09. September 2005

Der männliche Mann - Mediale Propaganda der Ungleichheit

Journalismus und Wissenschaft im Dienst neurechter Politiken

Gabriele Kämper

Hormonell gesteuert oder sozial konstruiert? Komplementär oder konfrontativ? Knallhart oder kraftlos? Die Inszenierung des Mannes in den Magazinen der Tageszeitungen hat in den letzten Jahren an Intensität und provokativem Gehalt zugenommen. Zumeist geht es um zwei Thesen: Erstens sei die Gleichberechtigung erreicht, der Feminismus passé. Zweitens sei die Gleichberechtigung gescheitert, weil sie der Natur der Geschlechter widerspreche. Der Widersprüchlichkeit dieser Thesen zum Trotz kommen sie zum gleichen Ergebnis: Dem Mann muss es endlich wieder besser gehen. Ungleichheit gilt als schick, gesellschaftliche Analyse als out. Am Ende leuchten die neurechten Visionen gesellschaftlicher Ungleichheit verlockend in den Farben befreiter Männlichkeit.

"Mädchen sind besser, Jungen auch" lautet ein beliebter Slogan moderner Geschlechterpädagogik. Eine schöne Utopie, die das Ende des Geschlechterkampfes zugunsten der freien Entfaltung aller Beteiligten einläutet, nett, aber eben auch aus dem Blick verlierend, dass es so einfach mit den Konflikten zwischen Männern und Frauen doch nicht getan ist? Oder ein subversives Sprachspiel, das die implizit oder explizit überall präsente, unerschütterliche und uralte, charmant oder aggressiv vertretene Gewissheit in Frage stellt, dass, was immer Männer und Frauen auch immer sein mögen, sie eines auf jeden Fall sein müssen: komplementär. Was Mann ist, kann nicht Frau sein. Was Frau ist, kann, gottbewahre, nicht Mann sein. Ein bisschen Yin und Yang, ein bisschen Anima und Animus Jungscher Façon, ein bisschen Alltagswurstigkeit, die dem Zeitgeist Tribut zahlt und (theoretisch) auch Jungs mit Puppen spielen lässt und (ganz praktisch) eine Ausbildung für Mädchen für richtig hält - geschenkt. Das Grundraster bleibt. Denn ob Natur, göttliche Fügung, sittliche Ordnung, Rollen, Gene, Säfte, evolutionärer Auftrag, neodarwinistischer Überlebenskampf, psychoanalytische Entwicklungslehre, Gehirnhälftenakrobatik oder Hormonspionage - alle erklären, einander spinnefeind und doch unisono: Was Mann ist, kann nicht Frau sein, und was Frau ist, kann, gottbewahre, nicht Mann sein.

Dieses Übersoll an Erklärung ermüdet, dennoch, mit neuer Frische findet sich immer wieder jemand, der die Spirale weiterdreht. Das Primat der Evolutionsbiologen ist aktuell medial und forschungsgeldermäßig unangefochten, verknüpft sich im kollektiven Netz der Bewusstseinszustände jedoch relativ reibungslos mit Diskursen des Religiösen, Humangenetischen, Volkskundlichen und Alltagspraktischen. Warum dieser Eifer? Die schlichte Wahrheit, behaupten ihre Verfechter, vor allem gegen jeden als ideologisch verfemten feministischen oder konstruktivistischen Einwand. Der wiederum verweist regelmäßig auf eine andere Wahrheit: Jede Herrschaft muss sich legitimieren. Es sei die Herrschaft der Männer über die Frauen, die die unendlichen Wissensbestände über die Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen produziere. Ein kleiner Ausschnitt aus dem unaufhaltsamen Fluss dieses Geschlechterdiskurses steht im Folgenden zur Debatte: das August-Heft "Männer" des "NZZ-Folio", Beilage der "Neuen Zürcher Zeitung". Es geht darum, wie der geschlechterpolitische Diskurs einer selbstbewussten Männlichkeit mit einer Rhetorik gesellschaftlicher Entsolidarisierung Hand in Hand geht. Und darum, wie die Lust an Männlichkeit als Affront gegen Frauen und deren Streben nach sozialer und persönlicher Emanzipation zelebriert wird.

 

Bilder der Erschöpfung - Thesen der Potenz

Es beginnt mit einer ins Warme abgetönten Signalfarbe, einem leicht zerknitterten Stoff, vielleicht ein Laken, in Orange. Davor, mittig und groß, ein etwas merkwürdiges Wäschestück in Weiß, kein Slip, keine Unterhose, kein String, sondern eine Art Hosengummi mit Penishülle daran, ein minimalisierter und, wie das Wäscheetikett vermuten lässt, industriell gefertigter Schurz. Darunter der Titel des Heftes: "Männer. Die Herren der Erschöpfung". Da steckt viel drin: vom Stolz der Schöpfungsgeschichte, die den Beginn patriarchalen Monotheismus im Namen des Herrn markiert zur schnöden Erschöpfung des in welchen Kämpfen auch immer aufgeriebenen Helden. Erschöpfung, das ist die Mattigkeit, die Erschlaffung des eher innerlich als äußerlich Aufgeriebenen, das Nachlassen der Antriebskräfte, die Dekadenz des Übersättigten, die Sinnlosigkeit des in den Mühen des Sisyphos Gefangenen. Nicht die Schlachten des Krieges oder der Arbeit erschöpfen den Mann, vielmehr der Kampf um die Männlichkeit als solche, der Mann gegen die Mühlen der Moderne und, natürlich, die Kräfte zehrenden Kämpfe im Geschlechterkrieg. Die Frau, nicht der Mann, erschöpft den Mann. Und sie nimmt ihm den Herrenstatus. Der Herr, die Dreieinigkeit göttlicher, ständischer und geschlechtlicher Macht, zeigt sich erschöpft! Entblößt bleiben die Männer zurück. Ein Kleidungsstück, kläglich wie Adams Feigenblatt, der Sitz der Männlichkeit ausgestellt und verhüllt zugleich, scheint alles zu sein, was von Herrlichkeit übrig bleibt. Das ist kein Trumpf, das ist höchster ein zarter Trotz.

Die Männer des Sommers 2005 kommen verhalten einher, Epigonen jener hormongeschwängerten Trutzburgen, die unter dem Schlachtruf "Testosteron. Testosteron. Testosteron." vor nunmehr fünf Jahren unter der Ägide des Herrn Roger Köppel aufmarschierten (Sullivan/Pillitz 2000). Zackzack ging das Aufräumen beim "Magazin", dann bei der "Weltwoche" voran: Backlash pur, knallige Thesen, Frauenfeindlichkeit satt, dem Feminismus eine Breitseite nach der anderen, und flotte Sexismen für den neuen Mann. Den freien Mann. Den Mann, der Lebenslust mit schlechten Manieren, Geld- und Potenzgeprotze buchstabiert. Das lustige Leben der Ballermänner mit Autos, Fußball, Frauen - was einen richtigen Mann eben interessiert. Billiger geht’s nimmer, sollte man meinen, aber das brachte Erfolg. Offensichtlich war ein Nerv getroffen. Die fidele Jungmännerhorde machte Spaß, und Spaß machte auch das ganze neoliberale Tamtam drum herum. Nie wieder politisch korrekt, bloß keine ökologischen Rücksichtnahmen auf die Umwelt, alles Soziale ist spießig und vorgestrig, toll ist, was mächtig, rücksichtslos, destruktiv ist. Ja, wir sind die Herren der Welt, die Könige auf dem Meer des "poprechten Journalismus" (Bruderer 2002).

Die saftigen Thesen des berühmten Testosteron-Heftes sind kurz und bündig widerlegt worden (Henke/Dean 2000). Das tiefe Verständnis der Hormontheologen in die Zeitspannen menschlicher Evolution soll hier jedoch nicht verschwiegen werden: zeigen diese doch, dass "nach mehr als zwei Jahrzehnten nicht nachlassender juristischer, kultureller und ideologischer Versuche, den Geschlechtsunterschied von Jungen und Mädchen zu bestreiten" (Sullivan 2000: 26), nunmehr die wahre Wahrheit über deren Unterschiedlichkeit wieder zutage trete. Wo auch immer der Autor diese nicht nachlassenden Bemühungen angetroffen zu haben glaubt: Der Zeitraum von zwei Jahrzehnten dürfte selbst Individualpsychologen als relativ kurze Zeitspanne für einen tief greifenden Persönlichkeitswandel gelten; wer in solcher Kürze allerdings ein Überwinden Jahrtausende alter patriarchaler Strukturen im Kulturellen, Psychologischen oder Gesellschaftlichen bewiesen haben will, stellt nur sein Interesse am Scheitern jeder anderen als einer testosterondefinierten Geschlechterbeziehung unter Beweis. Doch halt: Empfiehlt nicht jener Autor großmütig, auch Frauen sollten sich der synthetischen Zufuhr von Testosteron bedienen dürfen, um ihren "Sexualtrieb, ihre Aggressivität und Risikofreude" zu steigern und damit "ihre Benachteiligung gegenüber den Männern ausgleichen" zu können (Sullivan 2000: 27f.). Auf die nahe liegende Variante, angesichts der von ihm konstatierten testosteronbedingten Gewalttätigkeit und Kriminalität den Hormonlevel von Männern zu senken, kommt Männerfreund Sullivan allerdings nicht. Vielmehr entwirft er die kastrierende Vision einer fairen, friedlichen, verantwortungsbewussten Männlichkeit, die ihm ein Gräuel ist, ein "feministisches Paradies", in dem er "nicht leben wollte" (Sullivan 2000: 28). Doch so dünn die antifeministischen und darin antihumanistischen Argumente auch sein mögen, sie entfalten einen Furor, der jeden Verweis auf die kulturelle Produktion von Geschlechterordnungen platt walzt. Dabei bleibt die Dimension von Macht und Herrschaft ausgeblendet. Womit es sich um einen klassischen Fall von Ideologie handelt - übrigens.

Sind die wilden Jahre vorbei? Blicken uns mildere Männer an hinter jenem sanft-orangenen Titelblatt des Jahres 2005? Es scheint so. Statt des Stakkatos von Holzhämmern erwartet uns das Versprechen von Vielfalt. Der Warencharakter von Männlichkeit wird verführerisch ausgebreitet: Eine "Auswahl an Männlichkeiten" verspricht das Editorial aus weiblicher Hand (Jardine 2005: 5): "Schauen Sie genau hin, und suchen Sie sich eine aus." Nehmen wir sie beim Wort und schauen erst mal. Als Erstes eine kleine Ironie des Layouts, das dem Editorial eine ganzseitige Anzeige eines Schweizer Pharma-Unternehmens zum Thema Männer und Erektion folgen lässt. Das passt zum Schurz. Anders präsentiert sich die redaktionelle Bebilderung des Schwerpunkts: Statt der sepia-weißen, zwischen italienischem Neorealismus und schwuler Ghettokid-Ästhetik changierenden jungen Muskelmänner des Testosteron-Magazins weisen die Bebilderungen des Männer-Folios Witz und Vielfalt auf. Ein geschlechtlich gemischtes Team um den Filmemacher Dani Levy ("Alles auf Zucker") zeichnet dafür verantwortlich. In Farbe und deutlich als inszeniert markiert posieren ältere Männer im Anzug beim Sandschmeißen auf dem Spielplatz; ein Pärchen, sie älter, dicker und entrückter als er, entspannt bei knallig-bunten Frühstücksresten im weißen Schlafzimmer; ein Cowboy mit Pferd zieht vor einer modernen Caféhaus-Terrasse gegen seinen Duellpartner; lauter White-Collars mit Zeitung tummeln sich in einem orange bestuhlten Kosmetiksalon; bis zum Hals eingebuddelte Jungs verlieren sich im Strandbad; ein Arbeiter mit nacktem Busen und goldenem Helm fliegt über eine alte Backsteinfabrik. Diese Fotos zeigen Poesie, Witz, sogar Queerness.

 

Männlichkeiten im Angebot: Greifen Sie zu!

Sind das die "Männlichkeiten", die das Editorial des Männer-Folios verspricht? Hier liegt ein erstes, schwerwiegendes Missverständnis vor. Es stimmt, Soziologen sprechen inzwischen von "Männlichkeiten". Aber sie meinen damit nicht ein Warenangebot, sondern ein Modell hierarchisierter Männlichkeiten, an deren Spitze die "hegemoniale Männlichkeit" steht (Connell 1999). Das ist die Männlichkeit, die als kulturelles Modell nahezu weltweit funktioniert und die mit der Ausgestaltung von nahezu weltweiter Machtausübung einhergeht. Es ist das Modell weißer, heterosexueller, christlicher, reicher Männlichkeit mittleren Alters. Die Männlichkeit derjenigen, die über Ressourcen, Kriege und Informationen bestimmen. Die Männlichkeit jener, an der sich die anderen, die armen und die schwarzen, die muslimischen und die proletarischen, die schwulen und die indigenen Männlichkeiten reiben. Die soziologische Rede von den Männlichkeiten ist auch eine Rede von Macht. Ihre Darstellung als Warenangebot ist eine entpolitisierende, aber marktgerechte Verzerrung. Greifen Sie zu, Mr. Taliban!, möchte man höhnisch hinzufügen. Oder Mr. Ghetto. Oder Mr. Gay Fetish. Doch diese Aufforderung hat sich schon erübrigt.

Das Angebot im Männer-Folio ist verwirrend. Es beginnt ganz klassisch. "Frauenversteher und Sitzpinkler sind out", behauptet der britische Ethnologe Nigel Barley (2005). Das ist klassisch, antifeministisch, primitiv und macht gute Laune. Seufzend fragt man sich, warum die selbstredend heterosexuellen Mainstream-Männer es so unglaublich wohltuend finden, ihre Partnerinnen nicht verstehen wollen zu müssen. Und warum es so schön ist, Urin zu verspritzen, und die Partnerin muss es wegputzen. Ist es überzogen, hier die Wiederkehr ganz frühkindlicher Bedürfnisse zu vermuten? Den erotischen Charme erwachsener Kontinenz - sprich: Zurückhaltung - versprüht das gewiss nicht. Doch Barley tut nur so, als sei er auf der Seite der ungehobelten Kerle. Schließlich behaupten nur "extreme Feministinnen" und neue Macker, dass die Männer wirklich so grässlich seien. Das wird dann allerdings genüsslich ausgebreitet und von den Kommentaren vernünftiger, Wissenschaft und Hausarbeit gleichermaßen virtuos handhabender Männer kontrastiert. Der neue Macker geistert als schamloses, asoziales und irgendwie lächerliches, nichtsdestotrotz faszinierendes Mannsbild durch den Text. Ach, der unbändige Mann. Trotzt dem vernichtenden weiblichen Blick. Entzieht sich dem Joch von Beziehung, Ehe, Haus, Vaterschaft. Ein Versager, klar. Aber eben kein Sitzpinkler. Und das zieht.

Und weiter geht's mit der Wissenschaft. Der Männerforscher Walter Hollstein weiß, es ist die "Abwertung von Männlichkeit", die den Männern so viele Probleme bereitet (Hollstein 2005: 23). Anthropologische, historische, ökonomische und psychologische Argumente hätten zwar bewiesen, dass der Mann seit langem die Frau beherrsche, seine Sicht der Dinge durchsetze und die Welt nach seinem Bedarf eingerichtet habe. Doch er leide: an der menschheits- und lebenslangen "männlichen Wunde", der Vertreibung aus dem mütterlichen Paradies. An der Selbstreduktion auf den Faktor Arbeit. An der Exklusion aus der Erziehung der Kinder. An der "sozialen Abrichtung" durch die Mutter. An der Veränderung der Arbeitswelt, die weniger Kraft abfordere und zunehmend Frauen eine Chance gebe. An dem Zeitgeist, der "fast ausschließlich weiblich" sei. An Herzinfarkt und frühem Tod. Hollstein weiß, dass die traditionelle Männlichkeit eine Sackgasse ist. Doch seine Schlussfolgerungen sind erstaunlich maskulinistisch: Die Gesellschaft [!] nehme die Interessen der Männer nicht mehr wahr, Männer suchten und bräuchten "Männerschutzzonen", Männerfreundschaften und männliche Bezugssysteme. Männer bräuchten die Abarbeitung an einer Vaterfigur und schließlich, Männer müssten "den Abschied von der Mama wagen". Also: die Krise der Männlichkeit muss durch mehr Männlichkeit, mehr Abgrenzung vom Weiblichen, mehr männliche Bestätigung gelöst werden. Offensichtlich sind nicht die Männer, sondern die Mamas das Problem. Das ist wirklich originell und wird alle gewalttätigen Männer trösten, die so sehr unter der Gewalt leiden, die sie ihren Frauen antun. Wenn schon Geschlechterdemokraten so reden, was will man dann noch von den wahren Mackern befürchten?

Was hält der Warenkorb Männlichkeiten noch im Angebot? Eine Liebeserklärung! (Lerch 2005) Das ist klassisch weibliche Domäne, sehr partnerschaftlich orientiert und geht ganz und gar am männlichen Selbstentwurf vorbei, wie der zweite literarische Beitrag zeigt, der das Scheitern ehelicher Harmonie beim Unverständnis der Frau für den naturgemäß zwanghaften Blick des Mannes auf die Körper anderer Frauen verortet (Zschokke 2005).

Dem gleichen Thema widmet sich aus evolutionsbiologischer Perspektive Reto Schneider (2005). Nach dem Motto: das was ist, ist Natur, und das ist gut so, beschreibt er das einschlägige Inseratwesen der Dalias und Michelles, die Lust des erfolgreichen älteren Mannes an jugendlicher "orientalischer Schönheit" und den Mangel an entsprechender Nachfrage auf weiblicher Seite. "Männer wollen unverbindlichen Sex, nacktes Fleisch, junge, schöne Begleitung. Das liegt in ihrer Natur." Leider sind die Frauen halsstarrig und müssen von klügeren Herren vom Schlage Schneider eines Besseren belehrt werden: "Trotzdem wollen vor allem Frauen nicht wahrhaben, dass sie biologischen Geschlechts sind." Sie befürchten nämlich, der Mann könne mit seiner Natur seine Seitensprünge entschuldigen. Das ist eine für Herrn Schneider sicher sehr schmeichelhafte Angst, allerdings vernachlässigt er darüber die für Frauen höchst unvorteilhafte Herrschaftsdimension des hermetischen evolutionsbiologischen Geschlechtergefüges. Schließlich wird damit männliche Vorherrschaft in nahezu jedem Bereich, von der Gewaltsamkeit bis zur Arbeitsteilung, fröhlich legitimiert: eine Karikatur des Steinzeitmenschen grinst aus jeder Zeile. Schneider weiß um die wahre Natur des Menschen, und der ist weder edel noch gut. Und das ist auch gut so. Denn schließlich wurde von den unmoralischen Fremdgehern der Vorzeit in langer Reihe auch der Autor selbst gezeugt, wie er stolz berichtet. Gibt es einen besseren Grund für die Evolutionsbiologie?

Vielleicht ist es neben solchen Streicheleinheiten fürs männliche Ego die Begeisterung über Systeme der Ungleichheit schlechthin, die den neuen Naturliebhabern aus den Forschungslaboren so viel Resonanz verschafft. Sie liefern die facts zur neoliberalen fiction, mit sozialer Ungleichheit die wirtschaftliche Dynamik zu befeuern. Gleichheit wird da kurzerhand zu Gleichmacherei und soziale Ungleichheit zu Vielfalt umdefiniert (so auch Sullivan 2000: 26). Es lässt sich an dieser Neudefinition trefflich beobachten, wie Wissensproduktion als Legitimationskomplex für gesellschaftliche und ökonomische Machtverhältnisse fungiert. Das gilt gleichermaßen für den Ansatz von Martin Senti (2005), der mit viel Mitleid heischendem Tremolo das Leiden der vorgeblich von Gerichten und Müttern gedemütigten Scheidungsväter beschreibt. Bar jeder Berücksichtigung der Statistiken von häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, väterlicher Absenz in der Kindererziehung und eklatanten Defiziten bei der Erfüllung von Unterhaltspflichten wird eine vaterrechtliche Perspektive eingenommen, die gesellschaftspolitisch am rechten Rand zu verorten ist. Inszeniert wird sie allerdings als Reportage mütterlich-institutioneller Väterfeindlichkeit.

 

Allmännlichkeit als Mainstream

Charakteristisch für das schnelllebige mediale Geschehen ist das Paradox von Konkurrenz und Gleichförmigkeit. Immer mehr Erzeugnisse konkurrieren mit immer gleicheren Mitteln um die begehrte männliche Kundschaft. Die teuren Kunden lassen die Akquise-Kassen klingen, und dafür werden sie umworben mit allem, was ihr Herz begehrt. Und das ist vor allem die immer knappe Ware Anerkennung. Anerkennung, Bestätigung, das Befriedigen latenter Überlegenheitsgefühle, das Verscheuchen latenter Unterlegenheitsgefühle, die Spiegelung eines vielleicht nicht ganz so großen ICHs als wunderbares, unanfechtbares und unangefochtenes großes Ego sind die Kernelemente gelungener Propaganda. Das weiß jeder Werber, der sich ganz auf die emotionalen Effekte seines Produkts konzentriert. Das weiß jeder Propagandist, der auf die Affekte seines Publikums abzielt. Und das bestimmt den Drall medialer Erzeugnisse hin zu einer mehr oder weniger subtilen Ansprache ihrer Konsumenten, denen das Gefühl von Zustimmung und Aufgehobensein vermittelt werden soll. Einen aufklärerischen, zu Reflektion, Kritik und Analyse ermunternden Impuls vermisst man darin zu Recht. Woran im Übrigen ein intellektueller Gestus nichts ändert. Der freche, schnelle, Tabu brechende, unterhaltende und ab und an durchaus gewitzte "All inclusive"- Journalismus, der die Grenzen klassischer Formate wie Reportage, Glosse, Kommentar und Rezension gern übertritt, gewinnt an Einfluss. Beschreibt man diese Entwicklung im Kontext politischer und gesellschaftspolitischer Tendenzen, so kommt man nicht umhin, den Rückzug des Politischen als begründende und analytische Kategorie festzustellen. "Eingreif- und Thesenjournalismus" hieß das bei Roger Köppel (Bruderer 2002), das klingt doch schon nach Eingreiftruppe und harten Einschnitten. Der Vormarsch des Pragmatismus als vermeintlich ideologiefreies Handeln und der damit beschönigte Verzicht auf die historische, soziale oder ideologiegeschichtliche Kontextualisierung ist politischen Akteuren wie modernem Magazin-Journalismus gleich.

Die lautstark behauptete Absenz von Ideologie bedeutet dabei keineswegs, dass nicht handfeste Ideologien präsentiert und vertreten würden. Doch diese Ideologien, und damit kommen wir auf die Bedeutung des Geschlechterdiskurses in diesem Feld zurück, geben sich als Ausdruck des Naturhaften, irgendwie Selbstverständlichen aus. Sie geben vor, nicht zum Feld strittiger Ideologien zu zählen, sondern schlicht das Gegebene und Unabänderliche zu akzeptieren. Fakten, Fakten, Fakten, wie es der stramm rechtskonservative und neoliberale Herausgeber des Wochenmagazins Focus, Helmut Markwort, in einem viel zitierten Slogan benannt hat.

Der antifeministische Impuls, die Ungleichheit der Geschlechter zu faktifizieren, dient dabei als ein nahezu ubiquitäres Vehikel, mit dem sich Ungleichheit, Aggressivität, und Autoritarismus als quasi persönliche Empfindungen sprachlich inszenieren lassen. Wir erinnern uns: Anlässlich der Differenzen um den Irak-Krieg wurden die Europäer in den USA aufgrund ihrer skeptischen Haltung gegenüber einer Intervention als schwächliche, zerstrittene Feiglinge und Weichlinge betrachtet. "Der Amerikaner ist ein viriles, heterosexuelles Mannsbild, der Europäer ist weiblich, impotent oder kastriert", beschreibt Timothy Gordon Ash (2003) die geschlechtliche Symbolisierung politischer Alternativen. Ebenfalls in den Fundus geschlechtlicher Konnotationen gehört die Denunziation des Sozialstaates als überholten "Versorgerstaat", der die "Eigenverantwortung" und Mobilität der Menschen behindere. Auf das männliche Ideal von Autonomie und Unabhängigkeit anspielend, wird das Festhalten an sozialstaatlichen Errungenschaften als Bedürftigkeit unselbständiger und ängstlicher Menschen dargestellt, die von anderen versorgt werden wollen. Kein Wunder, dass die Wortschöpfung vom "Versorgerstaat" der "Versorgerehe" so nahe kommt. Für solch passive Existenzformen mögen sich heutzutage weder Männer noch Frauen erwärmen. Ökologie ist ein weiteres beliebtes Feld männergestählter Rhetorik. Von den freien Bürgern und Anhängern der Autofahrerpartei bis zum aktuellen "Mopsfledermaus-Wahlkampf" manifestiert sich die Auffassung, dass Sorge, Rücksicht, Bewahren und Schützen vielleicht das Geschäft von Frauen und Gutmenschen sein mögen, nicht aber von Männern, die Deutschland retten wollen (Grabenströer 2005). Der Effekt dieser Art Journalismus auf die Vermainstreamung eines ressentimentgeladenen, zur kritischen Reflektion unfähigen, tendenziell aggressiven Stiles bei der Betrachtung gesellschaftlicher und politischer Phänomene sollte nicht unterschätzt werden.

Dass sich die Geschlechterfrage, mehr noch als die Rassenfrage oder der biologistische Diskurs über die Unterschichten, als erste Wahl zur Propagierung dieser Ideologien anbietet, hat zum einen mit dem eingangs erwähnten breiten Fundus kultureller Raster geschlechtlich kodierter Ungleichheit zu tun. Zum anderen trifft die Geschlechterfrage jeden Einzelnen und jede Einzelne im Kern seines oder ihres Selbstempfindens. Das garantiert Aufmerksamkeit, Emotion und den Anschluss an breit gelagerte Interessen in den Konfliktgebieten von Familie, Sexualität, Gewalt, Geld, Macht und Definitionshoheit. Insofern ist der Geschlechterdiskurs hervorragend geeignet, gesellschaftliche Parameter wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Macht zur Disposition zu stellen und in bildhaften Diskursen symbolisch zu verfestigen. Das Wechselspiel zwischen harten und gemäßigten Varianten, wie sie das Testosteron-Magazin und das Männer-Folio darstellen, verweist dabei nur auf die Flexibilität der Ideologieproduktion, ohne diese an irgendeiner Stelle zu durchbrechen.

 

Dr. phil. Gabriele Kämper ist Literaturwissenschaftlerin. Sie arbeitet zu Fragen politischer Rhetorik, Geschlechterdiskursen und kulturellen Chiffren von Geschlecht.

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Literatur:

NZZ Folio Heft 8/2005: Männer. Die Herren der Erschöpfung.

Barley, Nigel (2005): Rückkehr des Mackers. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 19-21.

Hollstein, Walter (2005): Männlichkeit ist hochriskant. Interview von Anja Jardine in: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 23-27.

Jardine, Anja (2005): Rätselhafter Mitmensch. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 5.

Lerch, Lilliane (2005): Du berührst mein Herz. Eine Liebeserklärung. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 29.

Schneider, Reto U. (2005): Hanspeter, mollig und willig. Männer und Frauen sind verschieden - von Natur aus. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 32-33.

Senti, Martin (2005): Zorro, der zornige Zahlvater. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 42f.

Zschokke, Matthias (2005): Die beiden sind entsetzt. Ein falscher Blick, ein unerhörtes Wort, und schon verfinstert sich die Liebe. Szenen einer Missverständigung. In: NZZ Folio: Männer. Die Herren der Erschöpfung. Heft 8/2005, S. 51f.

 

Weitere Quellen:

Bruderer, Urs (2002): Ein Mann seiner Zeit. Roger Köppel: Vom Shootingstar zum Totengräber. In: WOZ online, 6.3.2002: http://www.woz.ch/archiv/old/02/10/6507.html 

Connell, Robert W. (1999): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Verlag Leske & Budrich, Leverkusen.

Garton Ash, Timothy (2003): Warme Brüder und EU-nuchen. In. Die Zeit, 28.1.2003.

Grabenströer, Michael (2005): Wen hat die Mopsfledermaus noch - außer uns! In: Frankfurter Rundschau online, 5.6.2005.

Henke, Silvia / Dean, R. Martin (2000): Ungeist des Biologismus. In: Das Magazin, Heft 32/2000, S. 12f.

Sullivan, Andrew / Pillitz, Christopher (Fotos)(2000): Eine hormonische Beziehung. In: Das Magazin, Heft 28/2000, S. 14-28.

 

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Weiter zum Thema im Medienheft erschienen ist:
Stämpfli, Regula (2005): Die Sucht der Medien nach reisserischem Sexismus. In: Medienheft, 9.9.2005:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k24_StaempfliRegula.html



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