11. August 2003

Medienlandschaft Westafrika

Chancen und Barrieren der Kommunikationsflüsse

Frank Wittmann

Ob Krisen, Kriege und Katastrophen oder Safari, Strand und Stammestänze - mit nur drei Schlagworten gelingt es den europäischen Medien, Afrika als verlorenen oder exotischen Kontinenten zu beschreiben. Das einseitige und vorurteilsbehaftete Bild wird der Vielfalt Afrikas aber kaum gerecht. Die Entwicklung der (Massen-)Medien in Westafrika und der Umgang der Bevölkerung mit ihren Medien lassen Kreativität und Prosperität erkennen, zeugen aber auch von ökonomischen Zwängen, politischen Repressionen und religiöser Partikularisierung.

Die Geschichte der Massenmedien ist in Westafrika eng mit der politischen Geschichte und den sozialen Entwicklungen verknüpft: Die vorkolonialen Gesellschaften Westafrikas haben sich kollektiver Medien wie Felsmalerei, Kleidung oder Trommelmusik sowie Intermediäre wie Griots bedient, bevor die ersten Massenkommunikationsmittel wie die Zeitung im 19. Jahrhundert oder das Radio in den 1930er Jahren durch die Kolonialmächte eingeführt wurden. Nach der Unabhängigkeit wurden in den 1960er Jahren das Fernsehen und in den 1990er Jahren das Internet und der Mobilfunk importiert. Die Dynamik des sozialen und medialen Wandels hat sich durch Demokratisierung und Globalisierung in den letzten vierzehn Jahren derart beschleunigt, dass man von einer kleinen Medienrevolution sprechen kann. Infolge der Einführung des Mehrparteiensystems, der Ausweitung der Meinungsäusserungsfreiheit, der ökonomischen Liberalisierung, der technologischen Innovation und der internationalen Verflechtung sind die privaten Medien zur vierten politischen Gewalt geworden. Medienmärkte haben sich ausgebildet und der Medienkonsum ist signifikant gestiegen. Allerdings ist die Verbreitung von Massenkommunikationsmitteln häufig noch auf die urbanen Räume und die sozialen Ober- und Mittelschichten beschränkt. Ein Überblick über Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Guinea-Bissau, Mali und Senegal.

 

"La radio qui vous écoute"

Die Medienordnungen der westafrikanischen Länder weisen einige grundlegende Gemeinsamkeiten auf. Das Radio ist das beliebteste, glaubwürdigste und für die Informationsbeschaffung wichtigste Massenmedium auf dem afrikanischen Kontinent. Es wird von über 90% der Bevölkerung genutzt. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Es modernisiert die orale Tradition, passt sich der westafrikanischen Kultur an (u.a. durch das Spielen von lokaler Musik), stiftet Identität, wirkt integrativ, setzt keine Alphabetisierung voraus, elaboriert die Lokalsprachen und ist selbst in ländlichen Regionen günstig empfangbar. Auch setzt es kein Distributionsnetz wie beispielsweise für die Presse voraus, was angesichts der schlechten Infrastruktur der meisten westafrikanischen Länder für die Verbreitung ein wichtiges Kriterium darstellt. Der durchschlagende Erfolg des kommerziellen Privatradios und des am Gemeinwohl orientierten Kommunalradios wird aber erst verständlich, wenn die originellen Programmkonzepte, die innovativen Moderationstechniken und die konsequente Anpassung an lokale Publikumsbedürfnisse beachtet werden. Hierzu zählt in besonderem Masse die Interaktivität, die sich in Werbeslogans wie demjenigen eines senegalesischen Privatradios manifestiert: "7 FM - La radio qui vous écoute". Dagegen spielen die meist statisch und regierungstreu agierenden öffentlich-rechtlichen Sender nur eine untergeordnete Rolle, ganz im Gegensatz zu den ausländischen Sendern wie "BBC", "Radio France International" (RFI), "Radio Televisao Portuguesa Internacional" (RTP) oder "Voice of America": Während ihre Informationssendungen bei der westafrikanischen Bevölkerung eine hohe Glaubwürdigkeit erreichen, wird ihr Gesamtprogramm vor allem von den ausländischen Bevölkerungsteilen gehört.

 

TV mit Bildstörung

Das Fernsehen gilt als das zweitwichtigste Medium Westafrikas, jedoch mit einigen Einschränkungen: Die inhaltliche und technische Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender ist so niedrig, dass das einheimische Fernsehen in der eigenen Bevölkerung diskreditiert ist und nur selektiv vor allem für Sport und ausländische Unterhaltungsserien eingeschaltet wird. Zudem tun sich selbst die demokratisch gewählten Regierungen mit der Konzessionierung von privaten Fernsehsendern schwer. Die Angst vor kritischer Berichterstattung ist so gross, dass in keinem Land Westafrikas von einem freien Fernsehmarkt die Rede sein kann. Als Konsequenz dieser Monopolsituation ist eine Unterentwicklung der einheimischen Fernseh- und Filmproduktion festzustellen sowie die Aneignung von Sendungen, die für andere Gesellschaften und Kulturen produziert worden sind. Ferner setzt der Empfang von ausländischen (Privat-)Kanälen die Installation teurer Parabolantennen und die Bezahlung hoher Gebühren voraus, die sich die meisten Bürgerinnen und Bürger aufgrund der ökonomischen Situation in Westafrika nicht leisten können. In vielen Landgebieten ist aber nicht einmal die Versorgung mit dem Staatsfernsehen gewährleistet, dessen Programm zudem grösstenteils in den europäischen Amtssprachen gesendet wird.

 

Zeitung hören

Die Presse spielt hinsichtlich ihrer Verbreitung nur eine untergeordnete Rolle. Bei Analphabetismusraten von zwischen 54% bei der männlichen Bevölkerung Malis bis zu 87% bei der weiblichen Bevölkerung Burkina Fasos bringt nur eine Minderheit die Bildungsvoraussetzung für die Lektüre der mehrheitlich in Englisch, Französisch und Portugiesisch geschriebenen Presse mit. De facto ist es eine elitäre Schicht von etwa 10% der Bevölkerung, die regelmässig Zeitung liest. Als Medium der Meinungsführer verfügt die Presse allerdings über einen gewissen Einfluss in der Themensetzung der übrigen Massenmedien. In Ländern wie Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria oder Senegal hat sich dank der Etablierung einer populären Presse die Zahl der Leserinnen und Leser erhöht, und die Agenda ist pluralistischer als früher. Hinzu kommt, dass die Zeitungen die grösste Verbreitung über die Presseschau im Radio erfahren. In Ghana hat der Publikumserfolg einer am Radio fast integral vorgelesenen Zeitung so weit geführt, dass die Auflage der Zeitung stark gefallen ist und die Redaktion schliesslich eine Urheberrechtsklage gegen die Radiostation eingereicht hat. Für die Zeitungsverlage hat sich die Popularisierung der Presse aber noch kaum ausgezahlt, weil auf einen Käufer in der Regel zehn Leser kommen.

 

Lokalsprachenprojekte und soziale Partikularisierung

Neben in europäischen Sprachen und Arabisch verfassten Pressetiteln gibt es auch einige lokalsprachliche Blätter. Eine der aussergewöhnlichsten Zeitungen ist "Lasli Njëlbéen". Das seit fünf Jahren allmonatlich erscheinende und vom senegalesischen Journalisten und Verleger Seydou N’Diaye herausgegebene Blatt ist in zwei Lokalsprachen verfasst, in Wolof und Pulaar. Diesem Publikationskonzept kommt in dem sozial heterogenen, von knapp 30 verschiedenen Ethnien bevölkerten westafrikanischen Land symbolische Bedeutung zu: Es trägt zur nationalen Einheit und zum sozialen Frieden bei und kämpft gegen Ethnozentrismus und Partikularisierung. Nach Auskunft von Seydou N’Diaye sind die Pulaar zu bis zu 70% in ihrer Muttersprache alphabetisiert, und dem ökonomischen Erfolg seines Produktes stehen vielmehr Distributions- als Sprachprobleme entgegen. Wie wichtig solche interkulturellen Medien sind, verdeutlichen ex negativo die Côte d’Ivoire und Nigeria: Traurige Berühmtheit hat der Artikel einer christlichen Journalistin über die in der nigerianischen Hauptstadt Lagos angesetzten Miss World Wahl 2002 erlangt, der im nördlichen, der muslimischen Gesetzgebung unterworfenen Teil des Landes zu Ausschreitungen mit über 100 Toten geführt hat. Und in der Folge des gescheiterten Staatsstreiches gegen den ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo Mitte September 2002 und dem Ausbruch einer Rebellion, die Land und Bevölkerung in zwei und mehr Teile gespalten hat, sind die Medien zu Sprachrohren der Konfliktparteien, wenn nicht sogar zu Hetzinstrumenten verkommen. In nationalistisch orientierten Radiostationen und Zeitungen wie "Le National", "Le Bûcheron", "L’Oeil du Peuple" oder "Notre Voie" wurden Hasstiraden, xenophobe Kommentare und partisanenhafte Editoriale gesendet und gedruckt, während sich die den Norden und Westen des Landes kontrollierenden Rebellen den Fernsehkanal "RTI" angeeignet haben. Der Des- und Falschinformation, die häufig auf Gerüchten beruht, wurde durch das Sendeverbot der internationalen Radiostationen Tür und Tor geöffnet. "Africa No 1", "BBC" und "RFI" dürfen erst seit der Unterzeichnung der bislang nur schleppend umgesetzten Verträge von Marcoussis Ende Februar 2003 wieder senden.

 

Panafrikanismus online

Seit Ende der 1990er Jahre verzeichnet das Internet grosse Zuwachsraten in Westafrika. Es wird nicht nur von der Privatwirtschaft, der Verwaltung und den Universitäten, sondern in immer grösserem Ausmass auch von vornehmlich jungen Privatpersonen genutzt. In Metropolen wie Abidjan, Dakar oder Lagos konkurrenzieren sich mittlerweile Hunderte von Internetcafés. Die Preise sind auf bis zu 250 Franc CFA pro Stunde (0,6 CHF) gefallen. Einerseits nährt das Internet die Hoffnung, die Nord-Süd-Disparitäten zu verringern, was in einigen Bereichen auch gelungen ist. Beispielsweise fliessen durch westafrikanische Onlinezeitungen und Internetradios heute wesentlich mehr Informationen in den Norden als noch vor wenigen Jahren. Andererseits stehen einer flächendeckenden Verbreitung des neuen Mediums sowohl der Analphabetismus breiter Bevölkerungskreise als auch die hohen Betriebskosten und die mangelhafte oder fehlende Infrastruktur entgegen: In ganz Afrika gibt es weniger als 25 Mio. Fix- und Mobiltelefonanschlüsse und weniger als 10 Mio. Personalcomputer bei einer Gesamtpopulation von 816 Mio. Menschen im Jahr 2001. Vorteile bringen die afrikanischen Onlinemedien vor allem für die grosse afrikanische Diaspora. Diese ist aber nicht nur dank dem Internet mit ihrer Heimat verbunden, sondern kann unterdessen auch erste Radiostationen via "Worldspace" und Fernsehprogramme via Satellitenprogramm empfangen. Darüber hinaus ist sie per E-Mail nicht nur in den Online-Diskussionsforen wie Newsgroups und Chatrooms, sondern auch bei den von Redaktionen in ihren Zeitungen orchestrierten Debatten präsent. Ausserdem nutzt sie in überdurchschnittlich hohem Masse die panafrikanischen Medien wie das Radio "Africa No 1", die Zeitschrift "Jeune Afrique L’Intelligent" oder das Onlineangebot der Presseagenturen "Pana" und "Inter Press Service".

 

Wohlstandssymbol Handy

In den meisten westafrikanischen Ländern gibt es inzwischen mehr drahtlose Telefonverbindungen als Festnetzanschlüsse. Dies hängt damit zusammen, dass eine durchschnittliche Familie über keinen privaten Anschluss verfügt, sondern in öffentlichen Telefonkabinen, so genannten Télécentres, telefoniert. In Burkina Faso telefonieren beispielsweise etwa 200'000 Menschen mit einem Handy. Die Zahl der Handys hat sich nach Désiré Bationo, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des privaten Telekommunikationsunternehmens "Celtel", seit 2001 vervielfacht. Sein Unternehmen wirbt mit dem Slogan "A vous la parole" und trifft damit den Kern von privater Kommunikation und öffentlicher Demokratisierung. Seit der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes können die beiden privaten Unternehmungen "Celtel" und "Telecel" die staatliche "Onatel" konkurrenzieren, wodurch die Preise gesunken sind und die Abdeckung deutlich verbessert wurde. Nichts repräsentiert den relativen Wohlstand in Westafrika so gut wie das Handy. Wer immer es sich leisten kann, telefoniert drahtlos. Obwohl normalerweise keine Gelegenheit ausgelassen wird, sich über die schlechte Wirtschaftssituation zu beklagen, nehmen Jung und Alt die hohen Telefonkosten in Kauf, um (fast) überall erreichbar zu sein. Während in Burkina Faso nur die urbane Bevölkerung in der Hauptstadt Ouagadougou sowie in den fünfzehn grössten Provinzstädten mit der neuesten Telekommunikation versorgt ist, ist im Senegal auch ein Teil der Landbevölkerung ans Netz angeschlossen, wie Ibrahima Ly von "Sonatel" bekundet. Gerade weil das Netz auch in senegalesische Regionen reicht, die über kein Festnetz verfügen, schliesst drahtloses Telefonieren eine Marktlücke. Ly stellt fest, dass das Handy von "500'000 Menschen aus allen sozialen Schichten genutzt wird. Es hat das senegalesische Alltagsleben vollständig verändert, denn es ist Prestigeobjekt, Arbeitswerkzeug und Wirtschaftsfaktor zugleich."

 

Repression in Guinea-Bissau

Dieses optimistische Szenario gilt aber nicht für das unter den Folgen eines ruinösen Bürgerkrieges und eines diktatorischen Regimes leidende Guinea-Bissau. Hier kann nicht einmal von einem eigentlichen Mediensystem die Rede sein. Printmedien sind praktisch nicht erhältlich, da es nicht einmal der Regierung von Präsident Kumba Yala gelingt, eine regelmässig erscheinende Zeitung herauszubringen. Diese Situation erklärt sich durch die Dysfunktion der grundlegendsten Infrastrukturen: Ohne Strom läuft keine Druckerei, ohne internationale Handelsverbindungen lässt sich kein Papier importieren und ohne befahrbare Strassen sind die Zeitungen nicht in den Provinzen vertreibbar. Zu diesen logistischen Problemen gesellt sich die politische Repression: Während der Herausgeber der Zeitung "Correio de Bissau" und des Radios "Bombolom" wegen Verbreitung falscher Informationen im Gefängnis sitzt, hat der Besitzer des Privatradios "Pindjiguiti" aufgrund der eingeschränkten Meinungsäusserungsfreiheit von selbst aufgegeben und seine Frequenz an brasilianische Missionare vermietet. Auch die lokale Redaktion von "RTP" ist nach einer Reportage über die Umstände des Todes von einer politischen Schlüsselfigur, dem General Mané, geschlossen und der portugiesische Direktor ausser Landes verwiesen worden.

 

Höhen und Tiefen der westafrikanischen Medienlandschaft

Die meisten Länder Westafrikas haben seit Anfang der 1990er Jahre eine eigentliche Medienrevolution erlebt, die den alltäglichen Medienkonsum der Menschen und den politischen Diskurs verändert hat. In einigen Ländern und Regionen haben die Massenmedien die Demokratisierung unterstützt, in anderen die Tendenz zu religiöser Partikularisierung gefördert. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, den Pluralismus zu konsolidieren, die inhaltliche Qualität und die redaktionelle Professionalität zu erhöhen, den Fernsehsektor zu liberalisieren sowie den neuen Medien und Technologien auch in den ländlichen Gebieten zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Frank Wittmann ist Assistent am Departement für Gesellschaftswissenschaften der Universität Fribourg und lebt zur Zeit in Dakar, wo er eine Dissertation über eine "Ethnographie der senegalesischen Pressekultur" vorbereitet. In Zeitungen und Zeitschriften berichtet er regelmässig über Gesellschaft, Kultur und Medien Westafrikas.

 

Links:

International Press Institute:
http://www.freemedia.at 

Newsletter zu Massenmedien in Afrika:
http://www.panos-ao.org/actumedias 

Reporters sans Frontières:
http://www.rsf.org 

The African Internet - A status report:
http://www3.wn.apc.org/africa/afstat.htm 

 

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