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28.03.2011
00:00 Von: Seydel, Stefan M. & Piazzi, Tina

Warum Twitter ein sicherer Ort ist

Das multimediale Blog ((( rebell.tv ))) ist Ende 2010 vom Netz genommen worden. Die ehemalige Sozialarbeitsprofessorin Tina Piazzi und der in der Szene mit seinen Initialen «SMS» bekannt gewordene Blogger Stefan M. Seydel arbeiten aber weiterhin an ihren Forschungsfragen: «Die Form der Unruhe» ist ein Ansatz, welcher mit Informationen auf der Höhe der Zeit umzugehen sucht. Für «Medienheft» verfassten die beiden einen Gastbeitrag zu ihren Herangehensweisen und bisherigen Erkenntnissen.


Von Tina Piazzi und Stefan M. Seydel

Jeden Morgen, seit dem 01.01.2011, seit wir http://rebell.tv/ vom Netz genommen haben, um Punkt 10 Uhr, ein Twitter-Tweet von @sms2sms: DIESER ORT IST SICHER. Warum twitter.com im Vergleich zu einem eigenen Blog – einer Seite im Internet, welche sehr häufig mit neuen Informationen bestückt wird – ein sicherer Ort sein soll und warum Twitter derzeit am weitesten in die Zukunft des Internets zu weisen vermag, wollen wir im Folgenden erläutern.

Unser Beruf, die Soziale Arbeit, gehört zu den typischen Professionen im Umfeld der Kommunikation. Um genauer zu sein: Unser eigentliches Handwerk ist die mündliche Kommunikation. Gespräche protokollieren, verschriftlichen, aktenkundig machen hat im deutschsprachigen Raum in der Aufarbeitung der berufsständischen Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus frischen Widerstand gefunden. Was für die Verschriftlichung gegenüber Auftraggebenden – dem Staat, dem Verein, den Spendenden etc. – unabdingbar und notwendig ist, wirkt erfahrungsgemäss gegenüber hilfe-, unterstützungs- und beratungsuchenden Menschen gänzlich anders: notieren, festhalten, zählen, bewerten, normieren, Abweichungen typologisieren, Menschen disziplinieren, systematisieren, katalogisieren. Hin- und hergerissen zwischen diesem «Doppelten Mandat» – den Interessen der Auftraggebenden und der Klienten – muss sich also mittels eigenständigen, fachlichen Standards die konkrete Praxis entscheiden. Darum gehört es seit erdenklichen Zeiten zu den Zeichen der Professionalität, dass Sozialarbeitende regelmässig in der Supervision ihr Handeln reflektieren. Quelle unzähliger Witze: Über alles reden wollen müssen dürfen sollen mögen. Übers drüber Reden reden. Und auch darüber noch. Für hier aber kann genügen:

Soziale Arbeit ist – wie Journalismus – ein Kind der Aufklärung und der Industrialisierung. Auch die Freude an der Sprache, die Befähigung möglichst aller Menschen zum Lesen und Schreiben, die Nutzung und Anwendung des gedruckten Wortes: Eine gemeinsam geteilte Leidenschaft. In der Erfahrung unseres Berufes aber eben eine Kommunikation, welche auch unsägliches Leiden schafft: Beschreibung, Zuschreibung, Etikettierung, Kennzeichnung, Stigmatisierung, Ausschliessung, Aussonderung.


«Lösungen erkennt man am Verschwinden des Problems»

So kann es kaum überraschen, dass den jungen, berufseinsteigenden Sozialarbeiter auf einer AIDS-Hilfe Mitte der 1990-Jahre die neuen Möglichkeiten faszinieren mussten: Der eben noch mit der Kraft einer Maschine unabänderlich fixierte Satz wird am Computer in seiner ganzen Optionalität und Vorläufigkeit ersichtlich. Bloss noch leuchtende und nicht leuchtende Pixel am eigenen Bildschirm. Plötzlich steht das Kernstück einer 200-jährigen Professionalisierungsgeschichte – das unaufgezeichnete, unprotokollierte, flüchtige Gespräch, welches anonyme, auf Vertraulichkeit basierende Begegnungen in juristischen, medizinischen, moralisch überladenen gesellschaftlichen Randzonen ermöglicht – vor einem sensationellen Revival. Die erste berufliche Erfahrung mit Internet war die anonyme Beratungstätigkeit. Jetzt nicht mehr am Telefon, sondern via E-Mail: Keine Stimme. Kein Geschlecht. Bloss noch ein Anliegen. Fake? – Ist doch egal! Ein Gesprächsangebot ist ein Gesprächsangebot. Was hilft ist hilfreich.

Wenig später wurde das, was wir bis heute noch «Internet» nennen, sogenannt «schneller»: Jetzt wurden nicht nur Texte und Hyperlinks ausgetauscht. Töne, Bilder, «schwerste» Dateien mit bewegten Bildern liessen sich so abspeichern, dass auch andere an gänzlich anderen Orten unvermittelt damit weiter arbeiten konnten. Während die Werbeagenturen noch über diese Möglichkeiten lächelten und sich auf die Gestaltung von hochwertigen Inseraten, Plakaten und Werbespots im richtigen Fernsehen und im lichtscheuen Kino konzentrierten, entwickelten wir für das Bundesamt für Gesundheit Homepages in vier Sprachen, in welchen hunderte von Fachpersonen ihr Wissen und ihre Expertise einpflegen und so eine massenmediale Kampagne begleiten, steuern, unterstützen und auswerten konnten.

Soweit unsere fachliche Perspektive. Oder um es mit Worten von Bertolt Brecht zusammenzufassen: Für uns ist das Internet ein «Kommunikationsapparat», welcher unter keinen Umständen auf einen «Distributionsapparat» reduziert werden soll.


«Anderes anders machen»

Die Elektrizität ist in die menschliche Kommunikation eingeschlagen wie der Blitz. Wer am Computer schreibt und meint, er hocke doch bloss an einer bequemer gewordenen Schreibmaschine, muss sich die Ohren mit allen Händen zuhalten, um weiterhin glaubhaft behaupten zu können, das bebende Donnergrollen nicht vernehmen zu können. Die Schreibmaschine saugt aus dem menschlichen Körper Gedanken ab. Schiesst diese mit unglaublicher Wucht hinter das Farbband. Und lässt dort hinten ein unverrückbares Objekt entstehen, welches nicht bloss objektiv wirkt, sondern tatsächlich von anderen distanziert und als ein eigenständiges Ding begutachtet, geprüft und kritisiert werden kann. Aber jetzt geht es anders weiter. Von einem «Schreiben an einer Schreibmaschine» zu einem «Schreiben an einem Computer» gibt es keine Verbindung. Keine. Und wer so tut, als wäre alles gleich, bloss anders, hat nichts verstanden: Das Andere ist anders. Nein: Nicht besser. Nein: Nicht schlechter. Einfach bloss anders. Um konkreter zu werden: Es ist leicht zu beobachten, wie in der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen einer computervermittelten Kommunikation die Problemlösungsversuche selbst zum Problem werden:

(1) Wer meint, Informationsüberfluss durch härtere, präzisere, konsistentere Analyse in beruhigende Übersicht zu verwandeln, irrt. (Gründlich. Grundsätzlich. Prinzipiell.)

(2) Wer meint, Informationen seien kontrollierbar, disziplinierbar, normierbar, der muss sich sagen lassen, dass jeder Totalitarismus genau diese Ziele verfolgt hat. (Autsch!)

(3) Wer meint, weiterhin Informationen beschränken, bündeln, sortieren, kanalisieren zu können, darf den Einsatz von gewaltiger Macht nicht scheuen. (Just do it. Yes we can.)

(4) Wer meint, eine Information müsse bloss «kurz, knackig, knackiger» vermittelt werden, es gewinne einfach jener, welcher länger, lauter, penetranter penetriere, hat vermutlich Recht. (Und jetzt? Wir haben verstanden.)

Um praktischer zu werden: Ein Jemand wählt das «Richtige» für jemand anders aus (1) und entfernt in der Aufarbeitung (2) alles Störende, Überflüssige, Unnötige und Ablenkende, fixiert diesen «Content» in gekonnt strategisch gestalteten, konservierenden Kanälen (3) und übermittelt diese ruckelfrei zur unterhaltenden Konsumation (4).

Um deutlicher zu werden: Die im ersten Moment durchaus als entlastend empfundene Dienstleistung wirkt tatsächlich höchst beunruhigend. Denn selbstverständlich ist jede Information stets von einer blitzartigen Unterlaufung durch eine ganz andere Information bedroht. Wir leiden ja nicht bloss unter einem Informationsüberfluss. Das Problem ist wesentlich dramatischer: Alles was gewusst werden kann, wird tatsächlich gleichzeitig auch ganz anders gewusst. Und darum erinnert das Donnergrollen zunächst an die vertrauten Erfahrungen aus der mündlichen Kommunikation:

(A) Über viele, unterschiedliche, widersprüchliche, kontroverse Informationen zu verfügen, ist Zeichen von freier Information.

(B) Eine Information kann noch so «richtig und wahr» sein. Erst wenn es gelingt, die facettenreiche Vielfalt erlebter Realität zu integrieren, entfaltet sich die Qualität einer Information. Oder einfacher: «The Context ist the Message.» (Bazon Brock)

(C) Mehrdeutige, ambigue, kontextualisierte Information stabilisiert eine freie, individuelle, offene Erkenntnisgewinnung und unterläuft verkrustete, illegitime Machtstrukturen.

(D) Die Herstellung von «Eindeutigkeit» einer Information entsteht im Rezipienten.

Jetzt kann offen sichtbar werden: Es ist ja gar nicht so, dass der Ablauf von (1) Auswählen, (2) Aufbereiten, (3) Konservieren, (4) Distribuieren unter den Bedingungen einer computervermittelten Kommunikation nicht mehr möglich wäre. Ganz im Gegenteil. Dieser Ablauf kann so rasend schnell bis hin zur beliebigen Beliebigkeit simuliert werden. Gerade darum wird die (A) Robustheit einer Information, die (B) Kontextualisierung, die (C) freie Erkenntnisgewinnung, die Möglichkeit zu einem (D) Vertrauen in die eigene Wahrnehmung so zentral. Wenn also das Problem der Informationsüberschuss ist, dann wird die Verharrung auf die Problemlösung mit den Mitteln aus dem Kreislauf 1 bis 4 zum Problem selbst. Hingegen verschwindet das Problem gänzlich, wenn mit der Erfüllung der unter A bis D aufgezählten Kriterien «gerechnet» (Dirk Baecker/Maren Lehmann) wird.

Dem Brecht'schen Radio wurde nicht erlaubt, zu einem «Kommunikationsapparat» zu werden. Und heute können wir schon sehen, dass das Internet auf einen «Distributionsapparat» reduziert wird. Immerhin: Zu den typischen Elementen einer jeden Propagandamaschine gehört die Möglichkeit, in klar kontrollierten Foren mitmachen zu dürfen, Mitläufertum als Partizipation zu hyperventilieren, Gemeinschaft zu inszenieren. Aber Dialog ist was anderes. Dialog pulverisiert Propaganda. Dialog verändert das noch so fix Kommunzierte in etwas gänzlich anderes.


«Auf in die Kultur der Kontroverse»

Lässt sich am Beispiel von Twitter ein Blick in die Zukunft einer computervermittelten Kommunikation machen? In Band 2 von «Die Form der Unruhe» behaupten wir auf Seite 76, dass ein guter Twitter-Tweet zum Beispiel so aussehen könnte: «@hidogawa @socialbits #social #bits trunc.it/9gx3a RT @hrheingold: RT @jyri: «ideas» as social objects: bit.ly/bA2Azy». Dabei fällt zunächst auf, dass eine solch kryptische Zeichenkette auf Papier gedruckt selbst für gewandte Twitterer weitgehend sinnlos ist. Weiter kann beobachtet werden, dass offenbar der Gehalt dieser Mitteilung über Entschlüsselung der Beziehungen von Personen, Worten und Verbindungen erschlossen werden muss. Nicht Inhalte bilden den Anlass der Kommunikation, sondern Relationen. Nicht einmal ein Ansatz zu einem Versuch einer eindeutigen Information ist ersichtlich. Vielmehr öffnen sich Bezüge und Hinweise in unterschiedlichste Richtungen. Ein inhaltliches Verstehen einer solchen Mitteilung ist so gänzlich unmöglich gemacht, dass sogar das Missverständnis ausgeschlossen werden kann. Oder einfacher: Das Missverständnis wird zum Normalfall der Kommunikation gemacht. Jedes Verstehen wird in seiner individuellen Konstruiertheit selbstverständlichst und öffnet sich für einen weiteren kommunikativen Anschluss. Um hier einen letzten Aspekt noch zu erwähnen: Das eigene Wissen wird hier weniger in der Ausformulierung von ganzen Sätzen und Erkenntnissen gesammelt als vielmehr über die Auszeichnung von Stichworten mit einer Raute (#, sog. Hashtag) und der damit gelungenen Übertragung von Informationsinhalten in eine Listenförmigkeit. Listen sind immer dann interessant, wenn die Grenzen des Beobachteten noch nicht erkennbar geworden und dadurch auch noch nicht in eine hierarchische Ordnung zu bringen sind (Umberto Eco). Listen sind offene Ordnungen. Für alles, was plötzlich noch auftauchen könnte, hat es genügend Platz. Allenfalls beginnen wir eine nächste Liste. Und so kann schliesslich dieser «Ort» – die Kommunikation innerhalb von Twitter – gerade darum als «sicher» empfunden werden: Es ist ein Raum, welcher kaum geeignet ist, Bezeichnetes auszuschliessen, aber vielmehr Ausgeschlossenes zu integrieren vermag. Und genau in einer solchen Anlage menschlicher Kommunikation entdecken wir die ethische Implikation (Heiko Kleve).

Wenn sich «Bits» (Nullen und Einsen) in Sprache, Texte, Bilder, Töne «einloggen» – worauf in den Wörtern «Blog» und «Blogger» ein Verweis gesehen werden könnte – und damit Computer nicht nur Kommunikation abstinent vermitteln, sondern selbst auch Teil von menschlicher Kommunikation werden, dann suchen wir im Umgang mit dieser Herausforderung die Orientierung dort, wo das Wort «Orientierung» dies nahe legt: Am Ort der aufgehenden Sonne. «Die Form der Unruhe» trauert auf Grund unserer sozialarbeiterischen Erfahrungen im Umgang mit der gedruckten Sprache keinen vergangenen Zeiten im Umgang mit Informationen nach. Ein neuer Tag beginnt.

 

Tina Piazzi und Stefan M. Seydel haben eigene Feldforschungen und Suchbewegungen im Umfeld des Internets in zwei Bänden veröffentlicht: «Die Form der Unruhe» im Verlag Junius, Hamburg. Zuerst ein grosses, dickes, schweres Buch als «Statement» zum Abschluss der Epoche des Buchdrucks. Dann Band 2, die Beschreibung der «Praxis», als ein kleines, dünnes, leichtes Büchlein. Die Arbeit an der «Methode», abgespeichert als Band 3 auf einer Festplatte, musste aus finanziellen Gründen sistiert werden. Weitere Informationen zu Personen und Projekt unter: http://rebell.tv und http://dfdu.org

 

Referenzen:

Zwischentitel 1: Vgl. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus 6.521.

Zwischentitel 2 & 3: Ralf Konersmann hat mit diesen zwei Titeln seine Rezensionen von «Band 1» in der Süddeutschen Zeitung überschrieben.

Umberto Eco: Die unendliche Liste. 2009, Carl Hanser Verlag.

Weitere Hinweise von Dirk Baecker, Bazon Brock und Heiko Kleve finden sich auch in «Band 1» von «Die Form der Unruhe».


 
 

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