28. Januar 2008

Medien und Integration

Empfehlungen für Medienschaffende

Judith Arnold

Das Thema "Ausländer in den Medien" hat Konjunktur. Und das wird - Jugendkriminalität hin, Minarett-Initiative her - voraussichtlich auch so bleiben. Denn mit der Globalisierung und Personenfreizügigkeit in Europa sind "Ausland" und "Heimat" zu relativen Begriffen geworden. Medienschaffende tun gut daran, ihre Rolle als interkulturelle Vermittler zu überdenken.

In Deutschland wie in der Schweiz ist das Thema "Ausländer" - oder Neudeutsch "Menschen mit Migrationshintergrund" - hoch im Kurs. Denn kaum ist hierzulande die Ausländerpolitik als Wahlkampfthema der SVP von der Medienagenda vorübergehend verschwunden, hat sie der hessische Politiker Roland Koch zum Zugpferd der CDU gekürt. Doch nicht immer geht das Wahlpoker auf: Während die SVP mit der Vereinnahmung der Ausländerpolitik punkten konnte und bei den Nationalratswahlen 2007 fast 29 Prozent der Stimmen erhielt, wurde die CDU in Hessen am gestrigen Wahlsonntag abgestraft. Statt dem erhofften Wahlsieg stellte sich eine empfindliche Wahlschlappe ein, während sich die SPD nahezu gleich viele Stimmenprozente holen konnte wie die in Hessen bisher allein regierende CDU. Dabei gestaltete sich die Kontroverse im Vorfeld der hessischen Wahlen kaum anders als unlängst in der Schweiz: Auf der einen Seite standen Hardliner, welche die Nulltoleranz als einziges Mittel gegen "kriminelle Ausländer" sahen, auf der anderen Seite die Linken, die sich unbeirrt für eine ausgebaute Integrationspolitik stark machten. Mittendrin waren die Medien, die zuweilen Mühe hatten, zwischen einer nüchternen Berichterstattung, dem ungeschönten Aufzeigen von Missständen und der Wahlkampfrhetorik von Populisten das richtige Mass zu halten.

Trotz ihrer Kritik an der Instrumentalisierung von Ausländern für politische Zwecke werden Medien oft unfreiwillig zu Kolporteuren von Wahlkampfpropaganda (vgl. fög 2007). Daran haben auch die zahlreichen Tagungen nichts geändert, die sich in den letzten Wochen und Monaten mit dem Thema Migration in den Medien beschäftigten. Dazu gehörte die Fachtagung "Integration und Medien" der Eidgenössischen Ausländerkommission in Bern ebenso wie die Veranstaltung des Adolf-Grimme-Instituts Ende November in Berlin mit dem Titel: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Immerhin beginnt die Medienwissenschaft den Forschungsbedarf allmählich zu erkennen. Repräsentative Studien über die Mediennutzung von Zugewanderten gibt es in der Schweiz aber noch nicht (vgl. EKA 2007: 3). Und auch in Deutschland wurde erst im Frühjahr 2007 die erste repräsentative Studie vorgestellt, die sich mit der Mediennutzung von Migranten auseinander setzt (vgl. Krüger 2008: 4). Ebenfalls noch dürftig sieht es mit Inhaltsanalysen aus, die sich mit der Repräsentation von Ausländern in den Medien beschäftigen. Denn die vorhandenen Studien konzentrieren sich überwiegend auf Printmedien und Informationssendungen und vernachlässigen die Unterhaltungsformate.

 

Ähnliche Befunde in Deutschland und der Schweiz

Das Bild, das die bisherige Forschung von Migration in den Medien zeichnet, ist in Deutschland und in der Schweiz in etwa das gleiche: Menschen mit Migrationshintergrund kommen nicht entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung vor. Und auch in den Redaktionen haben sie keine angemessene Präsenz (vgl. EKA 2007: 4). Falls sie dennoch in den Medien erwähnt werden, dann geschieht das überwiegend in einem negativen Kontext. Positive Berichterstattung über Zugewanderte findet indessen kaum statt. Zum einen liegt das daran, dass nur "Bad News" für die Medien wirklich gute Nachrichten sind und daher eine Berichterstattung über ausländische "Problemgruppen" überwiegt (vgl. Geissler 2008: 10). Paradebeispiel ist hier die Kriminalberichterstattung, die Ausländer in die Rolle von Täter und Opfer drängt. Andererseits kann beobachtet werden, dass Ausländer, sobald sie erfolgreich sind, gar nicht mehr als Fremde wahrgenommen werden. Das gilt für das Ressort Wirtschaft genau so wie für den Sport (vgl. EKA 2007: 6). Gerade Fussballspieler gelten als Mitglieder des einheimischen Teams, egal welcher Herkunft sie sind. Schliesslich werden nicht alle Ausländer als gleich fremd wahrgenommen. Deutsche, Franzosen oder Italiener werden hierzulande kaum mehr als Fremde gesehen, Menschen aus arabischen Ländern hingegen schon. Dieser Eindruck hat sich seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die USA noch verstärkt.

Das Bild der Medien von Menschen mit Migrationshintergrund ist also insgesamt ins Negative verzerrt (vgl. Geissler 2008: 10). Dabei liessen sich Korrekturen an dieser Verzerrung ganz ohne Beschönigung vornehmen, indem einige Aspekte im Medienalltag bedacht werden. Wege zu einer interkulturellen Kompetenz nannte an der Adolf-Grimme-Tagung der Niederländer Ed Klute, der sich als Direktor der Nichtregierungsorganisation "Mira Media" für die Förderung von Minderheiten in den Medien einsetzt. Und auch die Eidgenössische Ausländerkommission (EKA) gab an ihrer Fachtagung "Integration und Medien" Ende November in Bern Empfehlungen ab, wie Medien zu einer adäquaten Darstellung von Migrationsphänomenen gelangen.

 

Empfehlungen für Medienschaffende und Mediennutzer

Zunächst ist für die Schweiz wie für Deutschland festzustellen, dass Menschen mit Migrationshintergrund eine "hybride Identität" ausbilden (vgl. Geissler 2008: 12); das heisst, dass sie sich gleichermassen mit dem Gastland und dem Herkunftsland identifizieren. Diese doppelte kulturelle Identität schlägt sich auch in der Mediennutzung nieder. So nutzen Zugewanderte sowohl Medien aus dem Herkunftsland als auch Medien ihrer neuen Heimat. Mit zunehmender Kenntnis der Sprache steigt zudem die Nutzung der inländischen Medien (vgl. EKA 2007: 5), was wiederum einen positiven Effekt auf die Sprachkenntnisse hat (vgl. Kammann 2008: 5). Statt Menschen mit Migrationshintergrund zu problematisieren, könnten Medien also die Zugewanderten vermehrt als Zielgruppe ansprechen (vgl. EKA 2007: 8). Dies kann aber nur gelingen, wenn sich diese angemessen dargestellt und repräsentiert sehen. Neben der Problematisierung ethnischer Konflikte sollten daher auch Beispiele von gelungener Integration einen grösseren Nachrichtenwert erhalten. Stereotype Zuschreibungen sollten Medienschaffende zugunsten einer differenzierten Darstellung vermeiden und Zugewanderte vermehrt selbst zu Wort kommen lassen. Zu beachten ist, dass Migrantinnen und Migranten das Fernsehen am meisten nutzen, und die Sprachbarrieren bei der Zeitung geringer sind als beim Radio. Zudem nutzen Zugewanderte die Unterhaltungsformate stärker als Einheimische, weshalb auch "Migrationsfiguren" in Serien und Shows eine integrative Funktion haben können (vgl. EKA 2007: 6; Geissler 2008: 10).

Ein kritisches Auge ist freilich auch auf die so genannten Ethnomedien zu werfen: Während Gemeinschaftsradios in der Schweiz eine eher geringe Reichweite und Bedeutung haben (vgl. EKA 2007: 9), erreichen Satellitensender und Printmedien beispielsweise aus der Türkei weltweit ein grosses Publikum. Leider versäumen es viele dieser Ethnomedien, ein angemessenes Bild der Zielländer von Emigranten zu zeichnen und tragen in gewissen Fällen zu einer eingeschränkten nationalistischen oder islamisch-dogmatischen Perspektive bei (vgl. Geissler 2008: 10f.; Nötzold 2008: 32f.).

Wichtig für eine differenzierte Sichtweise ist auch die kulturelle Vielfalt innerhalb der Redaktionen. Migrantinnen und Migranten sollten für Medienberufe gezielt gefördert werden und in allen Ressorts präsent sein. Auch ausländische Experten für Interviews und Reportagen sowie Gastautoren können zur Vielfalt der Sichtweisen beitragen, auch wenn manchmal sprachliche Hürden überwunden werden müssen. Wünschbar wäre, dass sich alle Medienschaffende während ihrer journalistischen Ausbildung mit Migrationsthemen und Fragen der Interkulturalität auseinander setzen, um auf ihre anspruchsvolle Vermittlungsaufgabe vorbereitet zu sein. Die Ausbildung wäre dabei nicht allein Sache der Journalisten, sondern auch der Verleger, die durch ein gezieltes Personalmanagement, interne Weiterbildungen und Grundsätze im Redaktionsstatut ihren Teil der Verantwortung wahrnehmen können. Um die Zugewanderten als Zielgruppe besser kennen zu lernen, wäre es zudem in ihrem eigenen Interesse, wenn sie eine entsprechende Publikumsforschung betreiben.

Schliesslich können sich Migrantinnen und Migranten auch als Publikum in die öffentliche Diskussion einmischen, indem sie beispielsweise in den regionalen Trägerschaften der SRG oder im Publikumsrat Mitglied werden oder sich über die Einsendung von Leserbriefen und redaktionellen Beiträgen zu Wort melden (vgl. EKA 2007: 8). Voraussetzung ist allerdings, dass Migrantinnen und Migranten mit dem Grundsatz der Medienfreiheit vertraut sind und ihre Rechte in der neuen Heimat kennen (vgl. Klute 2008: 25f.).

Schliesslich bleibt mit Rainer Geissler (2008: 9) festzuhalten, dass nicht die Medien, sondern die Arbeitsverhältnisse und die Bildungschancen den wichtigsten Anteil an der Integration von Migrantinnen und Migranten haben. Gespräche mit Kollegen in der Schule und am Arbeitsplatz sowie Kontakte mit den Nachbarn sind viel wichtiger für die Integration, wie auch die Eidgenössische Ausländerkommission festhält (vgl. EKA 2007: 3). Dennoch bleibt der Stellenwert der Medien unbestritten, wenn es um die soziale Orientierung von Einheimischen und Zugewanderten geht. Fernsehen, Radio und Presse können daher einen wesentlichen Beitrag zur Integration leisten.

 

Literatur:

Eidgenössische Ausländerkommission EKA (2007): Integration und Medien. 29. November 2007, Bern: http://www.eka-cfe.ch/d/Doku/empf_medien.pdf

Ettinger, Patrik/ Imhof, Kurt/ Linards, Udris (2007): Ausländer und ethnische Minderheiten in der Wahlkampfkommunikation. Analyse der massenmedialen Berichterstattung und der Inserate zu den Eidgenössischen Wahlen 2007. Studie des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR).

Geissler, Rainer (2008): "Hybride Mediennutzung". Migration und Medien als Modethema. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 9-13.

Kammann, Uwe (2008): "Medienheimat". Migranten und die Mittlerfunktion der Medien. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 5-7.

Klute, Ed (2008): "Keine interkulturelle Kompetenz". Medien und Minderheiten in den Niederlanden. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 18-26.

Krüger, Thomas (2008): "Ungewisse Lage". Vom Gastarbeiter zum Integrationsland. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 3-5.

Nötzold, Katharina (2008): "Arabisch-muslimische Selbstvergewisserung". Internet und Satellitenfernsehen im arabischen Raum. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 31-35.

Simon, Erk (2007): Migranten und Medien 2007. In: Media Perspektiven Heft 9/2007, S. 426-435: http://www.media-perspektiven.de/1688.html

 

Weiterführende Literatur:

Fölting, Anne/ Pöttker, Horst (2008): "Dimension der Vielfalt". Multikulturalismus in US-Medien. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 13-18.

Geissler, Rainer/ Pöttker, Horst (Hrsg.) (2006): Integration durch Massenmedien. Medien und Migration im internationalen Vergleich. Bielefeld.

Geissler, Rainer, Pöttker, Horst (Hrsg.) (2005): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss - Forschungsstand - Bibliographie. Bielefeld.

Müller, Daniel (2005): Die Darstellung ethnischer Minderheiten in deutschen Massenmedien. In: Geissler, Rainer/ Pöttker, Horst (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss - Forschungsstand - Bibliographie. Bielefeld, S. 83-126.

Schönau, Birgit (2008): "Ängste werden geschürt". Wie Italiens Medien mit Migranten umgehen. In: epd medien: Dokumentation: "Draussen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung". Heft Nr. 6, 23. Januar 2008, Frankfurt am Main, S. 27-30.

 

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