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28.04.2008
00:00 Von: Martig, Charles

Medien zwischen Wahrheitssuche und Selbstdarstellung
Die Papstbotschaft zum Mediensonntag 2008

Die Katholische Kirche ist als weltweite Organisationsform in der Mediengesellschaft integriert. Sie nutzt die Mechanismen der Medien, um ihre Botschaft zu transportieren. Dabei dienen vor allem Papstreisen und Gross-Events als hauptsächliche Instrumente der Public Relations des Vatikans. Sie ist aber auch betroffen vom Trend zur Skandalisierung, wie der jüngste Fall der Pädophilie-Aufarbeitung in der Westschweiz drastisch gezeigt hat und die Debatten in der US-amerikanischen Kirche deutlich machen. Der Päpstliche Rat für soziale Kommunikationsmittel veröffentlicht jährlich eine Botschaft zum so genannten Mediensonntag, der am 4. Mai 2008 global als «42. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel» abgehalten wird. In dieser Botschaft wendet sich Papst Benedikt der Ambivalenz des Mediensystems zu – eine kurze kritische Analyse.


Von Charles Martig

Bereits der Titel der Papstbotschaft lanciert die Debatte mit dem Janus-Kopf des Mediensystems: «Die Wahrheit suchen, um sie mitzuteilen. Die Medien am Scheideweg zwischen Selbstdarstellung und Dienst». Bereits hier ist der Wahrheitsbegriff als unterscheidendes Kriterium genannt. Wenden wir uns dieser Irritation jedoch erst im zweiten Teil zu. Zuerst ist interessant, dass Benedikt XVI. eine klare Würdigung der Leistungen des Mediensystems formuliert. Er hält fest, dass die Medien umfassend in allen Bereichen interpersonaler menschlicher Erfahrung – sozial, politisch, ökonomisch und religiös – konstitutiv verankert sind. Damit wird anerkannt, dass die Lebenswelt massgeblich von der Mediengesellschaft bestimmt ist.

 

Medien im Dienst einer solidarischen Welt

Das Ideal des Free Flow of Information wird im zweiten Abschnitt aufgenommen und als Ausgangspunkt definiert. «Unbestreitbar ist der Beitrag, den sie [die Medien, CM] für den Nachrichtenfluss, für die Kenntnis der Fakten und die Verbreitung des Wissens leisten können: Sie haben z.B. entscheidend zur Alphabetisierung und Sozialisierung wie auch zur Entwicklung der Demokratie und des Dialogs unter den Völkern beigetragen. Ohne ihren Beitrag wäre es wirklich schwierig, das Verständnis unter den Nationen zu fördern und zu verbessern, den Friedensgesprächen universale Geltung zu verschaffen, den Menschen die Grundversorgung an Information zu garantieren und gleichzeitig den freien Meinungsaustausch vor allem in Bezug auf die Ideale der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit sicherzustellen.» (2) Bei diesem Verständnis von Medien als Beitrag zur Weltverbesserung bedient sich der Autor humanistischer Grundkonzepte, die ebenfalls in der Ansprache des Papstes vor den Vereinten Nationen in New York vom April 2008 zum Ausdruck kommen. Doch diese Funktion der Medien – als Instrumente für die Schaffung einer gerechteren und solidarischen Welt – ist primär ein kontrafaktischer Ausgangspunkt.

 

Medien als unterwerfendes System und das Problem der «Selbstdarstellung»

Der Autor wendet sich im Folgenden der These zu, dass die Medien ein eigenes System ausgebildet haben, die den Menschen unterwerfen, ihm Meinungen aufzwingen, die von herrschenden Interessen oder dem Trend des Augenblicks diktiert werden. Benedikt nennt die Kommunikation zu ideologischen Zwecken und die exzessive Konsumwerbung. Er spricht auch kritisch die Jagd nach der Einschaltquote an und kritisiert, dass sich Medien «der Regelverletzung, der Vulgarität und der Gewaltdarstellung» (2) bedienen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Die Ambivalenz des Fortschritts ist ein sich wiederholendes Thema in den Papstschreiben. Hier tritt nun aber bezüglich der Medienentwicklung ein Phänomen in den Mittelpunkt, das der Autor die «Selbstdarstellung» nennt. Gemeint ist wahrscheinlich die zunehmende Selbstreferentialität im Mediensystem, die zur Schaffung von Ereignissen führt, die nach medienspezifischen Regeln ablaufen, dabei jeglichen gesellschaftlichen Realitätsbezug verlieren und zu Krisen im Mediensystem führen können. Papst Benedikt verweist vor allem auf die realitätsverzerrenden Wirkungen, die diese Form der Selbstdarstellung zeitigt. «Es ist z.B. festzustellen, dass bei manchen Gelegenheiten die Medien nicht für eine korrekte Informationsfunktion benutzt werden, sondern die Ereignisse selbst ‹schaffen›. Dieser gefährliche Wandel ihrer Funktion wird von vielen Seelsorgern mit Sorge wahrgenommen. Gerade weil es sich um Realitäten handelt, die tiefe Auswirkungen in allen Bereichen des menschlichen Lebens (…) haben und das Wohl der Menschen aufs Spiel setzen, ist zu betonen, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch ethisch durchführbar ist.» (3) Damit werden die Frage der selbstreferentiellen Darstellung und ihre Auswirkung in eine medienethische Perspektive gerückt. Dieser Kritikpunkt ist durchaus ernst zu nehmen.

 

Legitimierung einer kritischen Medienethik

Die Problematik wird insofern herausgestrichen, als die medienethische Fragestellung zu einer grundlegenden anthropologischen Frage – das heisst zur Konstitution des Menschenbildes im dritten Jahrtausend – ausformuliert wird. «Wenn die Kommunikation die ethische Verankerung verliert und sich der sozialen Kontrolle entzieht, trägt sie am Ende nicht mehr der zentralen Stellung und der unverletzlichen Würde des Menschen Rechnung; dabei läuft sie Gefahr, negativen Einfluss auf sein Gewissen und seine Entscheidungen zu haben sowie letztlich die Freiheit und das Leben selbst der Menschen zu bestimmen. Das ist der Grund, warum es unerlässlich ist, dass die sozialen Kommunikationsmittel leidenschaftlich den Menschen als Person verteidigen und sein Würde vollkommen achten.» (4) Hier zeigt sich bereits auf welcher Ebene der Autor die Medienethik legitimieren möchte. Es ist diejenige einer materialen Ethik, die sich im konkreten Fall mit Übertretungen von ethischen Normen beschäftigt. Sie orientiert sich an der Unterhintergehbarkeit der personalen Würde. Es fehlt gerade hier die systemische Bedingtheit einer Medienethik, die sich auch der grundsätzlichen Bedingungen der Möglichkeit ethischen Handelns vergewissert. Sicherlich ist Papst Benedikt mit Jürgen Habermas’ Schriften vertraut. Doch bleibt die Argumentation etwas hinter diesem Stand der Erkenntnis zurück. Doch bewegt sich die Botschaft in einem Diskursfeld, das durchaus offen ist für die verschiedenen Ansätze einer Medienethik.

 

Wahrheit als moralischer Kampfbegriff?

Problematisch ist die Papst-Botschaft dort, wo sie den Wahrheitsbegriff aufnimmt und diesen als Bewertungskriterium verwendet. «Die Medien können und sollen hingegen dazu beitragen, die Wahrheit über den Menschen bekannt zu machen und sie dabei vor denen zu verteidigen, die dazu neigen, diese zu bestreiten oder auszulöschen. Man kann sogar sagen, dass die Suche nach der Wahrheit über den Menschen und ihre Darstellung die höchste Berufung der sozialen Kommunikation bilden.» (5) Hinter dieser Argumentation steht ein statischer Wahrheitsbegriff, der sich aus einer katholischen Innenperspektive nährt. Das Selbstverständnis der Hüterin des «wahren Glaubens» ist hier im Hintergrund sehr stark präsent. Der Autor erhebt den Anspruch, die «Wahrheit über den Menschen» zu kennen und verteidigt im Grunde eine instrumentelle Auffassung der Medien. Es geht hier vor allem um die richtige Nutzung der «sozialen Kommunikation». Benedikt XVI. verweist auf das Apostolische Schreiben «Die schnelle Entwicklung» seines Vorgänger Johannes Paul II., wenn er darlegt, dass die Kommunikationsformen neu gestaltet werden sollen, um «die wesentlichen und unverzichtbaren Züge der Wahrheit über den Menschen besser sichtbar zu machen (Apostolisches Schreiben «Die schnelle Entwicklung», 10).

Diese Position beinhaltet nicht zuletzt ein idealistisches Konzept: die Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten im Menschen (vgl. 6), das ontologisch gesehen bereits in ihm angelegt ist und aus kirchlicher Perspektive durch die göttliche Schöpfung des Menschen begründet wird. Die Anlehnung an den deutschen Idealismus schliesst jedoch jegliche Form der Vielseitigkeit von Wahrheit in der pluralen Gesellschaft aus. Dieser Wahrheitsbegriff ist in der globalisierten und multiethnischen Gesellschaft kaum fähig, diskursive Schärfe zu entwickeln und Problemlagen richtig wahrzunehmen. Dies liegt durchaus auf der bekannten Argumentationslinie Benedikts, der sich den Kampf gegen jegliche Form des Relativismus auf die Fahne geschrieben hat. In dieser rhetorischen Absicht wird nun auch der Wahrheitsbegriff in diesem Schreiben geführt. Obwohl es sich um ein Schreiben an die Weltkirche handelt, in der eine breite kulturelle Diversität vorhanden ist, geht das philosophisch-theologische Konzept des Menschen von einer eurozentrischen Anthropologie aus. Mit diesem Widerspruch kämpft das Schreiben zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel.

Der Versuch des Papstes, das Christus-Ereignis als Auftrag zur Wahrheitssuche auf die Medien zu übertragen (vgl. 6) greift zu kurz. Wo das Mediensystem nur als unterwerfender Mechanismus definiert ist – dem die negative Dialektik der Aufklärung zum Verhängnis geworden ist – wird die Papstbotschaft wohl eher die Kulturpessimisten ansprechen. Der produktive Impetus zur Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen medienethischen Fragen wird dadurch verwischt und verdeckt.

 

Links:

Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum 42. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (Vatikan): http://www.pccs.it/Documenti%5CHTML%5CTed%5CGMCS%5C42_GMCS_Ted.htm

Zusammenfassung der Botschaft (Vatikan): http://www.pccs.it/documenti/articoli/20080124_Sintesi_Tedesco.pdf

Medien am Scheideweg zwischen Wahrheit und Boulevard (kath.ch): http://www.kath.ch/index.php?&na=11,0,0,0,d,95085

Mediensonntag der katholischen Kirche in der Schweiz (kath.ch): http://www.mediensonntag.ch/2008/index.php

Rede in New York. Papst rechtfertigt UN-Interventionen (FAZ): http://www.faz.net/s/RubC4DEC11C008142959199A04A6FD8EC44/Doc~
E46D8FC34051F4A2BB33D1AB636EC56E2~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_politik

Missbrauchsskandale der katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI. fordert Kirche zur Reinigung auf (tagesschau.de): http://www.tagesschau.de/ausland/papstbesuch18.html


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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