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03.12.2010
00:00 Von: Kolb, Steffen

Konkurrenz auf Kosten von öffentlichen Geldern?

Das Gebührensplitting zugunsten der privaten Radio- und Fernsehsender sorgt für die Abdeckung eines regionalen Service public. Doch die Sendegebiete sind nicht klar abgrenzbar und überschneiden sich partiell. Sind also einige Verbreitungsgebiete überversorgt und damit übersubventioniert? Eine Freiburger Studie im Auftrag des Bundesamtes für Kommunikation BAKOM zeigt, wie die regionalen Fernsehveranstalter TeleBärn und TeleBielingue mit sich überschneidenden Verbreitungsgebieten umgehen.


Von Steffen Kolb

Seit der Neustrukturierung der Schweizer Rundfunklandschaft durch das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) wird kommerzielles regionales Fernsehen jährlich mit rund 32 Millionen CHF subventioniert. Gegenüber einer guten Milliarde für die SRG ist dieser Betrag klein. Trotzdem bietet es sich an, die Verwendung der öffentlichen Gelder zu überprüfen, um einer möglichen Verschwendung der ohnehin im Vergleich hohen Schweizer Rundfunkgebühren entgegenzuwirken.

Im Fernsehbereich wurde die Schweiz für die Neuordnung in 13 Versorgungsgebiete aufgeteilt, in denen jeweils ein Programm den service public der SRG durch eine regionale Komponente ergänzen sollte. Da der Fernsehmarkt in diesen kleinen Bereichen nicht zu einer ausreichenden Versorgung der Programmmacher mit Finanzmitteln geführt hat, wurde die Notwendigkeit der öffentlichen Unterstützung konstatiert. Eine Besonderheit stellt dabei das Versorgungsgebiet Nr. 6 Biel/Bienne dar, weil dieses zu sehr grossen Teilen innerhalb des Versorgungsgebietes Nr. 5 Bern liegt (vgl. BAKOM 2007a; BAKOM 2007b). Die beiden für diese Regionen konzessionierten Sender TeleBielingue und TeleBärn versorgen also (mit Blick auf TeleBielingue) zum grossen Teil dieselbe Bevölkerung: Sowohl von TeleBärn als auch von TeleBielingue versorgt werden im Kanton Bern die Bezirke Aarberg, Biel, Büren, Erlach und Nidau, im Kanton Freiburg der Bezirk See sowie im Kanton Solothurn die Gemeinden Grenchen und Bettlach (vgl. BFS 2006; BFS 2010; TeleBielingue 2010). Zählt man dies nach Gemeinden aus, ergibt sich bei TeleBärn ein Anteil von rund 17 Prozent, bei TeleBielingue ein Anteil von rund 65 Prozent am gesamten Sendegebiet.

In dieser Erweiterung der vom BAKOM finanzierten kontinuierlichen Programmfor-schung der Universität Freiburg wurde von Marc Lüdi untersucht, inwiefern sich diese beiden regionalen Privatfernsehsender in Bezug auf die Berichterstattung und die Wer-beakquisition konkurrenzieren. Grundlage dieser Fragestellung ist die Tatsache, dass im Überschneidungsgebiet nicht nur ein Sender für den service public régional zuständig ist. Ob aus dieser Überschneidung eine Konkurrenzsituation resultiert und wie sich diese gegebenenfalls äussert, wurde mittels einer Inhaltsanalyse der beiden Programme über einen Zeitraum von jeweils einer Woche untersucht. Ein starker oder gar ruinöser Wettbewerb könnte hier zu einer (doppelten) Verschwendung der öffentlichen Gelder führen, indem erstens der grössere Sender versuchen könnte, den kleinen z. B. durch Rabatte für Werbekunden aus dem Überschneidungsgebiet zu verdrängen, wie es die kommerziellen Sender beispielsweise in Deutschland mit den öffentlich-rechtlichen machen, indem sie ihre Werbung verbilligen, wenn die öffentlich-rechtlichen werben dürfen. Zweitens wäre denkbar, dass sich beide Programme auch publizistisch nur noch auf das Überschneidungsgebiet konzentrieren und die anderen Gebiete vernachlässigen. Solche Imitationsstrategien sind z. B. für Deutschland nachgewiesen worden (vgl. Maurer et al. 2008).

Der Schwerpunkt der empirischen Analyse liegt demnach auf einer Analyse der regionalen Bezüge im fernsehpublizistischen Programm beider Sender, was für die kontinuierliche Erfassung bereits erhoben wird. Zusätzlich wurden vergleichbare Daten über die regionalen Bezüge in der Werbung erhoben, die im Programm derselben Woche gesendet wurde. Der inhaltsanalytischen Arbeit liegt pro Sender je eine Woche Fernsehmaterial zugrunde, welches im Zuge der Regional-TV-Studie der Universität Fribourg aufgezeichnet wurde. Ausgewählt wurde die Woche zwischen dem 15. und dem 21. März 2010.

Um herauszufinden, ob zwischen TeleBärn und TeleBielingue eine publizistische Konkurrenz besteht, wurden die fernsehpublizistischen Sendungen mit Nachrichtencharakter daraufhin untersucht, ob sich die darin vorkommenden Themen, Ereignisse und Akteure überschneiden. Der Regionalbezug beider Sender wurde dabei in drei Teilgebiete aufgeteilt – eines, welches beide Sender versorgen, eines, das nur von TeleBärn versorgt wird und eines, das nur von TeleBielingue versorgt wird. Dazu kommen drei weitere Ausprägungen: Ein unspezifischer Regionalbezug auf das jeweils gesamte Sendegebiet, ein Regionalbezug ausserhalb der beiden Sendegebiete sowie eine Ausprägung für einen nicht bestimmbaren Regionalbezug.

Um herauszufinden, ob sich die beiden Sender auf dem Werbemarkt konkurrenzieren, wurden die werblichen Programmteile ebenfalls auf die regionalen Bezüge hin untersucht. Dies wurde weitgehend analog in einer Variablen erhoben, während in redaktionellen Programmteilen nach Thema, Akteur und Ereignisort unterschieden wurde.

Zusätzlich zur Inhaltsanalyse wurden schriftliche Kurzinterviews mit Verantwortlichen von TeleBärn und TeleBielingue durchgeführt. Diese dienen zur Unterstützung der Ergebnisinterpretation. Befragt werden jeweils der Programmleiter des Senders sowie eine Person aus der Werbeverkaufsabteilung.

Beim Betrachten der Regionalbezüge der Ereignisorte unterscheiden sich TeleBärn und TeleBielingue auf den ersten Blick deutlich: Bei TeleBärn dominieren mit 46,9 Prozent der Berichte Ereignisorte, die ausschliesslich im von TeleBärn versorgten Gebiet liegen. Danach folgen mit 28,9 Prozent bereits jene Beiträge mit einem Regionalbezug ausserhalb beider Sendegebiete. Der Anteil an Ereignisorten aus dem sich überschneidenden Sendegebiet ist mit 3,1 Prozent verschwindend gering. Zudem hat TeleBärn während der Stichprobenwoche nie über einen Ereignisort im ausschliesslich von TeleBielingue versorgten Gebiet berichtet (vgl. Abbildung 1).

Abb. 1: Regionalbezug Ereignisorte auf Beitragsebene (eig. Darstellung)

Bei TeleBielingue haben 58,4 Prozent aller Beiträge einen Ereignisort aus dem sich überschneidenden Sendegebiet. Danach folgt mit 22,8 Prozent das gesamte Sendegebiet als Ereignisort. Über Ereignisse ausserhalb beider Sendegebiete wird nur in 7,9 Prozent der Fälle berichtet. Weiter berichtet TeleBielingue nur selten über Ereignisse aus dem ausschliesslich von TeleBärn versorgten Gebiet (5,0 Prozent) sowie über Ereignisse mit Bezug zum ausschliesslich von TeleBielingue versorgten, frankophonen Sendegebiet (5,9 Prozent) (vgl. Abbildung 1).

Damit zeigt sich eine Art Arbeitsteilung zwischen den beiden Programmen und kein publizistischer Wettbewerb: TeleBärn verzichtet weitgehend auf eine Berichterstattung über das Überschneidungsgebiet und überlässt dieses fast vollständig TeleBielingue. Dieses Ergebnis zeigt sich auch für die Regionalbezüge der Themen und der zitierten Akteure.

TeleBärn berichtet in erster Linie über Ereignisse aus dem ausschliesslich von TeleBärn versorgten Gebiet sowie in einem relativ hohen Anteil der Fälle über Ereignisorte ausserhalb des Sendegebiets – ein Befund, der sich in abgeschwächter Form auch für die Dimension der Akteure formulieren lässt. Nach den Ereignisorten und den Herkunftsorten der Akteure aufgeschlüsselt zeigt sich, dass sich die Berichterstattung von TeleBielingue vorwiegend auf die Stadt Biel konzentriert, jene von TeleBärn mehrheitlich auf die Stadt Bern. Dadurch, dass die Stadt Biel im sich überschneidenden Sendegebiet liegt, kommt bei TeleBielingue der hohe Anteil an Beiträgen in diesem Bereich zustande.

Diese Ergebnisse werden auch gestützt von den Experteninterviews: Bei TeleBielingue gilt TeleBärn im Bereich der elektronischen Medien zwar als Hauptkonkurrent. Diese Konkurrenz wird laut eigenen Angaben durch eigene regelmässige Programmanalysen, bei Recherchen und durch externe Kommentare deutlich wahrgenommen. Eine be-stimmte Strategie, um sich gegenüber TeleBärn zu profilieren, wird jedoch nicht verfolgt. Grundsätzlich gilt bei TeleBielingue eine strikte Fokussierung auf das Sendegebiet. In Bern hingegen nimmt man die Konkurrenz aus Biel kaum wahr, fügt jedoch an, es werde im Sendegebiet von TeleBielingue gezielter ausgewählt, über was man berichte. So decke man bei ‚Pflichtstoff’ wie beispielsweise Medienkonferenzen jene Themen, die bei TeleBielingue zwingend seien, nicht ab.

Auch bezüglich der Konkurrenz auf dem Werbemarkt hat die Arbeitsteilung Bestand: TeleBärn sendet am meisten Werbespots und Sponsoringhinweise ohne klar erkennbaren Regionalbezug (54,2 Prozent). Dabei handelt es sich meist um Werbespots von nati-onal und international operierenden Unternehmen. An zweiter Stelle folgen mit 43,7 Prozent jene werblichen Programmteile mit Bezug zum ausschliesslich von TeleBärn versorgten Gebiet. Hier handelt es sich vorwiegend um regionale Werbekunden, in der Stichprobenwoche häufig aus dem Raum Bern-Thun stammend. Werbespots mit anderem Regionalbezug werden von TeleBärn kaum ausgestrahlt.

Auffallend bei TeleBielingue ist in erster Linie die Dominanz von Werbespots und Sponsoringhinweisen mit Bezug zum sich überschneidenden Sendegebiet (73,2 Prozent).

Abb. 2: Regionalbezug werblicher Programmteile auf Beitragsebene (eig. Darstellung)

Danach folgen mit 12,9 Prozent Anteil die werblichen Programmteile mit einem nicht zuweisbaren Regionalbezug. Was weiter auffällt ist der Anteil von 10,0 Prozent werblicher Programmteile mit Bezug auf das ausschliesslich von TeleBärn versorgte Sendegebiet. Zudem ist der tiefe Anteil mit Bezug auf das ausschliesslich von TeleBielingue versorgte Sendegebiet zu nennen (2,8 Prozent). Werbliche Programmteile mit unspezifischem Bezug zum gesamten Sendegebiet (1,0 Prozent) sowie mit einem Bezug ausserhalb beider Sendegebiete sind kaum zu finden.

Die Werbekundengewinnung bei TeleBärn scheint sich in erster Linie auf überregional operierende Unternehmen sowie Unternehmen im Raum Bern-Thun zu konzentrieren. Der hohe Anteil an regional nicht zuweisbaren Werbespots dürfte dabei auch mit der Mitgliedschaft im Werbepool tele regio combi zusammenhängen, welcher vorwiegend überregionale Unternehmen anspricht. Auch die Experteninterviews ergaben für TeleBärn, dass TeleBielingue auf dem Werbemarkt nicht als Konkurrenz betrachtet wird.

In Biel ist man bei der Werbekundengewinnung tatsächlich vorwiegend im sich überschneidenden Sendegebiet erfolgreich. Da sich das ganze deutschsprachige Sendege-biet von TeleBielingue – inklusive dem Wirtschaftszentrum Biel – mit dem Sendegebiet von TeleBärn überschneidet, ist der hohe Anteil kaum überraschend. In Bezug auf die Konkurrenzsituation zu TeleBärn differenziert TeleBielingue zwischen nationalen und regionalen Werbekunden: lokal und regional spiele TeleBärn als direkter Konkurrent keine bedeutende Rolle. Für Kunden mit dem Einzugsgebiet Seeland bedeute TeleBärn einen (zu) grossen Streuverlust. Im überregionalen Markt sei TeleBärn jedoch ein Konkurrent, denn überregionale Kunden erreichten durch den Verbund tele regio combi auch im Sendegebiet von TeleBielingue eine gewisse Reichweite.

Auffallend bei TeleBielingue war nämlich der höhere Anteil von Werbung ohne erkennbaren Regionalbezug im französischsprachigen Teil des Programmes: Werbespots von überregionalen Unternehmen werden häufig nur im französischsprachigen Programmteil geschaltet. Konkret wurden einige Werbespots in der Stichprobenwoche zwar von beiden Sendern ausgestrahlt, bei TeleBielingue jedoch nur im frankophonen Programmteil. Dies deutet darauf hin, dass überregionale Werbekunden bewusst auf eine Schaltung im deutschsprachigen Programm von TeleBielingue verzichten, weil sie das dazugehörende Gebiet schon durch TeleBärn abgedeckt haben. Die hier beschriebene Konkurrenz ist jedoch im Kontext zu betrachten, dass bei TeleBielingue nach eigenen Angaben rund achtzig Prozent der Werbekunden regionale Unternehmen sind und somit der überregionale Werbemarkt eine relativ kleine Rolle spielt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich TeleBärn und TeleBielingue im publizistischen und werblichen Bereich geringer konkurrenzieren, als sich dies aufgrund der Voraussetzungen der Versorgungsgebiete vermuten liess. Bei TeleBärn ist eine Tendenz zu einer Berichterstattung ohne spezifischen Regionalbezug und zu überregionalen Werbekunden erkennbar. Bei TeleBielingue wiederum sind die Anteile an Beiträgen sowie Sponsorhinweisen und Werbespots mit klarem Regionalbezug deutlich höher, es gilt nach eigenen Angaben in der Berichterstattung eine strikte Fokussierung auf das Sendegebiet. Sowohl in der Programmgestaltung bzw. Nachrichtenauswahl als auch in der Werbekundenakquise zeigen sich somit deutlich unterscheidbare Strategien, so dass eine Verschwendung der öffentlichen Subventionen besonders mit Blick auf das zweisprachige Angebot von TeleBielingue ausgeschlossen werden kann. Der französischsprachigen Minderheit im Verbreitungsgebiet von TeleBärn wird durch diese Mittel erst die Möglichkeit gegeben, in ihrer Muttersprache regional informiert zu werden.


Dr. Steffen Kolb ist Dozent am Departement für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Fribourg.

Marc Lüdi ist Student des Masterstudiengangs Medien- und Kommunikationswissenschaft in Fribourg und Mitarbeiter der Studie.


Quellen:

Bundesamt für Kommunikation BAKOM (2007a): Versorgungsgebiet TeleBärn: http://www.bakom.ch/rtv_files/58_1.pdf (13.3.2010).

Bundesamt für Kommunikation BAKOM (2007b): Versorgungsgebiet TeleBielingue: http://www.bakom.ch/rtv_files/59_1.pdf (13.3.2010).

Bundesamt für Statistik BFS (2006): 166 Bezirke und 26 Kantone der Schweiz: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/maps/raumgliederung/institutionelle_gliederungen.parsys.0001.PhotogalleryDownloadFile1.tmp/k00.37s.pdf (3.4.2010).

Bundesamt für Statistik BFS (2010): Amtliches Gemeindeverzeichnis 2010: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/thematische_karten/maps/raumgliederung/institutionelle_gliederungen.html (3.4.2010).

Maurer, Torsten; Fretwurst, Benjamin; Weiß, Hans-Jürgen (2008): Programmprofile. Wie sich Fernsehprogramme voneinander abgrenzen und wie sie sich gleichen. In: Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland – ALM (Hrsg.): ALM Programmbericht. Fernsehen in Deutschland 2008. Programmforschung und Programmdiskurs. Berlin. S. 41–61: http://www.alm.de/fileadmin/Medienforschung/Programmbericht2008/ALM_Programmbericht_2008-Gesamt.pdf  (20.3.2010).

TeleBielingue (2010): Website des Senders. URL: http://www.telebielingue.ch (28.3.2010).


Dateien:
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