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20.07.2011
00:00 Von: Tepasse, Nicole

Krisenberichterstattung: Journalisten im Ausnahmezustand

Es geschah vor zehn Jahren mitten in Europa: Der 23-jährige Carlo Giuliani wurde von einem Polizisten durch einen Kopfschuss getötet, als er in Genua gegen den G8-Gipfel demonstrierte. Was den Glauben an die westlichen Demokratien erschütterte, ist Alltag in vielen Regionen der Welt. Dies berichten uns die Journalisten täglich aus den Konfliktregionen und Krisengebieten. Was dies für die Krisenreporter selbst bedeutet, beschreiben Leif Kramp und Stephan Weichert in ihrer Neuerscheinung «Die Vorkämpfer – Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten».


Von Nicole Tepasse

Sebastian Junger redet auf der Internetseite der Vanity Fair über das Risiko des Krisenberichterstatters, als sei es eine aufregende Liebschaft. Er richtet seine Worte an den Freund und Kollegen Tim Hetherington, einen britischen Fotografen, mit dem er den Oscar-nominierten Film «Restrepo» gedreht hatte. Ein Jahr lang hatten sie dafür amerikanische Soldaten bei deren Einsatz in Afghanistan begleitet, waren ganz nah dran an dem, was die Soldaten erlebten:

«You and I were always talking about risk because she was the beautiful woman we were both in love with, right? The one who made us feel the most special, the most alive? We were always trying to have one more dance with her without paying the price». 

Dies schreibt Sebastian Junger am 21. April 2011. Nah dran war Hetherington auch in Libyen. Dort kamen er und der amerikanische Fotografen Chris Hondros am Tag zuvor ums Leben, als sie zusammen mit Rebellen in Misrata unterwegs waren. Hetheringtons und Hondros’ Arbeitsplatz war die Frontlinie. Um in Bildern zu dokumentieren, was passierte, mussten sie da sein, wo es knallte, mitten im Ausnahmezustand. Und sie wollten es vielleicht auch, weil sie, wie Junger schreibt, das Risiko liebten.

Die Berichterstattung aus Krisen, Konflikten, Kriegen – das ist auch Thema des Anfang März erschienenen Buches «Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten». Darin haben die Autoren Leif Kramp und Stephan Weichert die Erfahrungen von 17 deutschen Journalisten gesammelt. Wie sie in der Einleitung schreiben, wollten sie erfahren, warum Journalisten sich in gefährliche Situationen begeben, warum sie darüber berichten, was sie dazu befähigt und wie ihr Weg zum Krisenberichterstatter war.

Mit Krise beschreiben die Autoren «Kriege, Konflikte und Katastrophen, also Krisen im übergreifenden Sinne des Wortes, verstanden als negativ konnotierte Abweichungen vom Normalzustand, die in ihrer Intensität und Lebensbedrohlichkeit die öffentliche Ordnung gefährden und die betroffenen Gesellschaften oder Gesellschaftsteile in einen Ausnahmezustand stoßen». Die «Krisenberichterstattung» umfasst die journalistischen Produkte über Krisen. Und der Krisenjournalismus bezeichnet «die speziellen Berufsprofile sowie das Handwerk jener Journalisten, die aus und über Krisen berichten».

 

«Nie wieder so etwas Schlimmes erlebt»

Ariane Reimers hat schon über viele Krisen berichtet: über den Tsunami Ende 2004 vom indonesischen Aceh, über die Flutkatastrophe in Jakarta 2006 und über das Erdbeben in China zwei Jahre später. Eingebrannt hat sich der Journalistin vom «Norddeutschen Rundfunk» jedoch ein anderes Ereignis: der G8-Gipfel in Genua im Juli 2001. «Seit Genua muss ich sagen, dass ich nie wieder etwas so Schlimmes erlebt habe», erinnert sich Reimers. «Da habe ich zum ersten Mal eine unmittelbare Bedrohung empfunden (...). Das hat mich negativ beeindruckt».

Gegen das Treffen der Staats- und Regierungschefs hatten etwa 300'000 Menschen in der italienischen Stadt demonstriert. Am 20. Juli, dem zweiten Gipfeltag, eskalierte die Situation: Die Polizei war mit Tränengas gegen eine Gruppe Demonstranten vorgegangen, von denen einige Steine auf die Polizisten warfen. Während der Kämpfe zwischen der Polizei und den Demonstranten wurde der 23 Jahre alte Carlo Giuliani von einem Polizisten durch einen Kopfschuss getötet.

Reimers sagt, die Situation in Genua habe sie völlig überrascht, «weil ich mit dem Ausmaß nicht gerechnet habe, und ich hatte schon das Gefühl, dass ich nach Genua relativ lange Zeit gebraucht habe, um das zu verkraften. Das einzige, was mich in die Richtung von Empfindlichkeiten oder leichter Traumatisierung gebracht hat, war, wenn überhaupt, Genua».

 

Motive und Rollen

Das, was die Krisenerlebnisse mit den Journalisten machen (und auch welche Nachsorge möglich und wünschbar wäre), ist nur ein Aspekt im Buch. Ein weiterer Aspekt bilden die Motive der Berufswahl. Über den Krisenreporter ist nach wie vor das Klischee verbreitet, er sei ein Draufgänger, ein Einzelkämpfer, der «vom Pulverdampf angezogen wird», wie Christoph Maria Fröhder es nennt. Fröhder, der seit den 1960er Jahren für die ARD unter anderem aus Afrika, dem Nahen Osten, Afghanistan und dem Irak berichtet hat, versteht sich als «Krisenreporter», der vor allem über Ursachen und Konsequenzen eines Krieges berichtet will und sich deshalb vom Begriff des Kriegsberichterstatters distanziert.

Gefragt nach seinem Motiv stellt Gerhard Kromschröder, ehemaliger «Stern»-Reporter, die Gegenfrage: «Warum wird man Journalist? Hoffentlich wird ja auch niemand Arzt, weil er weiße Kittel toll findet. Ein Journalist sollte schon eine Vision haben, warum er diesen Beruf macht.» Und für Kromschröder, der unter anderem während des Irak-Kriegs 1990/91 aus Bagdad berichtet hat, ist diese Vision klar: «Journalismus hat für mich etwas mit der Vorstellung zu tun, dass man durch diesen Beruf, durch das geschrieben Wort, durchs fotografierte Bild die Welt verändern und vielleicht ein bisschen besser machen könnte.» Er wolle den Krieg in seiner «schaurigen Konsequenz darstellen und nicht als strategisches Spiel», sagt der ehemalige Nahost-Korrespondent. Das könne ja sogar soweit gehen, «dass die Leute den Eindruck haben, das sei tatsächlich nur ein Computerspiel, ganz ohne echtes Blut».

Bei Carolin Emcke herrscht ein anderes Berufsverständnis vor. Die Journalistin, die früher für das Nachrichtenmagazin «Spiegel» und heute für die Wochenzeitung «Die Zeit» arbeitet, macht das an folgendem Beispiel deutlich: «Mein Gefühl ist, dass ich bei Naturkatastrophen falsch am Platz wäre. Da wäre ich mit der Frage beschäftigt, ob ich nur im Weg stünde. Anders als bei militärischen oder politischen Krisen und Konflikten gibt es bei einer Naturkatastrophe seltener einen Adressaten der Kritik. Worin bestünde denn die aufklärerische Rolle des Journalisten in so einem Fall?»

 

Abenteurer und Chronisten

Neben dem «Weltverbesserer» und der «Aufklärerin», wie Leif und Kramp schreiben, gebe es eine recht große Bandbreite an Idealen und Wunschbildern der eigenen Rolle. Diese reichten von der «Abenteurerin» über den «klassischen Rechercheur» bis hin zum «Chronisten».

Kramp und Weichert stellen zudem fest: «Wie kaum ein anderes journalistisches Tätigkeitsgebiet wird der Krisenjournalismus als Karrieresprungbrett – vor allem von Frauen und jüngeren Kollegen – genutzt.» Warum sie allerdings «die Hoffnung, sich in einem der gefährlichsten Berufsfelder vor Redaktion, Kollegen und Arbeitgeber beweisen zu können», lediglich in den «beeindruckenden Karriereverläufen einiger charismatischer Reporterinnen» erkennen, bleibt offen.

So unterschiedlich die Motive und das Selbstverständnis, so einig sind sich die Befragten, dass in ihrem Job vor allem eines gefragt ist: behutsames und bedachtes Vorgehen. Weitere «Idealvorstellung» davon, wie sich Krisenreporter in Katastrophen- und Konfliktregionen verhalten sollen, ergänzen das Berufsbild. Grundlage dafür bildeten die Erfahrungen der befragten Krisenberichterstatter, die während der letzten zehn bis fünfzehn Jahre zunehmend selbst zum «Ziel von Gewalt» geworden sind.

So schliessen einige «praktische Lösungsoptionen und Handlungsempfehlungen» den lesenswerten Band ab. Diese Zusammenstellung soll mit dazu beitragen, den Krisenjournalismus zu optimieren, etwa im Hinblick auf die Ausbildung oder die Vorbereitung auf den Einsatz im Krisengebiet. Was von der Lektüre neben den hilfreichen Empfehlungen nachhallt, ist ein Zitat der RTL-Reporterin Antonia Rados: «Ohne Risiko keine Krisenberichterstattung!»

 

Nicole Tepasse ist Redakteurin bei www.bundestag.de und promoviert in Medienwissenschaft zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung.

 

Literatur:

Kramp, Leif / Weichert, Stephan (2011): Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten. Herbert von Halem Verlag: Köln. [ISBN 978-3-386962-036-7]


 
 

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