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07.11.2008
00:00 Von: Arnold, Judith

Eine Medienkommission für besseren Jugendschutz
Die Kantone beider Basel schaffen ein neues Modell

Im Kino ist die Umsetzung des Jugendschutzes Sache der Kantone. Doch diese nehmen ihre Aufgabe unterschiedlich wahr und nicht alle haben eine Filmkommission eingerichtet, die über die Altersfreigabe von Filmen befindet. Wann Kinder und Jugendliche ins Kino dürfen, ist daher oft von Kanton zu Kanton verschieden. Zum föderalistischen Wirrwarr kommt hinzu, dass die Empfehlungen auf Videokassetten und DVD’s variieren und auf Computer- und Videospielen bisher nur durch die Game-Branche selbst vorgenommen werden. Die Kantone beider Basel haben den Handlungsbedarf erkannt und planen ein neues Film- und Trägermediengesetz, das als Modell für eine interkantonale Lösung dienen soll. Regierungsrätin Sabine Pegoraro, Vorsteherin der Sicherheitsdirektion des Kantons Basel-Landschaft, nimmt in einem Interview dazu Stellung.


Von Judith Arnold

In Filmen und Videos, aber auch in Computer- und Videospielen, werden die Gewaltdarstellungen immer drastischer. Zwar gibt es kantonale Jugendschutzbestimmungen, doch Kinder und Jugendliche können sich meist problemlos Zugang zu nicht jugendfreien Medien verschaffen und werden damit auch zunehmend ungewollt konfrontiert. Vor einem Jahr hat die Pro Juventute mit ihrer Petition «Stopp der (un-)heimlichen Gewalt» auf den unzureichenden Jugendschutz in der Schweiz hingewiesen. Kritisiert hat sie insbesondere die unkoordinierten Altersempfehlungen bei Filmen und Videos durch die kantonalen Filmkommissionen sowie die fehlende Überprüfung der brancheneigenen Altersvorgaben bei Computer- und Videospielen. Gefordert wurde daher eine Aufsicht auf eidgenössischer Ebene, die die Alterskategorien der Branche überprüft und die kantonalen Altersbeschränkungen bei allen audiovisuellen Trägermedien koordiniert.

Handlungsbedarf hat im letzten Jahr auch eine Umfrage der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) gezeigt: Neun Kantone haben keine speziellen Strukturen für den Kinder- und Jugendmedienschutz eingerichtet. In den übrigen Kantonen sind Filmkommissionen für die Altersfreigabe von Filmen im Kino zuständig. Nur der Kanton Waadt hat auch die Altersbeschränkungen bei Videos, DVD’s und Spielen geregelt. Jetzt werden die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft aktiv: Sabine Pegoraro (FDP), Vorsteherin der Sicherheitsdirektion Kanton Basel-Landschaft, und Guy Morin (Grüne), Vorsteher des Justizdepartements Kanton Basel-Stadt, haben nach einem eingehenden Vernehmlassungsverfahren eine Vorlage für ein neues Film- und Trägermediengesetz (FTG) ausgearbeitet. Dieses sieht vor, dass künftig eine vom Regierungsrat eingesetzte Medienkommission die Altersfreigabe für Film, DVD und VHS sowie für Computer-, Konsolen- und Videospiele regeln soll.

Frau Pegoraro, bisher wurde die Altersfreigabe für Kinofilme von kantonalen Filmkommissionen festgelegt. Was hat Sie dazu bewogen, die Filmkommission durch eine Medienkommission abzulösen?

Pegoraro: Abgelöst wird eigentlich vor allem der Name. Die heutige Filmkommission wird erweitert, um fachlich auch den Bereich Computergames abdecken zu können. Für den Bereich Film im Kino und auf DVD weist die bestehende Kommission eine hohe Fachkompetenz auf.

Wer wird in diese Medienkommission voraussichtlich Einsitz nehmen?

Pegoraro: Wie gesagt: die jetzige Besetzung ist für den Bereich Film sehr gut. Wir brauchen aber eine Ergänzung für den Bereich Computergames.

Was bedeutet das für die Arbeit der bestehenden Filmkommission?

Pegoraro: Im Bereich der Computergames ist in Zusammenarbeit mit dem Fachverband eine Bestandesaufnahme angezeigt. Es wird zu prüfen und entscheiden sein, welche bestehenden Altersempfehlungen bzw. -systeme anerkannt werden können. Im Bereich Film steht dasselbe für die DVD’s an. Bei den Kinos wird im Moment die bisherige Arbeit weitergeführt, bis die angestrebte gesamtschweizerische Kommission operativ ist. Wenn diese Empfehlungen ausspricht, wird es kaum mehr kantonale Visionierungen geben.

Heute haben nicht alle Kantone eine Filmkommission. Und die vorhandenen Filmkommissionen sind unterschiedlich organisiert und kommen auch nicht immer zu den gleichen Einschätzungen. Wie realistisch ist eine interkantonale Koordination?

Pegoraro: Das ist gerade der Grund für den Wunsch nach einer gesamtschweizerischen Kommission, und zwar nicht nur der Branche, sondern auch der Kantone. Das hat die letztjährige Umfrage der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) gezeigt. Die Kantone, die eine Filmkommission haben, sind in der vorbereitenden Arbeitsgruppe der KKJPD vertreten, und die Signale sind äusserst positiv.

Wie weit ist die Vorarbeit der Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz vorangeschritten?

Pegoraro: Die Vorschläge der Arbeitsgruppe werden der KKJPD-Versammlung von nächster Woche vorgelegt. Wenn die Versammlung zustimmt, kann die Kommission mit der Rekrutierung der Mitglieder und der Ausarbeitung der Statuten gebildet werden. Im optimalen Fall könnte sie bereits im Laufe des nächsten Jahres operativ werden.

Wird die Altersempfehlung der Medienkommission eine Konkurrenz, eine Ergänzung oder eine Verschärfung der brancheneigenen Bewertungssysteme sein?

Pegoraro: Was die Computergames betrifft so wird die Kommission eines oder mehrere Systeme global anerkennen. Das könnte das Bewertungssystem der Pan European Game Information (PEGI) oder der Unabhängige Selbstkontrolle (USK) sein. Die Arbeit der Medienkommission wäre also weder eine Konkurrenz noch eine Verschärfung der brancheneigenen Altersempfehlungen, sondern lediglich eine Verbindlichkeitserklärung. Bei den DVD’s ebenso. Im Kinobereich wird diese Frage in erster Linie von der kommenden schweizerischen Kommission zu entscheiden sein.

Pro Juventute hat im letzten Jahr die Petition „Stopp der (un-)heimlichen Gewalt!“ lanciert, die eine staatlich kontrollierte und gegebenenfalls sanktionierte Selbstregulierung der Video- und Computerspiel-Branche fordert. Wie stehen Sie dazu?

Pegoraro: Das ist genau das, was wir mit diesem Gesetz tun und auf eidgenössischer Ebene auch anstreben.

Besteht die Möglichkeit für Eltern, Lehrerinnen und Jugendarbeitern, bei Bedarf Medien durch die Medienkommission prüfen zu lassen?

Pegoraro: Ja, klar, wobei dies bei Computergames sehr aufwändig sein kann. Für die meisten Spiele und auch Filme bestehen aber bereits Altersempfehlungen, an welchen man sich orientieren kann. Detaillierte Informationen über die verwendeten Hinweissymbole und Alterseinstufungen auf den Verpackungen findet man bereits heute auf den Branchenwebsites www.pegi.info, www.usk.de und www.fsk.de.

Für Medien mit gewaltverherrlichenden Inhalten ist eine Anhebung der Altersgrenze von bisher 16 auf 18 Jahren vorgesehen. Haben Sie auch Verbote von Medien geplant, die extreme Gewalt als Spielerfolg werten, wie das die Standesinitiative der SP Bern fordert?

Pegoraro: Da gibt es lediglich die Grenze des Strafgesetzbuchs Art. 135 StGB. Unterhalb dieses Bereichs gibt auch das neue Film- und Trägermediengesetz keine Handhabe. Was Erwachsene sich zumuten, ist letztlich im Rahmen des Strafgesetzbuches Sache ihrer Eigenverantwortung.

Problematisch bleibt das Zirkulieren von gewaltverherrlichenden Medien im Internet. Haben Sie auch dafür eine Lösung?

Pegoraro: Kantonal ist hier nichts auszurichten, das kann nur auf Bundesebene und international vernetzt geschehen. Ich bin auch Mitglied in der Aufsichtskommission der Koordinationsstelle für die Bekämpfung der Internet-Kriminalität (KOBIK); das ist das Gremium, das in diesem Bereich aktiv ist.

Medienpädagogen haben schon öfters vor Altersgrenzen gewarnt, da sie für Kinder und Jugendliche geradezu einen Anreiz bieten, übertreten zu werden.

Pegoraro: Das kann sein, aber die positiven Effekte von Altersgrenzen überwiegen. Sie erhöhen die Schwelligkeit und geben einen Hinweis, der – bei aller Neugier – auch in die gewünschte Richtung wirkt. Die Alternative, überhaupt keine Empfehlungen und Schranken aufzustellen, damit es keine kontraproduktiven Effekte gibt, ist indiskutabel.

Die Altersfreigabe bestimmt das Alter, ab wann ein Medium rezipiert werden darf. Wollen Sie darüber hinaus auch eine Altersempfehlung einführen, die Medien nach ihrem pädagogischen Wert beurteilt?

Pegoraro: Nein. Es geht um Jugendschutz, nicht um pädagogische Hinweise.

Pro Juventute hat in ihrer Petition für einen effektiven Jugendschutz auch die Entwicklung von technischen Hilfsmitteln gefordert, um nutzerorientierte Informationen anzubieten und die Medienkompetenz zu fördern. Haben Sie auch hier etwas in Planung?

Pegoraro: Zurzeit nicht; das zu prüfen, wird ebenfalls Aufgabe der Medienkommission sein. Im Übrigen gibt es bereits zahlreiche technische Mittel für Computer, Internetseiten, Games, Videokonsolen und Fernsehen. Die Eltern müssen diese aber auch nutzen.

  

Quelle:

Basel-Stadt und Basel-Landschaft (2008): Jugendschutz wird grossgeschrieben. Medienmitteilung vom 29. Oktober 2008: http://www.bs.ch/mm/2008-10-29-rrbsbl-001.htm

Bern Grossrat (2008): Motion Näf, Muri (SP-JUSO) – Standesinitiative zum Verbot von „Killerspielen“. 08. April 2008. (M 291/07)

Berner Regierungsrat (2008): Motion Näf, Muri (SP-JUSO) – Standesinitiative zum Verbot von Killerspielen. 27. Februar 2008: http://www.naefpiera.ch/vorstoesse/verbot_killerspiele.pdf

Pro Juventute (2007): Stopp der (un-)heimlichen Gewalt. Petition: http://www.pro-juventute.ch/pro-juventute-Petition-Stopp.2033.0.html

 

Links:

 

Behörden

Filmkommission beider Basel:
http://www.filmkommission.bs-bl.ch

Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD):
http://www.kkjpd.ch

Koordinationsstelle für die Bekämpfung der Internet-Kriminalität (KOBIK):
http://www.kobik.ch

 

Organisationen

Pro Juventute:
http://www.pro-juventute.ch

 

Verbände

Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK):
http://www.fsk.de

Pan European Game Information (PEGI):
http://www.pegi.info

Schweizerischer Verband für Kino- und Filmverleih (ProCinema):
http://www.procinema.ch

Schweizerischer Video-Verband (SVV):
http://www.svv-video.ch

Swiss Interactive Entertainment Association (SIEA):
http://www.siea.ch

Unabhängige Selbstkontrolle (USK):
http://www.usk.de


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Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch