auf […].") und sich schliesslich vom Publikum verabschiedet ("Ich sage Ihnen guten Abend und auf Wiedersehen"). 


Abbildung 3: Robert Ruoff, Léon Huber und Matthias Hüppi im Studio des Formats von 1985-1990 (Sendung vom 24.11.1986).
Die parasoziale Kommunikation wird durch die direkte Ansprache des Publikums durch den Moderator sowie durch die informelle Kommunikation zwischen den Personen im Studio verstärkt. Dieser Trend zu mehr Nähe zum Publikum und weg vom distanzierten Verkünden der Nachrichten wurde auch durch das Aufkommen des Korrespondentenberichts unterstützt. Der Autor des Berichts wurde vom Moderator namentlich genannt. Zudem erschien der Korrespondent - in den 80er Jahren jedoch noch selten - selbst im Bild, wie er vor Ort über das Ereignis berichtete. Oft - auch das war neu - berichteten die Korrespondenten markiert kritisch. Anonym verlesene Filmmeldungen und distanziert verkündete Sprechermeldungen nahmen in ihrer Bedeutung ab.

Es gab zudem auch Unterschiede in der Art und Weise, wie Authentizität inszeniert wurde. In den 60er Jahren wurde Authentizität inszeniert, indem eine distanzierte, scheinbar objektive 'Wahrheit' verkündet wurde. In den 80er Jahren inszenierte man sie zumindest teilweise, indem man Nähe zum berichteten Ereignis betonte. Dies geschah zum Beispiel durch die Verwendung von O-Tönen oder durch Kamera-Einstellungen, welche die Nähe eines Augenzeugen zum berichteten Ereignis betonten (z.B. mittels Nahaufnahmen oder subjektiver Kamera). Die Tatsache, dass der Korrespondent nun ab und zu auf dem Bildschirm erschien, ist ein Hinweis auf die Produktion des Berichts - wie auch die Tatsache, dass der Moderator und der Nachrichtensprecher im Redaktionsraum zu sehen waren. In den 60er Jahren wurden Spuren der Produktion meist vermieden. Allerdings folgten auch in den 80er Jahren immer noch Teile der Korrespondentenberichte dem Prinzip der umgekehrten Pyramide, wie es auch in fast allen Filmmeldungen der Fall war.

Thematisch überwogen weiterhin Beiträge über politische Themen. Allerdings wurden etwa im Fall der Berichterstattung über Breschnews Tod 1982 oft auch gesellschaftliche Aspekte thematisiert. Neu war auch die Reihenfolge der Themen: Die Abfolge von "hard news" zu "soft news" blieb, vor allem auch durch die Einführung eines "Sportblocks" am Ende der Sendung, direkt vor den Wetterprognosen. Doch während in den 60er Jahren internationale Nachrichten vor den nationalen berichtet wurden, so änderte sich dies in den 80er Jahren. In den hier untersuchten Wochen von 1982 und 1986 wurden zuerst Nachrichten aus der Schweiz präsentiert - ausser es gab ein äusserst wichtiges internationales Ereignis. Ein Beitrag über ein Herbstmanöver der Schweizer Armee etwa ging dem Beitrag über die Beerdigung Breschnews voran.

 

Allgegenwärtigkeit in den 90er Jahren


Abbildung 4: Moderatorin Ellinor von Kauffungen in der Sendung vom 19.01.1991.
Am 20. August 1990 wurde ein neues Format eingeführt. Die Sendung sollte - gemäss dem damaligen Chefredaktor Hans Peter Stalder - "für die Zuschauer mehr Tempo haben und übersichtlicher sein" (Pressemeldung SF DRS vom 20.08.1990). Die Sendungsdauer wurde von 28 auf 23 Minuten gekürzt; der Moderator bzw. die Moderatorin sass nicht mehr im Redaktionsbüro, sondern in einem künstlichen, grauen Studio (vgl. Abb. 4).


Abbildung 5: Moderatorin Beatrice Müller in der Sendung vom 24.03.1999.
Zwei Jahre später wurde die Sendung wieder umgestaltet. Der Moderator bzw. die Moderatorin war vor einem blauen Hintergrund zu sehen, der Elemente des Vorspanns aufnahm (vgl. Abb. 5). Die neue Sendung zielte - laut einer "Renovationsgruppe" - auf mehr Dynamik und Flexibilität; der Moderator sollte näher beim Publikum sein (Pressemeldung SF DRS vom 31.08.1992). Der damalige Chefredaktor, Peter Studer, meinte, es sollten mehr Inhalte berücksichtigt werden, welche die Menschen bewegen. 

Dieses Sendungsformat erhielt sich bis Ende 2005. Thematisch zentral war weiterhin die Politik, ebenso die Wirtschaft. Beiträge aus dem Bereich "soft news" machten etwa zehn Prozent aus. Obwohl Sprechermeldungen in den 90er Jahren beinahe verschwanden (zugunsten von Korrespondentenberichten und Interviews, welche gut 20 bzw. 30 Prozent der Sendezeit beanspruchten), war der Moderator in diesem Format dennoch zentraler als je zuvor. Er moderierte beinahe jeden Beitrag an, führte Studiointerviews, "schaltete" live an beinahe jeden Ort der Welt ("Am Telefon bin ich mit der Radio DRS-Korrespondentin verbunden", "In Moskau begrüsse ich nun unseren Korrespondenten Edi Strub") und schien alle Nachrichten zu kennen und sie zu kontrollieren

Die Geschwindigkeit der gesamten Sendung erhöhte sich, weil im Durchschnitt alle zentralen Textsorten kürzer wurden. Eine durchschnittliche Filmmeldung etwa dauerte statt 87 Sekunden (wie noch 1978) nur noch 47 Sekunden, ein durchschnittlicher Korrespondentenbericht 97 statt 137 Sekunden.

Insgesamt sind die "Tagesschau"-Sendungen der 90er Jahre durch einen höheren Filmanteil und kürzere Beiträge dynamisiert worden; hinzu kommt eine "nähere" Berichterstattung durch eine zunehmende Wichtigkeit der Moderation, aber auch durch den zunehmenden Anteil an Korrespondentenberichten. In vielen dieser Beiträge wurde nun sehr intensiv Nähe zum berichteten Ereignis inszeniert. Oft verwendeten die Korrespondenten Präsens beim Beschreiben der (schon vergangenen) Ereignisse, sie platzierten sich gerne so, dass im Hintergrund das berichtete Ereignis (oder zumindest dessen Schauplatz) zu sehen war, es wurden häufiger Nahaufnahmen eingesetzt, etc.

Thematisch blieben Beiträge über politische und wirtschaftliche Themen zentral - Beiträge aus dem Bereich "soft news" gewannen aber wieder an Wichtigkeit. In den untersuchten Wochen von 1991 und 1999 begannen die Sendungen jedoch wieder mit internationalen Nachrichten. Allerdings handelte es sich dabei immer um Ereignisse von sehr weit reichender Bedeutung (Golfkrieg, Nato-Angriffe auf Jugoslawien).

 

Das Format 2005: Neue Sachlichkeit?

Seit dem 5. Dezember 2005 wird die Schweizer "Tagesschau" wieder in einem neuen Format ausgestrahlt. Der Chefredaktor Ueli Haldimann meinte dazu, Nachrichten müssten "auffälliger präsentiert" werden; dazu müsse der gewohnte Stil häufig durchbrochen werden. Deshalb sollen statt der bisherigen Abfolge (Moderation - Beitrag - Moderation - Beitrag) auch reine Filmelemente zu sehen sein (vgl. Impact vom September 2005: 5).


Abbildung 6: Moderator Franz Fischlin im aktuellen Studio (Sendung vom 08.12.2005).
In diesem neuen Format wird der Raum, in dem sich der Moderator befindet, durch dynamische Kamerafahrten im Studioraum stärker betont. Der Moderator - nun hinter einem langen Pult stehend - wird so in seiner Körperlichkeit besser wahrnehmbar. Zudem ist hinter dem Moderator in einem Teil der Einstellungen verschwommen die Bildschirmwand des Regieraumes erkennbar, was den Moderator, wie in den Formaten der 80er Jahre, wenigstens schwach im Zusammenhang mit der Nachrichtenproduktion sichtbar werden lässt. Insgesamt ist die visuelle Präsenz des Moderators intensiviert worden - nicht nur, weil er anders ins Bild gesetzt wird, sondern auch, weil Meldungen, die vom Moderator verlesen werden, und Anmoderationen wieder etwas wichtiger geworden sind. 

Der Einsatz von Text und Bild während der Anmoderationen hingegen ist schlicht gehalten: Es werden keine Computergrafiken gezeigt, nur meist knappe, schnörkellose Texteinblendungen, manchmal mit einem Porträtfoto. Die ankündigenden Texte nehmen mit über 16 Prozent der Sendezeit und einer durchschnittlichen Länge von über 21 Sekunden mehr Raum ein als je zuvor.

Thematisch sind im Vergleich zu 1999 keine grundsätzlichen Änderungen zu verzeichnen: Die erste Hälfte der Sendezeit wird, wenn keine sehr wichtigen ausländischen Nachrichten zu berichten sind, Themen aus der Schweiz gewidmet, darauf folgen Nachrichten aus dem Ausland und der Sport. Oft wird die Sendung mit einem Beitrag aus dem Bereich "soft news" (z.B. Fahrt des letzten roten Doppelstock-Busses in London, Vulkanaktivität auf tropischer Insel, Todestag John Lennon) beendet. Allerdings scheint diese Reihenfolge der Themen mit weniger Variationen realisiert zu werden als 1999. Viel weniger realisiert werden Interviews; diese nehmen mit knapp zehn Prozent weniger als die Hälfte der Sendezeit ein als noch 1999 oder 1991.

Korrespondentenberichte nehmen in der untersuchten Woche von 2005 so viel Sendezeit ein wie noch nie - fast 38 Prozent. Allerdings ist der Korrespondent in den ausgestrahlten 24 Berichten der untersuchten Woche nur in einem einzigen Fall am Bildschirm zu sehen. In allen anderen Korrespondentenberichten wird zwar gegen Ende des Berichts der Name des Korrespondenten eingeblendet - gezeigt wird die entsprechende Person im Bericht selbst aber nicht; oft ist auch nicht ihre Stimme zu hören, sondern diejenige eines professionellen Sprechers bzw. einer professionellen Sprecherin. Dieser Trend ist insofern spannend, als zwar die zunehmende Wichtigkeit der Rolle des Moderators die inszenierte Nähe-Kommunikation mit dem Publikum verstärkt, die Unsichtbarkeit der Korrespondenten aber wieder eher ein Schritt Richtung distanziertes Verkünden darstellt.

Bezüglich der 'auffälligeren' Präsentation fällt im neuen Format der Einsatz von Mischtextsorten auf: So ist in einigen Anmoderationen auf dem Bildschirm neben dem Moderator ein Film mit Ton zu sehen und zu hören, wodurch Anmoderation und Filmmeldung vermischt werden.

 

Die Tagesschau im Zeitraffer

Überblickt man die Geschichte der Schweizer "Tagesschau", so zeigt sich, dass keine kontinuierliche Entwicklung - etwa von einer sachlich-seriösen Sendung hin zu einem Infotainment-Format - zu beobachten ist. In den 50er Jahren überwiegt Unterhaltung, in den 60er und 70er Jahren distanziertes Verkünden. Diese Veränderungen von den 50er zu den 60er und 70er Jahren könnten damit erklärt werden, dass am Anfang Berichterstattungsformen der Kino-Wochenschau übernommen wurden, man sich dann aber - in Anlehnung etwa an die BBC, aber auch infolge einer zunehmenden Professionalisierung - von diesen Formen emanzipierte.

Zentral für die tief greifenden Änderungen in der "Tagesschau" der 80er Jahre (Einführung der Moderation, zunehmende Inszenierung von Nähe zum Publikum) scheint, neben der technischen Entwicklung und dem medialen Umfeld, die sich wandelnde journalistische Kultur der Sendung gewesen zu sein, also die Art und Weise, wie die Hauptaufgabe der Sendung definiert wurde. Während der "Tagesschau"-Journalist in den 50er Jahren als paternalistischer, konformistischer Unterhalter erschien, so stilisierte er sich in den 60er und 70er Jahren zum neutralen Faktenberichter, in den 80er Jahren (auch im Anschluss an öffentliche Debatten zu Problemen der Medienberichterstattung) zum kritischen und aktiven Informierer und in den 90er Jahren zum schnellen und allgegenwärtigen Berichterstatter. Die Veränderungen in der journalistischen Kultur sind natürlich wiederum auf komplexe Art und Weise mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verbunden. Der Wandel etwa zwischen den 50er und späten 60er Jahren steht nicht nur im Zusammenhang mit neuen technischen Möglichkeiten, sondern auch mit der gesellschaftlichen Differenzierung dieser Zeit und einer dementsprechend grösseren Nachfrage nach neutraler (statt konformistischer) Berichterstattung. Und der Paradigmenwechsel in den frühen 80er Jahren kann nicht ausschliesslich mit der Kommerzialisierung und Deregulierung des Fernsehmarktes erklärt werden (dies wird erst in den späten 80er Jahren wichtig), sondern hat auch mit einem Trend weg von der Distanz- hin zur Nähe-Kommunikation zu tun. Diese Entwicklungen werden im neuesten Format nicht rückgängig gemacht, sie werden aber - mit der Tendenz hin zu grafischer Schlichtheit und der abnehmenden Bildschirmpräsenz - relativiert. Diese Tendenzen sind auch in einigen anderen nationalen Nachrichtensendungen in Europa zu beobachten und dürften zu einem grossen Teil durch das Bestreben motiviert sein, sich von Lokalnachrichten und Infotainment-Sendungen zu unterscheiden.

 

Dr. phil. Martin Luginbühl ist Stipendiat des Schweizer Nationalfonds und arbeitet als Dozent am Deutschen Seminar der Universität Zürich, Fachbereich Linguistik. Forschungsschwerpunkte: Medienlinguistik, Gesprächslinguistik, Textlinguistik, kontrastive Textologie und Kulturalität von Textsorten.

Der vorliegende Text ist im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts "Textsorten der Fernsehnachrichten: Klassifikation - Geschichte - Kulturspezifik" entstanden. Laufzeit: 2003 bis 2006. Ziel des Projektes ist eine textlinguistische Untersuchung von Fernsehnachrichten unter diachroner und kulturell vergleichender Perspektive. Anhand eines umfangreichen Korpus (76 Nachrichtensendungen aus sieben Jahrzehnten) werden Fernsehnachrichten des Schweizer Fernsehens und des amerikanischen Senders CBS untersucht, und zwar von deren Anfängen (1953 bzw.1948) bis in die Gegenwart. Durchgeführt wird das Projekt am Deutschen Seminar der Universität Zürich und am Communication Department der University of California, San Diego (UCSD).

 

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