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20.07.2010
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Die Reformierten sind selten in den Medien


(ja) Religion als Thema schafft es kaum aus sich heraus in die Medien. Am ehesten wird Religion thematisiert, wenn sie mit politischen Themen gekoppelt ist und mit Konflikten oder Personen in einem Zusammenhang steht. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Nationalfonds-Studien zur Religionsberichterstattung und zu journalistischen Inszenierungsstrategien, die am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur durchgeführt wurden. Grundlage dafür bildeten Beiträge zu religiösen Themen aus Schweizer Tageszeitungen und Nachrichtensendungen, die inhaltsanalytisch untersucht wurden, sowie Interviews mit 35 Schweizer Journalisten derselben Medien zu ihrem Umgang mit Religion.

Derzeit wird die Berichterstattung über Religionsgemeinschaften und religiöse Themen vom Islam und Katholizismus dominiert. Der Protestantismus schafft es nur selten in die Medien. Denn anders als der Katholizismus mit dem Papst hat die reformierte Kirche keine vergleichbar exponierte Führungsperson. Entsprechend schwierig ist der Protestantismus zu personalisieren, was aber eine bevorzugte journalistische Strategie der Medien ist. Zudem hat der Protestantismus seltener negative Schlagzeilen, da er weniger mit Skandalen, Konflikten oder extremen Positionen auffällt. Was von der reformierten Kirche als positives Image quittiert werden könnte, stellt sich journalistisch betrachtet als Nachteil dar. Denn wer in der Öffentlichkeit Beachtung finden will, muss auch mit dem Prinzip "Bad News are Good News" einen Umgang finden können.

Mit der Religionszugehörigkeit der Journalisten hat die Ungleichbehandlung der Religionen in den Medien keinen Zusammenhang: 32 Prozent sind evangelisch-reformiert, 31 Prozent sind katholisch und 34 konfessionslos. Auffallend ist jedoch, dass viele der befragten Journalisten in der Zürcher Studie keine klaren Angaben machen können, was sie mit dem Begriff Religion verbinden. «Religion ist alles, was mit Kirche zu tun hat», wie es ein Redaktor zusammenfasst. Einig sind sich die Befragten, dass Religion an sich kaum über genügend Nachrichtenwerte verfügt, um es in die Tagesthemen zu schaffen. Für einen Redaktor eines kommerziellen Fernsehsenders ist das Thema Religion «ein Gähn» und für den Chefredaktor einer Gratiszeitung «nicht sexy» genug.

Religiöse Themen können für Medienschaffende jedoch an Bedeutung gewinnen, wenn sie in Verbindung gebracht werden mit politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, künstlerischen, sportlichen, erzieherischen oder wissenschaftlichen Themen. Dabei gilt die so genannte «Mehrsystemrelevanz». Das heisst, je mehr gesellschaftliche Bereiche ein Thema tangiert, desto höher ist seine Relevanz auch für die Medien. Ob ein religiöses Thema von den Medien aufgegriffen wird, hängt schliesslich auch davon ab, ob es als Geschichte erzählt werden kann, also einer narrativen Struktur folgt.


Quellen:

Koch, Carmen (2010): Das Politische dominiert. Wie Schweizer Medien über Religionen berichten. In: Communicatio Socialis, Internationale Zeitschrift für Kommunikation in Religion, Kirche und Gesellschaft, H. 4/2009, Jg. 42, S. 365–381 ff.

Wyss, Vinzenz (2010): Wie Medien Religion inszenieren. In: Bulletin – Das Magazin des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (sek - feps), Nr. 2/2010, S, 8ff.

Wyss, Vinzenz / Keel, Guido (2010): Religion surft mit. Journalistische Inszenierungsstrategien zu religiösen Themen. In: Communicatio Socialis, Internationale Zeitschrift für Kommunikation in Religion, Kirche und Gesellschaft, H. 4/2009, Jg. 42, S. 351–364.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
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