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12.12.2008
00:00 Von: Filk, Christian

Alte Medien sind beliebter als neue Medien
Zur crossmedialen Radio- und Fernsehnutzung im Oberwallis

Die Oberwalliser sind konservative Mediennutzer. Neben den regionalen Zeitungen prägen die nationalen Radio- und Fernsehsender den Medienalltag. Demgegenüber müssen die privaten Radio- und Fernsehveranstalter im Oberwallis um ihre Beachtung kämpfen. Zu Hilfe kommen könnten ihnen dabei die Möglichkeiten der neuen Medien. Zwar bewahren die traditionellen Massenmedien ihren festen Platz, doch im Ausbau regionaler und zielgruppenspezifischer Angebote könnten ihnen medienkonvergente Konzepte die Zukunft weisen.


Von Christian Filk

Seit den letzten beiden Jahrzehnten befindet sich die Kommunikations- und Medienbranche in einem grundlegenden Wandel. Neue Medien wie Internetportale, Podcasts und Handy-TV kamen hinzu und erweiterten das Spektrum der Massenmedien. Analoge Medien wurden digital und verbanden sich mit anderen Medienformen. Digitalisierung und Konvergenz zeitigen daher weit reichende Folgen für die Medienprodukte, Geschäftsmodelle und Nutzungsrollen. In diesem Medienmarkt, der sich weiter ausdifferenziert, wird auch die Mediennutzung immer komplexer. Ein Forscherteam der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) hat die Trends, Präferenzen und Motive der Mediennutzer unter diesen zunehmend medienkonvergenten und crossmedialen Bedingungen untersucht. Daraus hervorgegangen ist die vom eidgenössischen Bundesamt für Kommunikation (Bakom) geförderte Studie «Mediennutzungsverhalten von Rezipientinnen und Rezipienten privater Schweizer Radio- und Fernsehveranstalter». Die Daten wurden exemplarisch in der Randregion des Oberwallis mit rund 70'000 Einwohnern erhoben. Dabei kam den regionalen Aspekten eine besondere Bedeutung zu.

 

Gewandelte Mediennutzung durch Konvergenz und Crossmedialität

Gestützt auf die Studie «Zum Stand der Informationsgesellschaft in der Schweiz 2006» gingen die Forscher von der Annahme aus, dass die Medien aufgrund der neuen digitalen Angebote zunehmend orts- und zeitunabhängig genutzt werden. Eine Arbeitshypothese war demnach, dass sich die Nutzungszeiten für die einzelnen Medien verschieben, auch wenn die klassischen Medien dadurch kaum an Bedeutung einbüssen. Um diese Annahme zu überprüfen, wurden zwischen dem 26. November und 19. Dezember 2007 Fragebogen an 5000 Personen versandt, die für die Oberwalliser Bevölkerung ab 14 Jahren repräsentativ waren. Dabei waren 551 Sendungen unzustellbar, so dass sich die Stichprobe auf 4449 Personen bezifferte. Die empirische Validität war durch eine Rücklaufquote mit absolut 402 und relativ mit 9 Prozent gewährleistet.

 

Konservative Medienrezeption im Oberwallis

Die empirischen Ergebnisse der Studie zeigen eindrücklich, dass die Oberwalliser Bevölkerung mit Medien recht gut ausgestattet ist und der Vielfalt eine große Bedeutung zuschreibt. Dabei nutzen sie vor allem traditionelle Medien.

Das Oberwallis ist eine klassische Zeitungsregion: 98 Prozent der Oberwalliser Haushalte haben zwar mindestens einen Fernseher, dennoch ist die Zeitung das beliebteste Medium. Hierbei geben Männer mehr Geld für Medienprodukte und -dienstleistungen aus als Frauen. Diese Zahlen zur Mediennutzung entsprechen weitgehend dem gesamtschweizerischen Trend. Allerdings hinkt das Oberwallis der durchschnittlichen Nutzung elektronischer Medien in der Schweiz hinterher. Auch wenn Crossmedialität längst Einzug in den Alltag der untersuchten Region gehalten hat – immerhin 77 Prozent der Befragten informieren sich gleichzeitig über mehrere Medien – so rangieren die klassischen Medien Zeitung, Fernsehen und Radio sowohl bei der Beliebtheit als auch bei der Nutzungshäufigkeit unangefochten auf den ersten drei Plätzen.

Zeitungen und Internet erweisen sich zudem als Elite-Medien: Personen mit einer höheren Ausbildung und Gutverdienende nutzen häufiger Zeitungen und das Internet zur Information. Internet und Handy fällt es sichtlich schwer, sich als Informationsmittel zu etablieren. Die Umfrage legt jedoch nahe, dass auch sie bald unabdingbar sein werden.

 

Wettbewerb zwischen alten und neuen Medien

Pro Tag wird im Oberwallis 164 Minuten Radio gehört, 110 Minuten ferngesehen, 53 Minuten im Internet verbracht, 42 Minuten Zeitung gelesen und 24 Minuten das Natel genutzt. Durchschnittlich verbringt der Oberwalliser also sechseinhalb Stunden pro Tag mit Medien. Die Wahl des Mediums hängt dabei in erster Linie von seiner Funktion ab: Zur Entspannung sieht man fern, während man zur Informationssuche am häufigsten zu Printmedien, sprich: Zeitungen und Zeitschriften, greift.

Das Internet wird noch wenig genutzt: Das Netzmedium steht für die Oberwalliser in der Rangliste an zweitletzter Stelle, knapp vor dem Handy. Von den neuen Webanwendungen sind die Tauschbörsen («eBay», «Ricardo»), Nachrichtenportale («Digg», «Google News») und Wikis («Wikipedia») am bekanntesten und werden am meisten genutzt. Sie werden von den Usern auch als wichtige Entwicklungen wahrgenommen. Jüngere Menschen sind offener gegenüber den elektronischen Medien und nutzen diese auch häufiger.

Die traditionellen Medienangebote werden aber zurzeit noch häufiger rezipiert als die entsprechenden Online-Angebote. So wird «WB-Online», der Internetauftritt der Regionalzeitung «Walliser Bote», von 31 Prozent, die Printausgabe des «Walliser Boten» hingegen von 92 Prozent der Befragten genutzt. Das Online-Angebot von «Radio Rottu Oberwallis» (rro) rezipieren 42 Prozent, das Radio 78 Prozent. Beim «Schweizer Fernsehen» (SF1 und SF2) zeigt sich dasselbe Bild: 28 Prozent nutzen das Online-, 86 Prozent das TV-Angebot. Ein beträchtlicher Teil der Befragten ist jedoch überzeugt, dass Online-Medien in Zukunft häufiger genutzt werden – insbesondere jene der nationalen Zeitungen wie die «Neue Zürcher Zeitung» (52 Prozent), des «Walliser Boten» (47 Prozent) und des «rro» (42 Prozent).

Bei den regionalen Fernsehsendern VS1 und VS2 denken hingegen nur 27 Prozent, dass der entsprechende Internetauftritt Zukunft hat. Am 4. Januar 2008 wurden VS1 und VS2 durch «Tele Oberwallis» ersetzt.

 

Regionales Radio und Fernsehen dürfen Anschluss nicht verlieren

Der regionale und nationale Vergleich belegt, dass bis auf das lokale Zeitungsangebot von «Walliser Bote» und «Rhone Zeitung» die nationalen Mediendienstleistungen die Spitzenposition im Oberwallis einnehmen. Das «Schweizer Fernsehen» (SF1 und SF2) und das «Schweizer Radio DRS» stehen in der Beliebtheitsskala und Nutzungshäufigkeit ganz klar vor dem regionalen Fernseh- und Radioangebot. Wenn also die regionalen Medien wettbewerbsfähig bleiben wollen, so müssen sie sich weiter verbessern. Vor allem das örtliche Radio und Fernsehen sollten dem ausgewiesenen Bedürfnis nach lokalen Berichten verstärkt nachkommen und entsprechende Formate in ihr Sendungskonzept implementieren.

Wie die Untersuchung ergeben hat, steht den Oberwallisern ein breites nationales Medienangebot zur Verfügung, das im Vergleich zum regionalen Angebot auch rege genutzt wird. Damit die regionalen Anbieter konkurrenzieren können, sollten sie sich aber den nationalen Qualitätsstandards anpassen. Dabei sollten sie auch das Themenangebot stärker nach Zielgruppenbedürfnissen ausrichten. Eine Erweiterung des digitalen Angebots könnte hier ein Vorteil sein: Um den unterschiedlichen Anliegen gerecht zu werden, könnten beispielsweise kundenspezifische Dienstleistungen wie RSS-Feeds in das crossmediale Konzept aufgenommen werden, die es den Mediennutzern erlauben, ihr Informationsangebot individuell zusammenzustellen. Auf diese Weise könnten sich die neuen Medien für die alten als hilfreich erweisen, um ihre Stärken auszubauen.

 

Dr. Christian Filk, Kommunikations- und Medienwissenschaftler, leitet die Forschungsgruppe "Communication Research and Information Technology" (CIT) am Laboratory for Semantic and Multimedia Systems (LSMS) der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) in Zürich (vgl. Internet unter www.fernfachhochschule.ch).

Der Beitrag stützt sich auf die Studie «Mediennutzungsverhalten von Rezipientinnen und Rezipienten privater Schweizer Radio- und Fernsehveranstalter – Eine empirische Studie zu aktuellen Trends, Präferenzen, Motiven und Schemata crossmedialer Rezeption am Beispiel des Oberwallis» der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) und «Radio Rottu Oberwallis» (rro) mit Unterstützung des Technologiezentrums Wirtschaftsinformatik (TEWI) und der Förderung durch das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) vom Februar 2008, Brig. Verfasser der Studie waren Prof. Philipp Berchtold, Dr. Christian Filk, Franziska Borter und Silvio Andenmatten.


Dateien:
p08_FilkChristian_01.pdf45 Ki
 
 

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