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10.10.2010
00:00 Von: Kramp, Leif

Das Netz verstehen

Medienwissenschaft und Medienpraxis liefern zwei Kompaktdarstellungen zum Internet. Während Joan Kristin Bleicher das Phänomen Internet aus Sicht der Kommunikationswissenschaft beleuchtet, gibt die Journalistin Nea Matzen ihre digitalen Erfahrungen als Orientierung für Medienschaffende preis.


Von Leif Kramp

In allererster Linie, antwortete Jerry Yang im Jahre 1998 auf die Frage eines Lesers des «Time»-Magazine, zeichne das Internet aus, dass es das erste und einzige wirklich interaktive Medium sei – und genau darauf müsse man achten, wenn man beruflich mit digitalen Inhalten, Dienstleistungen und Kommunikationsangeboten umzugehen habe: «We web folks try to take advantage of that interactivity», brachte der Mitbegründer des Internetkonzerns Yahoo! die Formel seines Milliardenerfolgs auf den Punkt. (1) Bevor sich der heute geläufige Begriff des Social Web durchsetzen konnte, arbeiteten zahlreiche Pioniere wie Dave Winer, Mark Zuckerberg oder Tim O’Reilly auf je unterschiedliche Weise an der Entwicklung einer in der Geschichte beispiellosen Mediengenese: Winer legte einen der wichtigsten Grundsteine des Bloggings, dem heute führenden publizistischen Darstellungsprinzip nutzergenerierter Inhalte, Zuckerberg revolutionierte mit Facebook die Kultur der sozialen Vernetzung, und O’Reilly gab dem Trend einen Namen: Web 2.0.

Spätestens seit der Millenniumswende haben sich etliche Bücher aus einer Wissenschafts- oder Ratgeberperspektive oder auch in Form populärer Sachtitel mit Internet-Phänomenen wie Graswurzelbewegungen, Social Networks oder genuinen Web-Ereig­nissen beschäftigt. So sehr und nachhaltig die Medien- und speziell die Nachrichtenbranche das Internet für sich entdeckt hat, so hoch ist auch der Bedarf an möglichst kompaktem und aneignungsfähigem Einstiegs- und Grundlagenwissen für Nachwuchskräfte und Angestellte, denen das weltumspannende Netz bisher fremd geblieben ist. Zwei Hamburger Medienexpertinnen haben nun jeweils unabhängig voneinander und von unterschiedlichen Warten aus den Versuch unternommen, das Internet unter den Vorzeichen seiner interaktiven wie dynamischen Potenziale in der Medienevolution zu ergründen und in verständlichen Lehrbüchern den virtuellen Orbit sowie seine Anforderungen beispielsweise für Journalisten auf der Höhe der Zeit zu erklären.

 

Ausweglos oder bereichernd?

Dass das Internet, wie es heutzutage mit nahezu sämtlichen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens verbunden ist und sich als neues Super-Medium, alternative Lebensumgebung und soziokulturelle Prägeinstanz andient, viele Erfinder, Architekten und Impulsgeber hatte, ist primär auf seine interaktiven und egalitären Grundprinzipien zurückzuführen – aber auch auf seine Wandelbarkeit. Eben diese macht es umso schwerer, die unzähligen Facetten und Ebenen des Netzes zu systematisieren, sie analytisch festzuhalten, um möglichst verlässlich allgemeine Mechanismen, Problemfelder, gar Gesetzmäßigkeiten zu identifizieren und nicht nur eine vage Momentaufnahme zu erstellen. Während Joan Kristin Bleicher, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Hamburg, mit ihrem wissenschaftlichen Überblicksband «Internet» den Anspruch verfolgt, (vornehmlich) einer studentischen Fachklientel konzise und knapp auf 100 Seiten Grundlagenwissen zu den wesentlichen Bereichen der Internetforschung zu vermitteln, nähert sich Nea Matzen, Redakteurin bei tagesschau.de und Medientrainerin, dem Netz vor dem Hintergrund der journalistischen Praxis. Matzens mit 156 Seiten etwas umfänglicher wirkender, aber auch typographisch großzügiger gestalteter Ratgeber «Onlinejournalismus» richtet sich hauptsächlich an Berufseinsteiger, auf deren Schultern schon aufgrund ihrer Sozialisation durch das Internet die hohen Erwartungen der Arbeitgeber lasten. Schließlich sind sie – anders als ihre älteren, vermeintlich erfahreneren Kollegen – als «Digital Natives» mit dem Internet aufgewachsen und sollten keine Schwierigkeiten haben, die Möglichkeiten des Onlinejournalismus in Gestalt innovativer Ausdrucksformen und Interaktionsvarianten zu kennen, zu bespielen und bestenfalls zu monetarisieren.

Was das Netz ist, was es kann und welche Risiken es birgt, vermag (und will) keiner der beiden Bände erschöpfend klären. Beide Autorinnen haben ihren Darstellungen eine kurze Einleitung vorangestellt, in welchen sie gewissermaßen die Ausweglosigkeit ihrer Bemühungen preisgeben, verbindliche Aussagen zu treffen: Bleicher schreibt unter der Frage «Warum Internet?» (S. 7) von der Flüchtigkeit des Mediums, der Dynamik seiner Veränderung und den rasanten Alterungsraten der damit zusammenhängenden Forschungsergebnisse. Jedoch genau aus diesen Gründen unternimmt Bleicher die Anstrengung, sich unter medien- und kommunikationswissenschaftlichem Antrieb mittels einer Gesamtdarstellung dem ökonomischen, psychosozialen und realgesellschaftlichen (Macht-) Faktor Internet zu nähern und ihn in die massenmediale Evolution einzuordnen. Matzen plädiert aus einer ähnlichen Motivation heraus für das Festhalten an den professionellen Werten des Qualitätsjournalismus und begegnet dem Potpourri an Herausforderungen mit erfrischendem Positivismus:

«Dieses Buch geht davon aus, dass das solide Handwerkszeug aus den klassischen Medien Fernsehen, Radio, Print genutzt werden kann und sollte – ergänzt um die technischen und gestalterischen Möglichkeiten des Onlinejournalismus. Multimedialität, Interaktivität und Hypertext erweitern den Fundus, aus dem kreative Journalisten schöpfen können. Einige neue Begriffe müssen gelernt werden [… ], aber das ist nicht schwieriger als in der Zeit vor dem Internet. Freude an neuem Wissen und Spaß an Innovationen sind gute Begleiter für die aktiven Medienschaffenden, die Gestalter einer neuen Form des Qualitätsjournalismus.» (S. 8)

Gleich zu Beginn wird deutlich: Beide Autorinnen folgen der didaktischen Weisheit, dass der Anschluss an bekannte Leit- und Vorbilder und ihre Gegenüberstellung zum besseren Verstehen neuer Entwicklungen beiträgt: Sie orientieren sich bei der Einordnung und Diskussion ihres Themas am Primat der Massenmedien und lösen das Internet zugunsten der Verständlichkeit auch historisch nicht aus dem Kontinuum der gewachsenen Begrifflichkeiten und Ordnungsmodelle der Presse- und Rundfunk-Tradition. Die anhaltende Erfolgsgeschichte des Internets durch die Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen Sender und Empfänger erfordert ein Umdenken, ohne aber die Grundfesten und Grundsätze der Medien- und Informationsgesellschaft zu vergessen. Die Entscheidung in beiden Fällen für klare wie umfassende Titel weist auf den Anspruch einer wenigstens überblicksartigen Auseinandersetzung mit sämtlichen Kernfacetten des gewählten Themas hin.

 

Das Internet auf 100 Seiten

Joan Bleicher wendet sich der Meta-Ebene und Grundlagenforschung der Internet-Entwicklung zu und seziert sowohl die technischen Voraussetzungen und Funktionsweisen als auch die übergeordneten Rahmenbedingungen, Strukturen und Angebotsformen sowie die sozialen und kulturellen Dimensionen im Hinblick auf Nutzung und Wirkung des Netzes. Das von ihr skizzierte Profil des Internets beginnt bei seinem hybriden, sämtliche Medienformen in sich vereinigenden und kombinierenden Charakter und endet konsequent mit den medienethischen Problemfragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die nach neuen Lösungsoptionen und insbesondere gesellschaftlichen Konsensen im Umgang mit den Möglichkeiten des Netzes verlangen. Bleichers Einführung in die technischen und ökonomischen Grundlagen zielt auf die zentrale Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation und ihrem Zusammenspiel sowie den Wandel der gesellschaftlichen Selbstverständigung von der so genannten Push- zur Pullkommunikation. Damit deutet sie bereits die Aufsplitterung der allgemeinen Öffentlichkeit in eine unbestimmte Zahl von Teilöffentlichkeiten und die einhergehenden Umwälzungen innerhalb des Mediensystems an.

In einem zweiten Schritt geht Bleicher auf die historischen Entwicklungsstadien des Internets ein: Sie identifiziert vier Stufen (Konzeption, Erprobung, Durchsetzung, Etablierung), an die sich die Ausformung eines globalen interaktiven Kommunikationsraums, des Social Webs, angeschlossen habe, der das Netz heutzutage maßgeblich charakterisiere. Hier ist der trainierte Blick Bleichers für bedeutende Marksteine der Mediengeschichte zu erkennen, den sie unter anderem schon Anfang der 1990er Jahre eindrucksvoll bei der Erarbeitung einer Programmchronik des deutschen Fernsehens unter Beweis gestellt hat. Im Anhang des Bandes findet sich dementsprechend noch eine Zeittafel, welche sich von der ersten Vorstellung eines Modells zur elektronischen Datenspeicherung und -vermittlung im Jahre 1945 über die vielen kleinen Schritte zur Konstruktion des Internets in den 1970er und 80er Jahren bis zur Bekanntgabe des 400-millionsten Nutzers bei Facebook erstreckt.

Es schließt sich eine Diskussion ästhetischer und designbezogener Aspekte an, wobei die Autorin sich hier gemäß der Hybridisierungsthese auf die Integration und Kombination bestehender Formen konzentriert und sich dabei hauptsächlich auf die Remedia­tion-Theorie der Medienforscher Jay David Bolter und Richard Grusin (2) bezieht. Die Herausbildung eines eigenen Webdesigns wird unter dem Diktum der Nutzerorientierung erklärt: Seitenstruktur, Gestaltungselemente, Sound, auch Werbung entwickelten sich schrittweise nach den Kriterien einer verbesserten Usability, bilden verstärkt eine ästhetische Einheit und erfahren eine permanente Rekonfiguration, zum Beispiel unter Gesichtspunkten der mobilen Nutzungserweiterung.

Unter dem Gliederungspunkt «Ordnungsmodelle» schildert die Autorin die vielgestaltigen Versuche, dem kommunikativen Chaos des Netzes Herr zu werden, indem bei etablierten medialen Ordnungsmustern nach passenden Navigations- oder Steuerungsmodellen gesucht wurde. Zur Sprache kommen die einflussreichen Medientheoretiker Gilles Deleuze und Marshall McLuhan mit ihren Metaphern eines elektronischen Rhizoms oder globalen Gehirns, die in den technischen Instrumenten eine Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung verstanden. Bleicher verweist auch kurz auf die Lesarten des Netzwerks als Archiv oder metaphorisches Gedächtnis. Im Vordergrund steht jedoch die Unterscheidung zwischen übergreifenden Raummodellen (Cyberspace, Portal, Plattform) und untergeordneten Teil-Räumen für Kommunikation, Interaktion, Konsum, Simulation oder Spiele, deren Grenzen untereinander zunehmend verwischen und zu parallelen Lebensräumen werden können. Des Weiteren wendet sich Bleicher Link-Strukturen (Hypertext) und den Orientierungsdiensten von Suchmaschinen zu, deren grundlegende Bedeutung für die Ordnungsstruktur des Internets klar umrissen und ansatzweise in der Dominanz algorithmischer Codes beim Auffinden von Inhalten problematisiert wird:

«Die Ergebnisse von Suchmaschinen sind problematisch, weil die Suchkriterien häufig ebenso unklar bleiben wie die genauen Anforderungen an die Formulierung der Suche. War das Problem in der riesigen Universalbibliothek des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges noch der Archivar, der den Zugriff auf die Information verweigerte, so sind es nun die Begrenztheiten der Internetkataloge und der elektronischen Suchmaschinen, die eine zielgerichtete Suche nach Informationen erschweren. User können nicht überblicken, welche für sie relevanten Informationen nicht von der Suchmaschine ermittelt werden.» (S. 54)

Die wachsende Autonomie von automatisierten Ordnungsmechanismen (Stichwort: Semantic Web) bleibt jedoch eine Randnotiz und hätte eingehender thematisiert werden können, um noch deutlicher die signifikanten Veränderungen der Nutzersteuerung hervorzuheben.

Bei der folgenden Diskussion von Angebotsformen und Inhalten des Internets geht die Autorin auf das Zusammenspiel von Massen- und Individualkommunikation ein, konzentriert sich dabei aber auf das Nebeneinander statt auf die Synergien, also zum Beispiel auf die Betrachtung von neuartigen Kooperationsmodellen zwischen Journalisten und Nutzern (Stichwort: Crowd-Sourcing). Dem Onlinejournalismus und seinen Spezifika widmet Bleicher drei Seiten und behandelt vorrangig den Bedeutungsverlust der Filterfunktion des Journalisten durch das Aufkommen der Many-to-Many-Kommuni­kation. Es folgt eine Reihe weiterer Angebotsformen wie Weblogs, Onlinefilme, Onlinespiele, Onlinewerbung, virtuelle Kunstgattungen und Kommunikationsformate wie Chat, Foren, E-Mail und Vergemeinschaftungsarten, darunter allen voran soziale Netzwerke. Aufschlussreich sind dabei besonders die Ausführungen zur Sprache der Internetkommunikation, die bereits erste Hinweise auf den besonderen Reiz und die Wirkung solcher Angebote geben.

Konkret beschäftigt sich das letzte Kapitel des Bandes mit der Nutzung und Wirkung des Netzes. Hier werden die Kernprobleme der zersplitterten Öffentlichkeit und ihre Bedeutung für Politik, Alltag und das Mediensystem aufgegriffen. Bleicher nennt an dieser Stelle ebenso Potenziale wie Probleme, die für Individuum und Gesellschaft mit der zunehmenden Mediatisierung und Digitalisierung vieler Lebensbereiche einhergehen (u.a. Digital Divide und Identitätskonstruktion). Zwar relativiert sie zum Teil die Ängste und Verdachtsmomente gegenüber der Technologie, die nicht erst mit dem Internet aufgekommen seien, sondern in der Kultur- und Mediengeschichte immer einen festen Platz gehabt hätten. Gleichwohl sei eine Potenzierung der Konflikt- und Gefährdungspotenziale im Vergleich zu den klassischen Medien festzustellen wie unter anderem in den Bereichen Wirtschaftskriminalität und Terrorismus. So gewährt die Darstellung auf Basis einer gründlichen Auswertung theoretischer Literatur einen Überblick über die wesentlichsten Forschungsgebiete zum Internet. Aktuelle Streitfragen der digitalen «Wissensgesellschaft» rund um die informationelle Selbstbestimmung, Datenschutz und die mit der Zersplitterung der Öffentlichkeit verbundenen Verlustängste einer gemeinsamen Verständigungsbasis werden indes nur angerissen.

 

Journalismus im Netz besonders machen

In Cornelia Matzens Praxisführer «Onlinejournalismus» ist die hegemoniale Funktion des Journalismus als Informationsvermittler eine Grundannahme, die nicht weiter hinterfragt wird – was sich zum Beispiel durch die sich verschiebenden Kräfteverhältnisse zwischen Produzenten und Nutzern (Stichwort: «Prosumer») angeboten hätte. Nichtsdestotrotz geht die Autorin auf die gestiegenen multimedialen Anforderungen an Nachwuchskräfte ein. So ziert die Einleitung des Buches eine beispielhafte Stellenanzeige des Bayerischen Rundfunks, der einen freien Mitarbeiter für sein Online-Portal sucht und neben obligatorischer Zuverlässigkeit, Flexibilität und hervorragender Allgemeinbildung einen «routinierten Umgang mit non-linearen A/V» und Erfahrungen als Videojournalist, kurz: VJ, erwartet. Wird an dieser Stelle bereits die erforderliche Versiertheit junger Berichterstatter im Umgang mit multimedialen Produktionstechniken betont, verzichtet Matzen darauf, ihre Ausführungen und Ratschläge auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu gründen.

Sie verlässt sich lieber auf Best-Practice-Modelle und greift Erkenntnisse der Forschung nur dort auf, wo es der Plausibilität und Veranschaulichung dienlich ist wie im Fall der Mediennutzung (u.a. Readerscan, Eyetracking), wobei Matzen die Validität der Aussagekraft solcher Untersuchungen insbesondere im Fall der Eyetracking-Methode mit spürbarer Zurückhaltung betrachtet. Außer Acht gelassen wird dabei jedoch die psychologisch nicht zu unterschätzende Wirkung der exakten Messbarkeit der Mediennutzung auf den Journalisten, der in der Online-Umgebung damit zurechtkommen muss, dass seine Beiträge womöglich von weniger Nutzern als erwartet rezipiert werden. Matzen konzentriert sich stärker auf konstruktive Fragen, zum Beispiel, wie im dichten Konkurrenzfeld des Internets die Aufmerksamkeit und das Interesse der Nutzer für Qualitätsjournalismus geweckt werden können. Und wie sollte ein Journalist darauf reagieren, dass Nutzer Medieninhalte online langsamer rezipieren, dafür aber oberflächlicher und zu gänzlich anderen Zeiten als im Falle der Zeitung oder des Fernsehens?

Zunächst werden Alleinstellungsmerkmale beschrieben, die den Onlinejournalismus von etablierten Berichterstattungsformen in den klassischen Distributionskanälen unterscheidet. Hierbei lässt die Autorin keinen Zweifel daran, dass es sich ob der Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und dementsprechend zahlreichen Herausforderungen für den Journalisten um die neue Königsklasse des Berufsfeldes handelt. Matzens Anleitung ist daher auch keine sprichwörtliche Bleiwüste, sondern das Schriftbild wird durch graphische Elemente aufgelockert: Regelmäßig wird der ohnehin an Aufzählungen und Übersichten reiche Fließtext von Abbildungen und Informationskästen mit Definitionen, Merksätzen, Praxisempfehlungen, Literaturtipps, Beispielen und Orientierungshilfen wie Checklisten unterbrochen. Eben darin liegt die Stärke der erfahrenen Nachrichtenredakteurin: Matzen kennt sich aus im Fachjargon voller Anglizismen, erklärt redaktionelle Alltagsbegriffe von App (Applications) über dpi (dots per inch) und RSS (Really Simple Syndication) bis Tags (Schlagwörter) und gibt sich und ihren Lesern mitunter auch etwas mehr Zeit und Raum, um wichtige Kerntermini wie Crossmedia zu erläutern.

Bevor sich Matzen in zwei längeren Kapitelblöcken eingehender mit dem online-affinen Texten und verschiedenen Darstellungsformen befasst, geht sie auf die Arbeit von Online-Redaktionen ein. Hier werden grob die allgemeinen Arbeitsabläufe erklärt, ohne jedoch interessanterweise zu erwähnen, dass Onlinejournalisten verinnerlichen müssen, nicht mehr auf einen Redaktionsschluss hinzuarbeiten, sondern das jeweilige Nachrichtenmedium in der Regel mittlerweile rund um die Uhr mit Beiträgen bestückt werden muss, allenfalls mit etwas nächtlichem Leerlauf in den frühen Morgenstunden. Dafür werden allgemeingültige Warnungen ausgesprochen, nicht alles (vor allem sprachlich Falsches) zu glauben, nur weil die Suchmaschine die meisten Treffer ausspuckt. Auch wird kurz in das Mysterium ausgefeilter Aufmerksamkeitsstrategien eingeführt (z.B. Page Rank bei Google) und mit dem Vorurteil aufgeräumt, bei Online-Journalisten handele es sich grundsätzlich um «Techies», also Experten in Sachen Programmierung und technischen Spezifika – obwohl das auch nicht wirklich schade, sondern bisweilen die besondere Gunst des Chefredakteurs errege.

Punkten kann das Praxislehrbuch durch die detaillierten Ausführungen zum «Texten fürs Netz»: Auf über 50 Seiten gibt Matzen anschauliche Tipps zur Gestaltung von Überschriften, zu so genannten Teasern und Cliffhangern, zum Texteinstieg und -aufbau sowie  Bildunterschriften bis hin zur Verlinkung und der suchmaschinenfreundlichen Feinabstimmung eines Textbeitrags. Das letzte Drittel des Bandes ist genuinen Darstellungsformen des Onlinejournalismus gewidmet, darunter besonders Audio- und Video-Slideshows. Hier sind es oftmals Kleinigkeiten und konkrete Hinweise auf Technologien oder vereinzelt auch Software-Produkte, virtuelle Helferlein und Fundstellen, welche den Praxiswert des Buches ausmachen. Im Fokus stehen einfache wie komplexe Erzählformen in Bild und Ton. Doch so bunt, dynamisch und multimedial die Zukunft journalistischer Informationsvermittlung erscheinen mag, lässt die Autorin doch keinen Zweifel daran, dass man es damit nicht übertreiben sollte: Tipps und Trends – darunter auch Formate wie «Serious Games» oder hyperlokale Informationsaggregatoren wie «Everyblock», die eher noch einen exotischen Status im journalistischen Alltag genießen – werden immer unter der Maßgabe ihres funktionalen Mehrwerts für die Informationsvermittlung erwähnt. Gleichwohl hätte die Gliederung hier etwas differenzierter ausfallen können, damit sich der Leser auf dem Weg zu «Multimediaanwendungen mit allem Drum und Dran» (S. 150) besser orientieren und sich zielgerichteter mit den einzelnen Darstellungsformen befassen kann.

Der bedeutendste Merksatz des Buches lautet daher nicht wie auf der letzten Seite «The longest journey starts with the first step» (S. 152), sondern findet sich zwischen den Zeilen: Die wichtigste Entscheidung sei, sich immer bewusst zu machen, welches journalistische Vermittlungsziel mit einer Darstellungsform erreicht werden solle, um daraufhin abzuwägen, welche Vor- und Nachteile Video-, Audio-, Graphik-, Foto- oder Textdarstellungen für das angestrebte Ziel haben. So werden auch neue Berufsprofile wie der Datenjournalismus oder auch «Web 3.0-Journalismus» diskutiert, die bei Matzen immer wieder eine Rückanbindung an die professionellen Ideale und Prinzipien von Aufklärung, Wahrheitstreue und Glaubwürdigkeitsstreben erfahren. Hierbei wird auch die wachsende Bedeutung des semantischen Netzes angeführt, doch wird die diesen signifikanten Entwicklungsschüben inhärente Bedrohung der journalistischen Auswahl- und Deutungshoheit durch automatisierte Verfahren der Nachrichtenaggregation und Kontextualisierung außen vor gelassen.

 

Eingeschränkter Enthusiasmus

Matzens ansteckender, wenn auch hier und da leicht gedrosselter Enthusiasmus für ihr Arbeitsmetier lässt die Situation vieler Online-Redaktionen weniger problematisch erscheinen, als sie aufgrund von ökonomischen Defiziten und Unerfahrenheit im Umgang mit interaktionsfreudigen Nutzern in Teilen immer noch ist. So wird das Community-Management als wichtige Erweiterung des journalistischen Verantwortungsbereichs vorgestellt, ohne aber zu erwähnen, dass hierbei in vielen Verlagshäusern Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander liegen und die Aufgabe von Community-Redakteuren eher als Last gesehen wird, um die wilden Auswüchse von Leserkommentaren unter Kontrolle zu bringen, und nicht etwa – und darauf zielt die Autorin erkennbar ab – den Nutzer in seinem Artikulationsdrang ernst zu nehmen und die Energie konstruktiv für die eigenen journalistische Arbeit zu nutzen.

Nicht thematisiert wird zum Beispiel die schon lange offenbare, aber neuerdings sogar vorgeschriebene Vergesslichkeit des Onlinejournalismus, zumindest wenn es um Inhalte der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote geht: Dort wird durch die Regelung im Rundfunkänderungsstaatsvertrag die ort- und zeitsouveräne Nutzung zwangsweise umgangen, indem das Gros der online publizierten Texte, Audiobeiträge und Videos mit Verfallsdaten versehen werden. So kehrt auch der Journalismus im Netz teilweise zurück zu den Logiken der klassischen Massenmedien und verliert damit seine wichtige Funktion als Informations- und Wissensressource. Dies schränkt die Handlungsspielräume von Online-Journalisten tendenziell ein, wenn es beispielsweise im Falle von Dossiers darum geht, Angebote mit Tiefenstruktur zu erstellen, und verlangt nach neuen Ideen und Alternativen, um die Potenziale des Internets für journalistische Angebote auf anderem Wege auszuschöpfen.

An solcherlei und ähnlichen Einschnitten, wie es sie in der jüngsten Entwicklungsgeschichte des Internets schon häufig gegeben hat, ob sie sich nun in Form einer scheinbaren Rückwärtsbewegung oder eines Bruchs mit althergebrachten Tabus und Prinzipien ausdrücken, wird auch der gestiegene Kooperationsbedarf zwischen Wissenschaft und Praxis ersichtlich. So sehr das Netz die Umgestaltung bestehender Strukturen und Wahrnehmungsmuster vorantreibt, braucht es auf beiden Seiten ein Bewusstsein für die anhaltenden Transformationsprozesse der Medien und ihre Konsequenzen – und die Bereitschaft zur Interaktion. Freilich bleibt es nicht allein die vordringliche Aufgabe der Medien- und Kommunikationswissenschaft, sondern auch der Medienpraktiker, die vorteilhaften wie gefährlichen Wirkungsformen des Netzes sowie seine Angebote offen, kreativ und nicht zuletzt kritisch zu begleiten.

Anlässlich der beiden Buchveröffentlichungen lud das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung zum Powerpoint-Karaoke mit den beiden Autorinnen, die blind den Band der jeweils anderen Kollegin vorstellten. Diese schmunzelreichen Präsentationen offenbarten ein weiteres Mal, wie wenig Wissenschaft und Praxis mitunter gemein haben, oder konstruktiv formuliert: wie viel sie voneinander lernen können. Die theoretische Fundierung der Darstellung Bleichers und die praxisnahe Funktionalität der Ausführungen Matzens liegen nur scheinbar Welten auseinander, sondern ergeben bei der Erkundung und Ergründung der virtuellen Sphäre auf unterschiedlichen Ebenen eine passende Ergänzung. Das bildet eine standfeste Grundlage für all solche Leser, die sich dem Netz analytisch oder publizistisch nähern wollen. Lektüreempfehlung: zuerst «Internet», danach «Onlinejournalismus» – und dabei offensiv letzte Berührungsängste abbauen und selbst aktiv werden: forschend oder gestalterisch, aber immer multimedial.

 

Leif Kramp, Journalist und Medienwissenschaftler, arbeitet als Lecturer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg.

 


Literatur:

Bleicher, Joan K. (2010): Internet. Konstanz: UVK.

Matzen, Nea (2010): Onlinejournalismus. Konstanz: UVK.

 

Anmerkung: Ein unter den Maßstäben der Interaktivität und Interkonnektivität nicht unwesentlicher Pluspunkt des Bandes «Onlinejournalismus» von Nea Matzen ist die Möglichkeit des direkten Drahts zur Autorin über die flankierende Website zum Buch (wegweiseronline.de), welche die persönliche Note des Buches durch den unkomplizierten, teils auch umgangssprachlichen Erklärstil Matzens unterstreicht. Hier finden sich die Internet-Links zu den Beispielen in den einzelnen Kapiteln, ergänzt um eine kurze Liste von empfehlenswerten Netzdestinationen und einen Vergleich von Teaser-Längen. Einen ähnlichen inhaltlich ergänzenden Service bietet auch die Autorin Gabriele Hooffacker zu ihrem Lehrbuch «Online-Journalismus» (Econ, 2010) mit der Website onlinejournalismus.org.

 

Quellen:

(1) Time.com (1998): Jerry Yang. In: time yahoo! chat: http://www.time.com/time/community/transcripts/chattr072398.html

(2) Bolter, J. David/ Grusin, Richard (1999): Remediation. Understanding New Media. MIT Press.


Dateien:
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