03. Mai 2004

Die Weltwoche-Formel geht nach Deutschland

Roger Köppel verrät sein Erfolgs-Rezept

Michel Wenzler

Der umstrittene Publizist Roger Köppel wechselt von der "Weltwoche" in die Chefredaktion der Berliner Tageszeitung "Die Welt". Vor dem Sprung nach Deutschland gab er an der Universität Zürich noch einmal einen Auftritt auf Schweizer Boden und erläuterte sein journalistisches Konzept.

Die Karriere von Roger Köppel ist steil verlaufen: Zuerst Sport- und Filmredaktor bei der "NZZ", dann Redaktor im Kulturteil des "Tages-Anzeigers" und schliesslich Chefredaktor beim "Magazin" und der "Weltwoche". Nirgends aber blieb er lange, seine Laufbahn ist reich an raschen Wechseln. Sprunghaftigkeit könnte man ihm unterstellen - und das kam auch in seinem Referat vergangenen Freitag an der Universität Zürich zum Ausdruck. "Macht und Ohnmacht der Presse: Ansichten eines Praktikers" lautete der Titel von Köppels Vortrag. Auf das Machtpotenzial der Printmedien ging der zukünftige Chefredaktor der "Welt" jedoch nur ansatzweise ein, im Vordergrund standen seine publizistische Prägung und sein journalistisches Selbstverständnis.

 

Gegen Denkverbote

Köppel konstatierte bei den Journalisten einmal mehr blinde Flecke. Damit verbunden sei die Dynamik der öffentlichen Meinungsbildung. Er habe, erzählte Köppel, im Verlauf der zweiten Hälfte der 90er-Jahre festgestellt, wie sehr die Meinungsbildung von Zufälligkeiten abhinge. Als Beispiel erwähnte er die internen Auseinandersetzungen, die er während seiner Zeit in der Redaktion des "Tages-Anzeigers" geführt hatte. Damals war ihm aufgefallen, dass viele Schweizer Unternehmer dem EU-Beitritt gegenüber skeptisch eingestellt waren, die Journalisten aber ständig gegen den Alleingang der Schweiz angeschrieben hätten. Dass die Meinungsführer der Wirtschaft EU-kritisch waren, hätten die Journalisten nicht wahrgenommen, ja gar nicht wahrhaben wollen. Und als er seine Kollegen auf diesen Umstand aufmerksam gemacht habe, sei er gegen eine Mauer gerannt. Er bringe einfach seine SVP-Meinung ein, sei ihm vorgeworfen worden.

Von dieser Kritik hat sich Köppel bis heute nicht befreit, auch wenn er nicht müde wird zu betonen, dass er kein Sprachrohr der SVP sei. Es gehe ihm darum, die Unabhängigkeit vor Ideologien zu wahren, gab er in seiner Rede einmal mehr zu verstehen. In dieser Aussage steckt seine fundamentale Kritik an den Medien. Nicht zum ersten Mal moniert Köppel bestehende "Denkverbote" im Journalismus. Den Grund für diese Selbstzensur seien die moralistischen Gesinnungen der Journalisten, was die sachliche Diskussion von Themen verhindere, zum Beispiel wenn es um die Gentechnologie gehe oder die Debatte um Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Gegen Berlusconi werde eine totale Kampagne geritten, und zwar deshalb, weil "Journalisten nicht schreiben, wie die Welt ist, sondern wie sie die gerne hätten." Das verhindere den Blick auf anderes. Alle würden auf Berlusconi einschiessen. Wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Italiener einen solchen Mann wählten, habe aber keiner gefragt. Gegen Kurzsichtigkeit, Verblendung und Moralisierung, an denen das journalistische System angeblich krankt, wehrt sich Köppel schon seit langem. "Es geht doch nicht", sagte er auch bei seinem jüngsten Auftritt voll Überzeugung, "dass gute Ideen nicht thematisiert werden, nur weil sie nach Ansicht der Journalisten aus dem 'falschen' Lager stammen."

 

Hauptsache nicht Mainstream

Köppel hat diesem Missstand den Krieg erklärt. Die guten Ideen, die von den Journalisten nicht thematisiert werden, kommen seiner Meinung nach aus dem rechten und neoliberalen Lager. Als Chefredaktor der "Weltwoche" verhalf er ihnen zum Durchbruch. Er führte einen Kurswechsel durch und verschaffte der von den Medien stiefmütterlich behandelten politischen Rechte ein Forum. Und mit aller Kraft will er sich auch künftig gegen den Mainstream-Journalismus stemmen. Die Ursachen dafür sieht er in der - auch empirisch nachgewiesenen - Kollegenorientierung unter Journalisten. Ein Journalist schreibe dem anderen ab, die zirkuläre Meinungsmache werde damit zu einem grossen Problem im Journalismus. Diese Milieukonformitätszwänge will er aufbrechen. Wie gut ihm das in seiner knapp dreijährigen Tätigkeit als Chefredaktor der "Weltwoche" gelungen ist, bleibt allerdings fraglich. Redaktionsintern scheint er sich jedenfalls nicht an seine eigenen Prinzipien gehalten zu haben - im Gegenteil: Der Konformitätsdruck bei der "Weltwoche" war gross, die Redaktoren wurden regelrecht auf Köppels Kurs getrimmt. Wer nicht im Gleichschritt mitmarschierte oder sich Kritik erlaubte, hatte bei der "Weltwoche" nichts mehr zu suchen. In seiner kurzen Zeit bei der "Weltwoche" wechselte der Chefredaktor die halbe Redaktion aus. Viele Journalisten wurden entlassen, viele gingen aber auch freiwillig. Köppels Kampf gegen Denkverbote, so behaupten böse Zungen, mache vor der eigenen Redaktion Halt. Seine Kritik am Moralisieren hat letztendlich selbst missionarische Züge angenommen.

 

Auf der Suche nach der Wahrheit

Köppel sieht das allerdings nicht so. An erster Stelle steht für ihn das Wahrheitsprinzip, welches im Journalismus leider weniger zähle als das Mehrheitsprinzip. Dabei berief er sich - von den anwesenden Akademikern mit wohlwollendem Nicken quittiert - auf den Wissenschaftstheoretiker Karl Popper. Journalisten müssten ständig an der Falsifizierung der eigenen Hypothesen arbeiten, und die Beweisführung sei wichtiger als die Schlussfolgerung. Diesen Standpunkt legte Köppel nüchtern und sachlich dar, vom viel kritisierten Provokateur war an diesem Tag wenig zu spüren. Dem Publikum erschien er als ein Verfechter der konsequenten Beweisführung. Wie gut ihm sein Vorhaben mit einer fast zwanghaften Abkehr von der journalistischen Mehrheitsmeinung und mit gezielten Provokationen tatsächlich gelingt, ist indes nicht bewiesen: Alternative Weltdeutungen und Provokationen fördern schliesslich nicht per se die Wahrheit zu Tage. Und sie beseitigen auch nicht unbedingt die von Köppel kritisierte "Schnellschuss-Beurteilungs-Mentalität", die im Journalismus grassiere. Gerne würde er sich als Gladiator im Kampf gegen diese Berufskrankheit verstanden wissen, scheint aber zu ahnen, dass er auch nicht davor gefeit ist: "Auch ich bin nur die Summe meiner Vorurteile", räumt er selbstkritisch ein.

 

Das Jonglieren mit den Themen

In seinem Berufsleben dürfte ihm dies schon einige Male klar geworden sein. Sich selbst vor voreiligen Schlüssen zu schützen, ist für einen Journalisten kein leichtes Unterfangen. In Fernseh-Talkshows etwa, in denen sich auch Köppel gerne sehen lässt, müssen die Diskussionsteilnehmer oft ein hohes Mass an Spontaneität an den Tag legen und sich nicht selten zu artistisch anmutenden Ad-hoc-Analysen verleiten lassen - zu Schnellschlüssen also. Etwas überraschend erschien auch der Aufruf Köppels nach mehr Bescheidenheit, setzt er sich doch selbst nicht ungern in Szene. Dennoch appellierte er gegen die "journalistische Dünkelkultur", in welcher die Leserschaft von oben herab beurteilt werde. Er wünsche sich weniger "Wortgeklingel", dafür mehr "straight facts", in einfacher Sprache aufbereitet. Nicht nur in diesem Punkt dient ihm die angelsächsische Presse, auf die er während seines Referats immer wieder zu sprechen kam, als Vorbild. Den "Economist" zitierte er gleich mehrere Male, als Beispiel etwa, wie sich eine Vielfalt von Themen unverkrampft nebeneinander schieben lassen: Dschingis Khan neben TV-Doktor Samuel Stutz und Sammelankläger Ed Fagan. - Köppel hat dieses Konzept in seinem Blatt ausprobiert und die kriselnde "Weltwoche" wieder auf Touren gebracht.

Mit seinen erfolgreichen Rezepten will Köppel bei der "Welt" weiter arbeiten. Der Kampf gegen Denkverbote von links und rechts, die Absage an Konformitätszwänge innerhalb des journalistischen Milieus, ein unverkrampfter Umgang mit Themen, die Beseitigung der "Schnellsch(l)üsse" und des journalistischen Dünkels, dafür mehr Facts und eine schlichte Sprache - das sollen weiterhin seine Leitideen sein. Als "Weltwoche-Formel" bezeichnete Köppel diese schalkhaft. Der Zeitpunkt scheint ihm reif, um die Formel nach Deutschland zu exportieren. Ob ihr dort ebenfalls Erfolg beschieden ist, wird sich weisen.

 

Michel Wenzler hat Publizistikwissenschaft und Medienforschung in Zürich studiert und absolviert derzeit ein Praktikum beim "Tages-Anzeiger".

 

Literatur:

Gorgé, Sabine / Widmer, Joël (2003): Die Metamorphose der "Weltwoche". Ein Vergleich der "Weltwoche" unter Chefredaktor Fredy Gsteiger mit der "Weltwoche" unter Chefredaktor Roger Köppel". Facharbeit, Universität Bern.

 

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