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22.08.2011
00:00 Von: Tepasse, Nicole

Den Opfern eine Stimme geben

Nachrichten über Krieg, Krisen und Katastrophen sind oft episodisch und muten angesichts des menschlichen Leids eher nüchtern bis technisch an. Kontrastiert wird der Nachrichtenstil vom Boulevardstil, der mit drastischen Details um Aufmerksamkeit buhlt. Wollte man das Leid erfassen, müsste man den Betroffenen ein Gesicht geben. Doch gerade die Opfer bleiben in der Krisenberichterstattung oft auf der Strecke.


Von Nicole Tepasse

Hungerkatastrophe am Horn von Afrika, Krieg in Libyen, Anschläge in Irak, Afghanistan, Norwegen, Bilder von ausgezehrten Kindern, Frauen, Männern, von Opfern, Angehörigen, Trauernden, Menschen in Ausnahmesituationen. Der Journalismus kennt keine Ehrfurcht vor dem Unglück, hat Karl Kraus einmal gesagt. Und irgendwann hat er kein Interesse mehr, dann sind Leid und Schicksal Betroffener vergessen, keiner schaut mehr hin – die fehlende Ehrfurcht kommt als Desinteresse daher. Beide Perspektiven gehören zusammen, wenn es um die Frage geht, wie über Opfer in den Medien berichtet wird und werden soll – eine Frage, die sich Journalisten, die aus Somalia, Norwegen und anderen Krisen und Kriegen berichten, stellen müssen – oder müssten. 

Carolin Emcke gehört zu den Journalisten, die das immer wieder tun. In «Die Zeit» hat die Autorin nach dem Tod mehrerer Reporter im Libyen-Krieg im April 2011 über Journalisten, die aus Krisen und Kriegen berichten, geschrieben: «Niemand, der sich dem unstillbaren Kummer und der Verzweiflung hilfloser Menschen aussetzt, niemand, der zerrissene Schädeldecken oder vergewaltigte Kinder gesehen hat, niemand, der Flüchtlinge hat trauern hören, der ihre Gesänge kennt, ihre Zelte, ihre Würde auch, ist fasziniert von Krieg und Gewalt. Wer in Länder voll Tod und Zerstörung reist, den widert Krieg an; wer nicht nachlassen kann, jeden Krieg wieder neu zu dokumentieren, der kann sich nicht daran gewöhnen, dass Unrecht und Gewalt uns selbstverständlich oder gewöhnlich erscheinen sollen.»


Abseits des Scheinwerferlichts

Emcke schreibt vom Dokumentieren, vom Erzählen der Geschichten der Menschen, denen sie begegnet und die normalerweise nicht im Scheinwerferlicht stehen. Das ist auch das, was Johan Galtung mit seinem Konzept des Friedensjournalismus fordert: Die Sprachlosigkeit über die Schrecken und das Leid zu überwinden und den Menschen – egal ob sie nun Opfer oder unbeteiligte Beobachter sind – eine Stimme zu geben.

Seiner Ansicht nach gelingt das in den vergangenen Jahren immer besser: «Es hat zwar keine systematischen Änderungen gegeben. Aber es wird viel mehr darüber berichtet, wie etwa die Zivilbevölkerung in Irak und Afghanistan leidet, gerade wenn ich das zum Beispiel mit Vietnam vergleiche», sagt Galtung. Damals habe das tägliche Leiden, der Zusammenbruch der Infrastruktur mit all seinen Folgen für die Menschen nahezu keine Rolle gespielt.

Galtung fordert deshalb nach wie vor, drastische Bilder zu zeigen, auch wenn sie als abstoßend empfunden werden können. Oder andersrum: weil sie als abstoßend empfunden werden und Empörung, Mitleid und Abscheu auslösen können. Galtung ist überzeugt: Nur so entsteht beim Zuschauer oder Leser ein wirkliches Bild von den Schrecken des Krieges. «Natürlich müssen Journalisten auch dabei abwägen, ob mit derartigen Präsentationen die Regeln des guten Geschmacks unnötig verletzt werden. Denn es sollte keine Möglichkeit gegeben werden, durch die Veröffentlichung sensationellen Materials aus dem Krieg Profit zu schlagen», stellt Galtung klar, «Boulevardjournalismus ist nicht gemeint.»

Journalisten müssen also abwägen, wie viel sie ihren Lesern und Zuschauern zumuten können oder müssen, wie Galtung meint – und wie viel den Opfern. So sorgte etwa die Berichterstattung deutscher Medien über die Anschläge und die Morde in Norwegen für Kritik, der Deutsche Presserat erhielt mehr als zehn Beschwerden. Beklagt wurde unter anderem, dass einige Medien zu sensationell berichtet und die Persönlichkeitsrechte der Opfer verletzt hätten. Diesen Postulaten entgegen steht aber die Tendenz zur «Oberflächlichkeit einer Kriegsberichterstattung, die sich auf die Episodik technisch-strategischer Aspekte des Kampfgeschehens konzentriert und komplexe thematische Zusammenhänge aus dem politischen und kulturellen Feld ausblendet und auf bildlich Darstellbares konzentriert», stellen die Kommunikationswissenschaftler Christiane Eilders und Lutz M. Hagen fest, weil – so schätzt es beispielsweise der Politikwissenschafter Gadi Wolfsfeld in seinem Buch «The Path to Peace» ein – dies eher den Nachrichtenfaktoren entspricht.


Abstumpfung und Nachrichtenfaktoren

So drastisch und erschreckend die Meldungen und Bilder auch sind: nicht nur das Beispiel des Irak-Kriegs zeigt, dass irgendwann die Gefahr der Abstumpfung, der Gewöhnung besteht. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Opfer entweder in Vergessenheit geraten oder ihr Schicksal gar nicht erst wahrgenommen wird. Die beiden Amerikaner Edward S. Herman und Noam Chomsky haben mit ihrem Propaganda-Modell gezeigt, dass es sogenannte worthy und unworthy victims gibt. Die worthy victims wären demnach Opfer staatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt, deren Leiden ausführlich herausgestellt wird, um auf die Schlechtigkeit des erklärten politischen Gegners hinzuweisen. Die unworthy victims bleiben dagegen meist nur am Rande erwähnt, da ihr Schicksal die eigenen Reihen diffamieren würde, wie Herman und Chomsky in ihrem Buch «Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media» aus dem Jahr 1988 schreiben.

Bei der Berichterstattung über Opfer spielt auch die emotionale Nähe zu dem Ereignis eine Rolle. Oder, um mit den Nachrichtenfaktoren nach Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge zu sprechen, je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht – die Konsonanz ist entscheidend: Menschen müssen sich hineinversetzen, Bilder, Ereignisse auf sich übertragen können.

So schreibt etwa die österreichische Journalistin Sybille Hamann in «Dilettanten unterwegs. Journalismus in der weiten Welt» über den Tsunami 2004 im indischen Ozean mit mehr als 200.000 Toten: «Wären unter den Toten keine österreichischen Touristen gewesen und wäre ein Schauplatz nicht zufällig die gut erschlossene, jedem Europäer bekannte Badeküste von Thailand gewesen, über die leicht und technisch unkompliziert zu berichten war, wäre die Latte der Wahrnehmung wahrscheinlich viel höher gelegen. Wäre man zynisch, was ich nicht bin, könnte man sagen: Zehn Österreicher entsprechen ungefähr zehntausend anderen Opfern.» Die gleiche Analyse ließe sich wohl auf jedes andere Land übertragen.


Ungerecht – und unvermeidlich?

Hinzu kommt nach Ansicht der taz-Journalistin Bettina Gaus aber noch ein weiterer, dem Journalismus immanenter Grund: «Der militärische Verlauf eines Krieges ist eine öffentliche Angelegenheit. Die Beseitigung seiner gesundheitlichen Folgen für Einzelne, so sie denn überhaupt zu beseitigen sind, bleibt meist Angehörigen und Medizinern vorbehalten. Ohne dass dabei sonst noch jemand zuschaut.» In ihrem Buch «Frontberichte» sagt sie, dass man das ungerecht finden könne, und zugleich fragt sie danach, wie man das ändern solle: «Jede Nachricht hat, unabhängig von ihrem Inhalt, wenigstens eine Anforderung zu erfüllen: Sie muss eine neue Information enthalten, die zumindest von einer Teilöffentlichkeit für wissenswert gehalten wird. Deshalb bleiben Opfer sowohl im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne auf der Strecke.»

Irgendwann würden die Toten und Verletzen zu Kurzmeldungen. «Nicht weil es den Korrespondenten an Mitgefühl fehlte. Sondern deshalb, weil es nichts substantiell Neues zu berichten gab», so Gaus: «Die Eroberung eines strategisch bedeutenden Ortes ist für Befürworter wie für Gegner eines Krieges gleichermaßen von Interesse, auch der Fall der nächsten Stadt ebenso wie anhaltender Widerstand in der dritten. All diese Informationen verändern eine Situation, aus militärischen Entwicklungen lassen sich außerdem oft Schlussfolgerungen und Analysen ableiten, die über die unmittelbare Aktualität hinausweisen. Für Berichte über das Elend einer Zivilbevölkerung gilt das nicht. Die sechste Reportage aus einer Klinik, in der Verwundete behandelt werden, hat keine andere Botschaft als die erste. Nämlich die, dass Wehrlose leiden.»


Was die Rezipienten wollen

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Berichterstattung über Katastrophen, Krisen und Kriege richtet sich an Rezipienten. Und das wirft die Frage nach ihrer Rolle auf. So schreibt Bettina Gaus in Ihrem Buch, dass es ganz gewiss viele Zuschauer und Leser gebe, die der Ansicht seien, dass man menschliches Leid nicht oft genug erwähnen könne. «Aber hören sie selbst auch jedes Mal zu und lesen sie die entsprechenden Artikel?» Nach Ansicht von Gaus scheint «die Abstumpfung gegenüber menschlicher Not (…)  universal zu sein und unabhängig von politischen Interessen und Überzeugungen. Der Mechanismus wirkt im Zusammenhang mit Berichten über Vertriebene oder Hungernde ebenso wie bei Reportagen über die Lage der Zivilbevölkerung in einem Krisengebiet.» Kaum etwas sei deshalb so schwierig, wie «den Opfern über einen längeren Zeitraum hinweg eine Stimme zu verleihen. Das gilt sogar dann, wenn das Gemetzel an Zivilsten die eigentliche Nachricht ist wie 1994 in Ruanda».


Nicole Tepasse ist Redakteurin bei www.bundestag.de und promoviert in Medienwissenschaft zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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