11. Mai 2009

Kirche im Web 2.0

Euphorie oder kritische Zurückhaltung?

Charles Martig

Der Mediensonntag 2009 ist den digitalen sozialen Netzwerken gewidmet. Die Wertschätzung des Papstes für das Web 2.0 geht aus seiner Botschaft an die «digitale Generation» klar hervor, lässt aber einige kritische Aspekte vermissen. So dienen die Netze nicht nur freundschaftlichen Beziehungen, sondern auch organisierten Interessengruppen, die handfeste Ziele verfolgen. Dazu gehört auch die katholische Kirche, die im Web 2.0 bereits unterschiedlichste Erfahrungen gesammelt hat.

Nach den Schockwellen, die sich aufgrund der Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Bruderschaft und der Affäre Williamson durch die katholische Welt verbreiteten, reibt man sich in den Führungsetagen der röm.-kath. Kirche die Augen. Ungewöhnlich selbstkritische Töne werden angeschlagen. In der Schweiz haben Abt Martin Werlen und Generalvikar Roland B. Trauffer öffentlich von einem «Fehlurteil» gesprochen. In einer ausführlichen Stellungnahme hat Bischof Kurt Koch versucht, den Sachverhalt gegenüber dem Kirchenvolk darzulegen. Doch eine einheitliche Position der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) war bisher nicht zu erkennen. Zwar ist es offensichtlich, dass der Entscheid vom Vatikan ohne Konsultation der SBK und der Deutschen Bischofskonferenz gefällt wurde. Dieser schwerwiegende Fehler in der internen Kommunikation hat sich zu einem regelrechten Kommunikations-Unfall nach aussen entwickelt. Dabei wurde insbesondere der beschleunigende Effekt des Internets unterschätzt: Bereits am 22. Januar 2009 war das Video-Interview mit Williamson im Internet verfügbar. Zwei Tage später brach eine noch nie dagewesene Welle der medialen Empörung und Berichterstattung über die katholische Kirche herein. Die bittere Ironie dieser Ereigniskette: Just am 24. Januar 2009 wurde die neue Botschaft zum Mediensonntag vom päpstlichen Rat für soziale Kommunikation veröffentlicht, in der es explizit um die Chancen und Gefahren der neuen digitalen Technologien geht. Eine Lektüre dieser Papstbotschaft ist also gezwungenermassen auch ein Kommentar zu den eigenen Unzulänglichkeiten in Sachen Online-Kommunikation der röm.-kath. Kirche.

 

Neue Technologien als «Geschenk für die Menschheit»

Papst Benedikt XVI. richtet sich in seiner Botschaft an die «digitale Generation». Dabei betont er das ausserordentliche Potential der neuen Technologien und spricht sogar von einem «Geschenk für die Menschheit». Der Titel der Botschaft ist bereits Programm und vermittelt die angezielten Sachverhalte: «Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft». Unter diesem Titel erwartet man eine technikfreundliche Befürwortung des Web 2.0 und seiner Anwendungen, insbesondere bezüglich der sozialen Netzwerke. Die Wertschätzung des Papstes für diese neue Form der Kommunikation ist gross. Das Potential sieht er vor allem in der Möglichkeit, neue Beziehungen zu schaffen. Die neuen Medien verbinden und wecken Verständnis zwischen Menschen und Gemeinschaften. Konkret werden die vielen Vorteile benannt, die sich durch die vernetzte Kommunikationskultur ergibt: Familienverbindungen über grosse Entfernungen, Kooperation in wissenschaftlichen Forschungsgruppen oder dynamischere Formen des Lernens.

Die Botschaft führt diese neue Form der Kommunikationskultur auf ein grundlegendes menschliches Bedürfnis zurück: dem Verlangen nach Kommunikation und Freundschaft. In einer theologischen Anthropologie wird dieses Verlangen als «Teilhabe an der Liebe Gottes» interpretiert. «Wenn wir das Bedürfnis empfinden, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, wenn wir möchten, dass wir diese besser kennenlernen und diese uns selbst kennenlernen, dann antworten wir auf einen Ruf Gottes, einen Ruf, der unserem Wesen als nach dem Bild und Gleichnis Gottes – des Gottes der Kommunikation und der Gemeinschaft – geschaffenen Menschen innewohnt.» Diese Argumentationsform greift auf ein klassisches Muster der theologischen Verhältnisbestimmung zwischen Gott und Mensch zurück: Weil Gott in seinem Wesen Beziehung ist, wirkt er beim Menschen gemeinschaftsbildend. Nach biblischer Tradition ist nämlich der Mensch als ein Abbild Gottes immer auf seinen Schöpfer zurückverwiesen. Im Zusammenhang einer dialogischen oder kommunikativen Theologie versteht der Papst Gott als solidaritätsstiftende Kommunikation.

 

Tugendethik und antimoderne Tendenzen

In einem Rekurs auf grundlegende Werte versucht das Positionspapier, Moderne und Tradition zu verbinden. Es wird hier die Qualität des Dialoges, der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts angesprochen. Damit bestätigt sich der päpstliche Rat als Anhänger einer Tugendethik, der von den Anwendern der neuen Technologien einen Beitrag zu einem Ethos des Mediengebrauchs erwartet. Entgegen dem Titel und dem tugendethischen Ansatz handelt die Botschaft jedoch nicht nur von den positiven Aspekten der neuen Technologien. Es sind auch kritische Aspekte angesprochen. Insbesondere der «digital gap», der Ausschluss der Armen und Benachteiligten aus dem technologischen Paradies, wird angesprochen; ebenso die Gefahr einer Internetsucht, die wirkliche soziale Kontakte durch virtuelle Verbindungen ersetzt.

 

Dialog im Cyberspace

Insgesamt kann der päpstliche Rat für soziale Kommunikation jedoch den moderaten Euphorikern zugerechnet werden. Der Aufruf zum Dialog im Cyberspace besteht darin, dass aufrichtige Ausdrucksformen und respektvolles Zuhören gefordert werden. Dabei bezieht sich die Botschaft auf die Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Schönen. Dieser Bezug geht in Richtung eines Idealismus, den die Realität gar nicht einlösen kann. Wer sich in interaktiven Plattformen wie Youtube oder Facebook bewegt weiss, dass es dort nicht nur Schönes und Gutes gibt, sondern wie auf jedem Marktplatz auch Sensationslust, Verunglimpfung und Gewaltdarstellung. Dabei ist weniger der Konsumismus das schwerwiegendste Problem, wie in der Botschaft erwähnt, sondern die weitgehend unreflektierte Haltung der Nutzer und Nutzerinnen, die persönliche Daten, Bilder und Videos unbesehen in die sozialen Netzwerke hochladen. Dass diese Profile für die globalen Anbieter im Markt äusserst wertvoll sind, ist eine Sache. Dass diese Daten jedoch nicht mehr aus den sozialen Netzwerken gelöscht werden können, eine ganz andere. Es handelt sich um eine neue Dimension der Datenfreigabe, die sich in der euphorischen Entwicklung des Web 2.0 auf einem vollständig neuen Level bewegt. Das bisherige Konzept des Datenschutzes wird hier vollständig untergraben. Dass dieser kritische Aspekt in der Botschaft gar nicht auftaucht, vermittelt einen etwas naiven Eindruck im Positionsbezug.

 

Wenn alle mit allen befreundet sind

Die Botschaft insistiert darauf, den Begriff und die Erfahrung der Freundschaft, wie sie in den sozialen Netzwerken gebraucht werden, nicht der Banalisierung auszusetzen. Hier trifft sie einen wichtigen Punkt, angesichts der Möglichkeit mit einem einfachen Knopfdruck einen «friend» zu bestätigen. Wie nachhaltig diese Freundschaften sind, zeigt sich erst in der Zeitdimension und in der Interaktion. Geht es den Nutzern um Anerkennung auf einer sozialen Plattform, indem sie möglichst schnell, möglichst viele virtuelle Freunde sammeln? Wird diese Funktion vor allem instrumentell verstanden, indem Themen auf den sozialen Plattformen besetzt werden? Angesichts des zunehmenden Einflusses von politischen und ökonomischen Organisationen scheint der Begriff der «Freundschaft» antiquiert. Vielmehr wäre wohl von Interessengruppen zu sprechen. In diesem Sinne spricht die Botschaft positiv davon, «dass neue digitale Netze entstehen, die die zwischenmenschliche Solidarität, den Frieden und die Gerechtigkeit, die Menschenrechte sowie die Achtung vor dem Leben und dem Gut der Schöpfung zu fördern versuchen.» Es sind darüber hinaus aber auch Akteure am Werk, die handfeste Interessen mittels der sozialen Plattformen durchzusetzen versuchen. Auch die katholische Kirche gehört zu diesen potentiellen Nutzern der Netzwerke.

 

Evangelisierung des «digitalen Kontinents»

Die katholische Kirche versteht die neuen Technologien primär als Chance, ihre eigenen Anliegen in die digitale Welt hinauszutragen. Der Papst wendet sich deshalb auch direkt an die jungen Menschen mit einem Aufruf zur Verkündigung. Er spricht von der «Verkündigung Christi in der Welt der neuen Technologien» mit dem Zusatz, dass dies eine vertiefte Kenntnis für einen angemessenen Gebrauch voraussetze. Wie bei früheren technologischen Entwicklungssprüngen zeigt sich hier die katholische Kirche als offensive und initiative Organisation, die sich relativ schnell mit den neuen Möglichkeiten vertraut macht. Offen wird von der Aufgabe der Evangelisierung dieses «digitalen Kontinents» gesprochen. Mit solch einer Mission betraut, ist es für die katholische Kirche in der Schweiz, Österreich und Deutschland sinnvoll, dass sie sich im Web 2.0 engagiert, interaktive Plattformen unterstützt oder selbst betreibt.

 

Charles Martig ist Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes und Co-Herausgeber des Medienhefts.

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Links:

 

Schweiz

kath.ch – Internetportal der katholischen Kirche in der deutschen Schweiz:
http://www.kath.ch

Weblogs auf kath.ch:
http://www.kath.ch/index.php?&pw=PW&na=6,4,0,0,d,49709

Mediensonntag der katholischen Kirche in der Schweiz:
http://www.mediensonntag.ch

Papstbotschaft zum Mediensonntag 2009:
http://www.mediensonntag.ch/2009/dokumente.php

 

Deutschland

katholisch.de – Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland:
http://www.katholisch.de

Web TV auf katholisch.de:
http://www.katholisch.de/livevideo.aspx

 

International

Popetube: Der Channel des Vatikans auf der Youtube Plattform:
http://www.youtube.com/vatican

CatholicTV – America's Catholic Television Network:
http://www.catholictv.com/Home.aspx

 

Private katholische Anbieter

H2O:
http://www.h2onews.org/index.php

Gloria TV:
http://www.h2onews.org/index.php

Kathtube:
http://www.kathtube.com

Kathpedia – Die frei katholische Enzyklopädie:
http://www.kathpedia.com

 

Quelle:

Bischof Kurt Koch: Streit um das Konzil. Stellungnahme zur gegenwärtigen Situation in unserer Kirche, 11. März 2009: http://www.kath.ch/sbk-ces-cvs/text_detail.php?nemeid=111865&sprache=d

 

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