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11.02.2011
00:00 Von: Guidi, Sarah

Es twittert und simselt in der Kirche

Die Digitalisierung hat alle Lebensbereiche erfasst und macht auch vor dem Glauben nicht halt. Doch ist das nun ein Fluch oder Segen? Am Montagabend diskutierten der Twitter-Abt Martin Werlen und Hans Peter Murbach, Geschäftsleiter von Seelsorge.net, an einer Zürcher Veranstaltung des Stapferhauses Lenzburg über das Für und Wider der digitalen Kommunikationsmittel in der Kirche.


Von Sarah Guidi

Man soll die Kirche im Dorf lassen – und gleichzeitig online gehen, sagen sich viele Pfarrer. So sind die meisten Kirchgemeinden heute auch im Internet präsent. Wir können Predigten in Onlinedatenbanken lesen, Bibelzitate herunterladen und online eine Kerze anzünden. Der Vatikan betreibt einen eigenen Kanal auf Youtube und seit 15 Jahren wird Seelsorge übers Netz angeboten. Doch wie «echt» kann dieses digitale Angebot sein? Geht mit der virtuellen Kommunikation nicht der direkte Kontakt zwischen den Menschen verloren? Diese Frage diskutierten die Pioniere Martin Werlen, Abt des Klosters Einsiedeln, und Hans Peter Murbach, Geschäftsleiter von Seelsorge.net, an einer Podiumsdiskussion, die vergangenen Montag vom Stapferhaus Lenzburg in Zürich veranstaltet wurde.


Der twitternde Abt

Martin Werlen, seit 2001 Abt von Einsiedeln, ist als innovativer Geistlicher bekannt. Er setzt sich für die Jugend ein und hat die Zeichen der Zeit erkannt: Seit eineinhalb Jahren twittert er über Fragen des Glaubens und seinen Alltag als Abt. Twitter gehört neben Facebook zu den meist genutzten Social Media. Über Twitter lassen sich Kurzbotschaften, auch «Tweets» genannt, von höchstens 140 Zeichen an interessierte Menschen, so genannte «Followers», via Handy oder Computer versenden. Neben den Tweets, die allen Followers zugänglich sind, gibt es auch die Möglichkeit, einzelne Personen zu kontaktieren, ähnlich wie bei SMS.

Die Geschichte des «Twitter-Abts» Werlen begann 2009 mit einer Anfrage der Nachrichtensendung «10vor10», die jemanden suchte, der bei Twitter neu einsteigen will. Werlen sagte zu und ein gutes Jahr später hatte er bereits über 2000 Followers. Und es werden immer mehr. So verzeichnete Werlen nach der ersten Podiumsdiskussion im Stapferhaus 130 neue Anhänger.

An einem Tag im Kloster verwendet Werlen fürs Twittern durchschnittlich vier Minuten: «Guten Morgen! An der Vorbereitung einer grossen Medienorientierung. Mehr später – in den Medien (auch in social media).» (26.1.2011) Und: «Soeben behinderte Jugendliche getroffen, die ich am 26.3. firmen darf. Mit meinem Handorgelspiel haben wir Grenzen übersprungen.» (17.1.2011) Mit einem Schmunzeln berichtet Werlen, dass ihm einer seiner Followers auf die Kurznotizen zu seinem Alltag den Tweet «Neuer Traumberuf: Abt.» geschrieben habe. An den Tagen, an denen Werlen mit dem Zug unterwegs ist, schreibt er öfters so genannte Bahngleichnisse: «Glücklich der Mensch, der erwartet wird, auch wenn er viel zu spät ankommt.» (4.2.2011) Oder: «Der letzte Wagen ist weit hinten, aber er kommt auch mit.» (27.1.2011) Für Abt Werlen ist das Twittern eine gute Möglichkeit, mit den 20- bis 40-Jährigen in Kontakt zu kommen und zu erfahren, was die jungen Menschen beschäftigt. Über die interaktive Twitter-Kommunikation seien zudem schon viele interessante Dialoge entstanden. Einige seiner Followers hat Abt Werlen auch schon persönlich getroffen, sei es während einer Zugfahrt, am Bahnhof auf einen Kaffee oder bei einer so genannten «Twallfahrt», einer über Twitter organisierten Wallfahrt. So hat Abt Werlen öfters erlebt, dass eine Kommunikation, die auf Distanz begonnen hat, mit einem direkten Kontakt weiter geht. Schliesslich hätten einige seiner Followers auch schon den Weg nach Einsiedeln in eine Messe oder Audienz gefunden.


Der simselnde Seelsorger

An der Schnittstelle von Kirche und Internet arbeitet auch Hans Peter Murbach, gelernter Elektroingenieur und seit 2004 Geschäftsleiter der Internetseelsorge «www.seelsorge.net». Via E-Mail und SMS treffen im Schnitt täglich fünfzehn Hilferufe ein, jährlich sind es 1500 Neuzugänge. Diese beträchtliche Zahl sei durch Mund- zu Mund-Propaganda, Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt wegen des gut funktionierenden Domain-Namens zu erklären, so Murbach. Die eingegangenen Kontaktaufnahmen werden von einem Mitarbeiter von Seelsorge.net an das Seelsorger-Team verteilt. An die dreissig Pfarrerinnen, Theologen und Psychologinnen, die je zur Hälfte der reformierten und der katholischen Kirche angehören und alle drei Landessprachen abdecken, beantworten die eingegangenen Mails und SMS ehrenamtlich und innert 24 Stunden. Im Schnitt folgt einer E-Mail-Anfrage ein Hin und Her von sieben bis zehn E-Mails, während die SMS-Seelsorge in der Regel mit durchschnittlich drei bis vier SMS kürzer verläuft. «Doch es gibt auch Ausreisser nach unten beziehungsweise oben», weiss Murbach zu berichten. «Nach unten heisst, auf die Antwort des Seelsorgers kommt nichts zurück. Andererseits gibt es Menschen, die schon über ein Jahr lang hin und her mailen.»

Zu Beginn der digitalen Seelsorge wurden hauptsächlich Glaubensfragen gestellt, heute handelt es sich vor allem um Beziehungsprobleme und alltägliche Ängste. Anfangs waren es vor allem Männer, welche die Dienstleistung nutzten, was damit zu erklären ist, dass 1995 hauptsächlich berufstätige Männer Zugang zum Internet hatten. Heute sind es überwiegend Frauen, die sich mit ihren Problemen und Fragen an Seelsorge.net wenden (vgl. NZZ, 3.9.2005 und 30.12.2009).


Hilfe: kurz und schriftlich

Was aber ist das Besondere an Twitter, E-Mail oder SMS? «Die Hilfesuchenden, die sich bei «www.seelsorge.net» melden, sind vor allem per SMS gezwungen, relativ knapp und direkt festzuhalten, um was es geht. Und das ist ein Vorteil», so Murbach. Zudem hätten sie die Erfahrung gemacht, dass die räumliche Distanz enthemmend wirken könne und die Leute dadurch schneller bereit seien, ihre Probleme zu benennen. Auch das Seelsorger-Team hätte durch die schriftlichen Anfragen Zeit, eine adäquate Antwort zu finden und diese wiederum in wenigen Worten zu formulieren. Laut Murbach kann es zudem Vorteile haben, wenn man sein Gegenüber weder sieht noch hört, sondern sich darauf konzentrieren muss, was eine Person schreibt. Die Seelsorge per E-Mail und SMS hat aber auch Grenzen, wie der Geschäftsleiter von Seelsorge.net einräumt. So seien diese neuen Kommunikationsformen für eine erste Kontaktaufnahme und erste Schritte in Richtung Problemlösung sehr geeignet, die Durchführung einer Therapie sei aber auf diese Weise nicht möglich. Zudem komme es vor, dass die Seelsorger nicht erfahren, ob ihre Unterstützung geholfen habe oder nicht, was nicht immer angenehm sei.


Skepsis weicht Zuversicht

Als der Pfarrer Jakob Vetsch zusammen mit dem Informatiker Stefan K. G. Hegglin 1995 die Internetseesorge ins Leben rief, war es weltweit die erste derartige Dienstleistung. Heute wird das Angebot von «www.seelsorge.net» rege genutzt, berichtet der heutige Geschäftsleiter Hans Peter Murbach. Das war aber nicht immer so. Am Anfang stiess das Pionierangebot auf Widerstand in den eigenen Reihen. So waren bei der Lancierung der Internetseelsorge viele Pfarrer der Meinung, dass es das doch nicht brauche, schliesslich stünden ihre Pfarrhaustüren von morgens bis abends offen. Die Angst dahinter war wohl, dass die Internetseelsorge das Gespräch von Angesicht zu Angesicht verdrängen könnte, vermutet Murbach. Dabei habe man seit Beginn der Seelsorge immer schon Medien eingesetzt. War es anfänglich vor allem der Brief, so seien es heute eben zunehmend die neuen Medien, die in der Seelsorge wertvolle Dienste leisten. Auf das kostenlose Angebot der E-Mailseelsorge 1995 ist 1999 das Angebot via SMS gefolgt. Heute sind beide Dienste etabliert und die anfängliche Skepsis ist Zuversicht gewichen. Davon zeugt auch die Tatsache, dass die reformierte und die katholische Landeskirche der Schweiz 2003 die Trägerschaft von Seelsorge.net übernommen haben.

Kaum Widerstand erlebte Abt Werlen mit seinem Twitterkanal, denn mittlerweile ist die Kirche mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation vertraut. Dazu hat auch Abt Werlen beigetragen: Im Kloster Fahr und im Kloster Einsiedeln hat er die Nonnen und Mönche während eines Abends in die Twitter-Welt eingeführt. Unterdessen gäbe es Brüder, die ebenfalls twittern, weiss Abt Werlen zu berichten: «Der Urauftrag der Kirche ist es, die Menschen da abzuholen, wo sie sind. Und die Leute sind heute im Netz». Abt Martin Werlen und Hans Peter Murbach sind sich einig: Die neuen Medien sind ein Segen für die Kirche. Sie sind eine bereichernde Ergänzung zum direkten Austausch von Angesicht zu Angesicht und keinesfalls eine Konkurrenz. Denn über Twitter, E-Mail und SMS können andere Menschen angesprochen werden, als mit der herkömmlichen Form der Seelsorge. Die zahlreichen Followers von Werlen und die vielen Ratsuchenden bei Seelsorge.net machen deutlich, dass die «kirchliche Community» einem Bedürfnis vieler Menschen entspricht.

 

Der Diskussionsabend «Glaubenssache@HOME» zum Thema «Digitale Welt: Segen oder Fluch für den Glauben?» fand am 7. Februar «jenseits im Viadukt» in Zürich statt. Veranstaltet wurde der Abend vom Stapferhaus Lenzburg in Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche und der reformierten Landeskirche Aargau. Ein erster Diskussionsabend mit Abt Martin Werlen und Hans Peter Murbach fand zuvor Ende Januar im Stapferhaus Lenzburg statt. Der Rahmen bildete die Ausstellung «HOME, willkommen im digitalen Zeitalter», die noch bis Ende November im Stapferhaus Lenzburg zu sehen ist.

Sarah Guidi hat Germanistik, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Zürich studiert. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und leitet kulturelle und soziale Projekte.

 

Links:

Abt Martin Werlen auf Twitter:
http://twitter.com/abtmartin

Raum zum Sein - Jenseits im Viadukt:
http://www.jenseitsimviadukt.ch/

Seelsorge.net – Das Netz, das hält:
www.seelsorge.net

Stapferhaus Lenzburg:
www.stapferhaus.ch

 

Quellen:

Aebischer-Crettol, Monique (2003): SMS-Beratung. In: Etzensdorfer, Elmar et al. (Hrsg.): Neue Medien und Suizidalität: Gefahren und Interventionsmöglichkeiten Göttingen. Vandenhoeck und Ruprecht, S. 101-111.

NZZ: Augenblicke der Nähe im weltweiten Netz. Die Zürcher Internet- und SMS-Seelsorge wird 10-jährig. In: NZZ Online, 03.09.2011:
http://www.nzz.ch/2005/09/03/zh/articleD3YQL.html

NZZ: «Auch ein Oberflächenmedium kann Tiefgang entwickeln». Ziele und Tendenzen der ökumenischen SMS-Seelsorge. In: NZZ Online, 30.12.2009:
http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/auch_ein_oberflaechenmedium_kann_tiefgang_entwickeln_1.4392073.html

SF Tagesschau: Wallfahrts-Einladung per Twitter. In: sf.tv, 30.08.2010:
http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2010/08/30/Vermischtes/Wallfahrts-Einladung-per-Twitter

SF 10vor10: Erfolgsgeschichte Twitter. In: sf.tv, 22.12.2009:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=92dcd9f3-493e-4cab-a78a-1114e1f1b44d

Wenzel, Joachim (2003): Vertraulichkeit und Anonymität im Internet. Problematik von Datensicherheit und Datenschutz mit Lösungsansätzen. In: Etzensdorfer, Elmar et al. (Hrsg.): Neue Medien und Suizidalität: Gefahren und Interventionsmöglichkeiten Göttingen. Vandenhoeck und Ruprecht, S. 56-70.


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