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25.10.2000
00:00 Von: Bänninger, Alex

Vom Wunder zum Unternehmen
Auch die SRG benötigt neue Strukturen

Wer führt die SRG? Der Präsident? Oder der Generaldirektor, der Fernsehdirektor der starken Region DRS, der Zentralratsausschuss? Alle ein bisschen und niemand richtig. Die Verantwortung ist schwer entdeckbar föderalistisch verzahnt. Um gegenseitige Kontrolle geht es und weniger um die zukunftsorientierte Führung.


Von Alex Bänninger

 

Strukturelle Erblast

Das Milliardenunternehmen SRG mit seinen 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steckt in einer Struktur, die den Geist der Radiopioniere beschwört. Was vor siebzig Jahren zwingend war, genügt den heutigen Ansprüchen in keiner Weise. Und doch: nach wie vor sind es dem Milizgedanken verpflichtete Genossenschaften, die sich mit ihren Freizeitgremien bemühen, eine längst professionalisierte, kommerzialisierte, digitalisierte und globalisierte Medienwelt mitzugestalten.

Angesichts dieser strukturellen Erblast ist das Funktionieren der SRG ein tägliches Wunder. Sie überbietet mit ihrer Schwerfälligkeit jede andere Institution in der Schweiz. Das Organigramm der SRG sieht aus, als hätten es ihre ärgsten Feinde gezeichnet.

 

Atemberaubender Irrgarten

Da gibt es neben der Unternehmensstruktur mit sieben Unternehmenseinheiten, fünf Stabsfunktionen, vier Funktionsbereichen und drei Organisationseinheiten die Gesellschaftsstruktur mit Zentralrat, Zentralratsausschuss und Kontrollstelle, mit sieben Mitgliedgesellschaften und fünf Regionalgesellschaften mit je eigenen Regionalräten, Regionalratsausschüssen, Publikumsräten, General- und Delegiertenversammlungen, Vorständen, Geschäfts- und Ombudsstellen.

Was als atemberaubender Irrgarten grafisch nur dreidimensional gezeigt werden kann, lässt jeden Versuch der anschaulichen Beschreibung scheitern. Nationale, regionale und lokale Instanzen heiligen das Prinzip der "checks and balances", als bestünde die SRG aus lauter Schurken. Die Hoffnung, Radio und Fernsehen in der Öffentlichkeit zu verankern und zwischen den Sprachregionen ein Gleichgewicht zu bilden, ist zur Kultur des gegenseitigen Misstrauens geworden.

Die einst ehrlich gemeinte Mitsprache des Publikums hat praktisch den Nullpunkt erreicht. Denn in den oberen, an den wichtigen Entscheidungsprozessen beteiligten Gremien sitzen zumeist Interessenvertreter jeder Couleur und Parlamentsmitglieder schön nach dem Parteienproporz.

 

Mittlere Unzufriedenheit

Für den Generaldirektor wie für die Radio- und Fernsehdirektoren läuft es auf die Quadratur des Zirkels hinaus, gegen politische Empfindlichkeiten, regionales Traditionsbewusstsein und lokales Prestigedenken die unternehmerisch als richtig und notwendig erkannten Massnahmen durchzusetzen. Das führt oft zu Halbheiten auf dem kleinsten helvetischen Nenner der mittleren Unzufriedenheit.

Die durch das Ritual der Vernehmlassungen sehr zeitaufwendigen Entscheidungsabläufe reiben sich mit der Tatsache, dass die private Konkurrenz ihre Entschlüsse erstens im Schutz des berechtigten Geschäftsgeheimnisses und zweitens mit der gebotenen Raschheit fassen kann. Das sichert Marktvorteile, die der SRG aus strukturellen Gründen abhanden kommen. Um so höher ist es zu bewerten, dass sich unsere nationale Rundfunkgesellschaft per saldo zu behaupten vermochte.

 

Beweglichkeit und Klugheit

Wie lange noch? Der Konkurrenzdruck verstärkt sich. Der Geldbedarf steigt. Der Zahlungswille für Gebühren sinkt. Die internationale Medienpolitik löst die nationale ab. Die Technik wartet mit Entwicklungen auf, die in wachsender Kadenz nach strategischen Entscheiden rufen. Blitzschnelle Innovationsfähigkeit ist gefragt. Wer Beweglichkeit und Klugheit besitzt, hat die Nase vorn. Die andern machen sich zu Wärtern ihres Medienmuseums. Diese Gefahr droht der SRG, wenn es nicht bald gelingt, das genossenschaftliche Babylon umzubauen.

Zum Bauplan gehört ein neuer Leistungsauftrag für die SRG, der sich auf wenige wesentliche Ziele beschränkt und diese glasklar formuliert. Bis zur gesetzgeberischen Verabschiedung dieses Auftrags muss nötigenfalls heftig gestritten werden. Aber es geht künftig nicht mehr an, die SRG mit widersprüchlichen und letztlich unerfüllbaren Forderungen einzudecken, die den fruchtlosen Dauerstreit geradezu bedingen. Drei präzise Sätze müssten doch genügen, um nach innen und aussen verbindlich zu erläutern, worin Sinn, Mandat und Einzigartigkeit der SRG bestehen.

 

Aktiengesellschaft als Rechtsform

Das Mass der publizistischen Eindeutigkeit bestimmt das Mass der organisatorischen Einfachheit. Der herrschende Kompetenzsalat passt jedenfalls zum heutigen Wurstkessel der programmlichen Auflagen. Und umgekehrt.

Soll es damit ein Ende und die SRG eine Zukunft haben, drängt sich die Rechtsform der Aktiengesellschaft mit breit gestreuten Kapitalanteilen auf. Generalversammlung, Verwaltungsrat, Direktion und Kontrollstelle reichen als Organe aus, um die SRG erfolggekrönt, gesetzeskonform und kostengünstig zu führen. Über die Volksaktie sichert sich das Publikum die Mitbestimmung. Die Politik hält sich eisern zurück. Dann wird aus dem täglichen Wunder ein fortschrittliches Unternehmen.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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