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20.11.2009
00:00 Von: Das, Indrani

Unterricht mit neuen Medien
Wenn der Schüler dem Lehrer voraus ist

Facebook, YouTube, Schnittprogramme, Word und Excel – die Anforderungen an die Medienkompetenz der Lehrpersonen steigen. Schliesslich sollen sie ihre Schülerinnen und Schüler – die «Digital Natives» – in ihrem Umgang mit den neuen Medien pädagogisch begleiten. Doch Medienpädagogik ist noch zu wenig im Bewusstsein der Lehrverantwortlichen verankert. So lautet die Quintessenz der 12. Jahrestagung der Pädagogischen Hochschule Zürich.


Von Indrani Das

«Medienbildung in der Schulpraxis» – gemächlich schien das Motto der Jahrestagung der Pädagogischen Hochschule Zürich auf den ersten Blick zu sein. Auf den zweiten Blick wurde jedoch zu einer kleinen Revolution ausgerufen - technischer wie didaktischer Art.

Unter «neue Medien» sind nicht Word, Excel, Powerpoint oder diverse Online-Lehrgänge gemeint, betonen die Veranstalter, sondern Facebook, YouTube, Handys und I-Phones, also Medien, mit denen die meisten Schülerinnen und Schüler gewohnheitsmässig umgehen. Nicht jedoch ihre Lehrer. «Unsere Schüler wachsen mit diesen Medien auf. Sie sind so genannte «Digital Natives». Holen wir sie also in ihrem Alltag ab», fordert die Medienpädagogin Ida Pöttinger vom Münchner Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF).

 

Schüler von heute sind «Digital Natives»

Das sieht Professor Thomas Merz Abt, Fachbereichsleiter für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, ähnlich: «Die zunehmende Durchdringung unseres Alltags mit Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien, namentlich durch das Internet, schafft völlig neue Rahmenbedingungen für die Schule.» Was bedeutet, dass «die Medien die Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler samt ihrer Lernzielen beeinflussen», so Thomas Merz Abt.

Vor zwei Jahren zeigte eine US-Studie, dass 93 Prozent aller amerikanischen Teenager im Alter von 12 bis 17 Jahren das Internet nutzen. Davon präsentieren sich 59 Prozent auf den so genannten «Web 2.0»-Plattformen wie Facebook, My Space oder Netlog. In Europa sind nach einer im Februar dieses Jahres veröffentlichten Untersuchung der MSN-Research, die im Rahmen der Safer-Internet-Initiative der EU stattfand, 75 Prozent der 6- bis 17-Jährigen im EU-Raum online. Zudem benutzt die Hälfte von ihnen regelmässig ein Handy. Welche Folgen ergeben sich dadurch für die Praxis?

 

Weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zum Lernen lehren

Bislang stand im Unterricht die Vermittlung von Wissen im Vordergrund. Historische Jahreszahlen, Formeln, Aufbau von Texten usw. Auch wenn diese oft zusammen mit neuen Fähigkeiten in Word oder Excel unterrichtet werden, Schwerpunkt bleibt das Wissen an sich. Wenn es nach den Medienpädagogen ginge, sollte nun im Unterricht neben der Wissensvermittlung eine mediale Orientierung eingeübt werden. Was konkret heisst, dass bereits in der Primarschule der Computer im Unterricht eingesetzt werden sollte – peu à peu, unterschwellig wie ein Werkzeug, sei es, um eine Geschichte digital aufzubereiten – das so genannte «digital storytelling» – sei es für die ersten Recherchen. Neben dem Einüben von medialen handwerklichen Fähigkeiten würde die Lehrperson den Schülern eine Orientierungshilfe im Online-Dschungel an die Hand geben. Die Grundfrage der Medienpädagogen lautet nach Thomas Merz Abt: «Welche Kompetenzen brauchen Schülerinnen und Schüler, um in einer von Medien geprägten Gesellschaft sachgerecht und mündig, kreativ und sozial verantwortlich handeln zu können?» Im Klartext: In einer Gesellschaft, die sich sehr schnell wandelt, in der ein erworbenes Wissen ein paar Wimpernschläge später schon nicht mehr aktuell ist, sei es wichtig, «Schülerinnen und Schüler darin zu fördern, ihren eigenen Wissensstand zu ermitteln, sich selbstständig Lernziele zu setzen und sich aufgrund aller verfügbaren Quellen Wissen zu erarbeiten. Je rascher Wissensbestände überholt sind, desto stärker müssen Schülerinnen und Schüler das Lernen an sich lernen», sagt Thomas Merz Abt.

 

Je weniger Orientierung im Internet, desto anfälliger sind die Kinder für Missbrauch

So banal die Forderung in manchen Ohren klingen mag, so dringend erscheint sie angesichts der Tatsache, dass 29 Prozent aller europäischen Teenager bereits einmal Opfer von so genanntem «Cyber-Mobbing» geworden sind, also von Verleumdungen und Hetze im Netz, oder von so genannten «Sexting», wie das Aufnehmen und Verschicken von Nacktfotos über Internet oder Handy genannt wird. Davon sind in Europa bereits 38 Prozent aller 11- bis 18-jährigen Kinder betroffen, wie eine Studie der auf britischen Stiftung «Beatbullying» im August dieses Jahres feststellte. Als Folge den Jugendlichen den Zugang zu den «Web 2.0»-Plattformen zu verbieten, sei absurd und kontraproduktiv, stellt Georg T. Roos fest. Der Luzerner Zukunftsforscher weist darauf hin, dass Jugendliche ihre Freundschaften gezielt über das Internet pflegen oder dass sie sich Sorgen machen, wenn sie keine Nachrichten über SMS oder E-Mail bekommen. «Diese sozialen Netzwerke sind für die Heranwachsenden weder cool noch fun, sondern ein Gradmesser ihrer Beliebtheit.» Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass man Jugendliche im Web 2.0 gut erreichen kann. Jugendarbeiter haben dies bereits erkannt und stellen ihre eigenen Profile schon mal ins Netlog. Mit Erfolg, wie ein Beispiel aus Uster zeigt. Dort gewannen Jugendarbeiter auch diejenigen Jugendlichen für das Uster Jugendheim, die sonst nie einen Fuss hineingesetzt hätten. Und die Lehrer?

 

Lehrer müssen das Fach Medienpädagogik büffeln

«Es gibt unzählige einzelne Lehrpersonen, Schulteams oder Schulgemeinden, die ausgezeichnete Pionierarbeit leisten», sagt der Medienpädagoge Thomas Merz Abt. «Aber es ist nach wie vor nicht gewährleistet, dass Schülerinnen und Schüler zuverlässig auf die Herausforderungen der Mediengesellschaft vorbereitet werden.» Und das obwohl Wirtschaftsorganisationen wie auch Pro Juventute und der Kinderschutz Schweiz eine massive Aufwertung der Medienpädagogik einschliesslich Informatik verlangen. Die Wirtschaftsorganisationen deswegen, weil beinahe jeder zweiter Schulabgänger die Medien beruflich nutzen wird und die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz von der Medien-Kompetenz der nächsten Generation abhängt. Und Pro Juventute und der Kinderschutz wollen die Kinder imstande sehen, die Risiken in einer Mediengesellschaft zu bewältigen. Den Grund, warum es mit der konkreten Einsetzung der Medienpädagogik im Unterricht immer noch hapert, sieht der Experte vor allem bei der fehlenden Verankerung in den Lehrplänen. Daher fehle es an Verlässlichkeit und Systematik in den öffentlichen Schulen. Zwar seien gewaltige finanzielle Beträge in die Infrastruktur investiert worden, nun gelte es jedoch, auch die pädagogischen Herausforderungen anzunehmen. Die fehlende Verankerung in den Lehrplänen führt auch dazu, dass der Stellenwert in Aus- und Weiterbildung zu tief ist. Deshalb sei eine Weiterbildung in Medienpädagogik dringend angeraten. «Ich bin zuversichtlich, dass Medienpädagogik und Medienbildung in wenigen Jahren in Aus- und Weiterbildung sowie in der Schulpraxis absolute Selbstverständlichkeit sein werden», sagt Thomas Merz Abt. Denn eines sei sicher: «Was das Lesen und Schreiben im letzten Jahrhundert an Bedeutung hatte, das kommt heute der Medienpädagogik zu.»

 

Indrani Das Schmid ist freie Journalistin in Bülach, Zürich.

Die 12. Jahrestagung der Pädagogischen Hochschule Zürich fand am 31.10.2009 im Kunsthaus Zürich statt. Es referierten u.a. Georg T. Roos, Beat Zemp und Dr. Ida Pöttinger. Auf der Podiumsveranstaltung nahmen Prof. Dr. Thomas Merz Abt, Jacqueline Fehr und Beat Zemp teil. Weitere Informationen zur Tagung sind abrufbar unter: http://www.medienbildung.ch

 

Quellen:

Beatbullying – Initiative zur Förderung von Anti-Bullying-Kampagnen in Schulen und Gemeinden: http://www.beatbullying.org

Insafe – European network of Awareness Centres promoting safe, responsible use of the Internet and mobile devices to young people: http://www.saferinternet.org

Medienbildung – ein Online-Angebot des Fachbereichs Medienbildung der Pädagogischen Hochschule Zürich: http://www.medienbildung.ch

Lenhart, Amanda/ Macgill, Alexandra/ Madden, Mary/ Smith, Aaron (2007): Report: Teens, Social Networking, Blogs, Video, Mobile, Web 2.0. Pew Research Centre’s Internet and American Life Project. December 19, 2007: http://www.pewinternet.org/Reports/2007/Teens-and-Social-Media.aspx

Steiner, Markus (2009): «38 Prozent der Teenager erhalten Sex-SMS». In: Pressetext Deutschland, 05.08.2009: http://pressetext.com/news/090805002/

Steiner, Markus (2009): «Hälfte der Teenager nutzt Web ohne Aufsicht». In Pressetext Austria, 11.02.2009: http://pressetext.com/pte.mc?pte=090211015


 
 

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