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18.05.2009
00:00 Von: Weichert, St. & Kramp, L.

Berliner Pressemarkt
Ein neues Bekenntnis zur Zeitung

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist der Berliner Pressemarkt noch immer geteilt: in Ost und West, aber auch in Print und Online. Doch Berlin ist auch ein mediales Versuchslabor, in dem sich Geschäftsmodelle abzeichnen, wie sich die Grenzübergänge meistern lassen. Ein klares Bekenntnis zum Journalismus scheint dabei visionärer zu sein als die Geschäftsziele so manches Finanzinvestors in der jüngeren Vergangenheit.


Von Stephan Weichert und Leif Kramp

Ein Zucken durchfuhr die Medienbranche, als im Oktober 2005 bekannt wurde, dass eine Gruppe Finanzinvestoren um den Nordiren David Montgomery den Berliner Verlag zu übernehmen plante. Die Redaktion der «Berliner Zeitung» protestierte damals heftig. Und auch dem Chefredakteur Uwe Vorkötter graute es vor dem Konsortium aus der US-amerikanischen Finanzgruppe Veronis Suhler Stevenson (VSS) und der britischen Firma Mecom. Dieses warb zwar vordergründig dafür, das Berliner Traditionsblatt «wirtschaftlich zu stärken und die redaktionelle Qualität auszubauen», hatte aber insgeheim nur schnelle Renditen im Sinn. Das Ausbluten des Verlags schien dabei unvermeidlich.

Seit Januar ist das Gastspiel der Finanzinvestoren vorüber, denn die «Berliner Zeitung» entpuppte sich als widerspenstiger und - gemessen an den Erwartungen der «Heuschrecken» - erfolgloser als erwartet und zwang das Management nach nicht einmal dreieinhalb Jahren zur Rückkehr in die heimischen Gefilde. Das Eigentümermodell ausländischer Finanzinvestoren gilt seither in der deutschen Presselandschaft als gescheitert. Nichtsdestotrotz hat das 40-monatige Intermezzo von Montgomery auf dem Berliner Pressemarkt seine Narben hinterlassen. Noch heute sitzt der Schrecken über die ursprünglich angekündigte Sparwelle tief: Wenn tatsächlich wie geplant zum Jahreswechsel 2008/2009 etliche Redakteure der «Berliner Zeitung» entlassen worden wären, hätte das fatale Auswirkungen auf die ohnehin schon von Freelancern überschwemmten Hauptstadtmedien gehabt: In keiner deutschen Stadt arbeiten mehr Journalisten: mindestens 8000, der Großteil davon ohne feste Anstellung. Und je mehr Selbständige um Aufträge buhlen, desto spürbarer wird der Exklusivitätsdruck. Als Folge sinken die Honorare ebenso wie die journalistischen Standards. Entsprechend erleichtert reagierte die Branche am Anfang dieses Jahres, als sich eine Erlösung aus Köln ankündigte: Der 82-jährige Verleger Alfred Neven DuMont kaufte überraschend den gebeutelten Berliner Verlag für 170 Millionen Euro, um ihn seinem Verlagsimperium DuMont Schauberg einzuverleiben. Die zweite Überraschung ließ nicht lange auf sich warten: Auch in der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die den Berliner Verlag 2002 von Gruner + Jahr gekauft hatte und sich auf Geheiß des Kartellamts wieder davon trennen musste, bahnte sich Ende März ein Wechsel auf oberster Ebene an: Der 67-jährige Dieter von Holtzbrinck, der sich seit 2006 schrittweise aus dem Familienunternehmen zurückgezogen hatte, meldete mit dem Erwerb von «Tagesspiegel» und «Handelsblatt» sowie einer 50-prozentigen Beteiligung an der «Zeit» erneut einen Führungsanspruch an. Hans Leyendecker wertete dies in der «Süddeutschen Zeitung» als «Hoffnungszeichen aus Stuttgart», und Medienredakteur Michael Hanfeld jauchzte in der FAZ, es gebe noch Verleger, «die an das gedruckte Wort glauben.»

 

Aufwind dank alter Verlegerpersönlichkeiten

Sorgt der jüngste Einstieg zweier Alterverleger wirklich für frischen Wind in der Berliner Zeitungsbranche? Oder handelt es sich um einen nostalgischen Akt, ein letztes Aufbäumen, bevor die Zeitung endgültig verschwindet? Statt in unsicheren Zeiten rigide Sparpläne umzusetzen, schickt sich die Hauptstadt zumindest an, das Comeback von Verlegerpersönlichkeiten als Jungbrunnen umzudeuten. Während in den USA schon das Ende des gedruckten Wortes heraufbeschworen wird, sind mit dem neuen Bekenntnis von Alfred Neven DuMont und Dieter von Holtzbrinck zur Zeitung tatsächlich immense Erwartungen verbunden. Im Gegensatz zu den ausgeleierten Durchhalteparolen von Verlegerverbänden, die regelmäßig auf Podiumsdiskussionen ausgegeben werden, wirkt das Engagement der Verlegerdynasten aus Köln und Stuttgart tatsächlich wie eine Frischzellenkur für die Zeitungsbranche.

Überhaupt scheint sich Berlin als Refugium für Zeitungen zu erweisen: Jakob Augstein, Sohn des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein, ist es in nur wenigen Monaten gelungen, das angestaubte Ostberliner Wochenblatt «Freitag» in ein respektables Meinungsmedium mit hoher Leserresonanz umzubauen – auch im Internet. Die Innovationsfreude des charismatischen Jungverlegers hat sogar die störrische «taz» unlängst dazu ermuntert, ihr modriges Layout über Bord zu werfen und anlässlich des 30-jährigen Jubiläums eine Vierfarb-«taz» mit aufgehübschter Wochenendbeilage «sonntaz» zu präsentieren. Offenbar ist der Funke der neuen Zeitungskultur übergesprungen – dank alter und junger Köpfe, die das Modell Print noch nicht für überholt halten. Ihre Standhaftigkeit und Experimentierfreude wirkt nach Jahren der Unsicherheit im Berliner Pressemarkt wohltuend. Mit ihrer Hilfe könnte sich Berlin jenen Status erarbeiten, welcher bisher den Pressemärkten anderer Hauptstädte wie London oder Paris vorbehalten schien und Berlin durch die historische Teilung lange versagt blieb.

Dieser Insellage war es nämlich geschuldet, dass der Berliner Pressemarkt trotz zehn großer Tageszeitungen und einer verkauften Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren nie aus dem publizistischen Schatten von Hamburg, Frankfurt am Main und München heraustreten konnte. Diese mächtigen Verlagsstädte mit großer Leserschaft erreichten die Berliner Blätter aufgrund von Transportschwierigkeiten erst mit 18-stündiger Verspätung. An das Vermächtnis der großen Vorkriegsblätter «Berliner Tageblatt», «Vossische Zeitung» und «Deutsche Allgemeine Zeitung» konnte daher keiner der Berliner Nachkriegsverlage anknüpfen. Obwohl seit langem Hauptstadt, ist Berlin bis heute pressewirtschaftlich gesehen eine Exklave. Auch international gesehen ist der Berliner Pressemarkt wie kein anderer gezeichnet von Umbauten, Zerwürfnissen und Brüchen. Schließlich hat sich mit acht großen Stadtzeitungen eine solide Lokalpresse herausgebildet, die zwar 90 Prozent Marktanteil für sich beansprucht, aber im bundesweiten Reichweitenvergleich bisher nicht zur Konkurrenz aus München, Hamburg, Frankfurt und Nordrhein-Westfalen aufschließen konnte.

 

Eine Hauptstadt ohne publizistische Identität

Noch immer sucht Berlin seine Identität als Medienhauptstadt, der eine Hauptstadtzeitung gut anstehen würde. Doch die Mauer in den Köpfen bestimmt weiterhin das Leseverhalten: Während der «Tagesspiegel» sein Publikum hauptsächlich im Westen findet, sind die Leser der «Berliner Zeitung» eher im Ostteil zu verorten. Selbst die Offensive des Axel Springer Verlags, dem dritten Großverlag in Berlin, die defizitäre «Welt» zum Prestige-Blatt mit regionalem Einschlag auszubauen, lief ins Leere: Über 90 Prozent der bundesweiten Springer-Auflage werden nach wie vor außerhalb des Stadtgebiets verkauft. Auch die Vorhaben anderer Zeitungshäuser, sich in Berlin mit journalistischem Renommee und lokaler Verwurzelung zu etablieren, schlugen weitgehend fehl: Die «Berliner Seiten» von «Süddeutsche Zeitung» und FAZ beispielsweise brachten nicht den erhofften Leserzuwachs und wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Umso bedeutender ist nun die Aufbruchsstimmung in den Verlagsleitungen, sich trotz der gegenwärtigen Krise zur gedruckten Zeitung zu bekennen – auch wenn oder gerade weil das klassische Vertriebs- und Werbemodell noch eine ganze Weile überdauern muss. Alan Rusbridger, Chefredakteur des britischen «Guardian», prophezeite jüngst bei einer Veranstaltung des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, dass die Lücke zwischen sinkender Rentabilität der Blätter und wachsenden Umsätzen ihrer Online-Ausgaben den Verlagen mittelfristig noch einiges an Durchhaltevermögen abverlangen werde. Anders gesagt: Trotz des rasanten Wandels in der Mediennutzung braucht es neue Ideen, wie das alte Geschäftsmodell über eine längere Durststrecke funktionstüchtig bleibt, damit der Übergang ins Netz schrittweise erfolgen kann. Hier sind Internet affine Großverlage wie DuMont Schauberg, Holtzbrinck und Springer, aber auch experimentierfreudige Kleinverlage wie der «Freitag» und die «taz» inzwischen gar nicht so schlecht aufgestellt. Doch anders als weltweit operierende Mischkonzerne müssen sie mit aller Kraft in die Qualität ihrer journalistischen Angebote investieren, weil davon ihr publizistischer Alleinstellungswert abhängt.

Damit die Kehrtwende rechtzeitig gelingt, muss der neuen Zeitungskultur noch Leben eingehaucht werden: So eifrig im Online-Bereich an tragfähigen Finanzierungsmodellen geschraubt wird, so sehr mangelt es noch an publizistischer Weitsicht, was aus dem Journalismus im Internet einmal werden könnte. Als Magnet für die Kreativen aus aller Welt beheimatet Berlin ein großes Potenzial, den journalistischen Zeitenwechsel aktiv mitzugestalten. Augsteins «Freitag» setzt hier bereits wegweisende Akzente mit einer Integrationsstrategie von professionellem Journalismus und Leserbeteiligung. Wenn der Medienstandort Berlin als Versuchslabor für einen neuen Qualitätsjournalismus begriffen würde, könnten solche Positivbeispiele eine Strahlkraft über den regionalen Zeitungsmarkt hinaus entwickeln. Das wäre notwendig, um Finanzinvestoren wie Montgomery langfristig zu trotzen.

 

Leif Kramp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin. Prof. Dr. Stephan Weichert ist Projektleiter am (IfM) und lehrt Journalistik an der Macromedia Fachhochschule der Medien in Hamburg. Von den Autoren erschien kürzlich das Gutachten «Der Berliner Pressemarkt: Historische, ökonomische und international vergleichende Marktanalyse und ihre medienpolitischen Implikationen».


 
 

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