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21.02.2011
00:00 Von: Tepasse, Nicole

Auslandskorrespondenten: Interkulturelle Kompetenz gering

Auslandskorrespondenten sollten wie Entwicklungshelfer gewillt sein, sich auf Neues und Fremdes einzulassen. Nur so ist es möglich, die Begebenheiten vor Ort angemessen einschätzen zu können. Wie aber eine Studie von Anne-Christin Schondelmayer zeigt, ist die interkulturelle Kompetenz von Auslandkorrespondenten und Entwicklungshelfern gering.


Von Nicole Tepasse

Als Auslandskorrespondent arbeiten, um die Welt reisen, Unbekanntes kennen lernen und darüber berichten – das ist der Traum vieler Journalisten. Aber welche Herausforderungen erwarten sie in der Fremde? Und wie gut werden sie diesen Herausforderungen gerecht? Diese Fragen untersuchte Anne-Christin Schondelmayer in ihrer narrativen Studie «Interkulturelle Handlungskompetenz». Dabei verglich sie die Aussagen von Journalisten mit den Aussagen von Entwicklungshelfern, um allfällige Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzuspüren.

Gemeinsam ist den beiden Berufsgruppen, dass sie sich in einer fremden Umgebung bewegen und sich auf andere Kulturen, Sitten und Gebräuche einlassen müssen. Unterschiedlich ist jedoch das berufliche Selbstverständnis: Während die Journalisten aus Distanz möglichst neutral beobachten und berichten sollten, gehört es zu den Aufgaben der Entwicklungshelfer, in der Not zu intervenieren.

 

Interkulturelle Kompetenz

Die 377 starke Untersuchung von Schondelmayer beruht auf den Interviews mit zwei Korrespondentinnen und sechs Korrespondenten sowie drei Entwicklungshelferinnen und einem Entwicklungshelfer. Darin werden die Probleme und Bewältigungsstrategien deutlich, die sich den beiden Berufsgruppen in fremden Kulturen stellen.

Was es dazu braucht, ist vor allem «interkulturelle Kompetenz». Dabei ist der Begriff gar nicht so einfach zu definieren. Sowohl in der universitären Lehre als auch in der pädagogischen Praxis und dem öffentlichen Diskurs ist der Begriff seit Mitte der 1990er Jahre zu einem Schlagwort geworden. Entsprechend räumt die Autorin der Studie ein: «Was unter interkultureller Kompetenz gefasst werden kann, darüber gibt es nach wie vor und glücklicherweise sehr unterschiedliche Vorstellungen». Und diese würden nicht zuletzt mit den jeweiligen Handlungsfeldern zusammenhängen, in denen sich Personen bewegen, von denen interkulturelle Kompetenz erwartet werde.

Ganz allgemein bedeutet «interkulturelle Kompetenz» die Qualität der Umgangsformen, die Menschen im Kontakt mit Menschen anderer kultureller Herkunft zeigen. Gemeint ist also die Fähigkeit, sich in einer fremden Umgebung ohne Schwierigkeiten zurechtzufinden, auch wenn einem «selbstverständliche Handlungspraktiken» fehlen.

 

Den «Anderen» verstehen

Aber wie genau findet man sich in einer fremden Kultur zurecht, ohne ständig unbeabsichtigt Fehler zu begehen? Zu den Anforderungen, die die Studie benennt, gehören Sensibilität und «Fremdverstehen». Letzteres bedeutet, dass Situationen nicht nur vor dem Hintergrund des eigenen Wissens und der eigenen Lebensumstände gedeutet werden, sondern dass man auch versucht, sich in den Anderen hineinzuversetzen und die fremde Perspektive einzunehmen. Dies sei gerade in der Zusammenarbeit mit Menschen anderer kultureller Herkunft wichtig. Und gerade hier sind Auslandkorrespondenten und Entwicklungshelfer besonders herausgefordert. Wie jedoch die Ergebnisse der Studie aufzeigt, ist die Eigenschaft des Fremdverstehens in diesen Berufsgruppen nicht sehr verbreitet.

 

Abgrenzung und Selbstschutz

Das Handeln vieler der befragten Personen ist laut Studie durch «existenzielle Distanzierung vom Fremden» gekennzeichnet: «Eine Interaktion mit Fremden findet kaum statt, wird gemieden oder negativ erlebt.» Dieses Ergebnis erstaunt, ist es doch die Aufgabe von Journalisten und Entwicklungshelfern, sich offen auf Neues und Fremdes einzulassen.

In beruflichen Situationen könnten sich die Auslandskorrespondenten und Entwicklungshelfer dem Fremden zwar nicht vollkommen entziehen, «sie distanzieren sich jedoch innerlich – im Sinne einer Bewältigungsstrategie – oder wenden sich von kooperativen Projekten aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen von Arbeit ab». Festzustellen sei, so die Autorin, dass sich die Auslandskorrespondenten und Entwicklungshelfer ins familiäre Umfeld und in den europäischen Freundeskreis zurückziehen, um sich zu erholen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Differenz zu den Anderen von einem Teil der Befragten als «unüberbrückbar» erlebt wird.

Immerhin: Bei einigen der Befragten lässt sich auch das Gegenteil feststellen: Ihr Handeln ist auf das Miteinander und die Gemeinsamkeiten ausgelegt. Dieser Typus findet sich ebenfalls sowohl bei den Entwicklungshelfern als auch bei den Auslandskorrespondenten.

 

Kaum Reflexion

Unterschiede lassen sich laut Schondelmayer zwischen Männern und Frauen feststellen, wenn es etwa darum geht, die eigene Arbeit zu reflektieren: Der Typ, der das eigene Wissen nicht in Frage stellt und sich durch und durch als Experte versteht, findet sich nur bei den männlichen Auslandskorrespondenten. Bei diesen sind die «Wissensbestände zu einem festen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Interpretationsschema geworden». Durch die unreflektierte Definition von «Normalität» würden eurozentrische Sichtweisen ihr Denken prägen. Dabei werde keine Notwendigkeit gesehen, die eigenen Wissensbestände kritisch zu hinterfragen.

Zweifel am eigenen Handeln hat die Autorin dagegen nur bei weiblichen Entwicklungshelferinnen ausmachen können. Diese würden selbstkritisch über Alternativen ihres Handelns nachdenken und diese auch ausprobieren.

Doch auch hier kommt Anne-Christin Schondelmayer zu dem Schluss, dass Reflektieren über das eigene Handeln nicht zwangsläufig zu einem Lernprozess führt. Deutlich wird in ihrer Studie vielmehr, dass sich das Gefühl der Überlegenheit als Experte im Umgang mit «den Anderen» verfestigt, was wiederum interkulturelle Begegnungen erschwert.

Die Ergebnisse der Studie erstaunen selbst die Autorin. Immerhin sind die befragten Journalisten und Entwicklungshelfer freiwillig und «mit einem hohen Interesse an einem Leben an einem anderen Ort» in ein fremdes Land gegangen. Nun scheint es aber, dass gerade diese hohe Handlungsautonomie dazu beiträgt, das Andere unter der eigenen Perspektive zu sehen und die Standortgebundenheit der eigenen Sichtweise wenig kritisch zu hinterfragen.

 

Nicole Tepasse ist Redakteurin bei www.bundestag.de und promoviert in Medienwissenschaft zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung.

Dr. phil. Anne-Christin Schondelmayer lehrt Interkulturelle Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören Interkulturelle Bildung und Migrationsforschung.

 

Literatur:

Schondelmayer, Anne-Christin (2010): Interkulturelle Handlungskompetenz. Entwicklungshelfer und Auslandskorrespondenten in Afrika. Eine narrative Studie. Reihe Kultur und soziale Praxis. Transcript Verlag. 380 S., 34,80 EURO, ISBN 978-3-8376-1187-8.


Dateien:
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