14. August 2009

TV als Hersteller sozialer Ordnung?

Ordnungsfiktionen auf RTL, Sat.1 und ProSieben

Regula Bähler

Das Tagesprogramm der drei grössten deutschen Privatsender macht das Fernsehen immer mehr zum Massen-Coach. Den Talkshows, Doku-Soaps und Gerichtshows ist gemeinsam, dass sie nach einer sozialen Ordnung streben. Dabei verfügen sie über eine immer gleich bleibende, in sich abgeschlossene Erzählstruktur. Nicole Labitzke hat sich diese «Ordnungsfiktionen» genauer angesehen und in ihrem gleichnamigen Buch beschrieben.

Ziemlich aufgeräumt und süffisant blickt das Trüppchen um Richter Alexander Hold vom Buchumschlag, wobei nicht ganz klar ist, ob sich die Damen und Herren in den Talaren selbst auf den Arm nehmen oder ob an ihnen ernsthaft kein Vorbeikommen ist. Sie, die auf der Homepage von Sat.1 Rechtsanwältin oder einfach Jurist als Traumberuf angeben, üben diesen auch in ihrem realen Leben aus oder haben diesen ausgeübt. Nun inszenieren sie sich in den Rollen des Richters, der Strafverteidigerin und des Staatsanwalts selbst, jeweils werktags auf Sat.1 in der Gerichtsshow «Richter Alexander Hold». Insofern sind sie echt. Alle weiteren Auftretenden – die Angeklagten, Zeugen oder Gutachter – sind Laiendarsteller. Zur Aufführung gelangt das Spiel einer Hauptverhandlung vor dem Strafgericht, nach einem vorgegebenen Skript, welches – wie im realen Prozess – nur zwei Ausgänge kennt: die Verurteilung oder den Freispruch. In gerade mal einer knappen Stunde, abzüglich Werbepausen, waltet da so etwas wie Recht und Gerechtigkeit, und es scheint am Ende alles ordentlich und in Ordnung.

An diesem Punkt der Herstellung eines weit reichend fiktiven Ordnungsraums setzt die kommunikations- und medienwissenschaftliche Untersuchung von Nicole Labitzke an. Unter dem Titel «Ordnungsfiktionen» hat sie der Johannes-Gutenberg Universität Mainz ihre Dissertation* vorgelegt, welche das Tagesprogramm der drei grössten deutschen Privatsender RTL, Sat.1 und ProSieben zwischen 10 und 18 Uhr näher beleuchtet. Im Zentrum stehen die täglichen Talksendungen, Gerichtsshows, Doku-Soaps und Boulevardmagazine. Dabei macht die Autorin zwischen 2001 und 2005 einen Paradigmenwechsel aus, weg von den Talks und hin zu geskripteten Sendungen.

Von den Talkshows, die seit den 1990er Jahren nach amerikanischem Vorbild auf die Inszenierung und Dramatisierung des täglichen Streits um Themen wie Seitensprünge, Schönheitsoperationen oder soziales Schmarotzertum ausgerichtet sind, haben bis heute gerade mal zwei überlebt: nämlich «Britt – Der Talk um eins» bei Sat.1 und «Die Oliver Geissen Show» bei RTL. Letztere wird aber wegen unbefriedigender Quoten auf Ende der Sommerpause abgesetzt. Zwar bemüht sich die Moderation in den Talksendungen, das angesprochene Problem auf den entscheidenden Punkt zu bringen – allenfalls mit einem Vaterschaftstest oder bei «Britt» auch unter Einsatz eines Lügendetektors. Doch ist das Publikum offenbar mehr an autoritativen Feststellungen von Gut und Böse oder Recht und Unrecht interessiert. Dies ist für Nicole Labitzke denn auch die zentrale Weiterentwicklung von den Talk- zu den Gerichtsshows.

 

Die Sprache als ordnende Struktur

Das Bedürfnis des Publikums nach einer ansprechbaren, zugänglichen und sozialen Institution, so Labitzke, steht in Wechselbeziehung mit einem sozio-politischen Klima der Verunsicherung, in dem das Jahr 2005 einen Meilenstein gesetzt hat: Die Arbeitslosenquote lag in der Bundesrepublik Deutschland seit 1950 erstmals wieder zwischen 10 und 13 Prozent, mit der Einführung von Hartz IV sollten die Stellensuchenden in ihren Bemühungen stärker in die Pflicht genommen werden, und der Staat baute gleichzeitig Sozialleistungen ab. Kommt hinzu, dass zwischen 10 und 18 Uhr vor allem Menschen vor dem Fernseher sitzen, welche keine Verpflichtungen ausser Haus haben, mithin Arbeitslose, Rentnerinnen und Rentner, Hausfrauen, Hausmänner und Kinder. Die Rede vom Unterschichtenfernsehen machte die Runde und damit die Auffassung, wonach geringes Einkommen mit dem Konsum von minderwertigen Programmen einhergehe.

Nicole Labitzke referiert die entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten, sie setzt ihren Schwerpunkt aber nicht auf die Erforschung des Zielpublikums, sondern leistet eine eingehende textwissenschaftliche Analyse. Dazu erfasste sie die Tagesformate der drei Privatsender Sat.1, RTL und ProSieben in der Sendewoche vom 12. bis 16. September 2005. Denn neben dem Fernsehstudio als Handlungsraum haben die Formate vor allem eine gemeinsame Konstante: der Vorrang der Sprache vor bildgestalterischen Elementen, der sich wie ein roter Faden durch die Gerichtsshows zieht und auch die früheren Talksendungen prägte. Menschen erzählen subjektiv gefärbte Geschichten, die in den Talks mehr oder weniger authentisch sind und in den Gerichtsshows nach einem Skript folgen.

Das Aufrollen der eigenen Geschichte hat bei der Urmutter aller deutschen Gerichtsshows, «Richterin Barbara Salesch» auf Sat.1, nicht so richtig geklappt, weshalb die Betroffenen bald einmal durch Laiendarstellerinnen und -darsteller ersetzt worden sind. Dieselbe Erfahrung hat die Diplompsychologin Angelika Kallwass in der nach ihr benannten Sat.1-Sendung «Zwei bei Kallwass» gemacht: Knapp vier Wochen nach dem Sendestart haben Laiendarsteller die Rollen der zwei streitenden Parteien im Media­tionsverfahren übernommen. In einer Mischform aus Talk- und Gerichtsshows breiten zwei oder mehrere Personen einen in der Psyche wurzelnden Konflikt aus. Angelika Kallwass berät und zeigt Auswege auf. Diese Inszenierungen belassen dem Gespräch die zentrale Funktion wie in den Talksendungen, die in sich abgeschlossenen Erzählungen enden jedoch mit einer Lösungsorientierung wie die Gerichtsshows.

Von dieser Beobachtung ausgehend vertritt Nicole Labitzke die These, derzufolge sämtliche sprachlichen Handlungen in den untersuchten Tagesprogrammen in ein hierarchisches Sprechersystem eingebettet sind. Die soziale Ordnung, welche zum Schluss hergestellt wird, erweist sich als Ergebnis sprachlichen Handelns, bei dem die Beteiligten Normen und Werte verletzen oder bestätigen. Deshalb orientiert sich ihre Untersuchung an den Fragen des Aufbaus des Sprechersystems in den einzelnen Sendungen wie auch der Ausgestaltung des Fernsehstudios als Ordnungssystem.

Nicole Labitzke zeigt auf, dass sich die als Betroffene auftretenden Personen in ihren Erzählungen keineswegs frei entfalten und über die Kommunikationssituation verfügen können. Ihre Äusserungen unterliegen stark der Bewertung und Klassifizierung durch die Repräsentanten des Mediums, durch die Psychologin, den Richter, die Staatsanwältin oder den Talkmaster. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Schrifteinblender und die im Off gesprochenen Kommentare, welche die Erzählung dramaturgisch weitertreiben, für deren Geschlossenheit sorgen und den Ausgang des Urteils oder die Lösung des Problems teilweise vorwegnehmen.

 

Das Fernsehstudio als Verhandlungsraum gesellschaftlicher Normen

Untrennbar damit verbunden ist das Fernsehstudio als hauptsächlicher Handlungsort mit «sichtbaren» und «unsichtbaren» Räumen. Erstere dienen der Herstellung der Ordnung, letztere dem Chaos, in dem die Normverletzung sprachlich situiert wird. Chaos-Räume sind in den Gerichtshows oftmals Tatorte, die manchmal rein imaginär in der sprachlichen Schilderung auftauchen oder zunehmend auch in einer Filmeinspielung. Der Handlungsraum ist öffentlich, wobei das Publikum im Studio die Zuschauer vor dem Bildschirm zuhause vertritt. Das Fernsehstudio ist der Raum, in dem Normverletzungen aufgedeckt und getilgt werden und in dem die soziale Ordnung (wieder) hergestellt wird.

So entsteht der Eindruck einer sozialen Ordnung, einer Ordnungsfiktion eben, produziert von einem Fernsehveranstalter, der nicht einfach Inhalte an Empfänger sendet. Vielmehr werden gesellschaftliche Normen massentauglich inszeniert, infrage gestellt und wieder bestätigt. Damit stellt sich das Medium Fernsehen als aktive und gesellschaftlich relevante Institution dar, die scheinbar selbst Bedürfnisse befriedigt, welche der Staat zu erfüllen hätte. «Es produziert darüber hinaus einen Alltagsmenschen, der in seinem Ausgangsraum, seinem Alltag, nur mehr über normverletzende Handlungsoptionen verfügt [...] und im Hinblick auf eine rechtliche, moralische und ästhetische Ordnung als defizitär und normalisierungsbedürftig dargestellt» wird. «'Richtiges Verhalten' dagegen entsteht durch den Eingriff der medialen Instanz.» (Nicole Labitzke, a.a.O. S. 306)

Die Rede vom Unterschichtenfernsehen wird – entsprechend der Bezugnahme auf die Rolle des Mediums – abgelöst durch den Begriff des Sozialstaatsfernsehens, welches gratis ein Massen-Coaching anbietet. Insofern versteht sich die Dissertation von Nicole Labitzke als Beitrag zur Aufwertung der untersuchten Medienangebote als relevante Inhalte und sie verzichtet auf eine Distanzierung von einem oft auch als niveaulos bezeichneten Journalismus. Sie bezieht sich dabei auf Margreth Lünenborg, welche Journalismus insgesamt als kulturellen Prozess begreift, «als kulturellen Diskurs zur Selbstverständigung einer Gesellschaft» (ebd. S. 101).

 

Die Familie als soziales TV-Experiment

Im Tagesprogramm der drei deutschen Privatsender werden in absehbarer Zeit weiterhin Ordnungsfiktionen geschaffen. ProSieben führt die seit 2005 laufende Doku-Soap «We are Family! So lebt Deutschland» vorerst weiter. Fernsehkameras begleiten Familien, welche aus der Norm fallen, beispielsweise Grossfamilien oder Auswanderungswillige. Viele der einzelnen Sequenzen sind nach Skript aufgezeichnet. Auch bei Sat.1 stehen vorerst noch keine Änderungen an. Barbara Salesch und Alexander Hold erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit und Britt scheint sich als einzige Talkmasterin zu halten. RTL möbliert sein Tagesprogramm ab dem 31. August 2009 um. Den Sendeplatz von Oliver Geissen nimmt die bereits etablierte Real-Life-Dokureihe «Mitten im Leben» ein, in deren Rahmen zurzeit «Das grosse Tauschexperiment» ausgestrahlt wird: Halbwüchsige wechseln für eine Woche in die jeweils andere Familie. Neu ins Programm kommt die Reihe «Verdachtsfälle». Darin geht es um Familien, in denen ein Mitglied einer Straftat verdächtigt wird. Das Fernsehpublikum kann den persönlichen Zerreissproben in dieser Situation zuschauen. Ob die erzählten Fälle auf realen Begebenheiten beruhen, lässt RTL vorerst offen. Anschliessend folgt «Familien im Brennpunkt», in denen Scheidungen, Sorgerechtsstreitigkeiten oder Probleme mit Ämtern und Behörden anstehen und die dramaturgisch bis zum autoritativen Entscheid aufbereitet werden.

Wir können gespannt sein, ob diese Formate dem augenscheinlichen Bedürfnis des Publikums nach sofort herbeiführbaren Lösungen entsprechen. Die «Ordnungsfiktionen» von Nicole Labitzke stellen in diesem Zusammenhang interessante Analyseinstrumente zu Verfügung. Die gesellschaftspolitische Relevanz dieser Pseudo-Dokus steht auf einem anderen Blatt. Ebenso die Alltagstauglichkeit stellvertretend bewältigter Scheinkonflikte.

 

Regula Bähler ist Rechtsanwältin und Vizepräsidentin der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI.

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*Nicole Labitzke: Ordnungsfiktionen. Das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben. Konstanz 2009. 334 Seiten, CHF 58.00.

 

Weiterführende Literatur:

Lünenborg, Margreth (2005): Journalismus als kultureller Prozess. Zur Bedeutung von Journalismus in der Mediengesellschaft. Ein Entwurf. Wiesbaden.

Meier, Oliver (2005): Im Zweifel für die Quote. Eine Phänomenologie der TV-Justiz. In: Medienheft Dossier 23: Kulturmaschine Fernsehen, 15. Juni 2005, S. 31-37: http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d23_MeierOliver.html

Meier, Oliver (2003): Im Namen des Publikums. Gerichtssendungen zwischen Fiktionalität und Authentizität. In: Medienheft, 21. März 2003: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k19_MeierOliver.html

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