Artikelsuche

Nach Stichwort


Nach Autor


Nach Rubrik


Nach Jahr


27.09.2010
00:00 Von: Martig, Charles

Facebook – «The Social Network»

Der Independent-Filmer David Fincher ist bekannt für seine Höllentouren und kreativen Ausbrüche in «Se7en», «Fight Club» und «Zodiac». Umso mehr erstaunt es, dass der Regisseur sich dem Phänomen der sozialen Netzwerke mit einer präzisen dokumentarischen Authentizität zu nähern versucht. Es geht ihm um den Gründungsmythos von Facebook. Seine Rückblende auf die Jahre 2003 bis 2009 zeigt eine multiperspektivische Annäherung an die Gründerfiguren: von der Faszination einer ersten Idee bis zum globalen Netzwerk mit über 500 Millionen Usern – vom gestörten Sozialverhalten des Programmierers Mark Zuckerberg bis zu den juristischen Streitereien um die Urheberrechte von Facebook. Entstanden ist daraus ein gleichzeitig bewundernder und skeptischer Blick auf die Entstehung eines neuen Kommunikations-Paradigmas.


Von Charles Martig    

Mark Zuckerberg ist ein 19-jähriger Student in Harvard, der in einer Bar im Gespräch mit seiner Freundin Erica Albright gezeigt wird. In den wenigen Minuten der Eingangssequenz des Films wird deutlich, dass dieser junge Mann an einer seltsamen, autistischen Störung leidet, die sein Gegenüber zum Verzweifeln bringt. Unfähig sich auf seine Freundin einzulassen, redet und redet Mark in einem Stakkato drauflos, springt assoziativ von einem Thema zum nächsten und schafft es mühelos, seine Begleiterin zu beleidigen. Es scheint, als würde Erica für ihn nicht existieren. Und ganz logisch ist die Reaktion, dass die junge Frau nichts mehr von ihm wissen will. Ist es mangelnde Sozialkom-petenz, jugendliche Selbstbezogenheit oder eine psychische Störung, die Mark dazu treibt, an diesem Abend eine mehr oder weniger frauenfeindliche Anwendung mit Bildern von Frauen auf dem Campus-Netzwerk aufzuschalten? Der Film lässt diese Frage weitgehend offen und geht den Ereignissen nach, die zur Entwicklung einer neuen Form der interaktiven Kommunikation führen.

David Fincher interessiert sich für den Widerspruch zwischen persönlicher Veranlagung und sozialer Interaktion: «I believe that Mark is in it to fully realize his dream, which is to build an apparatus that allows him to connect to the world in a way that he’s unable to do in his own life. People talk about Mark’s borderline Asperger’s, his horrific PR style, but I think that Facebook required someone with those kind of limited social skills. If you’re going to create an apparatus like Facebook, you have to start with somebody who’s going to be able to understand how difficult it is to communicate. That’s the progression.» (Presseheft «The Social Network», Sony Pictures 2010, S. 16). Aus dieser Perspektive zeigt der Film eine bestimmte Facette der Geschichte: die Vereinsamung des Anti-Helden, seine Unfähigkeit zur Empathie und sein Unverständnis gegenüber der Welt, die sein Genie nicht anerkennen will. Jesse Eisenberg verkörpert diesen Anti-Helden mit apathischer Gleichgültigkeit und gefühlsmässiger Kälte. Von der Universitätsleitung bekommt Mark einen Verweis wegen Einbruchs in das Netzwerk und der Missachtung von Persönlichkeitsrechten, insbesondere wegen der willkürlichen Verwendung von Fotos von Studentinnen. Doch bei der Hauptfigur hinterlässt diese Episode nur zwei Eindrücke: den Stolz, als Hacker in das System eingedrungen zu sein, und die Zahl 22‘000. Innerhalb von zwei Nachtstunden erreichte das Experiment 22‘000 Seitenaufrufe und brachte das Harvard-Netzwerk zum Einsturz. Diese abstrakte Zahl ist der Ausgangspunkt einer genialen Idee: die Entwicklung von persönlichen Profilen mit Fotos und privaten Angaben zum Bindungsverhalten. Mark stürzt sich im Studentenwohnheim in die Programmierung einer neuen Anwendung, die innerhalb von rund 45 Tagen im Wintersemester 2003/04 entsteht: «The Facebook» ist im Februar 2004 aufgeschaltet und verbreitet sich wie ein Lauffeuer über die US-amerikanischen Universitäten. Der Erfinder setzt seine Vision des Netzwerks durch und lässt alles hinter sich: seine Identität als Hacker, seine Wut auf das elitäre Establishment, seine emotionalen Bedürfnisse.


«Rashomon» revisited – multiperspektivisches Storytelling

Allein aus der Perspektive des Anti-Helden Mark Zuckerberg erzählt wäre diese Geschichte filmisch uninteressant. Fincher hat einen höheren Anspruch: Er verwendet die dramaturgische Konstruktion von Kurosawas «Rashomon» (1950), bei welcher ein Ereignis aus drei Perspektiven erzählt wird und dadurch eine enorme Erweiterung des wahrnehmbaren Sichtkreises erlaubt. So gibt es im Film die Geschichte des Geschäftsführers und besten Freundes Eduardo Saverin, der die ersten 1‘000 Dollar auftreibt, um die neue Idee online zu bringen. Zudem sind es die Zwillinge Winklevoss, die den Anspruch erheben auf die Idee des sozialen Netzwerkes, das sie beim Programmierer Zuckerberg in Auftrag gegeben haben. In dieser dreifachen Perspektive bewegt sich die Filmerzählung auf verschiedenen Zugängen zur Rekonstruktion der Ereignisse.

Die Buchvorlage von Ben Mezrich und das Drehbuch von Aaron Sorkin entwickeln für das Storytelling eine Erzählebene in der filmischen Jetzt-Zeit, die eine juristische Auseinandersetzung in einem urbanen Bürokomplex zeigt. Es sitzen sich die Anwälte von Zuckerberg, Saverin und Winklevoss gegenüber, die mit akribischer Bissigkeit und Überkorrektheit die Gründungslegende sezieren. Zitate aus E-Mails, suggestive Fragen und juristische Wortklaubereien wechseln sich ab mit Re-Inszenierungen der Ereignisse. Der Weg von Harvard nach Palo Alto ins Silicon Valley wird nachgezeichnet; von der studentischen Initiative zum milliardenschweren Unternehmen. Dabei wechseln die Perspektiven jeweils zu den drei Protagonisten, die sich als Urheber von Facebook aufschwingen und die Machenschaften anprangern, die zu den realen Machtverhältnissen führten. Tragisch ist die Perspektive von Saverin, der sich als bester Freund von Zuckerberg sieht und feststellen muss, dass er von diesem fallen gelassen wurde und seine Ansprüche auf die Geschäftsidee verloren hat. Er ist der eigentliche Anti-Held des Films, der für seine Rechtschaffenheit als ursprünglicher Finanzchef des Unternehmens bestraft wird. Doch auch seine Perspektive wird gebrochen: Hat er den Horizont von Facebook zu eng definiert und konnte er die Tragweite nicht erfassen? Saverins Möglichkeitssinn war zu begrenzt, um die Grösse der Vision zu verstehen. Ihm wird in der filmischen Erzählung der Gründer von Napster, Sean Parker, gegenübergestellt, der mit grosser Geste davor warnt, die Idee zu früh an die Werbewirtschaft zu verkaufen. Hier trifft der Blender und Showman aus Kalifornien (brilliant gespielt von Justin Timberlake) den Nerv von Mark. Zuckerberg will mit seiner Idee weiter wachsen und keine Einschränkungen aus Marketingabteilungen von Fremdunternehmen hinnehmen. Seine Vision wird von Parker unterstützt, der wie ein grosser Bruder über seinen hilflosen, aber genialen Programmierer wacht. Er ist es auch, der den ersten Hedge Fund mit einem Kapitaleinschuss von 500‘000 organisiert und damit Saverin ausbotet. Der Lebemann Parker gegen den rechtschaffenen CFO Saverin: das ist ein eigenständiger Erzählstrang mit Kraft und Emotionen.

Demgegenüber ist der Zwist zwischen den arrivierten Winklevoss-Zwillingen und dem Facebook-Erfinder etwas konventioneller gestrickt. Die Brüder stammen aus einer Familie mit altem Geld, sind im exklusiven Phoenix Club organisiert und haben Olympia-Ambitionen im Ruderboot. Sie stehen damit diametral gegenüber der sozialen Schicht von Zuckerberg, der aus der unteren Mittelschicht kommt, schlecht gekleidet ist und immer etwas zerzaust wirkt. Das Credo der Elite gegen die Überzeugungen des anarchistischen Hackers: in diesem Spannungsfeld handelt der Film den sozialen und juristischen Konflikt ab. Interessant ist dabei vor allem die Zeichnung der sehr unterschiedlichen Milieus zwischen den billigen Fertigmöbeln im Studentenwohnheim und dem gediegenen Interieur des Phoenix Clubs, dem ungehobelten Verhalten des genialen Programmierers und dem überlegenen Gentleman-Gehabe der Oberschicht. So ist «The Social Network» auch ein Film über die sozialen Milieus in den USA und ihre Dysfunktionalität. Wenn eine ertragreiche Geschäftsidee das Licht der Welt erblickt, hat dies stets eine Lawine von juristischen Auseinandersetzungen zur Folge. Die Parteien einigen sich auf einen Vergleich: Je 65 Millionen Dollar gehen an die klagenden Parteien, die dafür Stillschweigen in der Öffentlichkeit garantieren.


Unvorhersehbare Folgen: Sudden Wealth Syndrome

Die Hauptfigur wird von David Fincher in ihrer ganzen Zwiespältigkeit gezeigt. Was am Schluss im Raum steht ist eine sehr seltsame Wohlstandskrankheit, die im Englischen als «Sudden Wealth Syndrome» bezeichnet wird: Sie umschreibt das Phänomen, dass eine Person durch einen schlagartigen Zugewinn von Vermögen all seiner bisherigen sozialen Bindungen beraubt und in eine neue Lebenswelt katapultiert wird, auf die sie nicht adäquat reagieren kann. Bei Mark Zuckerberg, so die Hypothese des Films, ist diese Entwicklung verschärft anzutreffen, weil er als CEO ein milliardenschweres Unternehmen führt, obwohl er weder über die notwendige soziale Intelligenz noch über eine entsprechende Managementausbildung verfügt. Zudem ist er als 26-Jähriger noch zu jung, um die Tragweite seines Tuns wirklich abschätzen zu können. Und so wählt Fincher als Schlusseinstellung einen einsamen jungen Mann, der am späten Abend nach der juristischen Verhandlung noch an seinem Notebook sitzt, vor sich hintippt und auf Beziehungen hofft, die ihm über seinen genialen Apparat genannt «Facebook» vermittelt werden. Direkt traut er sich nicht, die Frau aus seinem juristischen Beraterstab anzusprechen. Gelangweilt, vereinsamt und mit einer leisen Hoffnung erneuert er eine Seite auf Facebook: Wird sie seiner Freundschaftsanfrage Folge leisten? Ein treffenderes Bild für die Möglichkeiten und Grenzen der «Freundschaftsmaschine» Facebook lässt sich derzeit wohl nicht finden.

 

Streit um Facebook als Metadiskurs der filmischen Fiktion

«The Social Network» folgt der Darstellung von Ben Mezrich, der in «The Accidental Billionaires» investigativ in die Entstehungsgeschichte von Facebook einsteigt. Der Untertitel «A Tale of Sex, Money, Genius, and Betrayal» deutet unzweifelhaft an, dass dabei auch die Schattenseiten dieser Geschichte beleuchtet werden. Fincher und sein Drehbuchautor Sorkin haben daraus ein vielschichtiges Bio-Pic gemacht (vom englischen biographical picture, Filmbiographie einer real lebenden Person). Es gibt Einblick in die Lebenswelt der digital geborenen Generation, die sich unter Kommunikation etwas vollständig Neues vorstellt als alle früheren Generationen. Wie ein unsichtbares Netzwerk legt sich die digitale Information über den «Freundeskreis». Freunde sind hier alle, die in irgendeiner Form zur unmittelbaren, virtuellen Interaktion eingeladen sind. Vielfältig werden hier erstmals verschiedene Medienkanäle, Formate und Aktivitäten miteinander verknüpft. Seit Facebook hat sich die Befindlichkeit, online zu sein, tiefgreifend verändert.

Die öffentliche Debatte um die Privat-Einstellungen auf Facebook zeigen, dass Mark Zuckerberg und sein Team eine Plattform geschaffen haben, die systematisch dazu einlädt, intime Bilder, Informationen und Geschichten ins Netz hochzuladen. Weder die Nutzer noch die Hersteller der Plattform sind sich wahrscheinlich im Klaren, wie weit die Konsequenzen dieser schönen neuen Kontaktwelt reichen. Facebook verfügt in der Zwischenzeit über ein ungeheures Potential an Information, das für jeden internationalen Konzern eine Goldgrube bedeutet. Derzeit wird der Wert des Unternehmens zwischen zwei und 15 Milliarden Dollar geschätzt. Doch bleiben diese Zahlen reine Schätzungen, da Facebook-Wertpapiere noch gar nicht an der Börse gehandelt werden. Der Wert des Unternehmens bleibt dementsprechend rein fiktiv.

Werbung ist bis heute auf der Plattform nur sehr zurückhaltend vorhanden, weil sie der Vision des CEO Zuckerberg widerspricht. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein neues Modell entwickelt ist, das die Möglichkeiten des Online-Marketings auf Facebook voll ausschöpfen kann. Am 21. Juli 2010 übertraf Facebook nach eigenen Angaben die Zahl von 500 Millionen Nutzern weltweit und betrieb zu diesem Zeitpunkt 74 Sprachversionen des Online-Kontaktnetzes.

Der Streit um Facebook, wie er im Film in all seinen Facetten gezeigt wird, spiegelt den Metadiskurs der filmischen Fiktion. Wie die Protagonisten sind auch die verschiedenen Standpunkte der filmischen Erzählung in ständigem Widerstreit über die Bewertung der erzählten Episoden. Insofern hat David Fincher hier mehr als ein konventionelles Bio-Pic geschaffen: Er überlässt dem Publikum in einer wohltuenden Offenheit das endgültige Urteil über die Gründer von Facebook. Faktum ist, dass sich die Plattform zum weltweit wichtigsten sozialen Netzwerk entwickelt hat und diese Vormachtstellung für weiteres Wachstum ausnutzt. Ist dies macchiavellistisch oder genial, mitleiderregend oder faszinierend, tragisch oder visionär? Fincher ist mit der Antwort nicht einfach zur Hand, weil er weiss, dass vielfältige Identifikationen mit diesen (Anti-) Helden möglich sind. Und er ist sich bewusst, dass die Geschichte von Facebook noch in den Anfängen steckt. Hier zeigt sich die ganze Ambivalenz einer Filmbiographie, die das Lebenswerk eines jungen, weissen US-Amerikaners aus der Digital-Native-Generation enthält und dabei auch immer das Wissen mit sich trägt, wie hoch die gesellschaftliche Fallhöhe ihres Protagonisten geworden ist. Während sich Orson Welles in «Citizen Kane» noch mit der ganzen Lebensspanne eines Zeitungstycoons beschäftigte, sind es hier gerade sieben Jahre aus dem Leben eines digitalen Revolutionärs. Das Sequel kommt bestimmt. Und hoffen wir, dass die Geschichte an der Grenzlinie zwischen Mut und Angst, Vision und Selbstüberschätzung einem Happy-End entgegengeht. Fincher bleibt mit seiner Erzählperspektive bis zuletzt skeptisch.

Dr. Charles Martig ist Filmwissenschaftler, Geschäftsführer des Katholischen Mediendienstes und Co-Herausgeber des Medienhefts.


«The Social Network» eröffnete am 24.9.2010 das New York Filmfestival und startet am 1. Oktober in den USA, am 7. Oktober in der Schweiz.

 

Literatur:

Dargis, Manohla (2010): Millions of Friends, but not very popular. In: New York Times, 23.09.2010: http://movies.nytimes.com/2010/09/24/movies/24nyffsocial.html?ref=arts

Martig, Charles (2007): Die Hölle auf Erden oder David Finchers negative Theologie der Offenbarung. In: Bohrmann, Thomas/ Veith, Werner/ Zöller, Stephan (Hrsg.): Handbuch Theologie und populärer Film, Bd. 1, Paderborn, S. 201–211.

Mezrich, Ben (2009): The Accidental Billionaires – The Founding of Facebook – A Tale of Sex, Money, Genius, and Betrayal. New York.

Schnelle, Frank (Hrsg.) (2002): David Fincher. Berlin.

Sorkin, Aaron (2010): Drehbuch «The Social Network»: (Das vollständige Script des Films wurde auf betreiben von Sony Pictures bis auf Weiteres aus dem Internet entfernt.)

 

Links:

«The Social Network» – Offizielle Website von Sony Pictures:
http://www.sonypictures.de/landing/the-social-network/

«500 Millionen Freunde» – Offizielle Website deutsch:
http://www.500millionenfreunde.de/fullsite/

The 48th New York Film Festival:
http://www.filmlinc.com/nyff/2010/the-social-network

Kritiken zu «The Social Network» in «Film-Zeit»:
http://www.film-zeit.de/Film/21515/THE-SOCIAL-NETWORK/Kritik/

Eintrag von «The Social Network» in der Internet Movie Database:
http://www.imdb.com/title/tt1285016/

Trailer von «The Social Network» in HD:
http://www.youtube.com/watch?v=ghJB6lGhbpY

Interview mit Mark Zuckerberg in «ABC World News» (22.07.2010)
http://www.youtube.com/watch?v=vfTaAqmfS6A

News rund um die Entwicklung von Facebook in golem.de:
http://www.golem.de/specials/facebook/

Facebook Impressum: Erklärung der Rechte und Pflichten
http://www.facebook.com/platform#!/terms.php?ref=pf


Dateien:
2010_MartigCharles_01.pdf59 Ki
 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch