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18.02.2011
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DOK-Film über Suizid eines psychisch Kranken polarisiert


(ja) André Rieder war von Beruf Arzt, lebte aber aufgrund einer bipolaren Störung seit Jahren von der IV. Trotz intensiver medikamentöser Therapie gelang es den Psychiatern nicht, den Zustand des Patienten längerfristig zu stabilisieren. In den manischen Phasen verausgabte sich André persönlich und finanziell, in den depressiven Phasen kam die Reue, aber auch die Unfähigkeit, mit eigener Kraft aus dem Tief wieder herauszufinden. Zwangseinweisungen und fürsorgerischer Freiheitsentzug erlebte André als traumatisch – so traumatisch, dass er sich sagte: «Dies war das letzte Mal.» Diebstahl und Körperverletzung brachte ihm zuletzt eine Strafanzeige ein. Zwar wurde er wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit nicht verurteilt, beim Wiederholungsfall hätte ihm jedoch die Verwahrung gedroht. Dazu wird es nicht mehr kommen, sagte sich André, und wählte den Weg des begleiteten Suizids.

Regisseur Hanspeter Bäni dokumentierte die letzten Wochen von André vor seinem letzten Gang. In seiner Dokumentation wollte der Filmemacher die Gratwanderung der Sterbehilfe in der modernen Gesellschaft aufzeigen. Gleichzeitig hat sich Bäni damit selbst auf eine Gratwanderung seiner Belastbarkeit begeben: «Ich habe gelitten», gibt der erfahrene Filmemacher offen zu. «Das Schicksal des 56-jährigen psychisch kranken Arztes, der mithilfe einer Sterbeorganisation aus dem Leiden scheiden wollte, beschäftigte mich mit jedem Drehtag mehr.» Beschäftigt hat es auch die Freunde des Sterbewilligen, die der Film bei Abschiedsszenen von André portraitiert. Der Film beginnt und endet mit der Beerdigung und den Worten: «Warum, André, warum hast du dir das Leben genommen? Wir, deine Freunde, bleiben zurück und haben Fragen.»

Fragen aufgeworfen hat auch der DOK-Film selbst: Darf man einen sterbewilligen psychisch kranken Menschen mit der Kamera in seinen Tod begleiten? War die Sendung ausgewogen oder hat sie den Suizid zu einseitig und als einzige Lösung dargestellt? Die Dokumentation zeigt zwar die Konfliktlinien in unserer wertepluralen Gesellschaft, wenn es um die begleitete Sterbehilfe geht, und leistet damit einen Beitrag zur Diskussion. Gleichzeitig hält sich der Film nicht an den Medienleitfaden von IPSILON, der Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz. Demnach hätte der Film zumindest auf die Nennung des Namens und das Zeigen des Gesichts von André Rieder verzichten sollen, wie Runa Reinecke in ihrer TV-Kritik festhält (vgl. 20Min, 18.02.2011). Zudem seien Fachleute im Dokumentarfilm zu kurz gekommen, die verzweifelten Zuschauern einen Ausweg hätten aufzeigen können. Der Film hätte somit eine zentrale Botschaft nicht transportiert: «Die Hoffnung stirbt zuletzt».

 

Sendungen:

SF DOK: «Tod nach Plan – André, psychisch krank und lebensmüde». Ein Dokumentarfilm von Hanspeter Bäni, ausgestrahlt auf SF am 17. Februar 2011: http://www.sendungen.sf.tv/dok/Sendungen/DOK/Archiv/Tod-nach-Plan

SF DOK: Selbstmord-Touristen – In die Schweiz kommen um zu sterben. Ein Dokumentarfilm von John Zaritzky, ausgestrahlt auf SF am 23. Oktober 2008: http://www.sendungen.sf.tv/dok/Sendungen/DOK/Archiv/Selbstmord-Touristen-In-die-Schweiz-kommen-um-zu-sterben?docid=20081023-2000-SF1

 

Quellen:

20 Minuten: «Austherapiert? Ein furchtbarer Begriff». Runa Reinecke in 20 Minuten Online: 18. Februar 2011: http://www.20min.ch/life/tv/story/-Austherapiert--Ein-furchtbarer-Begriff--23655982

Bähler, Regula (2009): Sterben vor laufender Kamera – Eine Frage der menschlichen Würde. In: Medienheft, 10. März 2009: http://www.medienheft.ch/uploads/media/k09_BaehlerRegula_01.pdf

Mathwig, Frank (2010): Zwischen Leben und Tod – Die Suizidhilfediskussion in der Schweiz aus theologisch-ethischer Sicht (Reihe Beiträge zu Theologie, Ethik und Kirche, Band 5). Zürich: TVZ-Verlag. Bestellung: http://www.sek-feps.ch/onlineshop/product/274-zwischen-leben-und-tod.html

Meier, Urs (2009): Geschäfte mit «Selbstmord-Touristen». Ein Dokfilm macht sich zum «Dignitas»-Supporter. In: Medienheft, 13. März 2009:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k09_MeierUrs_01.html

Neue Zürcher Zeitung: Mit der Kamera in den Tod – Heikle SF-Dokumentation. Rainer Stadler in NZZ Online, 18. Februar 2011: http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/mit_der_kamera_in_den_freitod_1.9582908.html

SEK (2010): Leben dürfen – Sterben können: 10 Fragen – 10 Antworten zur aktuellen Diskussion um die Suizidhilfe.
http://www.sek.ch/de/theologie-und-ethik/sterbehilfe/suizidhilfe-10-fragen-10-antworten/10-fragen-10-antworten.html

Tages-Anzeiger: TV-Kritik: Von einem, der sein Leben nicht ertragen konnte. Denise Jeitziner in: Tages-Anzeiger Online, 18. Februar 2011: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Von-einem-der-sein-Leben-nicht-ertragen-konnte/story/26388184

 

Links:

ASPV – Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Verband:
http://www.psychotherapie.ch/

Die dargebotene Hand – Linksammlung von Beratungsstellen:
https://www.143.ch/Web/de/Links/Default.htm

Gemeinden der christkatholischen Kirche:
http://www.christkath.ch/index.php?id=22

Gemeinden der katholischen Kirche:
http://www.kath.ch/index.php?&na=22,0,0,0,d

Gemeinden der evangelisch-reformierten Kirche:
http://www.ref.ch/index.php?id=6&no_cache=1

IPSILON – Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz:
http://www.ipsilon.ch

Medienguideline von IPSILON – Initiative zur Prävention von Suizid in der Schweiz:
http://www.ipsilon.ch/uploads/media/Mediaguidelines_Print_d.pdf

Palliative CH – Fachgesellschaft:
http://www.palliative.ch/

Seelsorge.net – Das Netz, das hält:
http://www.seelsorge.net


 
 

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