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25.06.2011
00:00 Von: Arnold, Judith

Die Medien und der globale Süden

Alliance Sud kann auf 40 Jahre Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit zurückblicken. Wie hat sich in dieser Zeit die Sicht auf den globalen Süden verändert? Die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke nahm ihr Jubiläum zum Anlass, um mit Soziologieprofessor Kurt Imhof und mit Medienvertretern über die Auslandberichterstattung in der Schweiz zu reflektieren.


Von Judith Arnold

Alliance Sud, die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und HEKS, feiert dieses Jahr das 40. Jubiläum. Bei der Gründung stand das Bestreben im Vordergrund, über Themen des globalen Südens besser zu informieren, um die Schweizer Bevölkerung für entwicklungspolitische Fragestellungen zu sensibilisieren. Dazu wurde 1971 der Informationsdienst Dritte Welt (i3w) geschaffen, der seit 1972 ein Pressearchiv aufbaute. Mit Presseausschnitten, Broschüren, Flugblättern, Communiqués und Protokollen wollte man die Quellenlage für die Medienarbeit erweitern und damit zu einer differenzierteren Berichterstattung über die Dritte Welt beitragen.

«Seit der Gründungszeit von Alliance Sud hat sich der globale Süden grundlegend verändert», wie Caroline Morel, Präsidentin von Alliance Sud und Geschäftleiterin von Swissaid, festhält. «Die klare Zweiteilung der Welt zwischen Industriestaaten hier und Entwicklungsländer dort existiert nicht mehr. Schwellenländer spielen weltpolitisch eine immer wichtigere Rolle und der Einfluss der Industrieländer schwindet», so Morel. Gleichzeitig habe sich die Medienlandschaft in den letzten Jahren enorm gewandelt. Heute stellt sich die Frage, wie sich der Blick auf entwicklungspolitische Themen verändert hat.


Darstellung wird der Realität kaum gerecht

Zum Anlass ihres 40-jährigen Bestehens veranstaltete Alliance Sud eine Tagung, um mit Vertretern der Entwicklungszusammenarbeit, der Wissenschaft und der Medien über die Auslandberichterstattung in der Schweiz zu diskutieren. Theres Frösch, Nationalrätin und Mitglied der Beratenden Kommission für internationale Entwicklung und Zusammenarbeit, zeichnete ein zwiespältiges Bild: «Ausser im Katastrophenfall zeigen die Medien am globalen Süden ein geringes Interesse. Unser Blick auf Afrika wird geprägt durch eine Berichterstattung, die sich auf Elend und Korruption beschränkt, oder aber auf das Fremde wie traumhafte Landschaften, edle Wilde, Tanz und Musik, womit das Exotische idealisiert wird.»

Einen Anteil daran haben auch die Hilfswerke selbst, wenn sie mit Bildern von Armut, lachenden Kindern und verstümmelten Kriegsopfern die Aufmerksamkeit mobilisieren wollen, gab Martin Dahinden, Direktor DEZA, zu bedenken. Daher sei es wichtig, mit einer beharrlichen Information die Kernaussagen immer wieder zu vermitteln: «Wir leben in einer Welt. Unsere Probleme sind nicht lösbar ohne den Einbezug der Menschen des Südens». Tragen die Medien ausreichend zur Schaffung dieses Bewusstseins bei? «Wir sind nicht ganz zufrieden», bilanzierte Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud. «Wir haben den Eindruck, dass die qualifizierte Auslandberichterstattung in der Schweiz zurückgeht und dass es immer weniger Journalisten gibt, die sich mit der Entwicklungspolitik des Bundes und der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigen.»


Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit

Einen «Qualitätsverlust» und eine «Schrumpfung der Aussenberichterstattung» bestätigte auch Kurt Imhof, Mediensoziologe und Professor an der Universität Zürich: Die Auslandressorts wurden abgebaut und die Korrespondentennetze ausgedünnt, was zu einem Verlust an Spezialwissen und zu einer gesteigerten Abhängigkeit von Agenturen geführt habe. Auch der Zusammenzug von Redaktionen in News-Rooms und die Abfüllung derselben Inhalte in unterschiedliche Kanäle habe zu einer «Entdifferenzierung» in der Auslandberichterstattung beigetragen. Der Grund für diesen Wandel erklärte Imhof mit dem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit: «Die Medien haben sich von ihren herkömmlichen Trägern, den Parteien, Verbänden, Kirchen und den sozial eingebetteten Verlegerfamilien gelöst. Und seit der Teilung des Rundfunks in öffentlich-rechtliche und private Radio- und TV-Betreiber in den 1980er Jahren bilden die Medien ein weitgehend marktabhängiges Teilsystem, das sich primär am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger orientiert.» Dabei hätten Kommerzialisierung und Konzentra­tionsprozesse zu einer Reduktion der Medienvielfalt geführt, was sich in der Nachrichtenauswahl, den Interpretationen und den Darstellungen widerspiegle. Den grössten Auslandteil hätten noch die Tageszeitungen, doch ausgerechnet diese geraten durch den Wettbewerb mit den Pendlerzeitungen und Gratisangeboten im Internet immer mehr unter Druck. Eine zunehmende Boulevardisierung und Segmentierung der Medien nach Zielgruppen sei die Folge: Eine immer grössere Bevölkerungsgruppe, darunter vor allem «Jugendliche und bildungsferne Schichten nehmen die Welt jenseits der Schweiz in Gestalt von Sportereignissen, Affären, Kriegen und Katastrophen wahr», resümierte Imhof.

Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit ist aber nicht alleine für die Schrumpfung der Auslandberichterstattung verantwortlich. Auch der aussenpolitische Blick hat sich im Verlauf der Zeit stark verändert, wie Imhof aufzeigte.


Wandel der geostrategischen Orientierungen

Am Anfang ihrer jungen Geschichte hatte die moderne Schweiz viel Aufmerksamkeit auf die Beobachtung der aussenpolitischen Lage verlegt. Denn als Kleinstaat sah sich die Schweiz von mächtigen Nachbarländern umgeben, die als potentielle Bedrohung wahrgenommen wurden. Dabei kam diese strukturelle Lage mitten in Europa dem Zeitungswesen der Schweiz zugute, denn diese ausgeprägte aussenpolitische Beobachtung brachte eine entsprechend breite Auslandberichterstattung hervor. Die Nachbarländer seien laut Imhof als «Next-Door-Giants» wahrgenommen worden, wogegen sich die Schweiz mit antikommunistischen und später mit antifaschistischen Abwehrmechanismen verwahrte. Auf dieser Basis begann die Schweiz sich für die Völkerrechte, die Menschenrechte und die Kriegsrechte einzusetzen, nicht zuletzt, um die Kleinstaaten zu schützen. Hierin sei auch der Ursprung der humanistischen Tradition der Schweiz zu sehen.

War von 1848 bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Beobachtung der Nachbarländer für den Kleinstaat vital, so erweiterte sich im Kalten Krieg der Fokus auf den Ost-West-Konflikt. Der Kampf gegen die Sowjetunion und ihre Umtriebe im globalen Süden belebte auch die Berichterstattung über die Dritte Welt, die zunächst ebenfalls in diesem Ost-West-Dualismus gesehen wurde. Durch die 68er Bewegung wurde diese hegemoniale Sichtweise durch einen Nord-Süd-Dualismus ergänzt – «wie man an Alliance Sud sieht durchaus mit nachhaltiger Wirkung», so Imhof. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und dem Ende des Ost-West-Konflikts nahm auch die aussenpolitische Wahrnehmung des Südens wieder ab. Seit den 90er Jahren befinden sich mehrere geostrategische Orientierungsmuster im Wettstreit wie die neoliberale Globalisierungsdogmatik, die Islamismusperspektive und seit 9/11 zunehmend auch Samuel P. Huntingtons These vom «Clash of Civilizations».


Schrumpfung der Welt in der Wahrnehmung

Mit der Globalisierung wurden zwar die Nationalstaaten entgrenzt und der internationale Wirtschaftsraum erweitert, in den Medien jedoch hat das Regionale mit Bezug auf Human Interest an Bedeutung gewonnen. Laut Imhof ist also «die Öffentlichkeit der Globalisierung nicht nachgewachsen», wie man hätte erwarten können, im Gegenteil. Gestützt auf seine Analyse des Politikanteils relevanter Zeitungen und Sendungen kon­statiert Imhof sogar einen Niedergang der aussenpolitischen Berichterstattung in der Schweiz seit 2001: «Ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung haben wir es mit einer Schrumpfung der Welt in unserer Wahrnehmung zu tun. In der Globalisierung sollte unser Reflexions­wissen über die Welt eigentlich steigen. Das Gegenteil ist der Fall.»

Eine Zeitreihenanalyse während (1960 bis 1991) und nach dem Kalten Krieg (1992 bis 2010) zeigt, dass der Konflikt im Nahen Osten unverändert fast die Hälfte des aussenpolitischen Teils von «NZZ», «Tages-Anzeiger» und «Blick» in Anspruch nimmt (47%). Anders sieht es beim globalen Süden aus: «Während Afrika, Asien und Lateinamerika im Kalten Krieg zusammen immerhin 47% der aussenpolitischen Berichterstattung ausmachten, sind es seit 1992 nur noch 15%.» Fazit: «Der globale Süden schrumpft im schweizerischen Erfahrungshorizont», so Imhof.

Untersucht nach Handlungsfeldern sind vor allem drei Befunde interessant: In den untersuchten Zeiträumen dominieren Kriege und Konflikte über die Hälfte der aussenpolitischen Berichterstattung (55%). «Daran ändert das Ende des Kalten Krieges nichts», so Imhof. Terrorismus hingegen ist im ersten Untersuchungszeitraum noch kein Thema und tritt erst nach der Wende in Erscheinung (9%). Über Entwicklungshilfe wird nach wie vor nur marginal berichtet (1%).


Wieder mehr Experten gefragt

Die Medien der Entwicklungsorganisationen können dieses Defizit nur teilweise kompensieren, wie Anne-Marie Holenstein, ehemalige Direktorin Fastenopfer, ergänzte: Waren 2004 die Printerzeugnisse der Hilfswerke gemäss einer gfs-Umfrage noch das zweitwichtigste Informationsmittel über Entwicklungsländer, so sei ihr Stellenwert 2009 deutlich gesunken. Zudem interessierten sich die Menschen heute allgemein weniger für Weltprobleme, wie Peter Niggli zur Umfrage anmerkte, die alle fünf Jahre von Alliance Sud und DEZA in Auftrag gegeben wird. «Früher hat eine Mehrheit einen Zusammenhang gesehen zwischen der privilegierten Schweiz und den weniger privilegierten Ländern des Südens – und damit auch eine Verantwortung», so Niggli. Heute sei dies kaum mehr der Fall. Die Weltwahrnehmung der Schweizer Bevölkerung werde massgeblich durch die Medienberichterstattung geprägt, doch diese lasse offenbar nicht mehr erkennen, welche weltinnenpolitischen Aktivitäten notwendig wären.

Konfrontiert mit diesen Befunden, sahen die anwesenden Medienvertreter kaum Handlungsbedarf. Die Auslandberichterstattung der «Tagesschau» sei ausreichend, wie der Leiter Thomas Schäppi befand. Und Markus Mugglin, Leiter «Echo der Zeit», verwies auf den weiten Horizont und auf die hohe Akzeptanz seiner Sendung. Vorsichtiger argumentierten die Zeitungsmacher: Unter dem aktuellen Kostendruck sei es für Tageszeitungen schwierig, weltweit eigene Korrespondentennetze zu unterhalten, wie Pierre Veya, Chefredaktor «Le Temps», zu bedenken gab. Stattdessen würde man mit freien Journalisten zusammenarbeiten, die auch noch für andere Medien über den Süden schreiben wie für «Le Monde», «Le Soir» oder «La Libération». Darüber hinaus sei er im Begriff, für den arabischen Raum einen neuen Korrespondenten einzusetzen, um eine objektive Berichterstattung zu gewährleisten. Schwieriger sei der Unterhalt von Korrespondenten in Indien und China. Res Strehle, Co-Chefredaktor «Tages-Anzeiger», wies auf das neue Mantelkonzept seit den grossen Sparmassnahmen von Tamedia vor zwei Jahren hin, als Auslandkorrespondenten entlassen werden mussten. Gleichzeitig hob er die Vorteile hervor: Seit der «Bund» und der «Tages-Anzeiger» eine gemeinsame Auslandredaktion hätten, sei die Auslandberichterstattung eher wieder angestiegen. Bewährt habe sich überdies die Kooperation der Korrespondenten mit der «Süddeutschen Zeitung».

Gleichwohl postulierte Peter Niggli, dass mehr Fachjournalisten eingesetzt werden müssen: «Der Wunsch von Alliance Sud ist es, dass die Hintergrundberichterstattung über weltwirtschaftliche Fragen ausgebaut wird. Es braucht wieder mehr Experten, die kompetent über die Entwicklungszusammenarbeit berichten.»

 

Judith Arnold ist Redaktorin des Medienhefts.

Der Jubiläumsanlass «Die Medien und der globale Süden» zum 40-jährigen Bestehen von Alliance Sud fand am 21. Juni im Berner Casino statt. Es referierten Caroline Morel, Präsidentin Alliance Sud und Geschäftsleiterin von Swissaid, Martin Dahinden, Direktor DEZA, Kurt Imhof, Mediensoziologe und Professor an der Universität Zürich, Therese Frösch, Nationalrätin und Mitglied der Beratenden Kommission für Entwicklungszusammenarbeit, sowie Anne-Marie Holenstein, ehemalige Radio-Journalistin, ehemalige Direktorin Fastenopfer und Mitbegründerin der Erklärung von Bern. In der Gesprächsrunde diskutierten Markus Mugglin, Leiter Echo der Zeit bei Radio DRS, Thomas Schäppi, Leiter Tagesschau beim Schweizer Fernsehen, Res Strehle, Co-Chefredaktor Tages-Anzeiger, und Pierre Veya, Chefredaktor Le Temps, unter der Moderation von Peter Niggli, Geschäftsleiter Alliance Sud.

Quelle:  http://www.alliancesud.ch/de/ep/weiteres/medien-und-globaler-sueden


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Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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