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26.11.2010
00:00 Von: Schneider, Christoph

Augenblicke von Wahrheit

Der «Zürcher Fernsehpreis 2010» der Zürcher Radiostiftung ging an die siebenteilige Serie «Üsi Badi», die im Juli und August dieses Jahres zu sehen war. Das Schweizer Fernsehen wagte es mit dieser von «B&B Endemol» mitproduzierten Doku-Soap, Behinderte und Nichtbehinderte in einem unterhaltenden Sendeformat gemeinsam auftreten zu lassen. Am 22. November wurde der Preis in Zürich den Machern und Protagonisten übergeben. Die hier dokumentierte Laudatio zeugte vom starken Eindruck, den das Experiment hinterlassen hat, und nahm dies zum Anlass, über die humanen Potenziale des Fernsehens nachzudenken.


Von Christoph Schneider

Vielleicht freut es Sie, liebe Preisträger, gleich am Anfang von jenem zwölfjährigen Baselbieter Mädchen zu hören, das «Üsi Badi» diesen Sommer zum familiären Pflichttermin erklärte – so gross war die Verliebtheit in die handelnden Personen. Und glauben Sie mir: Jenes Mädchen, diese begeisterte Stimme Ihrer Einschaltquote, ist sonst nicht leicht zu beeindrucken durch Realismus im Fernsehen und die Wirklichkeit eines Schwimmbads. Es heisst Mina und lässt alle grüssen, und womöglich nennt es das Schwimmbad von Sissach/Baselland noch heute «üsi Badi», obwohl das in unserem Heimatkanton ja eher «euses Schwimmbi» hiesse. Sie können also davon ausgehen, dass Ihre Sendung dort wahrscheinlich auch sprachliche Spuren hinterlassen hat.

Spuren gab es nicht nur in Kinderherzen. Lassen Sie mich auch erzählen von einer Jury mit der Aufgabe und dem Anspruch, einen Fernsehpreis zu vergeben, der den Namen verdient. Also wohlverstanden: nicht einen Preis für eine gute moralische Absicht oder eine wohlmeinende Sentimentalität oder einen Zufall; sondern einen für kreatives Medienhandwerk bei der künstlichen Herstellung von Wirklichkeit. Und nun sah diese Jury «Üsi Badi» und sah – es war im fünften Teil, glaube ich – den Remo, der sich frohgemut gemeldet hatte für die öffentliche Präsentation eines Spielfilms (denn er ist ein mutiger Mann). Diesen Remo sah man plötzlich auf einem Treppchen sitzen im Strandbad Sankt Margrethen, und es war ihm wind und weh, denn er hatte ein Lampenfieber, dass Gott erbarm’. Da wurde Rührung zum Argument.

Das war einer der Augenblicke von Wahrheit und Echtheit, die die Wirklichkeit dem Fernsehen nicht einfach freiwillig schenkt. Sie verlangt achtsame Arbeit, sonst wehrt sie sich und verwandelt sich in Kitsch. Sie verlangt, könnte man sagen, ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Wunschdenken und Möglichkeitssinn – nämlich dafür, dass solche Fernseharbeit ein heikles Lavieren und Navigieren ist zwischen der Ordnung einer Dramaturgie und der komplizierteren Unordnung der Realität. Es ist Gespür dazu nötig – dafür, wo das Fernsehen die Echtzeit beherrschen darf und wo es Geduld mit ihr haben muss. Wo ein Ort eine Bühne sein kann und wo eben einfach nur ein Schwimmbad. Es ist eine Fantasie dazu nötig, die sich im Griff hat und kontrolliert, wie viele kleine, unterhaltende Lügen die nie ganz reine Wahrheit verträgt; und wo fertig lustig ist, wie man so schön sagt. Es braucht Darsteller, die wissen, dass sie es sind, aber es als Nicht-Darsteller auch vergessen können. Und weil in «Üsi Badi» das alles zusammengekommen ist, die Achtsamkeit, die Fantasie, die Geduld und das Gespür, deshalb sass der Remo dann in seiner Angst auf diesem Treppchen, und es war erlaubt, es zu zeigen – und berührend, es zu sehen. Natürlich hat Remo seine Präsentation vor viel realem Publikum am Ende grossartig hinbekommen, denn er ist, wie gesagt, ein mutiger Mann und wusste auch als Darsteller, was er seiner Sendung schuldig war.

«Üsi Badi» ist eine Doku-Soap, ein Genre der Fernsehgegenwart, dem die Verlogenheit quasi zur Natur geworden ist, wie manche sagen, und wo sie Recht haben, haben sie Recht, aber eben nur dort. Also nicht hier. Das ist nämlich das Erstaunliche: wie das Genre sich hier – jetzt benütze ich das Wort doch – gewissermassen moralisch reinigte. Man denkt ja oft, es sei das Gegenteil von Doku-Soap, wenn zwei Normalitäten sich begegnen und anständig zueinander sind. Das ist aber das Feine an dieser Sendung: dass sie sich begegneten, eine behinderte und eine nicht-behinderte Normalität, und sich liebenswürdig respektierten. Aber nicht so, dass fürs Fernsehen eine selbstverständliche Harmonie herbeigelogen wurde. Denn dokumentiert sind auch Missverständnisse und Irritationen, Widerstand und Ärger – eben das Unkontrollierbare eines menschlichen Umgangs – und so erst kamen Doku und Soap und Wahrheit zusammen. Und derart hat hier ein Team einem Unterhaltungsformat Würde gegeben.

Das hat jetzt am Pathos geritzt, aber als Laudator darf man das. Und noch ein grosses Wort möchte ich benützen, weil es in Mediendiskussionen kürzlich verwendet worden ist wie ein Schimpfwort. Und als ob mit ihm die Pest und die Cholera und die unsterbliche Langeweile über das Fernsehen kämen. Es heisst: Relevanz, und item: Wenn ich manche Medienkritiker richtig verstanden habe, ist das ein elitäres Bedürfnis. Nichts also für Fernsehzuschauer, die angeblich die Wörter «wichtig» und «Erkenntnis» nicht einmal buchstabieren können. Im Namen der Zuschauer bedanke ich mich sehr herzlich für so viel Verachtung! Denn befreie ich den Begriff von seinen Synonymen, bleibt in ihm der selbstverständlichste Anspruch erhalten: dass jemand, der im Medium etwas sagt, auch etwas zu sagen haben wollen sollte. Danach haben wir weissgott ein Bedürfnis, und dieser Preis für «Üsi Badi» ist deshalb auch einer für relevantes unterhaltendes Fernsehen.

 

Christoph Schneider schreibt als Film- und Fernsehkritiker vor allem für den Tages-Anzeiger. Er ist Mitglied des Stiftungsrates der Zürcher Radiostiftung.

 

Links:

Die Serie «Üsi Badi» im Internet:
http://www.sendungen.sf.tv/uesi-badi/Nachrichten/Uebersicht

Zürcher Radiostiftung:
www.zuercherradiostiftung.ch 


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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