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09.05.2008
00:00 Von: Arnold, Judith

Das Internet als Portal zur Gerechtigkeit?
NGO im digitalen Zeitalter

Das Internet ist eine technische Infrastruktur und in der Nutzung denkbar flexibel. Die Inhalte, die im World Wide Web zirkulieren, können ebenso zur Aufklärung wie zur Desorientierung dienen. Inwiefern das Internet ein Portal zur Gerechtigkeit sein kann, diskutierten die Vertreter verschiedener NGO im RomeroHaus Luzern.


Von Judith Arnold

Wenn sich irgendwo in der Welt ein sozialer Konflikt, eine Krise oder eine Menschenrechtsverletzung abzeichnet, sind die international agierenden Hilfswerke und Nichtregierungsorganisationen meist vor den Medien an Ort. Sie bieten Informationen aus erster Hand und sind daher für Medienschaffende wichtige Nachrichtenagenturen. Als Beobachter in Krisengebieten sind NGO mit den örtlichen Verhältnissen bestens vertraut und können krisenhafte Entwicklungen nicht nur registrieren, sondern auch in einen Zusammenhang einordnen und in der Tragweite bewerten. Die NGO sind somit nicht nur Informationslieferanten für die Massenmedien, sondern bilden auch ein seismographisches Frühwarnsystem. Und als solches haben sie gelernt, die Informations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets zu nutzen.

 

NGO als Nachrichtenagenturen

Die NGO wissen um ihren Stellenwert als aufklärende Informanten der Medien. Dieses Selbstverständnis hat die Hilfswerke der Schweiz dazu bewogen, ihre Informationen auf einem Internet-Portal zusammenzuführen: Statt einzeln bei Brot für alle, terre des hommes und Fastenopfer nach Informationen einer Krisenregion zu recherchieren, können Medienschaffende bei interportal.ch rasch auf einen Blick die neuesten Nachrichten der Trägerorganisationen überblicken. Gleichzeitig dient diese Zusammenführung von Informationen auch der Vernetzung der Organisationen untereinander. Möglich macht es eine Funktion von interportal.ch, die es den Mitgliedern erlaubt, ihre Beiträge inklusive Bilder, Quellenangaben und einer thematischen und geografischen Verschlagwortung online einzuspeisen. Die Website interportal.ch ist damit ein Portal im Internet, das seinen Namen auch verdient: Es schafft international Zugänge für Informationen, die dadurch international zugänglich werden.

 

Pionierinnen im Netz

Im Internet können aber nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch Aktionen koordiniert werden. Eines der ersten Beispiele für eine Organisation im Internet war die UNO-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Wie Claudine Traber, Dozentin für Online-Recherche an der Schweizer Journalistenschule MAZ, an einer Tagung im RomeroHaus Luzern berichtete, spielte das Internet an der Weltfrauenkonferenz erstmals eine zentrale Rolle an einer UNO-Veranstaltung. Nur durch das Internet war es möglich, die NGO-Delegationen und Regierungsvertreter im weiträumigen Peking effizient zu vernetzen und die Medien auf dem Laufenden zu halten. In der Folge der Konferenz wurde das Internet weiterhin zur Recherche und Vernetzung von Frauenorganisationen genutzt. Dabei ist auch das Gefälle zutage getreten, das sich zwischen den Ländern des Nordens und des Südens in der Verbreitung und Nutzung des Internets noch heute zeigt: Während die Vernetzung mit Europa, den USA und Lateinamerika zunehmend gewährleistet ist, gestaltet sich die Verbindung mit Afrika nach wie vor schwierig.

 

Nord-Süd-Gefälle des Internets

Ob das Internet ein Portal zur Gerechtigkeit sein kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob es überhaupt zugänglich ist. Und das hängt zunächst mit den Tiefseekabeln zusammen, die auf der nördlichen Hemisphäre zwischen Europa, USA und Asien dicht verlegt sind, aber nur spärlich auf der südlichen Hemisphäre. Wie fragil diese Datenübermittlungen sind, zeigten Anfang Jahr die Unterbrechungen zweier Kabel, die Europa mit Afrika und Indien verbinden, und kurz darauf die Beschädigungen zweier weiterer Kabel im Persischen Golf, die in den mittleren Osten nach Indien führen: In der Folge waren 100 Millionen Menschen in Nordafrika und in vielen asiatischen Staaten während zwei Wochen in ihrem Zugang zum Internet massiv eingeschränkt (vgl. Hentschel 2008).

Ähnlich ungleich sieht es mit der Vernetzung im World Wide Web aus: Während der Internet-Katalog Yahoo für die reichen Kontinente und Länder einen eigenen Suchkatalog unterhält, ist ganz Afrika für Yahoo noch ein weisser Fleck auf der virtuellen Landkarte (vgl. http://de.yahoo.com/world.html). „Ein Suchkatalog finanziert sich mit den Werbeeinnahmen der Angebote in den Katalogen“, so Claudine Traber. „Wegen der geringen Kaufkraft und der schlechten Anbindung ans Internet lohnt es sich nicht, für Afrika einen eigenständigen Suchkatalog anzubieten, nicht einmal für Südafrika mit seinen 47 Millionen Einwohnern. Demgegenüber hat das kleine Land Norwegen mit lediglich 4.7 Millionen Einwohnern ein eigenes Verzeichnis bei Yahoo.“

 

Bildung als Kernressource

Ein Nord-Süd- bzw. West-Ost-Gefälle lässt sich allerdings auch innerhalb von Europa feststellen: So sind die skandinavischen Länder nach wie vor die Spitzenreiter, wenn es um die Nutzung des Internets geht. Ganz anders sieht es in den mediterranen und osteuropäischen Ländern aus, so dass Europa hinter den USA (72.2%) und Australien (56.4%) weltweit nur den dritten Platz belegt. Mit 46.8% ist die Internetnutzung in Europa aber immer noch mehr als doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt (20.3%) (vgl. Miniwatts Marketing Group 2008). Nach wie vor wichtigster Faktor für den Zugang zum Internet ist neben der Infrastruktur die Bildung: Nutzen in der Schweiz fast 90% aller Hochschulabgänger das Internet, so sind es nur zwei Drittel mit Berufsbildung und nur noch ein Drittel mit obligatorischem Schulabschluss (vgl. BfS 2008). Entsprechend stellt die Bildung auch in den Entwicklungsländern eine der wichtigsten Ressourcen dar. „Denn neben den technischen Mitteln wie Computer, Modem und Telefonverbindungen braucht es auch Menschen, die so gut ausgebildet sind, dass sie mit diesen komplexen Kommunikationsmitteln auch umgehen können“, so Claudine Traber.

 

Das Internet – (k)ein wertfreier Raum

Während das Internet eine technische Einrichtung und somit wertfrei ist, handelt es sich bei den darin verbreiteten Informationen immer um mehr oder weniger Interessen gebundene Inhalte. Zwar können unabhängige Medien und gemeinnützige Organisationen die Zensurbemühungen von Diktaturen im Internet umgehen und zur Aufklärung beitragen, wie aktuell der Tibetkonflikt in China zeigt. „Doch das Internet kann genau so für die Verbesserung der Menschenrechte eingesetzt werden wie für das Gegenteil“, gibt Claudine Traber zu bedenken. Beispiele sind Websites von Naziorganisationen und islamistischen Terrorgruppen ebenso wie die zunehmenden Fälle von Kinderpornografie in Chatrooms und Newsgroups.

 

NGO informieren, vernetzen und mobilisieren online

Dennoch ist das Internet für die NGO ein unverzichtbares Mittel zur Information und Vernetzung geworden, das von einigen Organisationen wie Amnesty International auch erfolgreich zur Mobilisierung eingesetzt wird: Bei so genannten „Urgent Actions“ werden die Mitglieder und Sympathisanten aufgefordert, sich mit einem persönlichen Brief an die zuständigen Behörden für die Begnadigung, Freilassung oder Haftmilderung eines politisch Gefangenen einzusetzen. Diese dringenden Appelle können über das Internet ungleich schneller erfolgen als ehedem über den Postweg: Die Informationen sind im Internet rasch verfügbar und die Briefvorlagen, die zum Download bereitgestellt werden, erleichtern die Teilnahme an „Urgent Actions“. Neuerdings ergänzt werden die Eilbriefe, die noch immer per Post versendet werden, mit der Möglichkeit, Protestnoten per E-Mail zu schreiben.

Diese Strategie hat kürzlich auch die bürgerliche Frauenorganisation alliance F eingesetzt, um ihre Solidarität mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zu bekunden. Insgesamt 126'422 Protestnoten konnten der Bundesrätin nach 100 Tagen im Amt überreicht werden (vgl. www.alliancef.ch). Ausschlaggebend war, dass die Medien breit über die Protestaktion berichteten und die Website von alliance F eine Woche lang auf der Website des Tages-Anzeigers verlinkt war.

 

Massenmedien schaffen Öffentlichkeit

„Von so viel Medien-Support kann die Kampagne ‚0.7% gegen Armut’ nur träumen“, so Stephan Luzi von Alliance Sud. Die Kampagne, die den Bundesrat zu mehr Entwicklungshilfe auffordern will, hat via Internet „nur“ 15'000 Unterschriften gesammelt, statt den erwarteten 25'000. Die meisten Unterschriften der insgesamt 118'000 mussten nach wie vor auf der Strasse gesammelt werden. Entscheidend für den Erfolg einer Kampagne ist noch immer die Berichterstattung in den Massenmedien. „Eine Website alleine ist noch keine Kampagne“, so Stephan Luzi. „Der Inhalt zählt auch im Internet, und es ist einfacher, Themen, die bereits in der Luft liegen, aufzugreifen als online zu setzen.“ Als Erfolg hat sich der „Denkzettel“ erwiesen, eine witzige Animation, die ein Post-it an die Stirn eines Bundesrates heftet. Eine breite Streuung und Verlinkung der Animation u.a. auf der Community-Plattform MySpace hat allein im April rund 20'000 Besuche auf die Website geführt. Und ein offener Brief an den Bundesrat von Schauspielerin und EX-Miss-Schweiz Melanie Winiger im Blick hat schliesslich doch noch für eine ansehnliche Resonanz in den Medien gesorgt.

Wie entscheidend die Wahrnehmung der Massenmedien für eine Kampagne ist, kann auch Yvonne Zimmermann bestätigen. Die Website der Kampagne „Euro 08 gegen Frauenhandel“ hat mehrere Tausend Besuche gezählt, als am 8. März die Pressemitteilung versandt wurde. Seither sind es mehrere Hundert am Tag, und auch der Newsletter mit 600 bis 700 Eingetragenen wird rege genutzt. Eine Website, die Freier für das Problem der Zwangsprostitution sensibilisieren will, soll jetzt noch vermehrt auf Erotikseiten verlinkt werden (vgl. www.verantwortlicherfreier.ch). Allerdings ist die Kooperationsbereitschaft von Erotik-Portalen laut Yvonne Zimmermann noch nicht sehr hoch.

 

Computerhersteller und Käufer in der Verantwortung

Ausbeutung ist auch ein Thema der Kampagne „High Tech – No Rights“ von Brot für alle und Fastenopfer. Denn mehrheitlich sind es junge Frauen oder Kinder in Schwellenländern wie China, Thailand, den Philippinen oder Mexiko, die mit ihren feinen Händen die technischen Einzelteile herstellen und die Computer für die reichen Länder zusammenbauen. Viele Arbeitsverhältnisse sind prekär und nehmen zudem häufig ein abruptes Ende, wenn die Frauen 25 Jahre alt sind: Dann nämlich werden viele Arbeiterinnen schwanger und deshalb entlassen. Brot für alle hat die Kampagne „High Tech – No Rights“ gestartet, um sowohl die Käufer als auch die Hersteller von Computertechnologien auf die teils prekären Arbeitsbedingungen in der Branche hinzuweisen. Eine Postkartenaktion sollte die grossen Computerfirmen dazu anhalten, die Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern zu überprüfen und gegebenenfalls Massnahmen zu ergreifen. Angeschrieben wurden vor allem Hewlett Packard, Dell, Apple, Acer und Fujitsu Siemens. Die Reaktionen sind unterschiedlich ausgefallen: Während Hewlett Packard und Dell seit fünf bzw. drei Jahren ihre Zulieferer auf einen Verhaltenscodex verpflichten und auch dazu übergegangen sind, die Mitarbeiter in den Herstellungsländern über ihre Rechte zu informieren, sieht Acer nach wie vor keinen Handlungsbedarf.

Die Einschätzung, inwiefern Kampagnen die kritisierten Umstände zum Positiven verändern, fällt gemischt aus: Die „Urgent Actions“ von Amnesty International beispielsweise können in über 40% der Fälle dazu beitragen, dass ein politischer Häftling vor der Todesstrafe bewahrt, nicht mehr gefoltert oder entlassen wird. Ob auch die Kampagne „High Tech – No Rights“ dazu führt, die Arbeitsbedingungen in der Computerbranche nachhaltig zu verbessern, hat die Organisation „Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour“ (SACOM) in Hongkong analysiert. Am 20. Mai wollen Brot für alle und Fastenopfer die Ergebnisse der Studie präsentieren.

 

Judith Arnold ist Medienwissenschaftlerin und Redaktorin des Medienhefts

 

Die Kampagnen zahlreicher NGO wurden am 26. April 2008 an der Tagung „Internet: Portal zur Gerechtigkeit?“ im RomeroHaus Luzern vorgestellt. Das RomeroHaus gedenkt dem Wirken von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero, der gegen den Bürgerkrieg in San Salvador protestierte und in der Folge einer Radiopredigt am 24. März 1981 ermordet wurde. Ein Video mit seinen letzten öffentlichen Worten ist auf YouTube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=RO7z8eY1WV4

 

Links zu Kampagnen:

Die Kampagne „0.7% gegen Armut“ wird von Alliance Sud koordiniert und von rund 70 Trägerorganisationen unterstützt. Die Kampagne will den Bundesrat auffordern, sich mehr für die Schweizer Entwicklungshilfe einzusetzen, um die Milleniumsziele der UNO zu erreichen. Gemäss UNO müsste die Entwicklungshilfe der Industriestaaten auf 0.7% des Bruttonationaleinkommens erhöht werden, also auf 70 Rappen pro 100 erwirtschafteten Franken, um die ärmsten Länder wirksam zu unterstützen. Die 15 westeuropäischen EU-Staaten beschlossen 2005, diese Massnahme bis 2015 umzusetzen. Die Entwicklungshilfe der Schweiz ist aber seit 2006 rückläufig. Alliance Sud ist eine Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und HEKS (vgl. www.alliancesud.ch).

Kampagne „0.7% gegen Armut“ von Alliance Sud:
http://www.gemeinsamgegenarmut.ch

Die Kampagne „Euro 08 gegen Frauenhandel“ will Freier für das Problem der Zwangsprostitution sensibilisieren und Handlungsoptionen aufzeigen. Diese reichen von Hinweisen auf Beratungsstellen und der Gewährleistung von Aussenkontakten über das Handy bis hin zur Meldung von Verdachtsfällen. Unterstützt wird die Kampagne von einem Verein mit 25 Trägerorganisationen, darunter alliance F, Amnesty International, Swissaid, terres des femmes und maenner.ch. Organisiert wird die Kampagne vom FIZ – Fraueninformationszentrum für Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa (vgl. www.fiz-info.ch). Gesponsert wird die Kampagne u.a. von der evangelisch-reformierten und römisch-katholischen Landeskirche, vom Lotteriefonds sowie von mehreren Kantonen und Städten der Schweiz.

Kampagne „Euro 08 gegen Frauenhandel“:
http://www.stopp-frauenhandel.ch/home/

Die Kampagne „High Tech – No Rights“ von Brot für alle und Fastenopfer will erreichen, dass die grossen Computerfirmen in den Herstellungsländern die grundlegenden Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) annehmen und ihre Einhaltung durchsetzen. Angesprochen sind vor allem das Verbot von Kinderarbeit, von Zwangarbeit und von Diskriminierung, das Versammlungsrecht sowie allgemeine Rahmenbedingungen wie geregelte Arbeits- und Ruhezeiten, existenzsichernde Löhne sowie die Garantie von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz.

Kampagne „High Tech – No Rights“ von Brot für alle und Fastenopfer:
http://www.fair-computer.ch

 

Links zu NGO-Portalen:

Alliance Sud:
http://www.alliancesud.ch

cinfo – Zentrum für Information, Beratung und Bildung:
http://www.cinfo.ch

Interportal.ch:
http://www.interportal.ch

 

Quellen:

Bundesamt für Statistik (BfS) (2008): Internetnutzung: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.indicator.30106.301.html

Hentschel, Andreas (2008): Internet-Architektur: Warum das Netz immer langsamer wird. In: Focus, 07.03.2008: http://www.focus.de/digital/computer/chip-exklusiv/tid-9121/internet-architektur_aid_263874.html

Miniwatts Marketing Group (2008): World Internet Penetration Rate März 2008: http://www.internetworldstats.com/stats.htm


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