Artikelsuche

Nach Stichwort


Nach Autor


Nach Rubrik


Nach Jahr


11.05.2011
00:00 Von: Guidi, Sarah

100 Haikus für das Handy

Die Gegensätze könnten nicht grösser sein: hier die schnelle Short Message via Handy – dort die spirituelle Schule der jahrhundertealten japanischen Haiku-Gedichtform. Oliver Bendel hat beides kongenial vereint im Handyhaiku, das als semiotischer Widerstand im Alltag für Entschleunigung und besinnliche Irritationen sorgt.


Von Sarah Guidi

Der Germanist und Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel schreibt seit seiner Jugend professionell Lyrik und hat den Handyroman von Japan nach Europa gebracht. Der Band «handyhaiku» ist nach «stöckelnde dinger» Bendels zweite Handyhaiku-Sammlung und wurde 2010 vom Hamburger Haiku Verlag als gedrucktes Büchlein herausgegeben. Darin beschreibt er hauptsächlich Momente aus der modernen Handywelt: «folge diesem link / verbinde dein handy mit / wartenden servern». Vereinzelt nimmt er in seinen Gedichten Bezug zur griechischen Mythologie: «hoelzerne taube / des archytas klappriges / spielzeug antikes». Oder er taucht ein in die Welt der alten japanischen Dichter: «die haikumeister / traeumten von geheimnisvoll / knisterndem papier». Haikus sind aufgrund ihrer Knappheit nicht immer auf Anhieb verständlich, und gewisse benötigen Vorwissen. Doch sie wecken Interesse und laden geradezu ein, auf Spurensuche zu gehen.

Für Haikus ist das SMS auf dem Handy wie geschaffen. Bendel trägt dem Rechnung und publiziert alle seine 100 Handyhaikus sowohl in Textform als auch im optischen Raster des QR-Codes (Abkürzung für «quick response»). Letzterer kann von Smartphones und Scannern gelesen und als Text wiedergegeben werden. Im Gespräch mit dem Medienheft erzählt Oliver Bendel, wie er zum Schreiben von Haikus kam und warum er dafür das Medium Handy wählt.

Herr Bendel, wie ist Ihnen der Einfall gekommen, Haikus zu schreiben?

Obwohl ich noch nie in Japan war, bin ich seit vielen Jahren ein Japanliebhaber. Ich mag japanische Filme, japanische Literatur und japanische Kunst und seit 2007 schreibe ich regelmässig Handyromane, eine Textgattung, die in Japan entstanden ist. 2009 fühlte ich mich in Bezug auf die Lyrik in einer Sackgasse. Deshalb habe ich mir überlegt, was ich in dieser Gattung Neues machen könnte und bin auf die Form des Haiku gekommen. Zunächst hatte ich Bedenken wegen der sehr strikten Formen. Abgeleitet von der japanischen Tradition gilt im deutschsprachigen Raum die Regel, dass Haikus aus bis zu siebzehn Silben bestehen, und diese teilt man meistens auf in fünf plus sieben plus fünf Silben. Aber gerade durch diese extreme Begrenzung und Beschränkung habe ich das Gefühl gehabt, mich besonders präzise ausdrücken zu müssen und auch zu können. Das habe ich als sehr beglückend empfunden. Neben dem formalen Aufbau habe ich von den traditionellen Haikus auch das Motiv der Momentaufnahme, das Situative, das Visuelle und das Überraschungsmoment übernommen, während mich die Jahreszeiten, die in den traditionellen Haikus ein zentrales Motiv sind, nicht interessiert haben.

Und warum Haikus für das Handy?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Weil ich schon Handyromane geschrieben habe, habe ich darüber nachgedacht, welche Gedichtform fürs Handy geeignet sein könnte. Ich kam auf das Haiku, weil es wegen seiner Kürze fast die einzige Gedichtform ist, die auf dem Handy funktioniert. Andere Gedichte sind länger und man müsste permanent mit Schrägstrichen arbeiten, was für die Leser nicht mehr durchschaubar wäre. Bei den Handyhaikus verwende ich auch Schrägstriche, aber da braucht es pro Haiku nur zwei davon. Ein weiterer Grund war das erste Haiku, das ich in meinem Leben geschrieben habe. Es lautet: «pixel um pixel / dicht ich dich handyhaiku / mobiles gedicht» und es wurde dann das Eingangsgedicht des Büchleins «handyhaiku». Wie man sieht, war dieses Haiku inhaltlich schon als Handyhaiku angelegt. Und damit war dann auch die Idee, einen Gedichtband mit Haikus über das Handy und für das Handy zu schreiben, geboren. Es mag komisch klingen, aber ich bin im Prinzip kein Handyfreund. Ich finde es schrecklich, dass heute alle herumlaufen und telefonieren. Denn telefonieren ist für mich etwas hoch Privates, das ich nie in der Öffentlichkeit tun würde. Deshalb ist mir das Handy schon auch suspekt. Aber Handys sind Kleinstcomputer, die man für bestimmte Zwecke gut gebrauchen kann, und das Beste, was man mit Handys tun kann, ist meiner Meinung nach lesen und schreiben.

Welches sind die Inhalte der Haikus in Ihrem Band?

In den Haikus von «handyhaiku» geht es hauptsächlich um Gegebenheiten aus unserer digitalen Welt. Zusätzlich spiele ich auf meine eigene Literatur an und teilweise verweise ich auf die griechische Mythologie oder die Welt der alten Haikumeister. Das, was alle Haikus aus «handyhaiku» verbindet, ist das Künstliche, die künstliche Kreatur, das Maschinelle und das Fiktionale. So ist nicht nur Handygirl, eine meiner literarischen Figuren, eine künstliche Kreatur, ein so genannter Avatar auf dem Handy. Auch Hephaistos aus der griechischen Mythologie, der Gott des Feuers und der Schmiede, hat künstliche Kreaturen geschaffen. Dazu gehören Pandora, der Wächter Thalos von Kreta oder die goldenen Dienerinnen. Thalos und die goldenen Dienerinnen fanden Eingang in meine Haikus. Ebenfalls um die Schaffung einer künstlichen Figur geht es in Fritz Langs Film «Metropolis» (1927). Vor allem die trickreiche visuelle Darstellung der Verwandlung Marias ist sehr beeindruckend und hat mich zu einem Haiku inspiriert. Fritz Lang kommt dann später in einem meiner Lieblingsfilme vor und zwar in «Le Mepris» (1963) von Jean-Luc Godard mit Michel Piccoli und Brigitte Bardot. Auch zu diesem Film habe ich ein Haiku geschrieben. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Inhalte meiner Haikus meine persönliche Welt abbilden.

Wann und wie schreiben Sie Ihre Handyhaikus?

Ich habe einige Haikus auf dem Handy geschrieben, aber die meisten schreibe ich auf Post-its, denn ein Haiku passt wunderbar auf dieses Format. Und zwar verwende ich die pinkfarbenen und die grünen Post-its, weil mir die gelben zu langweilig sind. Die beschriebenen Post-its klebe ich dann irgendwo in meiner Wohnung an die Wand. Mit der Zeit ist dann alles voll, ich sammle die Post-its ein und tippe sie ab. 90 Prozent dieser Haikus bleiben so stehen und an ungefähr 10 Prozent muss ich danach noch herumfeilen. Ich schreibe nicht regelmässig Haikus, sondern das passiert schubweise. Denn für das Schreiben von Gedichten, und somit auch von Haikus, brauche ich einen thematischen und/oder einen formalen Rahmen. Für den Band «handyhaiku» war der thematische Rahmen das Handy und die künstliche Welt, und formal habe ich von Anfang an 100 Haikus geplant. Weil mir im Moment der Rahmen fehlt, dichte ich gerade keine Haikus und warte quasi auf eine Idee.

Wer sind die Leser und Leserinnen ihrer Handyhaikus?

Soweit ich das einschätzen kann, sind die Leser meiner Handyhaikus eher Erwachsene und weniger Jugendliche, wie es bei meinen Handyromanen der Fall ist. Weil ich ein breites Publikum erreichen wollte, habe ich mich für eine hybride Publikationsform entschieden. Das heisst, jedes Haiku ist sowohl als Text als auch als QR-Code vorhanden. Der QR-Code kommt aus Japan und wurde von einer Tochterfirma von Toyota entwickelt, um die Sortierung und Zulieferung von Autoteilen zu perfektionieren. Der QR-Code ist ein günstiges Mittel, um jeden beliebigen Inhalt zu codieren. Heutzutage benutzt man QR-Codes hauptsächlich, um Webadressen, SMS, Telefonnummern oder Visitenkarten zu codieren. Weil das Haiku eine so kleine Textform ist, kann man auch dieses problemlos in einen QR-Code stecken. Meine Absicht hinter dieser hybriden Publikationsform war, dass man nach dem Lesen des Buches seine Lieblingshaikus einscannen, mit sich herumtragen und weiterschicken kann. Über hybride Publikationsformen denke ich seit einiger Zeit auch als Wissenschaftler nach. Dabei  interessiert mich vor allem das Offline-Prinzip. Sie brauchen zum Lesen der Haikus keine Online-Verbindung. Ich störe mich auch daran, dass heute alle immer online sind und sein wollen, und ich versuche das mit den QR-Codes künstlerisch etwas aufzubrechen. Soweit ich weiss, habe ich mit «handyhaiku» das erste Lyrikbuch gemacht, in dem die Gedichte auch maschinenlesbar vorhanden sind.

Auf welchen Wegen kann man Ihre Handyhaikus beziehen?

Im Unterschied zu meinem ersten Haikuband «stöckelnde dinger», der als Handybuch erschienen ist, bin ich mit dem Manuskript von «handyhaiku» an den Hamburger Haiku Verlag gelangt. Dieser hat innert Tagesfrist zugesagt, was mich sehr gefreut hat, und «handyhaiku» anschliessend als gedrucktes Buch herausgegeben. «handyhaiku» ist im traditionellen Buchhandel erhältlich. Zusätzlich gibt es zwölf meiner Handyhaikus auch als Klingeltöne und als Logo für das Handy. Auf der Webseite www.artmafia.ch können diese einzeln heruntergeladen werden. Zusätzlich habe ich meine Haikus bisher an mehreren Lesungen vorgestellt. Dabei habe ich gemerkt, dass es wahnsinnig schwer ist, Haikus vorzulesen. Damit ich das Publikum, das während der Lesung bei Wissenslücken ja nicht wie zu Hause auf Spurensuche gehen kann, trotzdem abholen konnte, habe ich die Haikus jeweils zuerst vorgelesen und dann den Hintergrund erklärt. Ich glaube, es gibt Haikuliebhaber und es gibt Leute, die diese Form nicht verstehen. Als ich Studenten von mir meine Haikus vorgelesen habe, waren die zum Teil vollkommen ratlos. Einer hat gesagt: «Herr Bendel, das macht doch alles keinen Sinn». Aber ich war dann sehr beruhigt, als sie auf das wohl berühmteste Gedicht des Haikumeisters Matsuo Bashô (1644-1694) ähnlich reagiert haben: «der alte weiher / ein frosch springt hinein / der klang des wassers».

 

Oliver Bendel ist Germanist und Wirtschaftsinformatiker. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Winterthur und lehrt und forscht als Professor an der Hochschule für Wirtschaft in Basel.

Das Gespräch fand am 27. April 2011 im Restaurant «Au Premier» in Zürich statt.

 

Quellen:

Bendel, Oliver (2010): handyhaiku. 100 haikus über das handy und für das handy. Hamburger Haiku Verlag.

Bendel, Oliver (2010): Die Renaissance des Papiers. Codes als Elemente hybrider Publikations-formen. In: LIBREAS.Library Ideas, Jg. 6, H. 2 (17).
http://libreas.eu/ausgabe17/texte/05bendel.htm (11.05.2011).

 

Links:

Webseite des Autors und Wissenschaftlers Oliver Bendel:
www.oliverbendel.net

Webseite zu den Handyhaikus von Oliver Bendel:
www.handyhaiku.net

Webseite des Hamburger Haiku Verlags:
www.haiku.de

Webseite der Schweizer Künstlergruppe Artmafia mit Klingeltönen und Handylogos:
www.artmafia.ch


Dateien:
2011_GuidiSarah_03.pdf50 Ki
 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch