20. September 2001

Bilder wie im Kino

Franz Everschor

Dienstag, 11. September 2001, 6.30 Uhr an der amerikanischen Westküste. Ich schlafe noch. Meine Frau, die früh aufgestanden ist, weckt mich und schaltet den Fernseher an. In mein erwachendes Bewusstsein dringen Bilder von Hochhäusern und Explosionen. Was für ein Film ist denn das? "The Towering Inferno"?, "Die Hard"?, "Independence Day"? Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass da gar kein Film gezeigt wird.

10.30 Uhr. Ich sitze immer noch vor dem Fernseher. Sonst lese ich morgens erst einmal ein paar Zeitungen. Doch die Zeitungen haben heute nichts zu sagen. Die Wirklichkeit spielt sich auf dem Bildschirm ab. Live. Das ist es, was einen so mitnimmt. Zeuge zu sein und nichts tun zu können.

12.00 Uhr. Erste Telefonanrufe. Die Erstarrung will vorerst nicht weichen. Doch man möchte sich mitteilen. Alle sagen das Gleiche: Es ist wie im Kino. Niemand will glauben, dass die Bilder wahr sind. Aber jeder weiß es.

14.00 Uhr. Ich habe hin und her geschaltet zwischen den amerikanischen Fernsehstationen und der Deutschen Welle. Ich möchte erfahren, wie man in Deutschland mit den Ereignissen umgeht. Die Deutsche Welle sendet jetzt das ARD-Programm: "Brennpunkt", "Tagesthemen". Während sich bei CNN, ABC und CBS ständig dieselben unfassbaren Aufnahmen wiederholen, beginnt man in Deutschland schon zu analysieren. Amerika ist noch nicht so weit. Das Land, das im 20. Jahrhundert keinen Krieg auf eigenem Boden gekannt hat, beginnt das neue Jahrhundert mit einer erschütternden Erfahrung. Jedes Gefühl der Sicherheit und Unantastbarkeit ist den Menschen brutal geraubt worden. Sie brauchen nicht mehr ins Kino zu gehen, um zu erleben, dass auch Amerika verwundbar ist. Das unheimliche Schweigen am Himmel erinnert sie daran.

15.00 Uhr Ich reiße mich vom Fernseher los und schreibe einen ersten Kommentar für die "Funkkorrespondenz". Dabei wird mir bewusst, dass ich den ganzen Tag über keinen einzigen Werbespot gesehen habe. Viel später erfahre ich, dass die TV-Industrie deshalb mit einem Verlust von täglich 100 Mio. Dollar rechnen muss. Keiner spricht darüber. Wie auch keiner darüber spricht, dass die sonst spinnefeindlichen Sender alles Bildmaterial untereinander austauschen. Fernsehen ist zum Fenster der Nation geworden. Auch mehrere Tage später gibt es noch kein normales Programm.

20.00 Uhr. Meine Frau kommt nach Hause. Sie ist Psychotherapeutin. In ihrer Praxis, erzählt sie, habe jeder Patient mit ihr über die Terror-Anschläge sprechen wollen. Persönliche Probleme sind an diesem Tag für alle Amerikaner in den Hintergrund getreten.

Mittwoch, 12. September 2001. Auch nach dem Schlaf ist die Welt nicht wieder normal geworden. Heute sind die Telefonleitungen ins Ausland offen. Verwandte und Freunde aus Deutschland rufen an. Es tut gut, ihre Sorge, ihre Betroffenheit, ihre Solidarität zu spüren.

Donnerstag, 13. September 2001. Amerika erwacht nur langsam aus dem Trauma. In Zeitungen und Fernsehen tauchen Berichte über die Opfer auf. Und auch über Menschen, die Glück gehabt haben: der Vizepräsident einer Firma, der seine Tochter zur Schule gefahren hat, während 700 seiner Kollegen unter den Trümmern begraben wurden; die Angestellte von Morgan-Stanley, die am Leben blieb, weil sie eine Zigarette rauchen ging.

Freitag, 14. September 2001. Das Leben geht weiter. Ich brauche die Videokassette eines Films. Der "Blockbuster"-Laden sieht noch genauso aus wie in der Woche zuvor. Fast wundert man sich darüber. Da stehen sie in den Regalen, die Kassetten von "The Towering Inferno", "Die Hard", "Independence Day". Keiner hat sie heute ausgeliehen. NBC teilt am Nachmittag mit, das Network werde den Beginn seiner lange erwarteten Serien für die Fernsehsaison 2001/02 verschieben. Aus Hollywood kommen Nachrichten, dass mehrere Film-Premieren abgesagt wurden, unter anderem der neue Schwarzenegger-Film "Collateral Damage". Nichts wird mehr so sein wie vorher.

 

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