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21.09.2010
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JUSO fordert Pornos in der Primarschule


(ja) Hohe Wellen geworfen hat der Vorschlag der Partei der Schweizer Jungsozialisten (JUSO), Kinder bereits in der Primarschule mit Pornographie zu konfrontieren, um die allgegenwärtigen Bilder im Internet pädagogisch aufzugreifen. Dazu gehöre laut Juso, dass bereits 10- bis 12-Jährige im Sexualkundeunterricht Pornos schauen sollen. Und zwar nicht Softpornos à la «Schulmädchenreport», sondern solche, «die Kinder auch tatsächlich auf ihren Handys auf dem Pausenplatz konsumieren», sagt Tanja Walliser, Zentralsekretärin der JUSO. Ziel sei es, die Fiktionalität von Pornofilmen vor Augen zu führen. Nur so würden die Kinder lernen, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden: «Sonst glauben Buben, sie müssten den grössten Penis haben, und Mädchen, sie müssten immer verfügbar sein», so Walliser gegenüber 20 Minuten (15.09.2010).

Ein Streitgespräch zwischen der CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer und dem Sexualpädagogen Bruno Wermuth legt die gesellschaftliche Konfliktlinie offen: Während es Schmid-Federer darum geht, Kinder und Jugendliche vor nicht jugendfreiem Material zu schützen, sieht Wermuth keine Alternative, als zu thematisieren, was vor den Schutzbefohlenen ohnehin nicht verborgen bleibt: «Meine langjährige Arbeitserfahrung mit Jugendlichen zeigt, dass über 80 Prozent der 12- bis 14-Jährigen Pornos gesehen haben», so Wermuth gegenüber 20 Minuten. Dabei würde es eben nicht ausreichen, nur über Pornofilme zu sprechen, anstatt sie zu zeigen: «Es ist wie beim Skifahren. Man lernt es nicht, indem man darüber spricht.» Demgegenüber hält es Schmid-Federer für «viel gesünder, wenn ein Kind seine Sexualität auf dem eigenen Weg entdecken kann». Und selbst wenn viele Jugendliche bereits Kontakt mit Pornos hätten, so hält Schmid-Federer eine flächendeckende Konfrontation der Kinder mit einschlägigem Material in der Schule nicht für angebracht: «Man kann gezielt mit einzelnen Jugendlichen arbeiten – aber bitte nicht, indem man einer ganzen Schulklasse Pornofilme zeigt. Damit sind die Jugendlichen definitiv überfordert», so die CVP-Nationalrätin (vgl. 20 Minuten, 17.09.2010).

Die Juso will nun am 7. November an einer ersten Sitzung ein Positionspapier ausarbeiten. Doch ein Blog-Eintrag vom 21. September nimmt gegenüber der ersten Ankündigung bereits eine moderatere Position ein. Im Vordergrund stehe demnach die Gleichstellung, die sich mitunter durch die Befreiung von Stereotypen vollziehen soll: «Von Gleichstellung der Geschlechter kann keine Rede sein. (...) Als JUSOs kämpfen wir für eine Gesellschaft, in der alle frei und selbstbestimmt leben können. (...) Dazu gehört die Selbstbestimmung der Menschen als Ganzes, dazu gehört auch eine selbstbestimmte Sexualität, die sich nicht an Stereotypen orientiert.» Heute sei die Sexualpädagogik in der Schule unzureichend: «Die Jugendlichen bekommen keine Möglichkeit über ihre sich entfaltende Sexualität zu sprechen. Sie werden alleine gelassen mit vielen Fragen und sie werden alleine gelassen mit Porno-Bildern, beginnen das, was sie da sehen, nachzuahmen und übernehmen die Geschlechter-Stereotypen, die ihnen in den Filmen vorgelebt werden. Vergewaltigungen von Jugendlichen an Kindern sind nur die schlimmste Folge davon, wenn solche Themen im Aufklärungsunterricht nicht angesprochen werden.» Die JUSO fordert daher eine umfassende Sexualerziehung an den Schulen durch externe Experten. «Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der sexuellen Identität, Homosexualität, gesellschaftlichen Rollenbildern, der Beziehung zum eigenen Körper, sexueller Gewalt und eben auch Pornographie.»

Die Frage bleibt, inwiefern durch die Vorführung von Pornographie die Stereotypen aufgebrochen oder erst kultiviert werden. Die Forschung, die sich mit den Auswirkungen des Porno-Konsums befasst, kommt zu einigen Schlüssen, die dem Anliegen der JUSO entgegenlaufen. Demnach führt der Konsum von Pornographie zu einem Gewöhnungseffekt und zu einer Desensibilisierung, was nach immer mehr und härteren Bildern verlangt. Durch die leichtere Verfügbarkeit im Internet wird die Nachfrage nach Pornos noch gesteigert. Auch die Sexsucht ist ein Phänomen, das mit dem leicht zugänglichen Angebot im Internet zunimmt (vgl. die Schweizerische Kriminalprävention). Wie zudem Studien der Psychologie und Medienwirkungsforschung zeigen, wird durch Pornokonsum – bei Männern wie bei Frauen – die Akzeptanz von Gewalt in der Sexualität erhöht. Dies könnte erklären, weshalb sich Jugendliche nach dem Konsum von Pornographie zu nicht altersgerechten sexuellen Handlungen animieren lassen, bei denen die Mädchen glauben, mitmachen zu müssen. Schliesslich kann der Konsum von Pornographie bei beiden Geschlechtern zu einer Abwertug des Frauenbildes führen.

Die Gefahr besteht also, dass Kinder und Jugendliche durch Pornographie in ihrer psychosexuellen Entwicklung beeinträchtigt werden, zumal ihnen der Vergleich mit eigenen Erfahrungen als Korrektiv vielfach noch fehlt. Deshalb und angesichts der leichten Verfügbarkeit von Pornographie via Internet und Handy ist die Thematisierung in der Schule notwendig. Dass Kinder und Jugendliche im Rahmen des sexualpädagogischen Unterrichts mit pornographischem Material konfrontiert werden sollen, ist aufgrund der bisherigen wissenschaftlichen Befunde vorsichtig abzuwägen, da kontraproduktive Effekte nicht auszuschliessen sind.

 

Quellen:

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20 Minuten (2010): Pornos in Schulen: Schädlich oder notwendig? 17. September 2010, S. 6f.

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