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14.06.2011
00:00 Von: Pfenniger Silvia

Frauen sind in den Schweizer Medien untervertreten

40 Jahre Frauenstimmrecht, 30 Jahre Gleichstellungsartikel und 20 Jahre Frauenstreiktag nahmen die Journalistenverbände zum Anlass, um nach der Beteiligung der Frauen an und in den Medien zu Fragen. Ein Tagungsbericht.


Von Silvia Pfenniger

Ausgehend von der aktuellen Studie – "Wer macht die Nachrichten in der Schweiz?" – luden die drei Schweizer Journalistenverbände impressum, syndicom und SSM zur Tagung "Medien und Geschlecht" ein. Auf dem Podium und unter den rund 100 Teilnehmenden im Radio Studio Bern waren Frauen in grosser Mehrheit. Dies im Unterschied zum Medienalltag. Frauen sind in den Deutschschweizer Medien als Journalistinnen mit 23% und als erwähnte Personen mit 19% stark untervertreten. Die Diskriminierung von Frauen ist subtiler geworden. Aber stereotype, aus männlicher Sicht geprägte Rollenbilder prägen die Medien nach wie vor.

International im Rückstand

Co-Autorin Sylvie Durrer, Sprachwissenschaftlerin und seit März Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Mann und Frau, stellte ihren Bericht vor. Die Studie wurde von der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG) in Auftrag gegeben und ist Teil des "Global Media Monitoring Project" (GMMP) 2010. Die Schweizer Zahlen liegen unter den weltweiten Mittelwerten. Global beträgt der Frauenanteil an den vorkommenden Personen 24% und an den zeichnenden JournalistInnen
37%. Unterschiede gibt es in der Schweiz zwischen den Sprachregionen: So beträgt in der Westschweiz der Frauenanteil bei den erwähnten Personen 24% bei den zeichnenden Medienschaffenden 31%. Im Tessin sind es sogar 27% und 44% Frauen. Der Bericht zeigt zudem, dass die Schweizer Medien und Medienschaffenden, unabhängig von ihrem Geschlecht, noch stark im herkömmlichen, stereotypen Rollenbild verhaftet sind. Ganz nach alter Väter Sitte, als sich die Schweizer Männer ihrer Demokratie rühmten, längst bevor sie ihren Frauen vor 40 Jahren endlich das Stimmrecht gewährten.

Via Frauen wird in den Medien häufig die Meinung des einfachen Volkes vermittelt, während Männer eher Autoritätspersonen verkörpern oder die Expertenrolle spielen. Am 10. November 2009, dem Stichtag der Studie, wurden zum Beispiel bei den PolitikerInnen 282 Männer und bloss 82 Frauen erwähnt. Ingesamt kamen in den untersuchten Schweizer Nachrichtenmeldungen nur 22% Frauen vor. Aufgeschlüsselt nach Medien ergibt sich ein Frauenanteil von 22% für die Presse, 21% für das Radio und 24% für das Fernsehen. Dieses Ergebnis liegt unter dem im Zwischenbericht des GMMP konstatierten weltweiten Durchschnitt von 24%.

Frauen in den "K-Rubriken"

Man kann sich fragen, wie aussagekräftig Studienresultate sind, die bloss auf einem Stichtag beruhen. Doch die Aussagen der Referentinnen wiesen weitgehend in dieselbe Richtung. Martina Leonarz, Dozentin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, spricht von den "K-Rubriken: Küche, Kinder, Kirche, Kultur, Kleider, Kosmetik, Konsum", die den Redaktorinnen und Journalistinnen zugemutet werden, während ihre Kollegen sich in den Ressorts Wirtschaft, Politik und Sport stark machen. Zwar gäbe es mehr Frauen im Journalismus als früher, aber vor allem in unteren Positionen. Trotz verbesserter Situation sei "versteckte, subtile Diskriminierung nach wie vor vorhanden". Martina Leonarz stellt fest: "Journalistinnen sind eher in einem Teilzeitverhältnis angestellt, arbeiten eher als Freie, sind seltener in Führungspositionen, verdienen weniger, sind jünger (steigen eher wieder aus oder um: zum Beispiel PR-Bereich), haben seltener Familie und Kinder, arbeiten eher in Ressorts Gesellschaft, Lifestyle, Freizeit als ihre männlichen Kollegen."

Karin Müller, Chefredaktorin Radio 24, die Frauen in ihrem Redaktionsteam bewusst auf allen Hierarchie-Ebenen integriert, ist überzeugt, dass sie damit die Zahl der Zuhörerinnen vergrösserte. Frauen fühlten sich vermehrt angesprochen. Und dies muss nicht auf traditionelle Frauengebiete und Frauenfragen beschränkt sein. Die Radio-Direktorin gestand, dass sie lieber über Kosten- und Wirtschaftsthemen reden und erzählen würde "wie ich den Turnaround geschafft habe". Es sei leider typisch, dass sie einmal mehr eingeladen wurde, um auch hier über Frauenthemen zu sprechen.

Mehr Selbstbewusstsein gefragt

Doch längst nicht jede (Medien-)Frau verfügt über die erforderliche Selbstsicherheit. Christine Maier, Redaktionsleiterin SF-Club, erhält allzu oft Absagen von Frauen, weil sie sich zuwenig kompetent fühlten. Im krassen Unterschied zu den meisten Männern, die oft zusagten bevor sie überhaupt wüssten, was das Thema sei. "Ich habe noch nie von einem Mann gehört, er fühle sich zu wenig kompetent", sagte Maier. Silvia Ricci Lempen, Schauspielerin, Künstlerin und Schriftstellerin, betrachtet die Untervertretung der Frauen in den Medien als blosses Symptom. Die Diskriminierung der Frau ortet sie im kollektiven Unterbewussten. Sie würde von den Medien bloss bestärkt und verbreitet.

Pragmatisch und nüchtern äusserte Arthur Rutishauser, Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers, seine "Gedanken und Erfahrungen zur Frauenförderung in den Redaktionen". Mit je einem Anteil von 46% Leserinnen werden der Tagesanzeiger und die SonntagsZeitung mit je einem Prozent von NZZ am Sonntag und Sonntag überboten. Blick (35%), NZZ (37%), Weltwoche (40%) und SoBli (42%) liegen in der Gunst der Leserinnen weiter unten. Etwas besser sieht es bei den Regionalzeitungen aus, bei denen der Anteil der Leserinnen bei 50 und teilweise gar 51% liegen. Online hingegen erreichen die Medien weniger Leserinnen: Bei Newsnetz sind es 43%, bei 20 Minuten online 44% und bei NZZ online 39% Frauen. "Wirtschaftsthemen ein Frauenschreck?", kommentiert Rutishauser die bescheidenen Anteile der Leserinnen bei den Wirtschaftszeitungen. Bilanz 34%, Finanz und Wirtschaft 25%, HandelsZeitung 28% und Stocks 27%. Dieses "Versagen" der Zeitungen begründet er mit: "Kaum Chefredaktorinnen bei grossen Titeln, kaum Ressortleiterinnen, Politik-Chefinnen fehlen." Er hofft, dass der wirtschaftliche Druck zur Steigerung der Zahlen von LeserInnen die Gleichstellung in den Redaktionen fördere. Dies bedinge allerdings auch flexible Angebote für Kinderbetreuung, betonte der Vater von zwei Buben im Schulalter. "Frauenfeindliche Redaktionen" bezeichnete er "heute als Mythos".

Empfehlungen des "Global Media Monitoring Project" (GMMP)

Rutishausers Referat löste keine grosse Begeisterung aus. Die Voten der Frauen, die Resultate der Studie und nicht zuletzt ihre persönliche Erfahrung vermittelten im Publikum einen kämpferischen Geist. Man fühlte sich an die Zeit der Frauen-Kongresse erinnert, wo Gleichberechtigung selbst auf dem Papier noch in weiter Ferne war. Die Forderung nach Diversifizierung der Standpunkte und nach Beseitigung der Stereotype im medialen Diskurs wird von verschiedener Seite erhoben. Weit über die Schweizer Grenzen hinaus. So beklagt sich die Internationale Journalisten Föderation (IJF), die über 600'000 Medienschaffende in 125 Ländern vertritt, nicht nur über die geringe Zahl von Frauen in leitenden Positionen von Medienunternehmen, sondern auch darüber, dass Frauen in den Informationen zu wenig vorkommen. Sie fordert daher die Verantwortlichen wie auch die JournalistInnen vor Ort auf, alle notwendigen Massnahmen zu ergreifen, um die Präsenz der Frauen in den Informationen zu
verstärken, und zwar sowohl als Subjekte wie als Objekte des Diskurses.

Die Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten - GMMP 2010 Schweiz empfiehlt:

- die Genderperspektive in die Ausbildung der Medienschaffenden integrieren, aber auch das Kader der Medienunternehmen für Geschlechterfragen sensibilisieren;

- die berufliche Laufbahn von Frauen fördern, insbesondere durch eine Gestaltung der Arbeitssituation, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht und so mehr Diversität im Beruf erlaubt;

- Redaktionsteams zusammenstellen, die hinsichtlich Geschlecht, aber auch Alter und soziokulturellem Hintergrund möglichst durchmischt sind;
- die Einhaltung des Gleichstellungsgesetzes (GlG), namentlich auch bei einem Stellenabbau, laufend berücksichtigen;

- die JournalistInnen auffordern, eine ausgewogene Adresskartei zu führen, um die Zahl der Expertinnen, Kommentatorinnen und Sprecherinnen in den Nachrichten zu erhöhen und eine Vielfalt an Sichtweisen zu fördern;

- die so genannten Frauenthemen in die allgemeine Berichterstattung integrieren, damit Themen, die Frauen besonders betreffen, in den Tagesaktualitäten des Landes mehr Gewicht bekommen;

- auf eine gute journalistische Sprache achten und geschlechtergerechte Formulierungen verwenden, die die Frauen weder verniedlichen noch sexualisieren, noch Geschlechterstereotype reproduzieren;

- mehr über Frauenrechte und Probleme fehlender Chancengleichheit berichten;
- Monitoring- und Controllingverfahren zur regelmässigen Überprüfung der Gleichbehandlung von Frauen und Männern in den Medien einführen.

Mit der Umsetzung solcher Empfehlungen könne erreicht werden, dass mehr Frauen an der Medienproduktion in der Schweiz teilhaben, gibt GMMP 2010 zu bedenken. Massnahmen, die im Sinne der Gleichberechtigung, aber auch als Rezept gegen die Medienkrise zu empfehlen sind.

 

Quelle:

http://www.equality.ch/pdf_d/GMMP2010_CH_Bericht_d.pdf


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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