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31.05.2010
00:00 Von: Tepasse, Nicole

«Pro Publica» stiftet Journalismus

Investigativer Journalismus und vernachlässigte Themen kommen in den USA und Europa immer öfter mithilfe von privaten Geldgebern auf die Tagesordnung.


Von Nicole Tepasse

Guter Journalismus braucht Zeit und Geld. Investigativer Journalismus braucht in der Regel von beidem noch mehr. Gleichzeitig stehen Zeitungen und Verlage immer stärker unter finanziellem Druck. Gerade investigativer Journalismus hat es da nicht leicht, auch nicht in den USA, wo Watergate gleichermaßen als Synonym und Erfolg für eben diesen Journalismus steht. Da klang die Nachricht vor rund zweieinhalb Jahren beinahe zu gut, um war zu sein: Ein angesehener Journalist und ein äußerst wohlhabendes Ehepaar gründen eine Stiftung, die investigativen Journalismus fördern und vor allem finanzieren soll.


«Pro Publica» - Eine Erfolgstory

Der Journalist ist Paul Steiger, der bis Mai 2007 Chefredakteur des «Wall Street Journal» war. Den Start des journalistischen Versuchsballons finanzierte das Ehepaar Herbert und Marion Sandler. 30 Millionen Dollar hatten sie für die ersten drei Jahre bereits zugesagt, bevor das Projekt «Pro Publica» überhaupt aus den Startlöchern kam.

Die Ziele und Ideen, die der Newsroom «Pro Publica» hat, sind so unterstützens- wie lobenswert: Es soll Journalismus gemacht werden, der die Ausbeutung der Schwachen durch die Starken beleuchtet, heißt es auf der Internetseite. Und weiter: In bester amerikanischer Tradition sollen Politik und Wirtschaft, die Zentren der Macht, beobachtet, Skandale und unsaubere Machenschaften aufgedeckt und positive Veränderungen angestoßen werden. Hehre Ziele, die sich die Redaktion mit Sitz am Broadway in New York gesteckt hat.

Kaum drei Jahre alt ist die Stiftung Mitte April mit dem höchsten Journalisten-Preis ausgezeichnet worden. «Den Pulitzer Preis zu gewinnen, ist eine große Ehre für uns», sagt Paul Steiger, Chefredakteur von «Pro Publica». Verliehen wurde die Auszeichnung in der Kategorie ‹Investigativer Journalismus› für eine Geschichte, die über die unhaltbaren Zustände in einem Krankenhaus in New Orleans während des Wirbelsturms Katrina im Jahr 2005 berichtet hat. Der preisgekrönte Artikel spiegelt auch die Arbeitsweise von «Pro Publica»: Die Journalistin Sheri Fink hat für diese Geschichte mehr als zwei Jahre recherchiert und die Stiftung rund 400’000 US-Dollar dafür investiert. Veröffentlicht wurde die Geschichte am 27. August 2009 auf der Website von «Pro Publica» und am 30. August 2009 im Magazin der «New York Times».

«Pro Publica» arbeitet nach dem Open-Source-Prinzip: 32 festangestellte Journalisten recherchieren und schreiben Geschichten und bieten sie dann solchen Zeitungen und Magazinen an, in denen sie die größte Wirkung entfalten können – zum Nulltarif. 138 Artikel sind so allein im Jahr 2009 in mehr als 50 verschiedenen Medien in den USA veröffentlicht worden – darunter eben auch in der «New York Times», die mit Sheri Finks Artikel zum ersten Mal eine Titelgeschichte von «Pro Publica» veröffentlicht und sich nun ebenfalls über den Pulitzer Preis freut. «Die Zusammenarbeit mit anderen Zeitungen, Bloggern, Online-Medien, Fernseh- und Radiosendern funktioniert gut», resümiert Steiger das vergangene Jahr.


Unabhängig trotz Spenden

Bis Ende 2012 ist die Finanzierung von «Pro Publica» gesichert, und das nicht alleine durch die Sandler-Stiftung. Die Liste der Geldgeber ist lang und führt so illustre Institutionen auf wie die «Ford Foundation», gegründet vom Sohn des Automobilunternehmers Henry Ford, die «Hewlett Foundation», gegründet vom gleichnamigen Unternehmerehepaar hinter der «Hewlett Packard Company», sowie die «Cleary Gottlieb Foundation» der gleichnamigen, international tätigen Anwaltskanzlei u. a. für Coca Cola, Shell, Continental Airlines, Google, Microsoft, General Motors und Chrysler.

Das Problem möglicher Einflussnahmen durch die Geldgeber – über die Sandlers ist etwa bekannt, dass sie den Demokraten nahe stehen – sieht Steiger nicht: «Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben, sicherten uns die Sandlers zu, sich aus allen redaktionellen Entscheidungen herauszuhalten. Und an diese Vereinbarung haben sie sich gehalten.» Die Sandlers seien nach wie vor sehr engagiert, den «besten investigativen Newsroom in Amerika zu erschaffen», so Steiger. «Sie nehmen keinen Einfluss auf die Arbeit, die wir machen, und jeder, der mit uns arbeitet, kann uns auf der Grundlage unserer Geschichten und Recherchen beurteilen.» Und die Arbeit von «Pro Publica» sei dringend notwendig. Viele Medienunternehmen verstünden investigative Recherche heute als Luxus, den man sich nicht mehr leisten müsse. «Wir treten diesem Denken entgegen und erhalten so verantwortlichen Journalismus am Leben», sagt Steiger.


Europäische Adaptionen

Spendenfinanzierter Journalismus ist auch in Europa angekommen. Nach dem Vorbild von «Pro Publica» hat Ende April 2010 das «Bureau of Investigative Journalism» in London seine Arbeit aufgenommen. Und vor rund einem Jahr ging in der Schweiz «maiak» an den Start. Der Schwerpunkt des «Newsroom for Eastern Europe» liegt allerdings nicht auf investigativem Journalismus, erklärt Jürg Vollmer, Chefredakteur von «maiak» und bislang einziger Mitarbeiter des spendenfinanzierten Projekts. «Im Dezember 2008 habe ich mit einer Gruppe Schweizer Unternehmer diskutiert, die teilweise schon seit Sowjetzeiten Kontakte mit Osteuropa pflegten. Deren Tenor: Schweizer Printmedien berichten zu wenig über Russland, Belarus und die Ukraine. Und wenn, dann würden sie nicht den Hintergrund der Probleme und die Lösungsversuche dieser Transformationsländer aufzeigen, sondern lustlos die tagespolitische Agenda abhandeln», erinnert sich Vollmer. Da er zuvor immer wieder über «Pro Publica» gelesen habe, erklärte er den Unternehmern das Prinzip des spendenfinanzierten Journalismus und dass er für ein solches Projekt bereit sei, so Vollmer, der zuvor unter anderem für das Schweizer Fernsehen und für osteuropäische Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hat. «Drei Tage später rief mich einer dieser Unternehmer an und sagte, dass er zusammen mit seinen Freunden ein Projekt zur Verbesserung der Berichterstattung über Russland, Belarus und Ukraine finanzieren werde.» Vollmer ging nochmals über die Bücher, las alles über «Pro Publica» und stellte fest, dass das Prinzip des spendenfinanzierten Journalismus auch in der Schweiz funktionieren könnte, wenn auch nicht in der US-amerikanische Umsetzung.

Zwar bezeichnet Vollmer «Pro Publica» als Vorbild, doch mit «maiak» müsse er «einen typisch schweizerischen Weg» gehen. Im Zahlenvergleich bedeutet das: Den mehr als 30 Journalisten von «Pro Publica» steht bei «maiak» ein Chefredakteur gegenüber, der für jeden Hintergrundbeitrag geeignete freie Autoren sucht – derzeit gibt es einen Stamm von 24 freien Journalisten. «Erst wenn sich das Konzept des Funding Journalism in der Schweiz bewährt und wenn die langfristige Finanzierung einer größeren Redaktion gesichert ist, kommt ein Ausbau der Ressourcen in Frage», so Vollmer. Die Finanzierung von «maiak» ist bis 2014 gesichert, gemessen an dem Ziel, einen Hintergrundbericht pro Woche über Russland, Belarus und die Ukraine zu veröffent­lichen. Seit Mai 2010 wird der Trägerverein ergänzt durch Nichtregierungs­organi­sationen, die der Dachorganisation «Gesellschaft Schweiz-Russland» angeschlossen sind, deren Co-Präsident Jürg Vollmer ist. Dennoch: Im Gegensatz zu dem zehn Millionen US-Dollar Jahresbudget von «Pro Publica» muss «maiak» mit 150’000 Schweizer Franken pro Jahr auskommen.


Zwischen Neugier und Skepsis

«Maiak vermittelt ein vielfarbiges und differenziertes Bild von Russland, Belarus und Ukraine», ist auf der Internetseite als Losung ausgegeben, die Hintergrund­berichterstattung ist also das vorrangige Ziel. Allerdings funktioniert das «Pro Publica»-Prinzip der «maiak»-Beiträge in den Schweizer Medien derzeit noch nicht wie gewünscht. Vollmer sieht dafür verschiedene Gründe: Zum einen herrscht Skepsis gegenüber dem Konzept des spendenfinanzierten Journalismus. «Einige Redakteure glauben, Funding Journalism sei Public Relations. Sie haben das Konzept nicht verstanden», vermutet Vollmer. Zum anderen würde die journalistische Agenda von Auslandsthemen aus Afghanistan oder dem Irak bestimmt. Das nahe liegende Osteuropa werde einfach vergessen und die Frage der Relevanz für den Schweizer Leser gar nicht gestellt.

«Interessant ist das Phänomen, dass immer wieder Schweizer Redakteure von ‹Pro Publica› schwärmen und dann erklären: ‹Aber das ist bei uns nicht nötig, im Gegensatz zu den Amerikanern haben wir ja Qualitätsjournalismus›. Wenn man dann fragt, wann ihre Zeitung den letzten Hintergrundbeitrag über Belarus im Blatt hatte, herrscht Schweigen», kritisiert Vollmer. Außer der «Neuen Zürcher Zeitung» habe keine andere schweizerische Tageszeitung mehr einen eigenen Korrespondenten in Moskau. Selbst der «Tages-Anzeiger» übernehme die Russland-Berichterstattung von der «Süddeutschen Zeitung», so Vollmer.


«Funding Journalism» hat Zukunft

Die Gefahr, dass Redaktionen ihre eigenen Recherchen zurückfahren könnten, wenn sie auf kostenlose Angebote spendenfinanzierter Newsrooms zurückgreifen können, schätzt der Medienwissenschaftler Stephan Weichert als gering ein. «Jede Redaktion, die an der Stelle spart, denkt kurzfristig und schadet letztlich der eigenen Marke», sagt Weichert, für den spendenfinanzierter Journalismus ein «Grund zur Freude» ist: «Je mehr Redaktionen bereit sind, Geld für Recherchen auszugeben, desto besser.» Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation und Vorstandsmitglied bei «Netzwerk Recherche», ist überzeugt, dass spendenfinanzierter Journalismus einen immer wichtigeren Bereich im Qualitätsjournalismus bilden wird.

Auch der Chefredakteur von «maiak» will die Skepsis gegenüber dem spendenfinanzierten Journalismus abbauen: «Ich habe im Sommer Gespräche mit Auslandsredakteuren vereinbart. Zudem intensiviere ich die Kontakte zum Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ in Zürich und verschiedenen journalistischen Ausbildungsstätten», so Jürg Vollmer über seine Pläne. «Für eine neue Generation von Redakteuren wird Funding Journalism eine Selbstverständlichkeit sein.»

 

Nicole Tepasse promoviert in Medienwissenschaft und volontiert zurzeit bei der Wochenzeitung «Das Parlament» in Berlin.

 

Links:


Bureau of Investigative Journalism (London):
http://thebureauinvestigates.com/

Maiak (Zürich):
http://www.maiak.info/

Netzwerk Recherche:
http://www.netzwerkrecherche.de/

Pro Publica (New York):
http://www.propublica.org/


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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