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03.05.2010
00:00 Von: Berger, Roman

Vierte Gewalt nur noch dank Spenden?

Überall wird gekürzt, entlassen, ausgedünnt und zusammengelegt. Sind Sponsoren und Spenden der einzige Weg, um aufwendigen seriösen Journalismus zu retten? Das war eine zentrale Frage am Internationalen Kongress der Recherchierjournalisten in Genf.


Von Roman Berger, Genf


Es war ein beklemmender Auftritt. Unter dem Schutz von sieben Bodyguards eröffnete der italienische Journalist Roberto Saviano den Internationalen Kongress der Recherchierjournalisten in Genf. Nicht nur in Mexiko, Kolumbien, Irak, Pakistan oder Russland, sondern auch im «zivilisierten» Europa riskieren heute seriös recherchierende Journalisten ihr Leben. Seit der Veröffentlichung seines Beststellers «Gomorra» wird Saviano von der italienischen Mafia gejagt.


Dann herrscht das «Gesetz des Schweigens»

«Die Mafia fürchtet nicht mich – sondern meine Leser», meint Saviano. Der 31-jährige Journalist brachte es auf den Punkt: Wenn die Journalisten ihre wichtigste Aufgabe, das Recherchieren, nicht mehr wahr nehmen, weil sie, wie Saviano, um ihr Leben fürchten müssen oder weil sie – und das ist heute Normalfall – von den Verlegern weggespart werden, dann herrscht das «Gesetz des Schweigens», und als Folge davon stirbt die Demokratie.

Als «multinationales Unternehmen» sei die Mafia auch in der Schweiz tätig, erwähnte Saviano, sie hinterlasse im Unterschied zu Italien hier aber keine Blutspuren. Ähnlich wie in Italien herrsche aber auch in der Schweiz eine Art «Gesetz des Schweigens», wenn es um eigene Tabuthemen geht.


Keine Informationen in der Schweiz

Auf eine «Mauer des Schweigens» stiessen die Journalisten Myret Zaki und Lukas Hässig, als sie in der Schweiz über den UBS-Skandal recherchieren wollten. Fündig wurden sie in den USA, wo sie sich aber auch meistens mit anonymen Quellen begnügen mussten. Beide Journalisten haben ihre Recherchen auf eigenes Risiko, ohne eine Redaktion im Rücken, unternommen. Mit ihren erfolgreichen Büchern füllen sie eine Lücke im Wirtschaftsjournalismus, der in der Schweiz und international in der Berichterstattung über den Finanz- und Bankenskandal aber zweifellos versagt hat. Waren die Wirtschaftsjournalisten recherchierfaul oder einfach ideologisch blind? Auf solche Fragen gab es in Genf keine Antworten. (1)

«Alles bleibt so, wie es ist, es ändert sich nichts». So lautet der zynische Befund von Seymour Hersh (73) – und das gelte auch für «Obama-Land». Der Veteran des investigativen Journalismus in den USA weiss, wovon er spricht. Hersh hat das Massaker in My Lai (1969) während des Vietnam Krieges und den Folterskandal im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis aufgedeckt. Und weil sich so wenig ändert, ist Recherchierjournalismus für Hersh in der Demokratie vergleichbar mit der Arbeit des Sisyphus in der Steingrube, also eine Aufgabe, die immer wieder von vorne anfangen muss.


Verdeckte Manipulation der Öffentlichkeit

Während des Irak-Krieges konnten pensionierte Generäle an den US Fernsehkanälen den Zuschauern den «Krieg gegen den Terrorismus» erklären. In Wirklichkeit waren die «unabhängigen» Experten vom Pentagon bezahlt und wurden dort regelmässig instruiert, wie sie am besten die Öffentlichkeit im Sinn der Administration Bush beeinflussen konnten. Bei ihren Fernsehauftritten machten die vom Pentagon angeheuerten rund 60 Ex-Generäle gleichzeitig verdeckt Reklame für Rüstungsfirmen, mit denen sie als Lobbyisten liiert waren. Oft wurden die pensionierten Militärs sogar zu Redaktionssitzungen eingeladen, wo sie entscheiden konnten, welche Berichte ausgestrahlt werden konnten und welche nicht.

Auf diese verdeckte Manipulation der Öffentlichkeit machte David Barstow in der New York Times aufmerksam. Nach den Enthüllungen der NYT verschwanden die «pensionierten» Generäle zwar von den Bildschirmen. Barstow, der für seine Berichte 2009 den Pulitzer Preis erhielt, gab in Genf jedoch zu bedenken, dass das «Generals-Schema» sehr wohl weiter funktioniere. In der Berichterstattung über die Finanzkrise, die Klimadebatte, die Krankenversicherung, also überall, wo riesige Interessen aufeinanderprallen, träten weiter angeblich unabhängige Experten und Analytiker auf, die in Wirklichkeit gut getarnte Lobbyisten von Ölkonzernen, Banken oder der Pharmaindustrie seien. Und dies geschehe am gleichen Fernsehen, das für den Grossteil der US-Bevölkerung die einzige Informationsquelle geblieben ist.


Wie in einer belagerten Festung

Obwohl sich die NYT noch ein Team von 12 Recherchierjournalisten leistet, fühlt sich David Barstow wie in einer belagerten Festung. Noch vor 20 Jahren habe in den USA ein Journalist einem Lobbyisten gegenüber gestanden, berichtet Barstow. Heute sei das Verhältnis ein Journalist – vier Lobbyisten. «Ich fürchte um die Zukunft unserer Demokratie», bekennt Barstow. «In der Regierung und in der Wirtschaft findet eine noch nie da gewesene Machtkonzentration statt, während die 4. Gewalt an massivem Muskelschwund leidet.»

Die Krise der etablierten Medien und die entstehende Informationslücke nützen Think Tanks und Stiftungen aus. Das «Franklin Center for Government and Public Integrity» zum Beispiel finanziert in vielen US-Bundesstaaten die Ausbildung von Recherchierjournalisten und die Wiedereröffnung von Korrespondentenposten, die von grossen Medien reihenweise geschlossen worden sind. Doch wer finanziert das «Franklin Center»? Auf ihrer Website garantiert die Stiftung den Sponsoren absolute Anonymität. In Wirklichkeit ist das «Franklin Center» eine von der republikanischen Partei nahe stehenden reichen Gönnern abhängige Stiftung, wie der amerikanische Medienexperte Brant Houston herausgefunden hat.

Oder ein anderes bezeichnendes Beispiel aus den USA: Von demokratischer Seite wurde  2007 als Alternative zur Bush-Doktrin CNAS (Center for a New American Security) gegründet. Weil es dem Institut gelungen ist, namhafte Journalisten durch publizistische Aufträge an sich zu binden, erhielt CNAS das Image eines objektiven Informationsträgers. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die Regierung Obama nutzt CNAS, um ihre Sicherheitspolitik wissenschaftlich zu legitimieren. Zum Beispiel, warum die USA im Irak permanent mit einer Besatzungsarmee von 30 bis 50’000 Soldaten präsent bleiben soll. Ein Grossteil des CNAS Budget wird von Waffenproduzenten wie Boeing, Lockheed Martin, Northrop oder anderen Auftragnehmern des Pentagons finanziert. (2)

Vollständige Transparenz und Unabhängigkeit verspricht die Stiftung «Pro Publica». Dieses in New York stationierte journalistische Projekt existiert seit zwei Jahren und ermöglicht 40 fest angestellten Journalisten, zum «Wohl der Allgemeinheit» (lat. pro publica) gesellschaftlich relevante Themen zu recherchieren, im Web zu veröffentlichen und an andere Medien zu verschenken. Gewinn will und darf «Pro Publica» nicht machen, finanziert wird das von einer Familienstiftung.

Vor kurzem hat eine «Pro Publica»-Reporterin einen Pulitzerpreis gewonnen. Ihre Geschichte berichtet über dramatische Situationen in einem Krankenhaus in New Orleans während der Katrina-Katastrophe. Entstanden ist die Reportage im Rahmen einer monatelangen Recherche mit mehr als 140 befragten Personen. In den meisten Medienhäusern wäre ein solches journalistisches Mammutprojekt (geschätzte Koste etwa 300’000 Dollar) heute nicht mehr möglich. Die NYT, die als beste Zeitung der Welt gilt, hat die vorher bereits im Internet veröffentlichte Reportage in ihrem Magazin publiziert.

Zu den Abnehmern von «Pro Publica»-Recherchen gehören inzwischen zahlreiche journalistische Top Marken. «Immer mehr Medien und Fernsehketten gelangen mit Themenvorschlägen an uns, und hoffen so, gratis zu gut recherchierten Geschichte zu kommen», berichtete Stephen Engelberg, der Vertreter des «Pro Publica»-Teams in Genf.


Keine nachhaltige Lösung

Auch in den USA gibt es Stimmen, die den gesponserten Journalismus nach dem Modell von «Pro Publica» nur als notfallmässige Überbrückung zur Bewältigung der Krise verstehen: Die «Vierte Gewalt» dürfe nicht an Stiftungen wie «Pro Publica» ausgelagert werden, die von Mäzenen abhängig seien, die neben anderen wohltätigen Zwecken auch noch «Recherchieren» unterstützen würden. Investigativer Journalismus müsse wieder selbstverständliche Aufgabe des Journalismus werden. (3)

Neben der Konkurrenz des Internets gilt der Rückgang der Werbung als Hauptursache für die Medienkrise. Was aber wird geschehen, wenn die Werbung nicht mehr in der Lage sein wird, die kommerziellen Nachrichtenmedien zu finanzieren? Wenn seriöser Journalismus am Markt nicht mehr bestehen kann? Auf diese Frage antwortet Herbert J. Gans, ein bekannter Soziologe und Medienexperte in den USA: «Für die Demokratie könnte es nur von Vorteil sein, wenn die Nachrichten nicht mehr hauptsächlich von Unternehmen verbreitet werden, die Profit machen, in dem sie Leser und Zuschauer der Werbung verkaufen. Warum muss die Information der Bürger vom Shareholder Value, Wallstreet Finanzisten und Spekulanten abhängig sein?» Gans glaubt, dass die News-Media nicht so stark unter dem Einfluss ihrer Finanzisten stünden, wie oft angenommen werde. «Die Journalisten jedoch», so betont Gans, «können sich selber nicht so leicht vom korporativ kapitalistischen System distanzieren, in dem sie eingebettet sind. Ein neues Geschäftsmodell ist wünschbar und notwendig».

Für Gans hat ein integrer Journalismus Zukunft, wenn er sich auf ein breit abgestütztes, aus mehreren Quellen finanziertes Modell stützen kann, eine Kombination von Non-Profit-, kommerziell ausgerichteten sowie von Nutzern und staatlichen Mitteln gespiesenen Fonds. (4)


Information ist keine Ware, sondern ein öffentliches Gut

In den USA hat die Medienkrise dramatische Ausmasse angenommen. Deshalb waren in Genf die amerikanischen Stimmen und ihre möglichen Alternativvorschläge so gefragt. In Europa muss sich die Öffentlichkeit und die Politik zuerst noch über die Rolle der Medien und ihre Funktion in der Demokratie bewusst werden: Information befähigt den Bürger, am politischen Leben teilzunehmen. Information ist deshalb keine Ware, sondern ein öffentliches Gut, ohne das die Demokratie nicht überleben kann. «Vierte Gewalt» darf nicht im «Infotainment» des «Personality-Journalismus» untergehen. Journalismus kann nicht dem Markt überlassen werden. Wenn das von der Gesellschaft verstanden wird, dann könnte sich die Medienkrise sogar als Chance erweisen.

 

Roman Berger war Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Moskau (1991–2001) und in Washington (1976–1982). Heute ist er freier Journalist in Zürich.

Die zum sechsten Mal durchgeführte «Global Investigative Journalism  Conference» hat vom 22. bis 25. April in Genf stattgefunden. Die gehaltenen Referate und Workshops sollen online publiziert werden unter: http://www.globalinvestigativejournalism.org/. Unter dem Label http://www.investigativ.ch/ wurde in Genf eine Deutschschweizer Recherchierplattform aus der Taufe gehoben.

 

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(1) Zum Thema «Wirtschaftsjournalismus in der Krise» haben die deutschen Medienexperten Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz eine Studie veröffentlich, die bei der Otto Brenner Stiftung (Frankfurt/Main 2010) erschienen ist.

(2) WOZ Nr.13, 2010, S.28.

(3) Diese Meinung vertritt Aidan White, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Journalisten (IFJ) in der Publikation «To Tell You The Truth. The Ethical Journalism Initiatvie». Brüssel, 2008.

(4) Gans, Herbert J. (2010): «News and the News Media in the Digital Age: Implications for Democracy». In: Daedalus Magazine, Spring, p. 8-17.

 


 
 

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