20. September 2001

Mediale Gewalt in neuem Licht

Charles Martig

Die Katastrophe geschah in Echtzeit und mit einem perfekten Timing. Dramaturgisch grenzt der Terror-Anschlag auf New York an die geniale Inszenierung eines Hollywood Blockbusters der neunziger Jahre. In Schockwellen hat sich die Attacke auf das World Trade Center über die vernetzte Mediengesellschaft ausgebreitet und dabei eine Aufmerksamkeit erhalten, die kaum zu übertreffen ist. 

Auf dem Fernsehbildschirm bildete sich am 11. September 2001 ein reales Geschehen ab, das ich in zahlreichen Veranstaltungen der Erwachsenenbildung zum Thema Apokalypse seit rund vier Jahren besprochen und bearbeitet habe. Ausgangspunkt waren jeweils Katastrophenfilme mit einem Science-Fiction Genremix wie "Independence Day", "Armaggedon" oder "End of Days". Wer hätte gedacht, dass der Schritt vom Film zur Katastrophe so klein ist, dass die Verwandlung von Fiction in harte Fakten derart schnell eintreten würde? Die Überwältigung der Zuschauer mittels Special Effects hat mich immer sehr skeptisch gemacht. Die Erzählhaltung, die in den einschlägigen Hollywood-Produktionen zum Ausdruck kommt, hat häufig ein reaktionäres Schema von "Gewalt fordert Gegengewalt heraus!". 

Die ersten Stellungnahmen von Präsident Bush haben mich in erschreckender Weise an die Ansprachen der fiktionalen Leaderfiguren in den amerikanischen Filmen erinnert. Zwei mögliche Deutungen für dieses Phänomen bieten sich mir an: Entweder haben Hollywoods Drehbuchautoren die Realität visionär vorweggenommen oder das gesellschaftliche System der USA funktioniert wesentlich nach dem Mechanismus des Herrschaftsanspruchs über die Welt sowie nach dem zutiefst apokalyptisch geprägten Schema des endzeitlichen Kampfes zwischen Gut und Böse. Auffallend ist auch die enge Verbindung von Terrorismus und Katastrophenszenarien, die vor allem in Filmen mit Bruce Willis ("Stirb langsam") und Arnold Schwarzenegger ("True Lies") immer wieder aufgenommen wurde. Das Problem in diesen Actionfilmen war jeweils die Rechtfertigung der Gewalt gegen die Angriffe des Bösen: Schwarzenegger mähte die arabischen Terroristen gleich reihenweise mit dem Maschinengewehr um, und das Kinopublikum konnte sich in einem Akt der Regression an diesen Szenen ergötzen. 

Plötzlich erscheinen diese Produkte der Unterhaltungsindustrie in einem anderen Licht. Die Ereignisse haben die kollektive Fantasie eingeholt und erschüttert. Positiv überrascht lese ich vom Entscheid bei Warner Bros. den Polit-Thriller "Collateral Damage" mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle zurück zu ziehen. Die Premiere am Filmfestival Chicago vom 4. Oktober wurde abgesagt und sämtliche Werbung für den Film mit sofortiger Wirkung gestoppt. Die Viennale 2001, das wichtigste Filmfestival in Österreich, hat ihr Veranstaltungsplakat ersetzt. Auf dem Ende August erschienen Poster war ein Flugzeug am Wolken verhangenen Horizont zu sehen. Das Signet führe zu missverständlichen Interpretationen. Ein kritischer und bewusster Umgang mit Bildern verbiete den weiteren Gebrauch des Plakats, liess die Festivalleitung wissen. Die Besonnenheit und selbstkritische Haltung werfen bei mir zahlreiche Fragen auf. Ob diese und andere Massnahmen nur momentane Reaktionen bleiben oder einen tiefgreifenderen Umgang mit Bildern der Gewalt andeuten, werden die kommenden Monate zeigen. Ich hoffe auf eine grössere Sensibilität in der Filmbranche, nicht nur an den Festivals sondern auch in der Unterhaltungsindustrie.

 

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