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07.06.2010
00:00 Von: Berger, Roman

Wer ist (noch) Journalist?

Der Journalismus hat Zukunft. Dafür sorgen müssen aber die Journalisten selber. Das war die Losung an der Weltkonferenz der Internationalen Journalisten-Föderation im spanischen Cadiz.


Von Roman Berger, Cadiz

Eigentlich hätte König Juan Carlos dem Anlass die Ehre erweisen sollen. Zur Eröffnung des Weltkongresses der Internationalen Journalisten-Föderation (IJF) in Cadiz erschien dann die Vizepremierministerin der spanischen Regierung. Für viele der rund 300 Delegierten aus über 100 Ländern war das nur eine Bestätigung dafür, was Umfragen in vielen Ländern belegen: Journalisten und die Medien haben in der Öffentlichkeit massiv an Ansehen verloren. So auch in der Schweiz: In einer Umfrage «Wem die Bevölkerung vertraut» landen die Medien auf dem letzten Platz (Tages-Anzeiger, 20. Mai 2010, S. 5).

Stichworte zum Vertrauensverlust in die Medien lieferte der belgische Medienexperte Jean Paul Marthoz: Medienkonzentration, Kommerzialisierung des Journalismus, sinkende Berufsstandards. «Das sind Entwicklungen, die schon vor 20 Jahren begonnen haben», erinnerte Marthoz. Die Medienkrise nur als Folge von Internet und Wirtschaftskrise zu erklären, wie das viele Verlagsmanager täten, sei deshalb zu einfach.

Internet und Wirtschaftskrise haben die Krise nur verschärft. Die USA bieten dafür eindrückliche Anschauung. Allein in den letzten zwei Jahren haben dort laut Angaben der amerikanischen «News Paper Guild» etwa 20 Prozent der festangestellten Journalisten ihre Arbeit verloren. Tendenz steigend.

 

Nicht warten auf die Verleger

«Die Medienkonzerne haben den Journalismus zu lange als reines Geschäft betrachtet, das hohe Gewinne abwerfen muss. Es ist deshalb falsch, von den Verlagsmanagern, neue Lösungen zu erwarten», meint John Nichols. Der US-Medienexperte und Co-Autor des Buches «The Death and Life of American Journalism» fordert die Journalisten auf, die Initiative zu ergreifen. Sie fänden in der Zivilgesellschaft genug Allianzpartner, die erkannt hätten, dass nicht Medienkonzerne, sondern der Journalismus zu retten sei. In den USA existiert bereits eine wachsende Bewegung, die sich für Reformen und Pluralismus der Medien einsetzt.

Aber auch in den USA gibt es noch keine tragfähigen neuen Modelle für die Finanzierung eines von der Werbung weniger abhängigen «low profit»-Journalismus. Das ist der Hintergrund, warum auch in den sonst so marktgläubigen USA die Idee immer mehr Anhänger findet, die Regierung müsse aktiv werden, um die Gefahr einer uninformierten Demokratie abzuwenden.

 

Brauchen wir eine Definition von Journalismus?

Wenn Journalismus wieder glaubwürdig werden soll, dann müssen die Journalisten-Gewerkschaften für ethische und professionelle Standards sorgen, fordert ein Diskussionspapier der Europäischen Journalisten-Föderation. Eine Definition des Journalismus sei notwendig. Konkret: Was unterscheidet Journalisten von Bloggern, Bürgerjournalisten, «content-providern» und Informationsbeauftragten? Diesen Fragen müssen sich die Journalisten stellen. Denn: «Wenn wir uns nicht definieren, tun es andere für uns.»

Was nützen «Journalismus-Definitionen», wenn gleichzeitig das Heer von «Freien Journalisten» wächst, die in Wirklichkeit als journalistisches Freiwild behandelt werden? Sie können nur noch mit PR- oder anderen Tätigkeiten überleben und erfüllen in vielen Mediengewerkschaften die Aufnahmestandards nicht mehr, obwohl gerade die «Freischreiber» heute den Schutz der Gewerkschaften besonders nötig hätten.

 

Gewerkschaften im Interessenkonflikt

Die Journalisten-Gewerkschaften befinden sich in einem schwierigen Spagat. In einem Blog stellt der Generalsekretär der IJF, Aidan White, fest: «Tausende von Beschäftigten in der Telekommunikation, Informationstechnologie, Computer gestützten Wirtschaft werden heute in die journalistische Arbeit hineingezogen. Sie produzieren content, sind Web-Designer, entwickeln neue Wege für die Verbreitung von Audio, Video und Text. In einem gewissen Sinn sind sie die Architekten der Zukunft des Journalismus. Diese neuen Facharbeiter werden ohne Schutz der Gewerkschaften massiv ausgebeutet.»

Das kann ein Vertreter der Deutschen Journalisten Union so nicht stehen lassen und erwidert: «Einverstanden. Die Beschäftigen in der neuen Informations- und Content-Industrie müssen organisiert werden. Ich nenne sie unsere Allianzpartner.» Tatsächlich könnte die IJF mit Leichtigkeit anstatt eine halbe Million, zwei Millionen Mitglieder rekrutieren, schliesslich beschäftigten sich auch die Kommunikationsbeauftragten von Parteien oder der Autoindustrie mit Information und «content». Diese «content-worker» aber als Journalisten aufzunehmen, wäre der Untergang des Journalismus, gibt der deutsche Journalist zu bedenken. Das habe aber nichts mit Journalisten-Dünkel zu tun. Denn: «Journalisten haben eine zentrale politische Rolle in der Gesellschaft (vierte Gewalt). Und zur Erfüllung dieser Aufgabe müssen sie sich auf Rechte (Zugang zu Quellen, Schutz der Quellen, Autoren-Rechte) stützen können.»

 

Pragmatischer Versuch in den USA

Im Konflikt zwischen möglichst umfassender gewerkschaftlicher Mobilisierung und Beibehalten professioneller und ethischer Standards versucht die amerikanische «News Paper Guild» eine Zwischenlösung. Sie nimmt «Freie Journalisten» als «independent members» auf, obwohl sie oft nur noch zu einem kleinen Teil journalistisch tätig sein können. Sie erhalten von einem aus Journalisten zusammengesetzten «Presserat» ein «Gütesiegel», das ihnen nach berechtigten Klagen aus dem Publikum aber jederzeit wieder aberkannt werden kann.

In Europa und den USA stehen Fragen der Identität des Journalismus und seine wirtschaftliche Zukunft im Zentrum. In Russland, im Nahen Osten, in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens geht es im Journalismus aber oft um Leben oder Tod.

Seit dem letzten Kongress der IJF vor drei Jahren in Moskau sind mehr als 360 Journalisten und Medienschaffende bei der Ausübung ihres Berufes getötet worden. Sie wurden Zielscheibe der Gewalt, weil sie über die Ursachen und die Verantwortlichen der Gewalt informierten. Der griechische TV-Journalist Nikos Megrelis hat dazu das Dokumentarvideo «Dying for the Truth» gedreht. Ein Journalist aus Sudan, der mit Tränen in den Augen über die unvorstellbare Gewalt in seinem Land berichtete, meinte: «Es gibt wohl keinen anderen Beruf, in dem man dafür bestraft wird, dass man ihn gut macht.»

 

Roman Berger war Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Moskau (1991–2001) und in Washington (1976–1982). Heute ist er freier Journalist in Zürich.
Die Weltkonferenz der Internationalen Journalisten-Föderation fand vom 25. bis 28. Mai 2010 in Cadiz statt.

 

Links:

European Federation of Journalists (EFJ):
http://europe.ifj.org/en 

International Federation of Journalists:
http://www.ifj.org/

IFJ World Congress 2010 – A blog of the IFJ General Secretary:
http://blogs.ifj.org/en/ifj-world-congress-2010

The Newspaper Guild:
http://www.newsguild.org

 


Quellen:

IFJ (2010): Journalism. Unions in Touch with the Future». International Press Centre. Residence Palace, Block C 1040, Brussels. Belgium.

McChesney, Robert W. / Nichols, John (2010): «The Death and Life of American Journalism». Nation-Books. New York.

 


 
 

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