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01.06.2011
00:00 Von: Berger, Roman

Krise der Leuchttürme öffentlicher Kommunikation

Noch gibt es Qualitätsmedien mit gutem Journalismus. Aber wie lange noch? Kommunikationsforscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen Stellung.


Von Roman Berger

In der einst grossen Tradition der schweizerischen Publizistik findet eine Qualitätserosion statt. Am deutlichsten zeigt das der Erfolg der Gratiszeitungen und Gratisangebote im Internet, wo «soft news» die klassischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur verdrängen und eine «Gratiskultur» den Journalismus abwertet. So bilanzierte eine Forschergruppe um den Soziologen Kurt Imhof im vergangenen Herbst die Schieflage der Schweizer Medienlandschaft.

Jetzt nehmen Kommunikationsexperten Qualitätsmedien unter die Lupe. Auch die Leuchttürme der öffentlichen Kommunikation, wie die Qualitätsmedien genannt werden, befinden sich in der Krise. Publikum und Werbeeinnahmen brechen weg. Die Qualitätsmedien sparen bei der Qualität und verlieren erneut an Reichweite. Die Abwärtsspirale ist nicht zu stoppen. Wie gerieten die Qualitätsmedien in die Krise? Und hat der gute Journalismus noch Zukunft? Auf solche Fragen versucht ein Sammelband zu antworten, in dem 15 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sich zum Thema äussern*.


Was ist ein Qualitätsmedium?

Was macht Qualitätsmedien überhaupt zu Qualitätsmedien? Die Voraussetzungen dafür erscheinen selbstverständlich, sind es heute aber leider nicht mehr. Eine Qualitätszeitung, so erinnert der emeritierte Berner Professor und ehemalige Journalist Roger Blum, verfügt über spezialisierte Fachredaktoren, die ihre Gesprächspartner kompetent befragen können und legt Gewicht auf die klassischen Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Qualitätsmedien gibt es noch, aber sie stehen unter dreifachem Druck. Die harte Konkurrenz durch neue Medien macht ihnen zu schaffen, die Werbeeinnahmen sind zusammengebrochen, gleichzeitig sind sie mit einem anspruchsvollen aber nicht mehr zahlungswilligen Publikum konfrontiert.

Otfried Jarren und Martina Vogel machen eine wichtige Unterscheidung, die in der allgemeinen Krisendiskussion oft übersehen wird. Neben den Qualitätsmedien gibt es noch so genannte Leitmedien. Sie haben eine Leitfunktion für andere Medien, die sie zitieren und geniessen ein erhöhtes Ansehen bei den Eliten und Entscheidungsträgern. Gleichzeitig repräsentieren Leitmedien bestimmte gesellschaftliche Interessen.

In der Schweiz ist die NZZ noch ein Leitmedium, das mit seiner politischen Nähe zur Freisinnigen Partei eine klare politische Position einnimmt. Meinungsmacherin möchte heute auch die Weltwoche sein. Mit ihren national populistischen Positionen vermag das Kampfblatt der SVP zwar immer wieder publizistische Wellen zu schlagen, aber nur deshalb, weil auf der Gegenseite ein Leitmedium fehlt, das als Wellenbrecher dienen könnte.


Weniger politische Berichterstattung

In einer Untersuchung der Standardressorts (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport) in Deutschschweizer Medien (NZZ, TA, Blick) stellen Esther Kamber und Kurt Imhof einen Rückgang der politischen Berichterstattung zu Gunsten der Wirtschaft (Börse und Märkte) und des Sports fest. Vor allem die Auslandberichterstattung habe an Gewicht verloren. Diese Gewichtsverschiebungen, so die Autoren, schränken die Rolle der Medien in ihrer Forums-, Kontroll- und Integrationsfunktion ein.


PR – ein trojanisches Pferd

Noch wenig erforscht ist, wie heute Public Relations die wirtschaftlich angeschlagenen Qualitätsmedien unterlaufen. Welche Ausmasse diese Unterwanderung annehmen kann, beschreibt Stephan Russ-Mohl am Beispiel der USA. Einer geschätzten Armada von mehr als 240’000 Personen in der PR-Branche stehen inzwischen in den USA nur noch knapp 100’000 Journalisten gegenüber. «Die Redaktionen verwandeln immer öfter ungeprüft und mit wenigen Mausklicks Pressemitteilungen von Firmen, Ministerien und sonstigen Interessengruppen in Journalismus», meint Russ-Mohl. Warum sollen Regierungsstellen, Unternehmen und NGOs viel Geld für teure Werbung ausgeben, wenn sie doch Botschaften über das trojanische Pferd PR viel billiger und glaubwürdiger im redaktionellen Teil unterbringen können? Ist die Balance zwischen Journalismus und PR womöglich längst aus den Fugen geraten, ohne dass dies in der Öffentlichkeit bemerkt worden wäre?


Hat Qualitätsjournalismus eine Chance im Netz?

In der Schweiz hat Tamedia in den letzten drei Jahren auf Zeitungsredaktionen 180 Vollstellen gestrichen. Kürzlich hat der gleiche Konzern angekündigt, er werde 100 neue Journalistenstellen im Online-Bereich schaffen. Wird nun auf «20min.ch» oder «tagesanzeiger.ch» weniger überhastet und oberflächlich berichtet? Oder anders gefragt: Hat der Qualitätsjournalismus im Internet überhaupt eine Chance?

Solche Fragen versucht Andreas Vlasic zu beantworten. Der deutsche Medienwissenschafter zeigt am Beispiel von Erfahrungen in Europa und in den USA auf, dass die Einnahmen aus dem Netz den Rückgang im klassischen Werbegeschäft nicht annähernd kompensieren können. Es gebe noch keine Strategie, wie im Netz eine Finanzierung mit bezahlten Inhalten (from free to fee) durchgesetzt werden könne. Und ohne nachhaltige Finanzierung gibt es auch keinen Qualitätsjournalismus im Netz.

Es gilt nicht nur zwischen Qualitätsmedien und Boulevard zu unterscheiden. Linards Udris und Jens Lucht machen auf einen dritten Pressetyp aufmerksam, den sie mit dem Begriff «Forum-Midmarket» umschreiben. Dabei handelt es sich um eine Zeitung mit regionaler Verbreitung, die sich nicht ausschliesslich an eine Elite wendet. Gerade diese mittlere Kategorie, zu der man beispielsweise den Tages-Anzeiger zählen könnte, stehe besonders stark unter Druck, sich dem Niveau von Boulevardmedien anzupassen.


Gefährliche Polarisierung

Eine Polarisierung in Elite- und Boulevardmedien ist für Deutschland bereits Tatsache geworden. So stellen Olaf Jandura und Hans-Bernd Brosius fest: «Die Leser aus der Mittelschicht haben sich von den Qualitätsmedien abgewandt und fehlen nun als Multiplikatoren. Die gesellschaftlichen Eliten, die die Qualitätsmedien lesen, bleiben so unter sich. Die Fragmentierung des Publikums in der Mediengesellschaft gewinnt an Dynamik» mit verhängnisvollen Folgen: Wissen und Macht werden in der Gesellschaft ungleich verteilt.

Mit dieser Gefahr müsse sich die Wissenschaft ernsthafter auseinander setzen, geben die Experten zu bedenken. Ebenfalls nur am Rande gestreift wird die zentrale Frage, ob der Markt Qualitätsmedien auf die Dauer noch finanzieren kann (Vinzenz Wyss). Mit diesen für das Überleben der Demokratie entscheidenden Fragen sollten sich auch die Leuchttürme selber vermehrt auseinander setzen und der Öffentlichkeit die entsprechenden Warnsignale senden.

Denn die Öffentlichkeit und die Politik sind für das Funktionieren der Leuchttürme verantwortlich. Es ist höchste Zeit, dass sie sich mit ihren Leuchttürmen intensiver beschäftigen. Und dies, solange die Leuchttürme noch über genügend Leuchtkraft verfügen, um vor kommenden Stürmen warnen zu können.

 

Literatur:

*Roger Blum, Heinz Bonfadelli, Kurt Imhof, Otfried Jarren: Krise der Leuchttürme öffentlicher Kommunikation. Vergangenheit und Zukunft der Qualitätsmedien. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2011.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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