Artikelsuche

Nach Stichwort


Nach Autor


Nach Rubrik


Nach Jahr


09.03.2010
00:00 Von: Tepasse, Nicole

Dokumentarfilm «Srebrenica 360°»

Das ostbosnische Städtchen Srebrenica erlangte 1995 traurige Berühmtheit: Serbische Nationalisten ermordeten während des Bosnienkrieges gegen 8000 muslimische Männer und Knaben. Der Genozid von damals ist auch heute noch präsent: Den Frauen fehlen die Männer, die Brüder, die Väter, die Söhne. Wie die Hinterbliebenen leben, erzählen sie im Film «Srebrenica 360°».


Von Nicole Tepasse

Saftig-grüne Hügel, einzelne Schleierwolken an einem strahlend blauen Himmel, Vogelgezwitscher im Hintergrund einer sonnigen Landschaft, in der die bunt gestrichenen Häuser in rot, orange und gelb leuchten und die Bäume sich im Wind wiegen. Das soll Srebrenica sein? Die Stadt, die im Juli 1995 zum Synonym geworden ist für das Massaker an Tausenden von muslimischen Jungen und Männern? Nein, die Idylle passt nicht. Auch fast fünfzehn Jahre nach dem Genozid fällt die Vorstellung schwer, dass es schön sein kann in einer Gegend, in der so Grausames geschehen ist.


Vergangenheit im Alltag

Die Schweizer Filmemacherinnen Renate Metzger-Breitenfellner und Conny Kipfer zeigen in ihrem Film «Srebrenica 360°» das ganz normale Leben: Kinder, die Fußball spielen, Arbeiter in einer Fabrik und Schüler in einem Klassenzimmer. Sie zeigen Einschusslöcher in der Schule, in Wohnhäusern und in Ruinen – das ganz normale Leben. Und sie zeichnen mit den Gesichtern und Geschichten der Bewohner Srebrenicas ein Portrait der Stadt, das verstört. «Wir wollten die Widersprüche zeigen, die sich nicht auflösen lassen», sagt Renate Metzger. Die scheinbaren Widersprüche zwischen der Fassade und dem, was sich dahinter verbirgt. Die Journalistin kennt sich aus in Srebrenica, begleitet die Menschen und ihr Leben dort seit dem Jahr 2004.

So zum Beispiel Amra Begić, die Renate Metzger schon lange kennt, die aber ihre Geschichte in dem Film zum ersten Mal erzählt. Amra Begić ist 2002 zurückgekehrt nach Srebrenica und arbeitet im nahe gelegenen Potocari Memorial Center. «Dies ist der Ort, an dem im Juli 1995 der Genozid an den Bosniaken stattgefunden hat», sagt sie in die Kamera. Die Gebäude, in denen heute an die Geschehnisse erinnert wird, waren 1995 das Hauptquartier des niederländischen UN-Blauhelm-Bataillons. Davon zeugen noch heute verblasste Schriftzüge auf Gebäudeteilen: UN steht auf einem Betonblock im Hof, und im Innern des Gebäudes hat jemand die Buchstaben an die Wand geschrieben und um die Worte «United Nothing» ergänzt.

Es fällt Amra Begić sichtlich schwer, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Sie war im Juli 1995 in Tuzla und musste über das serbische Fernsehen mit ansehen, wie die Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen, an die sie bis dahin glaubt hatte, nichts unternahmen, als die bosnisch-serbische Armee den Genozid vorbereitete.


Vor und nach 1995

Während Begićs Stimme zu hören ist, zeigen die Bilder einen Sonnenuntergang. Es ist nicht einfach, ihre Erinnerungen und die Bilder des Hier und Jetzt zusammenzubringen. Und doch gelingt es den Filmemacherinnen. Auf einen Kommentar haben sie verzichtet, um die intime Atmosphäre des Films nicht zu stören. Die Menschen sprechen für sich und ihre Stadt, in der alles in ein Vor und Nach 1995 unterschieden wird. «Ich kann nichts beginnen und nichts abschließen, ohne an 1995 zu denken», sagt Begić. Sie wünsche sich zwei Dinge: «Ich hoffe, dass mehr Menschen nach Srebrenica zurückkommen und dass alle Kriegsverbrecher gefasst werden und eine gerechte Strafe bekommen.»

Einer derjenigen, die Begić meint, ist Radovan Karadzic. Gerade wieder gingen seine Bilder um die Welt, als er vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag bestritt, dass bosnisch-serbische Truppen ein Massaker in Srebrenica verübt hätten. Alle Berichte über den Massenmord an Muslimen seien «maßlos übertrieben», so der ehemalige Serbenführer. Es seien «höchstens 2000 bis 3000» bosnische Muslime bei Kämpfen getötet worden. Und das nur zum eigenen Schutz.
 
Zum eigenen Schutz? Für die Opfer des Bosnien-Krieges ist das ein weiterer Schlag ins Gesicht – wie auch die Tatsache, dass der andere mutmaßliche Hauptverantwortliche, Ratko Mladic, nach wie vor auf freiem Fuß ist, meint Fadila Memisevic im Film. Die Präsidentin der bosnischen Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker hält ein friedliches Zusammenleben in Srebrenica für möglich, wenn die Gerechtigkeit siegt. Aber das sei ein langer Weg, «auf dem die Mütter wieder im Stich gelassen werden», sagt sie. Hass spüre sie bei den Müttern von Srebrenica nicht, aber eine große Enttäuschung.

Auch im Film ist von Hass nichts zu spüren. Aber Resignation, Trauer, Unsicherheit. Senija Purkovic, Chemielehrerin am Oberstufenzentrum der Stadt, sagt, dass über den Krieg an der Schule nicht gesprochen wird. Viele Kinder, die Verwandte verloren haben, sind traumatisiert, zudem sind die Klassen gemischt, bosniakische und serbische Kinder sitzen nebeneinander, lernen gemeinsam. Vom 50-köpfigen Kollegium sind nur sie und eine weitere Lehrerin Bosniaken. «Ich fühle mich manchmal wie ein Schaf unter vielen Wölfen», sagt sie.


«Ich sehne mich nach Leben»

Aber auch Hoffnung und der Wunsch nach einem Zusammenleben, so wie es vor dem Krieg war, haben einen Platz in der Stadt im Osten des bis heute de facto zwei geteilten Staates Bosnien-Herzegowina: Auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen – 70 Prozent der Menschen sind arbeitslos, heute leben 12’000 Bürger in Srebrenica, vor dem Krieg waren es rund 36’000 – gibt der Film auch dem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft einen Platz. Er stellt die bosnische Serbin Radmila Saran vor, die Geschäftsführerin der Frostfabrik, die stolz darauf ist, dass ihre Firma von der Geschäftsführung bis zum ungelernten Arbeiter multiethnisch ist. Oder Hajmja Dzozic, die in der örtlichen Keksfabrik arbeitet und erzählt, dass alle mit allen befreundet sind und alle mitmachen, wenn es etwas zu feiern gäbe, egal ob Beschneidung oder Taufe. Doch ohne das Zutun der Menschen, die an die Zukunft glauben, wäre das nicht möglich. Und so meint Hajmja Dzozic später im Film, dass sich die Menschen um 360° drehen müssen, damit sich Srebrenica weiter zum Positiven verändern könne. Und dieser Wille sowie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft spricht aus vielen, wie zum Beispiel aus der Kioskbesitzerin Fadila Efendic: «Ich bin Optimistin», sagt Efendic, die ihren Sohn und ihren Ehemann bei dem Völkermord verloren hat.

Nach Srebrenica ist sie zurückgekehrt, um mit der Vergangenheit zu leben. «Für meine Seele ist es leichter, hier zu leben, weil ich hier bei den Verstorbenen bin.» An ihrem Kiosk verkauft sie Blumen und Souvenirs: Blumen bedeuten für sie Leben, sagt sie, und: «Ich sehne mich nach dem Leben.» Aber Souvenirs verkaufen in Srebrenica? Das gehört zu dem «speziellen Leben» der Stadt, wie es Srebrenicas Bürgermeister Osman Suljic im Film nennt.

 

Nicole Tepasse promoviert in Medienwissenschaft über Krisen- und Kriegsberichterstattung und volontiert zurzeit bei der Wochenzeitung «Das Parlament» in Berlin.


SREBRENICA 360°: Dokumentarfilm, 55 Minuten; Sprache: Bosnisch/Deutsch/Englisch, Untertitel Deutsch/Englisch; Regie, Konzept, Kamera und Ton: Conny Kipfer; Konzept, Recherche und Interviews: Renate Metzger-Breitenfellner; Übersetzung vor Ort: Ermina Bošković; Produktion: cadrage GmbH, © 2009; DVD 16:9, 30.- Franken bzw. 20.- Euro.

 


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
Impressum: Judith Arnold, Redaktion Medienheft, Badenerstrasse 69, 8026 Zürich
Website © Medienheft: www.medienheft.ch