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11.07.2011
00:00 Von: Guidi, Sarah

Internet für alle

Wer Tastatur und Maus nicht handhaben kann oder wenig bis nichts hört oder sieht, begegnet im World Wide Web vielen Hürden. Dabei könnten sich sinnes- und körper-behinderte Menschen mühelos im virtuellen Raum bewegen, wenn mehr Webdesigner die Regeln für ein barrierefreies Internet beachten würden.


Von Sarah Guidi

Wenn René Jaun im Internet surft, dann sind seine Augen nicht unbedingt auf den Bildschirm gerichtet. Dafür sind seine Finger und seine Ohren umso aufmerksamer. Denn der Spezialist für Web Accessibility ist blind. Damit er sich im Internet zurechtfindet, ist sein Computer mit einem so genannten Screenreader ausgestattet. Dieses Bildschirmleseprogramm liest René Jaun den Inhalt von Webseiten vor und übersetzt den Text gleichzeitig in die Blindenschrift Braille. Es ist faszinierend, René Jaun beim Surfen zuzusehen. Als geübter Internetnutzer stellt er die synthetische Sprache, die den Text akustisch wiedergibt, auf ein derart schnelles Tempo ein, dass für normal geschulte Ohren kaum etwas zu verstehen ist. Gleichzeitig gleiten René Jauns Finger flink über die Braillezeile vor seinem Computer und bedienen nebenbei die Tastatur, um den Screenreader zu navigieren.


Viele Barrieren für Blinde

So mühelos René Jaun im Internet zu surfen scheint, so oft stösst er auch an Grenzen. Zum Beispiel, wenn Information nur optisch als Bild codiert ist. Denn der Screenreader kann nur lesen, was als Text vorhanden ist. Problematisch für Blinde sind daher vor allem Websites, die eine Navigation mit grafischen Rubriken haben. Denn was Sehende mühelos über Bilder ansteuern können, existiert für den textorientierten Screenreader nicht. Ähnlich steht es mit den Überschriften im Text: Sind die Titel mit der Hypertext Markup Language (HTML) erstellt, so kann der Screenreader die Titel zuerst vorlesen und dem blinden Nutzer eine erste Orientierung über die Seite geben. Sind die Titel aber nicht im Quellcode als solche gekennzeichnet, so kann der Screenreader auch keinen Überblick bieten. René Jaun und anderen sehbehinderten Nutzern bleibt dann nichts anderes übrig, als sich den Inhalt einer solchen Webseite Wort für Wort, Zeile für Zeile vorlesen zu lassen. Eine langwierige Sache. Besonders mühsam wird es, wenn Bilder im Quellcode nicht mit einem alternativen Text unterlegt sind. Dann liest der Screenreader einfach den Dateinamen des Bildes vor, der bestenfalls eine ungefähre Angabe über den Bildinhalt gibt, im schlimmsten Fall aber nur aus einer willkürlichen Abfolge von Zahlen und Buchstaben besteht.

Für viele sehbehinderte Menschen, die noch eine Restsichtigkeit haben, wäre es schon eine grosse Erleichterung, wenn das Layout von Webseiten klarer strukturiert wäre. Oft sind jedoch die Seiten zu chaotisch, die Schriften zu klein und die Farbkontraste zu gering. Und farbenblinde Nutzer stehen vor einem Rätsel, wenn es heisst: «Drücken Sie auf den roten Button». Dabei könnte hier eine Funktion, um die Farbigkeit oder die Schriftgrösse zu verändern, sehr leicht Abhilfe schaffen.


Hürden, wo man hinsieht

Wer gute Augen hat, findet sich in der multimedialen Welt des Internets mühelos zurecht – könnte man jetzt meinen. Doch auch für gehörlose Nutzer hält das World Wide Web zahlreiche Hürden bereit. Wer seit Geburt gehörlos ist und die Lautsprache nicht erlernen konnte, hat auch Mühe, die an der Lautsprache orientierte Schrift zu entschlüsseln. Schwierige und komplexe Texte sind für Gehörlose daher kaum leserlich. Auch Video-Dateien ohne Untertitel sind für Gehörlose nur unzureichend zu verstehen und Tondateien ohne Textbeschreibung schlicht unzugänglich.

Mit Barrieren im Internet sind also ausgerechnet jene Menschen konfrontiert, die schon im realen Raum mit Hürden zu kämpfen haben. Das betrifft nicht zuletzt körperlich Behinderte, die Mühe haben, eine Maus oder eine Tastatur zu bedienen. Zwar gibt es Einhandtastaturen oder Mäuse, die über den Mund, die Augen oder die Sprache gesteuert werden können. Doch diese technischen Hilfsmittel versagen, wenn eine Website mit bestimmten Mauseingaben navigiert werden muss oder wenn ein Browser nicht für die assistierende Technologie eingerichtet ist.

Schliesslich werden die Hürden auch mit dem Alter zahlreicher, wenn Sehschwäche, Schwerhörigkeit oder Händezittern das Surfen im Internet erschwert. Dabei wären Technologien eigentlich dazu da, das Leben zu erleichtern.


Richtlinien für Webdesign

Um die zahlreichen Barrieren im Internet abzubauen, wurde die Web Accessibility Initia-tive (WAI) gegründet. Diese Initiative ist dem World Wide Web Consortium (W3C) angeschlossen, das für die Standardisierung der Web-Technologien zuständig ist. Bereits 1999 hat WAI erste Richtlinien formuliert und 2008 in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0) überarbeitet. Diese Guidelines basieren auf vier Grundprinzipien: Eine Webseite muss wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein, damit sie allen Usern Zugang bietet. Diese vier Prinzipien sind in zwölf weiteren Richtlinien konkretisiert wie flexible Darstellungsmöglichkeiten, Navigationshilfen, einfache und verständliche Texte sowie Kompatibilität mit allen Browsern und Hilfsmitteln.

Die Empfehlungen des WAI sind mittlerweile in die Gesetzgebungen vieler Staaten eingeflossen, so auch in der Schweiz. Hier ist die Barrierefreiheit der Webseiten von Bund, Kantonen und Gemeinden seit 2004 gesetzlich verankert. Im Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) ist festgehalten, dass Dienstleistungen des Bundes, inklusive solche auf dem Internet, für alle zugänglich sein müssen. Der Web Accessibility Standard P028 für Fristen und Massnahmen ist in der dazugehörigen Verordnung (BehiV) ausgeführt. Im Gegensatz zum Bund sind die Kantone und Gemeinden für die Barrierefreiheit ihrer Webseiten selber verantwortlich. Um diese zu unterstützen, wurde von einer Fachgruppe der Accessibility Standard eCH 0059 aufgestellt. Für private Internetseiten gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, Barrierefreiheit zu gewährleisten. Die Stiftung «Zugang für alle» gibt jedoch Empfehlungen ab und versucht, Webdesigner und ihre Auftraggeber für das Problem zu sensibilisieren.


Kleine Fortschritte

Fragt sich also, wie barrierefrei Schweizer Internetseiten heute sind. René Kälin ist Web-Programmierer und selber im Rollstuhl. Er stellt fest, dass seine Kunden zunehmend daran interessiert sind, einen möglichst zugänglichen Internetauftritt zu haben. «Oft wird eine Barrierefreiheit gewünscht, die nicht auf Anhieb sichtbar ist», so René Kälin. Häufig programmiert er Navigationen, die von einem Screenreader gelesen werden können, oder baut Funktionen ein, die auf Knopfdruck die Schriftgrösse verändern. Viel seltener ist eine Firma bereit, ihre Website in den Farben flexibel zu halten, aus Angst, die Corporate Identity zu verlieren.

Die Stiftung und Schweizer Fachstelle «Zugang für alle», die sich seit gut zehn Jahren für die Barrierefreiheit im Internet einsetzt, prüft seit 2004 regelmässig die Zugänglichkeit von offiziellen Schweizer Webseiten. Die letzte Studie von 2007 hat ergeben, dass noch keine der getesteten Internetseiten vollständig barrierefrei war, dass die Internetseiten des Bundes seit der ersten Studie um einiges barriereärmer wurden, dass aber bei den meisten Internetseiten auf Kantons- und Gemeindeebene noch kaum eine Verbesserung festzustellen war. Markus Riesch, Co-Leiter von «Zugang für alle», meint dazu: «Bei Websites des Bundes wurde viel für die Accessibility unternommen, der Bundesstandard P028 wird aber noch nicht eingehalten. Und die Kantone und Gemeinden müssten aufgrund einer Rahmenvereinbahrung eigentlich den Accessibility-Standard eCH 0059 erfüllen, aber hier geht alles noch langsamer voran.»

René Jaun, der als blinder Accessibility-Spezialist bei «Zugang für alle» arbeitet, freut sich zwar über die zahlreichen Projekte, die er für private und öffentliche Auftraggeber realisieren kann. Gleichzeitig ärgert er sich über den geringen Fortschritt. «Als blinde Person bin ich es leid, noch weitere fünf Jahre warten zu müssen, bis eine von mir benutzte Webseite wirklich barrierefrei ist.» Die neueste Studie von «Zugang für alle» erscheint Ende 2011.

 

Sarah Guidi, lic. phil., ist freie Journalistin.

 

Quelle:

Schweizer Accessibility-Studie 2007. Bestandesaufnahme der Zugänglichkeit von Schweizer Websites des Gemeinwesens für Menschen mit Behinderung. Eine Studie der Schweizerischen Stiftung zur behindertenge-rechten Technologienutzung «Zugang für alle»:
http://www.access-for-all.ch/ch/publikationen/accessibility-studie-2007.html


Links:

Allgemeine Informationen zur Barrierefreiheit im Netz:
www.einfach-barrierefrei.net

Stiftung «Zugang für alle»:
www.access-for-all.ch

Standards für Web Accessibility des Bundes:
http://www.bk.admin.ch/org/udpg/00376/02193/02196/index.html?lang=de

Standards für Web Accessibility der Kantone und Gemeinden beim Verein eCH:
http://www.ech.ch/vechweb/page?p=dossier&documentNumber=eCH-0059&documentVersion=2.00


Dateien:
2011_GuidiSarah_04.pdf46 Ki
 
 

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