25. August 2003

Da und fort. Leben in zwei Welten

Ein soziokulturelles Projekt zur Migration in der Schweiz

Heinz Nigg

Migration konfrontiert Einheimische mit Fremdem und Zugewanderte mit dem Fremdsein. Wie aber gibt man diesen abstrakten Vorgängen ein persönliches Gesicht? Das soziokulturelle Forschungs- und Ausstellungsprojekt "Da und fort. Leben in zwei Welten" führt von Migration mittelbar und unmittelbar Betroffene auf vielschichtige Weise zusammen - durch kollektive Erinnerungsarbeit in Erzählworkshops und die Begegnung mit Videoporträts. Ein Bericht über den Einsatz und Nutzen von Video für die Oral History und den interkulturellen Austausch.

1998 haben sich siebzig MigrantInnen aus unterschiedlichen Herkunftsländern im Rahmen von Erzählworkshops mit ihren Lebensgeschichten auseinander gesetzt. Ihre Erfahrungen mit der Migration bildeten die Basis für eine Buchpublikation (Nigg 1999) und eine Reihe von Videodokumentationen, die in der Ausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" noch bis Ende 2003 an verschiedenen Standorten in der Deutschschweiz zu sehen sind. Sowohl die Workshops als auch die Ausstellung der Videoporträts im Rahmen lokaler Veranstaltungen verstehen sich in der Tradition der Soziokulturellen Animation.

 

Kultur in Bewegung

Soziokulturelle Animation will mit künstlerischen, medialen, sozialpraktischen und wissenschaftlichen Methoden die Alltagserfahrungen von gesellschaftlichen Gruppen aufarbeiten, darstellen und öffentlich machen. Soziokulturelle Animation gilt als klassischer Ansatz partizipatorischer Kulturarbeit, wie sie seit den 70er Jahren in Praxisfeldern wie der alternativen Medienarbeit, der Gemeinwesenarbeit und der künstlerischen Intervention im Alltagsraum (soziale Plastik) betrieben wird. Was die Qualität einer "Kultur in Bewegung" ausmacht, hat Margrit Bürer in einem Buch über das Projekt "Kulturmobil" der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia treffend zum Ausdruck gebracht, nämlich "die Umsetzung von Inhalten mit einer Fülle von gestalterischen Ausdrucksformen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und in verschiedenen Lebenswelten zum Einsatz kommen" (vgl. Bürer in Pro Helvetia 2001: 10). An eben dieser Vorstellung von Soziokultur knüpft auch das Projekt "Da und fort. Leben in zwei Welten" an. Ausgangspunkt, Inhalt und Ziel ist der Austausch von Selbst- und Fremdwahrnehmungen in und zwischen Gruppen über die Erfahrung der Migration. Abstrakte Vorgänge wie Migration und Integration erhalten dadurch ein persönliches Gesicht. Das Me­dium Video wird dabei nicht nur zu einem Träger der mündlichen Geschichtsforschung, sondern ermöglicht in Form der ausgestellten Videoporträts eine öffentliche Auseinandersetzung mit Vertrautem und Fremdem.

 

Lebendige Erinnerungsarbeit

"Da und fort. Leben in zwei Welten" ist ein partizipatorisch angelegtes Forschungs- und Ausstellungsprojekt. Die unterschiedlichen Realitäten der Migration wurden von Anfang an in Zusammenarbeit mit direkt und indirekt Betroffenen in Erfahrung gebracht. MigrantInnen, soziokulturelle AnimatorInnen und WissenschaftlerInnen trafen sich in Workshops, um in Gesprächen subjektive und kollektive Erinnerungsarbeit zu leisten. An den Erzählworkshops teilgenommen haben über siebzig MigrantInnen, die sich während eines halben Jahres mit ihren Lebensgeschichten auseinander setzten. Sie kamen aus Italien, Deutschland, Ungarn, der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Mit dabei waren auch SchweizerInnen, die in den 40er und 50er Jahren aus abgelegenen Bergregionen der Innerschweiz, des Wallis und Graubünden in die urbanen Zentren gezogen sind. Die sieben nach Sprachzugehörigkeit organisierten Work­shops boten den Teilnehmenden eine Plattform, um ihre Erfahrungen mit Migration auszudrücken, sie im Spiegel der Erfahrungen anderer neu zu bündeln und zu interpretieren. In der Schweizer Gruppe wurde zum Beispiel ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Landflucht-Bewegung der 40er und 50er Jahre ebenfalls als Migrationsprozess verstanden und mit den Erfahrungen vieler ausländischer ImmigrantInnen durchaus verglichen werden kann.

Alle Beteiligten trugen mit ihren je eigenen Kompetenzen dazu bei, Migrationsprozesse aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dabei begegneten sie einander mit grosser emotionaler Offenheit. Das Erzählen von Geschichten aus der Migration rief Vergessenes in Erinnerung und Freude, Wut und Trauer lebten nochmals auf. In einigen Workshops wurde auch heftig gestritten, zum Beispiel über die unterschiedlichen Migrationserfahrungen von Frauen und Männern oder über die Schwierigkeiten im Zusammenleben von AusländerInnen und Einheimischen. Es brauchte zuweilen viel Geschick der Workshop-ModeratorInnen, um die Diskussionen immer wieder auf die Migrationserfahrungen zu konzentrieren. Ein Thema-Leitfaden half, die Workshop-Abende zu strukturieren und die Materialien der MigrantInnen wie persönliche Gegenstände, Dokumente, Gesprächsaufzeichnungen und Videos für die Migrationsforschung zugänglich zu machen. Das Interesse am interkulturellen Austausch war für die Teilnahme an den Workshops ebenso wichtig wie die Bereitschaft, die Resultate der Erinnerungsarbeit im Rahmen der darauf folgenden Ausstellung zu veröffentlichen. Mehrere Workshop-Gruppen trafen sich auch nach Abschluss des Projektes weiterhin, und der serbisch sprechenden Gruppe gelang unter der Leitung von Erika Sommer und Dejan Mikic die Herausgabe eines weiteren Sammelbandes mit autobiographischen Texten (siehe Mikic/Sommer 2003).

 

Videoporträts auf Wanderschaft

Die Resultate der Workshops wurden in der Ausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" im November 1999 im Museum für Gestaltung in Zürich erstmals öffentlich präsentiert. Seit Mitte 2001 bis Ende 2003 ist eine Auswahl der Videoporträts als Monitor-Installation in der Deutschschweiz auf Wanderschaft. Auf neun Bildschirmen werden sieben Porträts von MigrantInnen gezeigt, die von Abschied, Ankommen und Leben am neuen Ort erzählen. Auf einem weiteren Bildschirm sind Gegenstände, Dokumente und Fotos von MigrantInnen zu sehen, die sie an das Weg- und Zuziehen erinnern. Auf dem neunten Bildschirm antworten zehn Kinder, die aus Sri Lanka, Angola, Indien, Vietnam, Irak und Mazedonien in die Schweiz eingewandert sind, auf die Frage "Was möchtest du werden, wenn du gross bist?"

Die Wanderausstellung wird an den jeweiligen Ausstellungsorten unter Einbezug von sozialen und kulturellen Institutionen sowie Mittel-, Berufs- und Fachhochschulen mit einem Rahmenprogramm ergänzt. Dazu gehören Lesungen, Podiumsdiskussionen, Informationsveranstaltungen und künstlerische Darbietungen bis hin zu multikulturellen Events. Denn wie das Forschungsprojekt im Vorfeld ist auch die Ausstellung partizipatorisch angelegt. Mit Methoden der Gemeinwesenarbeit wurde ein grosser Kreis von Leuten aktiv in die gestalterische Umsetzung und Vermittlung von lokal recherchierten Inhalten zum Thema Migration und Integration involviert. Zudem partizipierte die Caritas Schweiz in Rheinfelden, Zofingen und St. Gallen mit eigenen Initiativen und hat wesentlich dazu beigetragen, die Wanderausstellung regional zu verankern und den soziokulturellen Prozess zu vertiefen. Durch die Offenheit des Ausstellungsprojekts und die Mitwirkung unterschiedlicher Partner findet der mehrstimmige Diskurs, der im Vorfeld der Ausstellung von den MigrantInnen und AnimatorInnen in den Workshops geführt wurde, bei den BesucherInnen der Wanderausstellung eine Fortsetzung. Viele wurden ermutigt, eigene Erkundungen über Migration anzustellen. Die Ausstellungsexponate, die beispielsweise in Rheinfelden, Zofingen, Bern und St. Gallen gesammelt und präsentiert wurden, zeugen von grosser Neugier für die Spuren, welche die Migration im Leben der Betroffenen zurücklässt: lieb gewordene Gegenstände, die jemanden an eine bestimmte Episode in seinem Leben oder an tradierte Werte erinnern, aber auch Fotos und Alltagsgegenstände, Lieder und Kochrezepte, die Bezüge zu anderen, oft gegensätzlichen Welten dokumentieren.

Partizipatorisch angelegte Projekte erfordern von den Beteiligten ein grosses Engagement. Das zeigte sich in Zofingen, wo mit viel Energie ein spannender Lokalteil entwickelt wurde, aber auch in St. Gallen, wo zwei Klassen der Kantonsschule während Monaten an eigenen Projekten arbeiteten, die dann Teil der Ausstellung waren. Dies verlangte von den SchülerInnen und Lehrpersonen eine hohe Einsatzbereitschaft und einen grossen zeitlichen Aufwand, doch die Anstrengungen haben sich gelohnt: Die Ausstellung wurde ausserordentlich gut besucht und andere Schulklassen liessen sich durch die Arbeiten der MaturandInnen zu eigenen Projekten anregen.

 

Vom Mut, Vorurteile anzusprechen

"Die diversen Personen der Videoporträts hatten sehr eindrückliche Sachen erlebt."

"Mich hat beeindruckt, dass die Interviewpartner ohne Hemmungen und ganz offen über ihr Leben erzählt haben."

"Für mich war es nichts neues, denn ich kannte die Meinungen und Einstellungen der Einwanderer (bin Italoschweizer)."

"Ich akzeptiere die Ausländer, wenn sie versuchen sich in unser Volk zu integrieren."

Das sind nur einige Impressionen, die der Ausstellungsbesuch bei den bisher über 17'000 BesucherInnen, darunter 600 Schulklassen und andere Gruppen, hinterliessen. Alle Fachleute, die mit der Ausstellung arbeiten, sei es im Unterricht, in der Jugendarbeit oder in der Erwachsenenbildung, sind herausgefordert, den Verständigungsprozess über Migration und Integration zu moderieren. Das ist kein leichtes Unterfangen, wie die Umfrage eines Berufsschullehrers aus Zürich unter seinen SchülerInnen zeigt. So meint ein junger Lehrling über Ausländer: "Es hat meiner Meinung nach zu viele. Und ein grosser Teil von denen macht sich ein schönes Leben auf unsere Kosten." Kritisch gegenüber Ausländern äussern sich aber auch Jugendliche, die Migration aus nächster Nähe kennen: "Die AusländerInnen merken, was sie alles haben können und wollen immer mehr! Irgendwie sollen sie sich selber helfen. Es hat so viele Ausländer, die Jahrzehnte hier sind und sich auch helfen können." Dies sagt ein in der Schweiz geborener Schüler, dessen Mutter Schwedin und dessen Vater Italiener ist. Laut dem Lehrer dieser Berufsschulklasse bestand die Herausforderung darin, extreme Pauschalisierungen nicht einfach zu übergehen, sondern zur Diskussion zu stellen. Eine Dozentin der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern befürwortet diese Strategie des Einbeziehens. Sie hat beobachtet, wie Jugendliche, die Hakenkreuz-Embleme auf ihrer Kleidung trugen, mit einer Schulklasse die Ausstellung besuchten. Diese haben sich zuerst am Büchertisch herumgedrückt, bevor sie langsam auf die Videoporträts zugingen, sich setzten und zuhörten.

Die Echos auf die Wanderausstellung belegen ein Bedürfnis, mehr über Fremdenfeindlichkeit, versteckten und offenen Rassismus in der Schweiz zu erfahren. Wie SeminaristInnen aus Zürich zu bedenken geben, würde in den Medien so viel über Krieg und Flüchtlinge berichtet, dass nichts mehr so richtig unter die Haut gehe. Die menschliche Nähe fehle, und genau das sei der Boden, auf dem Fremdenfeindlichkeit gedeihe. Die andere Seite des Problems hänge mit dem Alltag in den Schulen zusammen. "Wo bleiben die konkreten Integrationsstrategien? Wir als zukünftige LehrerInnen werden in Klassen mit 30-50 Prozent Ausländeranteil arbeiten. Begegnungen mit MigrantInnen gehören zu unserem Alltag. Aber wie kann ich im Schulalltag sensibel sein und nicht in Fallen tappen? Wie kann ich schwierige Situationen auf gute Weise lösen oder sie vermeiden?", fragen sich die SeminaristInnen. Aber auch bestandene Lehrer sind zuweilen im Umgang mit sozialen und kulturellen Differenzen herausgefordert, wie ein Kantonsschullehrer aus Zürich-Oerlikon bekundet: Die Ausstellung habe ihm Gelegenheit gegeben, sich während zwei Stunden wieder einmal bewusst zu machen, dass er es in der Schule mit Menschen verschiedener ethnischer, religiöser und sozialer Zugehörigkeit zu tun habe. Sie alle müssten sich mit dem Gerundium, dem Subjonctif oder der Schweizergeschichte vertraut machen. Letztlich gehe es aber neben aller Vermittlung von Stoff doch darum, einfach zuzuhören und im besten Fall etwas besser zu verstehen.

 

Kritischer Umgang mit Differenz

Gelingt es, mit einer Wanderausstellung wie dem soziokulturellen Projekt "Da und fort. Leben in zwei Welten" einen kritischen Umgang mit Selbst- und Fremdwahrnehmung von In- und AusländerInnen zu fördern? Eine Rednerin betonte anlässlich einer Vernissage in Zofingen, wie wichtig es gerade in einem Land wie der Schweiz mit einem stark ausgeprägten ethnozentrischen Weltbild sei, die Existenz von anderen, gegensätzlichen Welten immer wieder von neuem zu behaupten: "Allgegenwärtig ist die Auseinandersetzung mit der Welt der eigenen Kultur, der Herkunft, der Welt des Vertrauten, der Mutter- und der Vatersprache, des Glaubens und der Hoffnungen. Bei aller wachsenden Mobilität bleibt die Verbundenheit mit den kulturellen Wurzeln und vor allem die Sehnsucht danach, sobald man fort ist, weg von dem, was einem vertraut ist. Leben in einer neuen Welt heisst insbesondere, sich mit Unbekanntem auseinander zu setzen, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die oft im voraus idealisiert wurde. Es heisst auch, seine Träume, die man oft als einziges Reisegepäck mitgenommen hat, in die Realitäten des Alltags einzuordnen."

Eine solche Sicht auf Kultur als gegensätzliche Welterfahrung birgt die Gefahr der Essenzialisierung in sich. Kulturelle Differenz wird oft überbetont, so dass Migration und Integration vorwiegend als kulturelle Probleme definiert werden und weniger als Probleme der Aufnahmegesellschaft im Umgang mit wirtschaftlichem und sozialem Wandel. Begriffe wie Migration und Integration werden auch immer wieder für politische Stimmungsmache missbraucht. Eine offene und kritische Auseinandersetzung kann bewusst machen, dass es sich hierbei um konstruierte Begriffe handelt, die der Selbstwahrnehmung und der Fremdzuschreibung dienen. Jeder Umgang mit Differenz hat letztlich mit dem Aushandeln von Identitäten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu tun.

Der Gefahr der Essenzialisierung von Kultur, Migration und Integration sind alle interkulturellen Austauschprojekte ausgesetzt. Um so wichtiger ist es, das Augenmerk immer wieder auf diese Problematik zu richten. Die Ausstellungkoordinatorin in Bern empfiehlt zwei Faustregeln: (1.) kritische Selbstreflexion einüben, anstatt sich nur über "fremde Kulturen" informieren und (2.) die Migration als Normalfall und nicht als Störfall behandeln - sie betrifft uns alle.

 

Soziokulturelle Projekte als Form moderner Verständigung

Nach über zwanzig Monaten Wanderschaft und fast ebenso vielen Stationen in der Deutschschweiz kehrt die Wanderausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" im September zurück nach Zürich (Kantonsschule Freudenberg) und geht anschliessend nach Hölstein, Emmen und Schlieren. Einige Erfahrungen stehen noch aus, viele können bereits als Fazit formuliert werden:

Abstrakte Themen wie Migration und Integration können auf Interesse stossen, wenn sie attraktiv zur Darstellung gebracht werden - als Event, Ausstellung oder anschauliches Unterrichtsmaterial. Die Wanderausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" erfüllt diesen Anspruch, wie die Rückmeldungen von Lehrpersonen bestätigen: Die Ausstellung biete "eine moderne Form der Begegnung" mit dem Phänomen der Migration, und der zeitliche Aufwand für den Ausstellungsbesuch mit der Klasse korrespondiere mit dem "emotionalen und intellektuellen Engagement am Thema". Der lebensweltliche Bezug der Ausstellung vermag aber auch die direkt Betroffenen anzusprechen. So stellt etwa der Ausstellungskoordinator in St. Gallen fest, dass MigrantInnen im Rahmen von Beschäftigungsprogrammen oder Deutschkursen es schätzten, eine Ausstellung zu besuchen, die nicht nur Probleme der Migration, sondern auch Erfolgsgeschichten zeige.

Das Echo der BesucherInnen von "Da und fort. Leben in zwei Welten" macht deutlich, dass die Kombination von Migrationsforschung, Soziokultureller Animation und Bildungsarbeit eine wesentliche Voraussetzung ist, um der Vielstimmigkeit im Migrations- und Integrationsdiskurs zum Durchbruch zu verhelfen. Denn die praxisorientierte Alltagsforschung unter Einbezug verschiedener sozialer Gruppen ermöglicht einen kritischen Umgang mit Bildern von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Interkulturelle Austauschprozesse können aber nur gelingen, wenn auch anders Denkende in den Diskurs über Migration und Integration einbezogen werden. Dies bedingt ein hohes Bewusstsein über soziale und kulturelle Differenz und die Fähigkeit, Leute in Bezug auf ihr Wissen und ihre Erfahrungen dort "abzuholen", wo sie sind. Hier liegt die Chance von Soziokultureller Animation und Gemeinwesenarbeit. Allerdings sind Partizipationsprojekte auch ein Wagnis: Überforderung und Enttäuschung beim Nichterreichen von zu hoch gesteckten Zielen müssen deshalb immer auch Gegenstand der Auswertung sein.

Soziokulturelle Projekte wie die Wanderausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" stellen eine moderne Form der Verständigung über Migration und Integration dar. Sie sprechen neben den kognitiven auch die emotionalen Seiten der Ausstellungsbesucher und -besucherinnen an und können daher auch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erreichen.

Wie sich gezeigt hat, eignen sich Videoporträts für die Darstellung lebensweltlicher Aspekte der Migrations- und Integrationsproblematik besonders gut. Um ein breiteres Spektrum von Migrationserfahrungen abzudecken, müssten allerdings noch mehr Porträts aufgezeichnet werden, um zum Beispiel weitere Altersgruppen (wie die "Secondos"), Länder, Regionen und Themenschwerpunkte zu berücksichtigen. Zum Vergleich: Allein mit VertreterInnen der Schweizer Aktivdienstgeneration wurden 700 Oral History-Videogespräche aufgezeichnet, um ein umfassendes Bild dieser Generation und Zeit zu erhalten. In diesem Umfang müssten auch Zeitdokumente mit MigrantInnen erarbeitet werden, ist doch ihr Beitrag zur jüngsten gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz heute ebenso wichtig für das kollektive Bewusstsein wie die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg.

Damit eine mediale Wanderausstellung wie "Da und fort. Leben in zwei Welten" am jeweiligen Ort Resonanz erzeugt, braucht es ein Handlungs- und Kommunikationskonzept. Es geht nicht nur darum, mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit die anvisierten Besuchergruppen zu erreichen. Ebenso wichtig ist die Vernetzung mit anderen Projekten und Stellen, die sich in der Region mit Migration und Integration beschäftigen.

Schliesslich muss bei interkulturellen Austauschprojekten wie "Da und fort. Leben in zwei Welten" der Essenzialisierung von Begriffen wie "Kultur", "Migration" und "Integration" begegnet werden. Oft werden sie normativ aufgeladen, um den gerade vorherrschenden Diskurs über Migrations- und Integrationspolitik zu bedienen. Ein offener und selbstkritischer Umgang mit diesen Begriffen bleibt zentral.

 

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Heinz Nigg, Ethnologe und Videoschaffender, ist Initiant und Koordinator des Forschungs- und Ausstellungsprojekts "Da und fort. Leben in zwei Welten". Im Limmat Verlag ist ein gleichnamiges Buch sowie eine audiovisuelle Dokumentation auf VHS und DVD erschienen (vgl. Nigg 1999, 2002). Unterrichtsmaterialien von Heinz Nigg und Sabine Fischer zu den vielfältigen Aspekten der Migrations- und Integrationsproblematik finden sich auf der Website www.da-und-fort.ch

Die Wanderausstellung "Da und fort. Leben in zwei Welten" ist vom 1. bis 12. September 2003 in der Kantonsschule Freudenberg in Zürich zu sehen und geht anschliessend nach Hölstein (13. Okt. bis 9. Nov. 2003, Tagungsort der ref. Kirchen Basel-Landschaft), Emmen (11. bis 21. Nov. 2003, Berufsbildungszentrum) und Schlieren (24. bis 30. Nov. 2003, Schulhaus Kalktarren). Anschliessend werden die audiovisuellen Materialien auf DVD und VHS im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich archiviert und der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich sein.

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wurde unterstützt vom Sozialdepartement der Stadt Zürich, das die Erzählworkshops mit den MigrantInnen mitangeregt und finanziert hat. Ebenfalls mit einem Beitrag und mit personellen Ressourcen beteiligte sich die Fachstelle für Interkulturelle Fragen (FiF) des Präsidialdepartements der Stadt Zürich. Weitere Finanzgeber waren: Bundesamt für Kultur, Pro Helvetia, Volkart Stiftung, Cassinelli-Vogel Stiftung, Grütli-Stiftung und Zürcher Kantonalbank. Bei der Finanzierung der Wanderausstellung waren massgeblich beteiligt: die Eidgenössische Ausländerkommission (EKA) des Bundesamtes für Ausländerfragen, der Kanton Zürich und die Sophie und Karl Binding Stiftung. Weitere Finanzgeber waren: Pro Helvetia, Stiftung Bildung und Entwicklung, Caritas Schweiz, Kantone Appenzell IR, Appenzell AR, Basel-Landschaft, Bern, Graubünden, Thurgau, Zug und die Firma cablecom. Patronat: Nationale Schweizerische UNESCO-Kommission, Eidgenössische Kommission gegen Rassismus, Schweizerisches Forum für Migrationsstudien, Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren und Pro Juventute.

 

Literatur:

Mikic, Dejan / Sommer, Erika (Hrsg.) (2003): "Als Serbe warst du plötzlich nichts mehr wert". Serben und Serbinnen in der Schweiz. Zürich.

Nigg, Heinz (Hrsg.) (1999): "Da und fort. Leben in zwei Welten". Immigration und Binnenwanderung in der Schweiz. Mit Beiträgen von Anita Dahinden, Musa Dursun, Andrea Eugster, Sabine Fischer, Susanne Gisel-Pfankuch, Therese Halfhide, Raphaela Hettlage, Elisabeth Joris, Erika Keil, Dejan Mikic, Heinz Nigg, Rosanna Raths-Cappai, Susanne Rudolf, Sandrine Schilling, Nadine Schneider, Olga Serafimovski Milenkovic, Hava Shala Gerguri, Kaatje Sprenger, Nicole Tellenbach und Viktoria Toth. Limmat Verlag, Zürich.

Nigg, Heinz (Hrsg.) (2002): "Da und fort. Leben in zwei Welten". Videodokumentation auf DVD und VHS. Limmat Verlag, Zürich.

Nigg, Heinz / Fischer, Sabine (o.J.): Unterrichtsmaterialien zu "Da und fort. Leben in zwei Welten": http://www.da-und-fort.ch/pdf/daundfort_mat.pdf  (10.8.2003).

Pro Helvetia (Hrsg.) (2001): Kultur in Bewegung. Das Projekt Kulturmobil der Stiftung Pro Helvetia. Grundsätze, Methoden, Bedingungen und Erfahrungen. Mit Beiträgen von Ingrid Ballenthin Hermann, Margrit Bürer, Jean-Marc Genier, Pio Gonzato, Rolf Keller, Orazio Martinetti, Rita Rudaz, Marcel Sonderegger, Reto Stäheli, U. Werner Winterberger und Rachele Zurini. Chronos Verlag. Zürich.

 

Links:

"Da und fort. Leben in zwei Welten" - Website zur Wanderausstellung und Videodokumentation über Immigration und Binnenwanderung in der Schweiz mit Unterrichtsmaterialien:
http://www.da-und-fort.ch 

AV-Produktionen - Website von Heinz Nigg zu seinen ethnographischen, sozialen und kulturellen Projekten unter Einbezug audiovisueller Medien wie Video, Fernsehen und Multimedia:
http://www.av-produktionen.ch 

Schweizerische Gesellschaft für Kulturwissenschaften (SGKW)
http://www.culturalstudies.ch

 

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