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01.11.2010
00:00 Von: Tepasse, Nicole

Die Bilder vom Gaza-Krieg

Journalisten sind nicht passive Nacherzähler, sondern auch aktive Konstrukteure der Wirklichkeit. Wie der Gaza-Krieg von Ende 2008 bis Anfang 2009 unterschiedlich ins Bild gerückt wurde, zeigt eine aktuelle vergleichende Studie von Felix Koltermann. Während die Pressefotografie der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein distanziertes Bild des Krieges zeichnete und den israelischen Einmarsch tendenziell rechtfertigte, setzte die «Süddeutsche Zeitung» mit emotionalen Bildern auf Betroffenheit.


Von Nicole Tepasse

«Die Fotografie vermenschlicht Sachverhalte.» Das sagt James Nachtwey, der wohl bedeutendste Kriegsfotograf der Welt. «Bilder können Leuten helfen, menschliche Situationen nachzuempfinden. Wenn sie Bilder vom Leid anderer Leute sehen, können sie erkennen: Okay, wir sind alle gleich. Ich kann nachvollziehen, was diese Person gerade durchmacht. Das ist die Stärke der Fotografie, und ich versuche, sie in genau dieser ihrer stärksten Eigenschaften zu nutzen», sagt Nachtwey in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel aus dem Jahr 2009.

 

Pressefotografie: Medium der Empathie?

Inwieweit diese und andere Möglichkeiten der Fotografie im Gaza-Krieg 2008/2009 genutzt wurden, darüber gibt eine Studie von Felix Koltermann Aufschluss. Die Studie trägt den Titel «Der Gaza-Krieg im Bild» und ist 2009 während eines Forschungsaufenthaltes am «Bonn International Center for Conversion» (BICC) entstanden. In seiner Inhaltsanalyse hat Koltermann die Pressefotografien über den Gaza-Krieg verglichen, die in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und in der «Süddeutschen Zeitung» abgedruckt wurden. «Am meisten hat mich überrascht, dass die Unterschiede in der Art der Bildnutzung, vor allem bezogen auf die Bildinhalte und die Bildsprache, so deutlich sichtbar sind. Nicht erwartet hätte ich, dass beispielsweise die FAZ den Aspekt des menschlichen Leids auf der Bildebene komplett ausblendet».

 

Krieg als Ansichtssache

Die FAZ zeige eher die technische Seite des Krieges sowie Bilder, «die als Rechtfertigung des israelischen Einmarsches gelten können». Das macht Koltermann anhand von Schlüsselbildern deutlich, die er neben seiner quantitativen und qualitativen Analyse herausgearbeitet hat. Eines dieser Schlüsselbilder zeigt etwa ein Foto mit einer Rauchwolke am Horizont, das am 29. Dezember 2008 in der FAZ erschienen ist. Für Koltermann steht dieses Bild «stellvertretend für die Beobachtung des Krieges aus der Ferne». Begründung: «Im Bild des Krieges aus der Distanz gibt es keine Opfer und die schwarze Rauchwolke hat mehr ästhetische Anziehungskraft, als dass sie etwas über den Schrecken des Krieges aussagt», erklärt Koltermann. Die FAZ hätte im Untersuchungszeitraum zwischen dem 27. Dezember 2008 und dem 19. Januar 2009 eher diesen sachlich kühlen Blick auf das Kriegsgeschehen gehabt.

 

Distanz versus Betroffenheit

Die Süddeutsche Zeitung hingegen folge in der Bildauswahl anderen Kriterien, bediene sich einer «emotionalen» Bildsprache und stelle «eher den Krieg an sich als das Problem dar», so Koltermann. Die SZ thematisiere die Folgen des Krieges mit einem starken Fokus auf den Gaza-Streifen, während die FAZ der israelischen Regierung und ihrer Armee die größere Bedeutung beimesse. Koltermann kommt zu dem Ergebnis, dass «die Bildberichterstattung der SZ sowohl visuell als auch inhaltlich näher an den Menschen und ihrem Leid im Krieg dran ist». Beispiel dafür ist etwa ein Foto, das einen schreienden Mann mit einem Kind auf dem Arm zeigt oder die Nahaufnahme einer Gruppe trauernder israelischer Soldaten, bei der «für den Betrachter jede emotionale Distanz zu den im Bild dargestellten Soldaten verloren» gehe – auch weil es Verwundbarkeit und Schwäche zeige.

 

Der Journalist als Konstrukteur

In der Berichterstattung über den Gaza-Krieg haben Bilder in der SZ ein größeres Gewicht als in der FAZ, lautet denn auch ein zentraler Befund der Studie, den Koltermann mit Zahlen belegt: Im Untersuchungszeitraum veröffentlichte die SZ absolut gesehen fast doppelt so viele Bilder wie die FAZ. Besonders deutlich sei der Unterschied an der größeren Anzahl der Titelbilder in der SZ zu erkennen gewesen.

Seine Hypothese, dass die Bildberichterstattung eine eigene Form der medialen Wirklichkeitskonstruktion darstellt, die sich von Medium zu Medium unterscheidet, kann Koltermann bestätigen: «Die unterschiedliche Gewichtung der Bilder in den beiden Medien weist darauf hin, dass die Veröffentlichung nicht den Ereignissen vor Ort folgt.» Dies entspricht der gängigen Auffassung in der Medien- und Kommunikationswissenschaft, wonach journalistische Wirklichkeitskonstruktion stets auf vielfältige Einflüsse und Zwänge zurückzuführen ist und der einzelne Journalist als vergleichsweise aktiver, Wirklichkeit herstellender Konstrukteur agiert, und nicht als passiver Vermittler realitätsgetreuer Nachrichten.

 

Vier Agenturen dominieren das Bild

Wichtiger als diese schon oft bestätigte These ist jedoch Koltermanns Appell, dass Zeitungen und Zeitschriften ihre Produktionsprozesse offen legen sollten. So könne dem Leser deutlich gemacht werden, dass es sich auch bei Fotos nicht um authentische Zeugnisse handelt. «Das Ziel sollte sein, dass der Nutzer um die Prozesse, wie Fotografien im journalistischen Kontext produziert werden, und um die Mechanismen in den Redaktionen weiß und damit die publizierten Pressefotografien entsprechend einordnen kann.» Dazu gehöre nicht zuletzt die Identifikation der Quelle: «Bei den Bildquellen zeigt sich die Markt beherrschende Position der Agentur Reuters und der drei anderen großen Agenturen AP, AFP und dpa», so Koltermann.

 

Fehlende Transparenz in der Bildentstehung

Dass letztlich vier Agenturen das fotografische Bild vom Gaza-Krieg bestimmen, verdeutlicht die im wahrsten Sinne eingeschränkte Sicht auf diesen und auf andere Konflikte. Während dieser Umstand anhand der Agenturangaben noch nachvollziehbar ist, trifft dies nicht auf die Fragen nach dem Fotografen, dem Aufnahme-Ort und dem Aufnahme-Datum zu. Und auch das kritisiert Koltermann: «Ohne die Nennung des Fotografen ist beispielsweise nicht zurückzuverfolgen, ob die Bilder von lokalen palästinensischen oder israelischen Fotografen oder von internationalen Korrespondenten gemacht wurden.» Inwiefern die Bilder politisch unabhängig sind oder womöglich einen tendenziösen Einschlag haben, lässt sich vom Betrachter also nicht beurteilen. Mehr noch: «Ohne die genauen Angaben über den Aufnahmezeitpunkt und -ort ist nicht nachvollziehbar, ob es sich bei den Motiven wie z.B. den palästinensischen Kämpfern, um Archivmaterial handelt.» Dadurch aber, dass diese Bildinformationen nicht veröffentlicht würden, so Koltermann, werde die Einordnung der Bildbedeutung im Entstehungskontext erschwert und allfällige Manipulation vereinfacht.

 

Nicole Tepasse ist Redakteurin bei www.bundestag.de und promoviert in Medienwissenschaft zum Thema Krisen- und Kriegsberichterstattung.

 

Felix Koltermann hat Kommunikationsdesign in Dortmund studiert und anschließend den Master in «Peace and Security Studies» am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Ham-burg gemacht. Zurzeit promoviert er an der Universität Erfurt zum Thema «Die Rolle von Fotografen in Konflikten. Eine Untersuchung anhand der fotojournalistischen Krisen- und Kriegsbericht-erstattung über den Nahostkonflikt».

Die Studie ist auf der Homepage des BICC nachzulesen:
http://www.bicc.de/uploads/pdf/publications/papers/occ_paper_06/Occ_paper_VI.pdf


 
 

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