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06.08.2010
00:00 Von: Selg, Casper

Larry King – Teil des Problems

Im Artikel «Larry King – Bollwerk der Neutralität» wird der CNN-Moderator dargestellt als einer der letzten grossen Anchormen der US-amerikanischen Networks. Dabei hat King mit seinen unkritischen Interviews wesentlich dazu beigetragen, dass Information und Unterhaltung im Journalismus immer mehr verschmelzen. Eine Replik.


Von Casper Selg

In einem interessanten Beitrag über den bevorstehenden Rückzug von Larry King aus dem Talk-Geschäft geht die Kollegin Gerti Schön der Frage nach, wie sich die Kultur der US-Fernsehinformation verändert hat. Sie macht eine ganze Reihe lesenswerter und wichtiger Feststellungen.

Wo ich allerdings in allem Respekt widersprechen möchte, ist die Charakterisierung Larry Kings als eines der letzten grossen Anchormen, sozusagen einer der letzten, welche die Fahne des unparteiischen Qualitätsjournalismus noch hochgehalten haben, bevor es bergab ging bis heute – Bill O’Reilly und Glenn Beck, also zu den Menschen, die ein Vermögen damit verdienen, Aggressionen und Intoleranz zu predigen und das Ganze «Information» zu nennen.

Mit Verlaub: wenn man die Entwicklung zwischen dem Beginn der 80er und heute anschaut, dann war Larry King nicht das gute Mass vor dem Niedergang, sondern er war ein wesentlicher Teil des Problems.

Larry King hat jahrelang reine Gefälligkeitsinterviews geführt. Er war meist nicht wirklich vorbereitet – und hat das später auch zugegeben: «Ich lese die Bücher nie, über die ich mit den Autoren rede» (er tat aber immer so, als habe er alles gelesen). King fragte kaum je nach, stellte nie wirklich unangenehme Fragen. Und genau das ist der Grund für das Phänomen, das Frau Schön für mein Dafürhalten als Qualitätszeichen missversteht: Wenn ein Superego wie Marlon Brando nur ihm, nur King, ein Interview gibt, dann natürlich genau aus dem einen Grund: weil er von King keine unangenehmen oder gar kritischen Fragen zu erwarten hat, weil er einem Mann gegenüber sitzt, der es sich mit dem prominenten Gast auf keinen Fall verderben will. Dass die beiden sich entsprechend gut vertrugen und dass King mit seinen Gästen häufig eine leidlich gute Show abzog, sei hier nicht bestritten. Aber das war auf Seite des Interviewers halt nicht die Suche nach relevanter Information, sondern meist eine locker flockige Beihilfe zur Selbstdarstellung.


Nur Fragen und Antworten

Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush und unzählige andere haben sich in schwierigen Zeiten immer an ihren Freund Larry gehalten, wenn sie mal wieder an die Öffentlichkeit gelangen mussten. «No tough questions, no problems». Sie konnten ihre Message verbreiten, ohne dabei vom Frager gestört zu werden.

King sieht darin selber offensichtlich kein Problem. Zur Person seines Nachfolgers oder seiner Nachfolgerin sagt er selber, das könne praktisch jeder machen. «After all it’s just Q & A». Schliesslich ist es nichts anders als Fragen und Antworten.

Die Arbeit der übrigen Anchormen, in deren Reihe die Autorin Larry King hineinstellt, bestand aber aus sehr viel mehr als «just Q & A». Cronkite, Rather, Brokaw, Jennings: das waren Journalisten mit sehr viel Erfahrung und Sachverstand in der Berichterstattung, im Inland und im Ausland, Moderatoren, die ihre Interviews sehr gründlich vorbereiteten, welche in der Lage waren, auch kontroverse Interviews zu komplexen Themen zu führen, und welche vor allem nicht mit jeder Antwort zufrieden sein mussten, weil sie auf Nachfragen vorbereitet waren.

Bezogen auf das spezielle Format längerer Fernseh-Interviews gab es vor allem eine Gegenfigur zu King. Das war Ted Koppel von ABC-News. Koppel moderierte «Nightline», eine Nachtsendung, welche das grosse Thema des vorangegangenen Tages näher beleuchtete, meist im Gespräch mit der zentralen Figur einer Entwicklung.

Ted Koppel präsentierte sehr präzis erfasste Themen, er formulierte die Einleitungen und Übergänge attraktiv, mit klar und unnachgiebig verfolgten Fragestellungen. Damit versprach «Nightline» flexibel geführte Gespräche von einem hervorragend vorbereiteten Interviewer – dessen eigene Position selbstverständlich nie zum Thema wurde.

Sicher: der letzte Punkt galt ein Stück weit auch für Larry King. Auch er hat nicht politische Propaganda gemacht, wie die schlimmsten Exponenten der heutigen «News-Sender». Aber auf Propaganda und Hatz verzichten macht allein noch keinen guten Journalismus.

Guter Journalismus, verstanden als das Bemühen, wichtige Entwicklungen und Zusammenhänge zu erfahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist ein hoher Anspruch. Er setzt Sachkenntnis und Erfahrung voraus. King war einer der ersten, die im «Newsbusiness» ganz grosse Karriere machten, ohne irgendetwas in dieser Art mitzubringen. Larry King war ein leidlich guter Entertainer. Aber alles andere als ein Anchorman.

Und hier liegt das Problem, für das der alte Lawrence Harvey Zeiger (so heisst der Mann wirklich) meines Erachtens exemplarisch steht: Information und Unterhaltung sind in den US-Medien weitgehend ineinander übergegangen. Und nicht nur dort. Leider.


Casper Selg ist Journalist in Berlin.

 


Dateien:
2010_SelgCasper_01.pdf39 Ki
 
 

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