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20.10.2010
00:00 Von: Leonarz, Martina

Journalistinnen in der Schweiz avanciert

Der Frauenanteil im Journalismus beträgt in der Schweiz rund 30 Prozent. Die Zeiten, in welchen Männer alleine über Form und Inhalt der Medien entschieden, sind vorbei. Wie aber haben sich die Frauen in dem einst männlich geprägten Berufsumfeld etabliert? Qualitative Gespräche geben Aufschluss über die Berufssituation und Berufsbiografien von Journalistinnen verschiedener Generationen. Die Gespräche zeigen, dass sich die Situation der Frauen im Berufsfeld Journalismus in den letzten 40 Jahren verbessert hat. Dennoch liegt noch einiges im Argen.


Von Martina Leonarz

Der Journalismus ist historisch betrachtet ein männliches Berufsfeld. Das «rough-and-tumble environment of the newsroom» (Chambers/Steiner/Fleming 2004: 19) wurde (von Männern) zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Frauen als ungeeignet betrachtet. Die ersten Frauen im Journalismus, die so genannten «token women» (Djerf-Pierre 2007: 87), wurden nicht selten unter ökonomischen Vorzeichen eingesetzt. Mit der den Frauen zugeschriebenen Affinität zu «human touch»-Geschichten sollten sie den Alltagsjournalismus bereichern und den Absatz fördern. Unabhängig davon, ob diese Neigung zu emotionalen Geschichten eine ausgeprägt weibliche ist, den Journalistinnen wurden bereits damals gewisse Rubriken zugespielt, welche sie mangels Alternativen dankbar annahmen. Diese so genannte horizontale Segregation hält sich ganz deutlich bis in die 1980er Jahre: Damals waren Journalistinnen vorwiegend im Bereich Lifestyle, Bildung, Kultur, Gesundheit und Soziales tätig, während ihre männlichen Kollegen die wichtigen Rubriken – vor allem Politik und Wirtschaft – für sich proklamierten (Klaus 2005: 163f.).

Heute hat sich die geschlechtsspezifische Verteilung auf Themen und Rubriken aufgeweicht. Verschwunden ist sie allerdings nicht ganz. Als letzte Männerbastion zeigt sich das Sport-Ressort, welches mehrheitlich in Männerhand ist. Zudem zeichnen sich grosse Unterschiede unter den verschiedenen Medientypen ab. Die «seriösen» Zeitungen halten eher die traditionellen genderspezifischen Grenzen hoch, während sich die elek­tronischen Medien (vor allem die öffentlichen) offener zeigen.

Immer noch bestehen grosse Unterschiede, wenn wir die genderspezifische Verteilung entlang den hierarchischen Stufen beurteilen. Journalistinnen sind in unteren und mittleren Positionen gut vertreten, in Toppositionen sind sie allerdings selten anzutreffen – die so genannte vertikale Segregation hält sich hartnäckig. Gelingt es Frauen immer mehr, in der Politik Fuss zu fassen, haben sie es in der Wirtschaft ungleich schwerer. Das gilt auch für den Mediensektor. Die Luft in der Teppichetage scheint für Journalistinnen besonders dünn zu sein. Ihre Absenz am Schalthebel der Macht hinterlässt Spuren in der Gesellschaft, denn in den meisten Fällen prägen Männer die Redaktionskulturen und entscheiden über die Inhalte der Medien. Da Medien als Ko-Produzenten von gesellschaftlichen Werten fungieren, ist die Frage, wer in den Entscheidungspositionen ist, besonders brisant.

 

(Plexi)glass Ceiling und weiblicher Journalismus

Horizontale Segregation, weiblicher Journalismus, vertikale Segregation, Diskriminierung, Sexismus, Glass Ceiling – alle diese Phänomene sind in der Berufsfeldforschung unter genderspezifischen Vorzeichen eingehend untersucht worden, wenn auch zum Teil mit widersprüchlichen Ergebnissen. Bei allen Phänomenen geht es im weitesten Sinne um Diskriminierung und um die Frage, wer Machtansprüche stellt und Macht erhält. Die deutlichste Form der Diskriminierung ist die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, der Sexismus. Untersuchungen dazu zeigen auch noch im zweiten Jahrtausend, dass das Thema virulent ist. Sexuelle Belästigung und anzügliche Sprüche erleben Frauen auf allen Hierarchiestufen. Auch in höheren Positionen müssen sich Frauen frauenfeindliche Kommentare gefallen lassen. Oft wird ihnen vorgeworfen, sie seien nur durch Flirten oder durch ihre sexuelle Verfügbarkeit in solche Positionen gekommen (Chambers/Steiner/Fleming 2004: 100f.). «When female journalists enter the industry sexually harassing behaviour is just one of the many ways in which they are excluded, marginalised, and in some cases become outsiders. But women do survive and indeed succeed even in the face of it» (North 2007: 93).

Ebenfalls eine Diskriminierung ist die vertikale Segregation und die Tatsache, dass Frauen in ihrer Laufbahn an die so genannte gläserne Decke stossen, eine «invisible but seemingly unbreakable barrier preventing women from breaking through to the top echelons of industry and business» (Chambers/Steiner/Fleming 2004: 83).

Das Glass-Ceiling-Phänomen ist unbestritten. Seine Persistenz – einige Forscherinnen und Forscher sprechen bereits von der Decke aus Plexiglas (also tatsächlich nicht zu brechen) – lässt sich einerseits dadurch erklären, dass die vorwiegend männlichen Machtinhaber wenig Interesse daran zeigen, diese mit anderen zu teilen. Andererseits haben von aussen gegebene Instrumente, welche die Problematik entschärfen könnten, eine schlechte Akzeptanz. Besonders Quoten werden selbst von Frauen als unnötig betrachtet. Sie haben den negativen Beigeschmack, dass eine Person irgendwie mit unlauteren Mitteln auf einen Posten gehievt wird, und stossen somit auf wenig Gegenliebe.

Werden die Forschungsresultate bezüglich vertikaler Segregation einhellig geteilt, so herrscht wenig Einigkeit bei der Frage, ob es genderspezifische Unterschiede bei der Verrichtung der journalistischen Arbeit gibt, also ob ein so genannt weiblicher Journalismus existiert. Vor allem Journalistinnen schätzen das Gendering in ihrer Arbeit unterschiedlich ein (Lünenborg 2009: 36). Gewisse Studien zeigen Gender als einflussnehmender Faktor, andere eher nicht. Letztere Studien argumentieren oft damit, dass das redaktionelle Umfeld mehr Einfluss auf die professionellen Werte haben als das Gender der Medienschaffenden (De Swert/Hooghe 2010: 81; Chambers/Steiner/Fleming 2004: 104). Andere stellen fest, dass Journalistinnen Empathie für Frauenthemen aufbringen und eher Fälle bearbeiten, in welchen Frauen involviert sind. Zudem wählen sie eher weibliche Interviewpartner aus (Carvalho/Durrer 2010: 32).

Oft wird argumentiert, dass die Nachrichtenfaktoren als ökonomische Kriterien männliche Machtpersonen favorisieren und damit eine Welt von Männern und ihren Bedürfnissen und Anliegen in den Medien dominiert. Die Stimmen der Frauen und weibliche Ansichten werden hingegen marginalisiert und liegen an der Peripherie: «History is made every day, herstory struggles to reach the back page» (Ross 2004: 68/kursiv i.O.). Als journalistischer Standard wird also ein männlicher Zentrismus angenommen, welcher so selbstverständlich daherkommt, dass Journalistinnen diesen übernehmen. Insgesamt überwiegt die Ansicht, dass Journalistinnen diese männliche (= mainstreamige) Haltung vor allem dann übernehmen, wenn sie sich gegen Männer behaupten müssen (vgl. Joseph 2004: 138). Das ist insbesondere in höheren Positionen der Fall. Frauen schreiben dann oft unbewusst die «männlich» geprägte Geschichte fort.

 

Die Situation in der Schweiz

In der Schweiz ist rund ein Drittel aller Medienschaffenden weiblichen Geschlechts (vgl. Marr/Bonfadelli 2008: 21; Carvalho/Durrer 2010: 25). Journalismus ist demnach kein Männerberuf mehr. Die Frauen haben im Journalismus die kritische Grösse erreicht. Betrachten wir allerdings die vertikale Verteilung, dann zeigt sich, dass die Ausdünnung nach oben markant ist. Chefredaktorinnen sind an einer Hand abzuzählen.

Die schweizspezifische Literatur zur Berufsfeldforschung ist spärlich und gibt nur einige Anhaltspunkte zur Situation. Frauen schauen mit kritischen Augen auf ihr eigenes Berufsfeld und monieren die bestehenden Verhältnisse in der Praxis. Die Darstellungen sind erkenntnisreich. Es sind allerdings keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern vielmehr eigens erfahrene «Fallstudien» (vgl. Egli von Matt 2004; Girsberger 2007, 2003). Bei den wissenschaftlichen Studien handelt es sich mehrheitlich um Journalisten-Enquêten, welche die empirische Evidenz über die Genderverteilung im Berufsfeld erbringen, diese allerdings nicht weiter analysieren (Marr et al. 2001, Bonfadelli/Marr 2008). Adrienne Corboud und Michael Schanne (1987) sowie Louis Bosshart (1988) widmen sich immerhin explizit den Frauen im Journalismus. Ihre Ergebnisse sind allerdings veraltet. Studentische Abschlussarbeiten neueren Datums geben Hinweise über aktuelle Probleme (vgl. Renggli 2007/2008, Borer 2005), insgesamt ist das Forschungsfeld aber lückenhaft.

 

Leitfadengespräche mit Journalistinnen in der Schweiz

Die Datenlage für die Schweiz ist dünn, und es bleiben viele Fragen offen. Wie erleben Journalistinnen ihren Alltag? Wie schätzen sie ihren Werdegang ein, ihre Möglichkeit, sich zu entfalten? Wie sehen ihre Berufsbiografien aus? Zur Beantwortung dieser relevanten Fragen wurden qualitativ angelegte Gespräche mit 23 Journalistinnen aus der Deutsch- und der Westschweiz im Alter von 25 bis 69 Jahren durchgeführt. Die Journalistinnen arbeiten oder arbeiteten in verschiedenen Medien und Positionen. Die qualitativen Leitfadengespräche fokussieren die Berufsbiografien und den Berufsalltag der Frauen. Die oben in der Forschungsübersicht skizzierten Schwerpunkte flossen in den Leitfaden ein. Die Gespräche wurden so offen geführt, dass für die Frauen die Möglichkeit bestand, auch ausserhalb des «wissenschaftlichen Korsetts» weitere Themen- und Problemfelder aufzudecken. Der Anteil von Frauen, die in leitenden Positionen arbeiten, war in der Befragung im Vergleich mit den statistischen Zahlen überproportional hoch. Es sind allerdings gerade diejenigen Frauen, die schon lange im Beruf und in verschiedenen Medien und Positionen tätig sind, welche die meisten Informationen und Erlebnisse auf sich vereinen und so besonders attraktive Gesprächspartnerinnen für die Forschung sind. Zudem ermöglichen die Journalistinnen mit langer Berufserfahrung einen Zeitvergleich über 40 Jahre zu machen.

Insgesamt zeigt sich ein sehr vielfältiges Bild von Menschen, die ihren Beruf und ihren Werdegang unterschiedlich einschätzen und wahrnehmen. Wenn auch in den Details oft individuelle Unterschiede dominieren, lassen sich oft überraschende Gemeinsamkeiten feststellen – dies auch über die Generationen hinweg. Im Folgenden werden die zentralen Ergebnisse dargestellt und einige treffende Aussagen aus den Gesprächen zitiert.

 

Werdegang der Frauen: Traumberuf versus Zufall

Auffallend ist, dass vergleichsweise viele Frauen angeben, per Zufall in den Beruf «gerutscht» zu sein. Eine geringere Anzahl der Frauen berichtet, dass sie schon als Kind Journalistinnen werden wollten und zielstrebig darauf hingearbeitet hätten. Auffallend häufig erwähnen die Journalistinnen, dass sie in ihrer Laufbahn Glück gehabt hätten. Sie seien zum rechten Zeitpunkt auf die richtigen Personen gestossen, an der richtigen Stelle gewesen, wo sich «eine Türe aufgetan hat». Eine strategische Planung wird ganz selten erwähnt.

Den Berufseinstieg als gänzlich zufällig zu bezeichnen, ist allerdings nicht korrekt. Vielmehr sind der Zeitpunkt des Einstieges und allenfalls die erste Anstellung oder das Medium etwas zufällig. Bei den meisten Frauen lassen sich nämlich deutliche inhaltlich-logische Argumente finden, die sie für den Beruf prädestinieren: Die Frauen geben an, schon immer eine Affinität zur Sprache, zum Schreiben gehabt zu haben, dass sie von der Technik des Radios fasziniert gewesen seien, dass sie ein grosses Interessensfeld und eine unstillbare Neugierde an den unterschiedlichsten Themen hätten, dass sie Debatten und das Unmittelbare, Direkte (beim Fernsehen) fasziniere. Besonders das Schreiben und die Freude am Formulieren ist vielen wichtig: «Bei mir fing alles mit dem Schreiben an. Ich habe schon immer sehr gerne sehr viel geschrieben, schon als Kind. (...) Und ich fing dann schon während der Kanti an, für eine Zeitung zu schreiben.»

Die Freude am Handwerk wird als häufigster Motivationsgrund genannt. Seltener stehen gesellschaftspolitische oder zivilgesellschaftliche Motivationsgründe für ihr Engagement als Journalistinnen im Vordergrund. Erwartungsgemäss sagen die beiden Frauen, die für feministische Zeitschriften arbeiten, dass Journalismus für sie mehr sei, als das blosse Vermitteln von Informationen. Ein persönliches Engagement sei für sie selbstverständlich und Voraussetzung für guten Meinungsjournalismus, den sie machen wollten. Ebenfalls «etwas bewirken oder zumindest Stellung zu einer Sache» nehmen wollen einige (ältere) Journalistinnen. Eine Frau erklärt sowohl ihren (Quer-) Einstieg in das Beruffeld wie auch ihre ständige Triebfeder damit, dass sie «gutes, gesellschaftskritisches Radio für Jugendliche machen [wollte]». Insgesamt kommen allerdings eher individualistische, personenbezogene Motivationsgründe zum Tragen und weniger die Idee, mit der journalistischen Arbeit etwas zu bewirken.

 

Situation am Arbeitsplatz: Veränderung über die Zeitspanne

Journalistinnen, die schon längere Zeit und auf verschiedenen Redaktionen gearbeitet haben, berichten eindrücklich, wie sich die Kultur in den Redaktionen verändert hat. Schildern sie zum Zeitpunkt ihres Einstieges (in den 70er und 80er Jahren) noch eine vorwiegend männliche Arbeitskultur, die geprägt war durch paternalistische Chefredaktoren, durch «un style un peu macho», so überwiegt die Ansicht, dass heute der Umgang in den Redaktionen sehr kollegial und egalitär sei. Keine der festangestellten Journalistinnen beklagt sich über eine frauenfeindliche Redaktion oder über Benachteiligung. Selbst die Journalistinnen, die hierarchisch unten positioniert sind, bekräftigen, dass sie ihre Anliegen und Wünsche gut einbringen könnten und sie nie das Gefühl hätten, nicht ernst genommen zu werden. Eine offene Diskriminierung oder eine genderbedingte Benachteiligung wird also nicht mehr wahrgenommen. Geschehen Ungerechtigkeiten, liegt etwa das Gefühl in der Luft, dass Frauen nicht so viel wert seien wie Männer, dann erklären sich das die Frauen mit einer spezifischen Person, «die mit Frauen nicht viel anfangen kann», und nicht mit einer generellen frauenfeindlichen Redaktionskultur. Das Thema ist aber nicht vom Tisch. Subtile, verdeckte Benachteiligung erleben die Frauen nach wie vor. Sie nimmt zu, je höher die Frauen positioniert sind. Subtile Benachteiligung kann auch bedeuten, dass am Arbeitsplatz die Verantwortlichkeiten ungleich verteilt sind: «Die Männer haben die grössere Entscheidungsgewalt, die Frauen haben für das Zwischenmenschliche zu sorgen – sie sollen ein gutes Klima schaffen, Geburtstagskarten schreiben, nett und interessiert sein», schildert etwa eine junge Journalistin die Situation in ihrer Redaktion.

Ausschlaggebend für die Atmosphäre in einer Redaktion oder in einem Gremium ist die kritische Grösse: Vieles weist darauf hin, dass die Anzahl Frauen in einer Gruppe eine grosse Rolle spielt. Frauen, die sich in einer deutlichen Minderheit befinden, beklagen sich stärker, dass ihnen das Klima nicht behage. Ältere Journalistinnen schildern solche Eindrücke aus den Redaktionen bis in die 1990er Jahre hinein. Heute erleben vor allem Frauen in Führungspositionen unbehagliche Situationen. Viele stehen dann vor dem Dilemma, ob sie sich den Begebenheiten anpassen oder aber versuchen sollen, andere Akzente zu setzen: «Et j’essayais de fonctionner le mieux possible dans un machin dont j’avais accepté qu'il fonctionnait selon des règles qui n’étaient pas les miennes. (...) Mais à un moment donné j’ai pensé: «mais merde, ils me font chier».

 

Frausein als Vorteil

Viele der Journalistinnen, die es bis in die Chefredaktion geschafft haben, schildern, dass ihr entweder das Frausein in der Karriere geholfen habe oder dass sie bis zum Erreichen dieser Position nie über ihr Gender beurteilt wurden. Das Frausein stand ihnen also nicht im Wege. Als Karrierehilfe kommt das Frausein dann zum Tragen, wenn zwingend eine Frau gebraucht wird. Eine Westschweizer Journalistin erklärt ihren Karrieresprung in die Chefredaktion damit, dass es gesellschaftspolitisch nicht mehr tragbar gewesen sei, ein reines Männergremium zu haben. Ebenfalls positiv schildert eine andere Frau ihren Werdegang: «Der Aufstieg ist einfacher, wenn man eine Frau ist – oben zu bleiben ist schwieriger, weil man eine Frau ist». Der Zusatz macht deutlich, dass, einmal oben angekommen, das Frausein plötzlich wieder zentral wird. Die Massstäbe ändern sich. Frauen an der Spitze kämpfen damit, dass sie nun plötzlich als Frau wahrgenommen und oft über das Geschlecht beurteilt werden. Wenn eine Frau etwas tut, ist es nicht das Gleiche, wie wenn es ein Mann tut: «J’ai vu des chefs qui sortaient de la salle et qui claquaient la porte etc. Et moi, j’ai tout de suite compris qu’il était impossible que je fasse une chose pareille. Si j’avais fait ça on aurait dit: Elle a ses règles, la pauvre, elle a des problèmes hormonaux.» Zudem beklagen sich fast alle Frauen in Leitungspositionen, dass ihnen der Austausch mit anderen Frauen fehle.

Ein besonders hartes Los hatten die ersten Chefredaktorinnen in ihrer Rolle als «Alibifrauen»: Als Wegbereiterinnen waren sie mit einem zuweilen offensichtlich sexistischen oder frauenfeindlichen Arbeitsklima konfrontiert. Zusätzlich sorgten sie – und das gilt heute noch – mit ihrer Anwesenheit in Führungsgremien für Unsicherheit und Turbulenzen, wenn sie sich nicht an die etablierten, männlich geprägten Rituale und Machtspiele hielten. In der Folge, so schildert eine Chefredaktorin, müssten Frauen in Führungspositionen mit entsprechenden Konsequenzen rechnen wie zum Beispiel mit fachlicher Disqualifikation oder damit, dass sie weniger zu Wort kämen.

 

«Je suis la cheffe»: Freude an Führungsaufgaben

Frauen in leitenden Positionen zeigen Freude an ihren Führungsaufgaben. Ihre Schilderungen zeigen, dass sie – mehr oder weniger bewusst – auf einen eher kollegialen, offen kommunizierenden Führungsstil Wert legen. Das hierarchische Gefälle versuchen die meisten von ihnen gering zu halten. Eine Chefredaktorin beschreibt sich als «petit rouage au milieu qui va faire tourner tous les autres». Eine andere ehemalige Chefredaktorin beschreibt, dass sie es nicht als nötig gefunden hätte, «mit der Keule zu führen». Sie habe immer gesagt, sie würde «in homöopathischen Dosen führen». Das habe sie dann auch getan, und das habe gut funktioniert.

Dieser kollegiale und weniger auf Hierarchien angelegte Führungsstil bedeutet jedoch nicht, dass es an Professionalität fehlt. Immer wieder betonen die Journalistinnen, dass es ihnen wichtig sei, die Verantwortung zu tragen, das letzte Wort zu haben, auch nach aussen deutlich als Chefin aufzutreten. «C’est moi qui décide sur quoi on fait la une, c’est moi qui décide quels sujets on ne prend pas, c’est moi qui décide comment on les traite, c’est moi qui décide quelle position éditoriale on adopte ou pas sur ce sujet. C’est génial, ça.»
 
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, Frauen seien gegenüber Machtpositionen skeptisch eingestellt und hätten Berührungsängste, schätzen die befragten Journalistinnen ihre Führungspositionen und Entscheidungskompetenzen positiv ein. Sie schildern, dass es ihnen grosse Freude bereite, die «letzte Instanz» zu sein, über die Inhalte zu entscheiden, ein Team zu leiten. Es fällt allerdings auf, dass die befragten Frauen den Begriff «Macht» tendenziell eher meiden und von «Verantwortung», «Führungsaufgaben», «Entscheidungskompetenz» sprechen. Eine Frau thematisiert Macht und die negative Konnotation des Begriffes: «Da ging es um das Thema Macht. Ich hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich es gut finde, Einfluss zu haben. Und das hat Angst gemacht.» Eine weitere Chefredaktorin geht auf das Problem ein, dass sie bei Frauen ahnt, wenn es um Macht geht. Frauen würden Macht als eine unweibliche Eigenschaft betrachten und daher oft auch Jobs ablehnen, die mit einem Machtgewinn verbunden seien. Sie bedauert das und findet: «Frauen bringen sich um eine Erfahrung, von der sie noch gar nicht ahnen, ob das vielleicht nicht auch was ganz Tolles ist. (...) Frauen haben ja häufig in der Familie Macht, ganz automatisch und unausgesprochen. (...) Man hat doch das Gefühl, dass da, wo Frauen diese Macht haben, dass da relativ Pragmatisches und Gutes passiert, dass es funktioniert.»

 

Weiblicher Journalismus

Sehr widersprüchlich sind die Ansichten der befragten Frauen zur unterschiedlichen Arbeitsweise qua Geschlecht. Damit bestätigen sie auch die eingangs zitierten unterschiedlichen Forschungsergebnisse. Eine Mehrheit äussert sich sehr dezidiert dagegen: «Das ist ein alter Hut!». Oder: «Ich glaube nicht an diese weiblichen Zugänge zur Welt oder zu Texten. Ich glaube, das ist ein Konstrukt.» Einige geben jedoch zu bedenken, dass es Unterschiede geben könne, dass diese aber nicht eine biologische, sondern eine gesellschaftliche und sozialisationsbedingte Ursache hätten: «Ich denke, es gibt einfach Unterschiede in der männlichen und weiblichen Sozialisation und dass wir konditioniert darauf sind, zuzuhören. Frauen signalisieren Einverständnis. Sie nehmen Bezug auf das, was das Gegenüber sagt. Sie hören empathischer, aktiver zu. Das ist nicht speziell im Journalismus so, sondern generell.» In Interviewsituationen könne es sein, dass eine Frau empathischere Fragen stelle. Zudem, so eine Journalistin, reagiere der Interviewpartner auf sie als weibliche Medienschaffende, und das präge das Gespräch. Ferner weisen fast alle Befragten darauf hin, dass der Arbeits-, Schreib- oder Führungsstil in erster Linie von der Persönlichkeit geprägt sei. Interessant ist die Feststellung, dass viele der befragten Journalistinnen, die sich vehement gegen die Vorstellung eines genderspezifischen Arbeitsstils stemmen, im Laufe des Gespräches auf deutliche Unterschiede zu sprechen kommen. Nicht immer reflektieren sie diese Widersprüchlichkeit.

Deutliche Unterschiede sehen die Journalistinnen, wenn es um den Führungsstil geht – sei es der eigene oder derjenige, den sie von einer anderen Person erleben. Da fällt es einerseits den Frauen leicht, den Stil der Männer zu beschreiben, andererseits auch, ihren Stil davon abzugrenzen. Besonders die Klammerung an Hierarchien und das Vorenthalten von Informationen wird von den befragten Journalistinnen als «männlich» eingestuft: «Ich finde schon, dass Männer sich nichts anmerken lassen, dicht machen, quasi Wissen anhäufen und mit niemandem teilen. Diese merkwürdigen Allüren empfinde ich als typisch männlich, ob Klischee oder nicht. Ich hingegen lege unglaublich stark alles offen, was passiert. Ich bequatsche alles mit allen. Es gibt nicht so etwas wie Hoheitswissen.»

 

Engagement der Journalistinnen

Die Frage, inwiefern sich die Frauen als «Textproduzentinnen» aber auch als Mitglied eines Arbeitsteams für Gleichstellung und Genderanliegen engagieren, zeigt deutliche Generationenunterschiede. Journalistinnen, die am eigenen Leibe Benachteiligung erlebt haben, zeigen sich gegenüber solchen Fragestellungen insgesamt sensibler. Je nach Position und Einflussbereich nehmen sie Gleichstellung ernst oder versuchen, in Bezug auf Lohn und Anstellung gleiche Bedingungen für alle Medienschaffenden zu erreichen. Wenn es darum geht, in den Medienprodukten eine adäquate Darstellung der Frauen durchzusetzen, sind die Frauen etwas zurückhaltender. «Ich finde es extrem nervig, wenn nur Männer vorkommen, aber auf der anderen Seite stört es mich auch immer, dass man jetzt einfach um jeden Preis eine Frauen nimmt. Man muss die konkrete Situation abschätzen und schauen, was sinnvoll ist.» Hier fällt auf, dass das Alter der befragten Journalistinnen keine grosse Rolle spielt. Eine Frau findet, dass ihr dies so in Fleisch und Blut übergegangen sei, dass sie gar nicht anders könne. Sie überlege sich auch immer ganz genau, wie sie eine Person portraitieren soll, um möglichst Klischees zu vermeiden. «Wenn jemand die Frisur und die adrette Kleidung einer Politikerin als Texteinstieg wählt, dann geht quasi der Alarm los.» Auffallend oft weisen die Frauen darauf hin, dass es nicht nur um die Frauen gehe, sondern auch um andere verzerrte oder stereotype Darstellungen, die es zu vermeiden gelte, sei es zum Beispiel die überproportionale Berücksichtigung von gutverdienenden erfolgreichen Berufsleuten – oder aber auch von Männern: «Vor allem im Boulevard wird mit Klischees gearbeitet. Wenn ich einen Türsteher mit seinem Goldketteli und seinem kalten Blick beschreibe, bin ich schnell in einem Klischee. Ich versuche das bewusst zu durchbrechen und den Menschen darin zu finden.»

Die jüngeren Journalistinnen zeichnen sich entweder dadurch aus, dass sie durch ihr Studium oder aber durch ihre sensibilisierten Eltern (vor allem Mütter) mit der Genderdebatte und Gleichstellungsthematik sehr gut vertraut sind. Da sie allerdings in ihrem Berufsalltag auf keine offensichtlichen Diskriminierungen stossen, ist ihnen ein aktives Engagement nicht prioritär. Eine 25-jährige Journalistin, die als Kind schon von ihrer Mutter «jedes Jahr am 8. März mitgeschleppt wurde» und den Gleichheitsaspekt als ganz zentral erachtet, warnt vor der Kontraproduktivität, das «zu sehr an die grosse Glocke zu hängen». Sie selber erlebt bei ihren männlichen Kollegen, dass diese säuerlich darauf reagieren würden, weil «das Thema denen aus dem Hals raus hängt». Eine Westschweizer Journalistin beschreibt Ähnliches. Sie achtet darauf, nicht das Etikett der Feministin zu erhalten, welches sich in dem Milieu «assez macho» negativ auswirken würde.

Zugleich lässt sich feststellen, dass die Jahre, in denen aktiv für gleiche Rechte, für bessere Arbeitsbedingungen für Frauen mit Familie, für bessere Aufstiegsmöglichkeiten etc. gekämpft wurde, vorbei sind. Waren in vielen Medienbetrieben in den 1990er Jahren sowohl von unten (Journalistinnen tun sich zusammen) wie auch von oben (Leitbilder, evt. Quotenregelung) Gleichstellungsstrategien angegangen und auch umgesetzt worden, will sich heute niemand mehr so richtig dafür einsetzen. Journalistinnen, die sich in jener Zeit für die Gleichstellung exponierten, haben genug. «Ehrlich, wir mögen nicht mehr!», sagt eine dieser Journalistinnen und eine andere findet, dass «die Virulenz nicht mehr vorhanden» sei und meint damit nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in ihrem persönlichen Leben.

 

Förderungen und Diskriminierungen

Die Frage, ob die Journalistinnen in ihrem Berufsleben Förderungen oder Diskriminierungen erlebt hätten, wird eindeutig zugunsten der Förderung beantwortet. Die meisten Frauen wurden von ihren Vorgesetzten gefördert. Dass es etwas öfters die Männer sind, die die Journalistinnen gefördert haben, liegt in der Tatsache begründet, dass mehr Männer in Positionen sind, die fördern können. Zudem lässt sich feststellen, dass die Frauen – vor allem die jüngeren – sich nicht als diskriminiert betrachtet sehen wollen. Förderung wird in den meisten Fällen als etwas Personenabhängiges geschildert. Es ist eine Chefin, ein Chef, welche(r) mit der Förderung in Verbindung gebracht wird. Dass Frauen unter den gegebenen Umständen möglicherweise systembedingt mehr oder eine andere Förderung brauchen, wird nicht erwähnt. Förderung wird also eher als individueller Akt verstanden zwischen einer Person, die dazu befugt ist, und einer Person, die es verdient, gefördert zu werden.

Die Aussagen zeigen zudem, dass die befragten Frauen Förderung als eine Strategie von oben betrachten. Selbstförderung, Empowerment oder ein Art «Peer-Förderung» werden nicht erwähnt. Immerhin finden zwei jüngere Journalistinnen, dass sie selber für ihren Werdegang verantwortlich seien, und dass man sich selber bemühen und «die Gelegenheit ergreifen [muss], wenn sich eine Türe öffnet».

Kommen die Frauen auf Situationen zu sprechen, welche sie als hindernd empfanden, suchen sie sehr oft die Gründe dafür in den Strukturen oder im Umfeld. Als Person wollen sie – wenn immer möglich – nicht davon betroffen sein. Die Ausnahme ist eine Journalistin, die nota bene aus dem Journalismus ausgestiegen ist. Sie schildert, dass sie als unbequeme Frau («Ich war struppig, ich war kämpferisch.») immer wieder zurückgebunden wurde. Obwohl sie ihre gescheiterte Karriere auch nicht ausschliesslich als eine Gendersache betrachten will, kommt sie zum Fazit, dass ihr Geschlecht eine Rolle gespielt habe: «Wenn ich das Gleiche täte und sagte, was ich tue oder sage, aber ich wäre ein Mann, wäre ich ganz sicher weitergekommen. [...] Ich war ein Waisenkind bezüglich Struppigkeit und Streitbarkeit im Vergleich zu einigen männlichen Kollegen. Also nicht 10%. Aber das hat genügt bei einer Frau!»

Einige Journalistinnen schildern so genannte Karriereknicks, die ihren beruflichen Fortgang unterschiedlich stark beeinflussten. Sind diese Rückschläge vertikal angelegt (Nichterreichen einer höheren Stufe in der Karriere), so relativieren dies die meisten Frauen im Gespräch. Ob sie in einer höheren Position, die mit viel Administration und Sitzungen verbunden gewesen wäre, auch tatsächlich glücklich geworden wären, sei nicht so sicher: «Es ist ja immer die Frage, wie toll das dann gewesen wäre in einer Chef-Position.» Schliesslich läge ihnen etwas an der journalistischen Arbeit, am Recherchieren, Schreiben, Formulieren, an der Arbeit im Feld.

 

Gut vernetzt, aber wenig strategisch

Die meisten der befragten Frauen verfügen über ein gutes und grosses Netzwerk und pflegen es in zumeist freundschaftlicher Weise. Eine nun pensionierte Journalistin schildert, wie sie schon sehr früh gute Kontakte hatte und diese ihr bei Stellenwechseln dienlich waren. Zusammen mit zwei anderen Frauen, die Kontakte strategisch pflegen, ist sie aber die Ausnahme. Die Mehrheit der befragten Frauen nutzen ihre Kontakte selten für berufliche Zwecke, reflektieren sogar dieses Manko, das gemäss einer Chefredaktorin «ein ganz, ganz grosser Pferdefuss der Frauen» sei. Im Gegensatz zu Männern, meint eine ehemalige Chefredaktorin, die sich immer um Netzwerke bemüht hat, hätten Frauen gute Netzwerke, jedoch keine Seilschaften: «Frauen haben schon ein Netzwerk, aber sie haben nicht diese Seilschaften, sie funktionieren anders. Männer haben Seilschaften. Männer halten sich untereinander Jobs zu und sie tun einander nicht weh. Denn man weiss ja nicht, wann es einem wieder einmal nützen könnte!»

 

Resümee

Die Gespräche mit den 23 Journalistinnen geben ein vielfältiges Bild von verschiedenen Berufsbiografien. Insgesamt zeigen die Aussagen der Journalistinnen zu vielen Punkten, die bereits in der Literatur und in Untersuchungen in anderen Ländern beschrieben wurden, ähnliche und ergänzende Tendenzen. Insbesondere im Bereich, wie Frauen in Führungspositionen den Alltag erleben und wie sie sich in einer männerdominierten Welt zurechtfinden, bestätigen die hier befragten Frauen viele wissenschaftliche Befunde. Auch das Problem der Alibi- oder Quotenfrau kam oft zur Sprache. Die Journalistinnen schildern, wie sie vor 30 oder 40 Jahren in eine Männerbastion einbrachen oder wie sie versuchten, analog zu ihren männlichen Kollegen, in ihrer Laufbahn vorwärts zu kommen und auf welche Hindernisse sie dabei stiessen. Die kontrovers eingeschätzte Frage, ob es einen weiblichen Journalismus gibt, haben auch die hier befragten Journalistinnen widersprüchlich beantwortet und bestätigen damit die bisherige Forschung. Insgesamt offenbaren die Gespräche eine deutliche Verbesserung der Situation der Frauen im Berufsfeld Journalismus in den letzten zehn bis 15 Jahren. Offene Diskriminierung ist selten geworden. Zudem zeigen sich die befragten Frauen selbstsicher und nicht abgeneigt, auch Positionen mit Macht- und Entscheidungskompetenzen anzustreben. Andererseits erwähnen die Journalistinnen, dass sie nach wie vor Benachteiligung erleben, diese aber verdeckt und subtil stattfindet und weniger greif- oder formulierbar ist. Umso schwieriger ist es, konkret dagegen anzukämpfen.

Eine weitere Erkenntnis der Gespräche ist die zurückhaltende Positionierung der Journalistinnen in Bezug auf ihr gesellschaftspolitisches oder feministisches Engagement. Insbesondere die jüngere Generation äussert sich vorsichtig diesbezüglich und gibt zu bedenken, dass eine kritische feministische Haltung möglicherweise im gegebenen Umfeld nicht sehr förderlich sei. Speziell die Berufsbiografie einer Journalistin zeigt, dass ein Engagement für Gleichstellung tatsächlich zur Abstrafung und zum Karrierestopp führen kann. Auch dieser Befund korrespondiert mit den bereits existierenden Forschungsergebnissen: «The majority of female interviewees, young and older, consequently are inclined to downplay any feminist positions» (North 2009: 755).

An dieser Stelle soll auf zwei theoretische bzw. methodische Probleme hingewiesen werden: Einige der Fragen basierten auf der (impliziten) Annahme, dass eventuell Unterschiede zwischen Frau und Mann bestehen, wie zum Beispiel die Frage nach einem genderspezifischen Journalismus oder die Frage, wie Frauen leiten. Damit wird eine dichotome Gedankenwelt (männlich versus weiblich) angenommen, die möglicherweise so nicht existiert oder zumindest für die Interviewpartnerinnen nicht von grosser Bedeutung ist. Die Gefahr, dass mit solchen Fragen gängige, stereotype Vorstellungen bedient werden, darf nicht unterschätzt werden. Die übliche Einteilung in Frau versus Mann respektive weiblich versus männlich kann zum Stolperstein werden. Sie ist jedoch gleichzeitig eine Kategorieneinteilung, die wir uns gewohnt sind und uns ermächtigt, systematisch einen Blick auf ein Forschungsfeld – hier das Berufsfeld Journalismus – zu werfen.

Schliesslich haben die Gespräche gewisse Schwierigkeiten und Grenzen offenbart, die qualitativ angelegte Methoden mit sich bringen. Die Aussagen der Journalistinnen sind die Grundlage der Interpretationen. Die Aussagen entsprechen somit einer bestimmten Realität, nämlich derjenigen der von den Journalistinnen empfundenen. Da aber viele der von ihnen geschilderten Begebenheiten zurückliegen, hat die Realität oft die Qualität einer Erinnerung. Zudem kann die Realität, wie sie in den Gesprächen formuliert wurde, auch eine Wunsch-Realität der Gesprächspartnerinnen sein. So betrachtet erscheinen hier möglicherweise verschiedene Wahrnehmungen von Realität, welche mir jedoch in den Gesprächen als eine einzige präsentiert wurde. Die Gesprächsparterinnen sind sich von Berufes wegen gewohnt, zu formulieren, zu reflektieren und zuweilen auch bestimmte Fokusse zu setzen. Diese Tatsache muss bei der Auswertung der Gesprächsprotokolle berücksichtigt werden, ohne jedoch ins Spekulative zu geraten. Vor diesem Hintergrund und vorsichtig formuliert, stelle ich zum Beispiel fest, dass viele der befragten Frauen Rückschläge in der Berufsbiografie tendenziell bagatellisieren oder sogar etwas Positives daraus gewinnen können. Zudem wird sehr deutlich, dass je nach Fragestellung auf unterschiedliche Referenzrahmen Bezug genommen wird. Geht es um die Förderung, so wird vorzugsweise individuell argumentiert: Die Förderung ist etwas Persönliches. Geht es um Hinderung, dann sehen die Frauen die Ursache dafür eher im System, in den Umständen, im Umfeld. Persönlich wollen sie nicht involviert sein. Sie wollen nicht Opfer sein – weder als Individuum und noch weniger als Frau. Ohne den Frauen den Vorwurf machen zu wollen, ihre eigene Berufsbiografie zu kitten, sollten gewisse Aussagen vorsichtig interpretiert werden, weil sie möglicherweise eine der eigenen Konsonanz verpflichtenden Realität der Befragten entsprechen. Die nach eigener Einschätzung hohe Berufszufriedenheit gründet allenfalls auch darin, dass die Journalistinnen besser mit einem für sie als erfolgreich deklarierten beruflichen Werdegang umgehen können. Auch das ist eine Erkenntnis.

 

Dr. Martina Leonarz studierte Publizistik, Filmwissenschaft und Populäre Kulturen an der Universität Zürich. Heute ist sie Dozentin am IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Gender und Medien, Risikokommunikation und Medieninhalte. Aktuell arbeitet sie an einem Projekt zur gender­spezifischen Medienforschung in der Schweiz, u.a. zum Gleichstellungsdiskurs in den Medien.

 

Zur Forschungsanlage:

Die Ergebnisse basieren auf insgesamt 23 Leitfadengesprächen, die im Jahre 2009 durchgeführt wurden. Die Gespräche dauerten im Durchschnitt 70 Minuten und wurden auf einen Tonträger aufgenommen und anschliessend transkribiert. Die Gespräche richteten sich nach einem offen gestalteten Leitfaden, welcher folgende Punkte thematisierte: aktuelle Berufssituation, Einstieg in den Journalismus und Werdegang, Wahrnehmung der Redaktionskultur, Führungsstil und Frauen an der Spitze, Verhältnis zur Macht, weiblicher Journalismus, sozial- und genderpolitisches Engagement, erlebte Förderung und Diskriminierung, familiärer Hintergrund. Die interviewten Frauen setzten sich wie folgt zusammen: 17 Frauen stammen aus der Deutschschweiz, sechs aus der Westschweiz. Die jüngste Journalistin war 25 Jahre alt, die älteste 69. Viele der befragten Frauen haben in ihrer Laufbahn in verschiedenen Medien gearbeitet. Zum Zeitpunkt der Interviews präsentiert sich die Verteilung folgendermassen (eingeteilt nach Hauptberufsfeld): Elf Frauen arbeiten in Printmedien, davon vier bei traditionellen Tageszeitungen, eine bei einer Gratiszeitung und eine bei einer Wochenzeitung. Fünf Journalistinnen arbeiten bei Zeitschriften, davon zwei bei feministischen Zeitschriften, bei der Fraz (inzwischen eingestellt) und bei L’Emilie. Fünf Frauen arbeiten beim Radio und drei Frauen beim Fernsehen. Zwei Frauen sind pensioniert und eine weitere Frau arbeitet als selbständig Erwerbende noch partiell im Journalismus und hat sich daneben weitere Standbeine aufgebaut (Weiterbildung, Moderation). Eine weitere Journalistin arbeitet als Freie für verschiedene Medien.

 

Literatur:

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Chambers, Deborah/ Steiner, Linda/ Fleming, Carole (2004): Women and Journalism. London, New York.

Corboud, Adrienne/ Schanne, Michael (1987): Sehr gebildet und ein bisschen diskriminiert. Empirische Evidenzen zu «weiblichen Gegenstrategien» und individuellen Erfolgen schweizerischer Journalistinnen. In: Publizistik, Jg. 32, H. 3/1987, S. 294–304.

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Djerf-Pierre, Monika (2007): The Gender of Journalism. The Structure and Logic of the Field in the Twentieth Century. In: Nordicom Review. Jubilee Issue 2007. pp. 81–104.

Egli von Matt, Silvia (2004): Frauen im Journalismus. In: FLASHextra. S. 52–53.

Girsberger, Esther (2007): Mangelware Chefin. In: message, H. 4/2007. S. 16–17.

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Joseph, Ammu (2004): Working, Watching, and Waiting: Women and Issues of Access, Employment, and Decision-Making in the Media in India. In: Ross, Karen/Byerly, Carolyne M. (eds.): Women and Media. International Perspectives. Malden MA. pp. 132–156.

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Lünenborg, Margreth (2009): Geschlechterordnungen und Strukturen des Journalismus im Wandel. In: Lünenborg, Margreth (Hrsg.): Politik auf dem Boulevard? Die Neuordnung der Geschlechter in der Politik der Mediengesellschaft. Bielefeld. S. 22–43.

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North, Louise (2009): Rejecting the ‘F-word’. How ‘Feminism’ and ‘Feminists’ are Understood in the Newsroom. In: Journalism, Vol. 10, No. 6/2009, pp. 739–757.

North, Louise (2007): Newsroom Discourses of Sexually Harassing Behaviour. In: Feminist Media Studies, Vol. 7, 1/2007, pp. 81–96.

Renggli, Andrea (2007): Frauen im Journalismus. Eine Befragung deutsch- und französischsprachiger Journalistinnen in der Schweiz. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Departement Gesellschaftswissenschaft, Fachbereich Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Fribourg.

Renggli, Andrea (2008): Einstellung und Realität von Journalistinnen. Neue Ergebnisse der Berufsfeldforschung. In: Medienheft, 28. Juli 2008:
http://www.medienheft.ch/uploads/media/k08_RenggliAndrea_01.pdf

Ross, Karen (2004): Women Framed: The Gendered Turn in Mediated Politics. In: Ross, Karen/Byerly, Carolyn M. (eds.): Women and Media. International Perspectives. pp. 60–80.


 
 

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