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25.10.2000
00:00 Von: Donges, P. & Künzler, M.

Rundfunkpolitische Modelle und ihre Diskussion in Europa

Der Beitrag wirft einen Blick auf ausgewählte rundfunkpolitische Modelle und Diskussionen ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen. Es soll gezeigt werden, wie einige der Fragen, die sich in der Schweiz im Zuge der RTVG-Revision stellen, in anderen europäischen Ländern gelöst werden. Dabei ist zu beachten, dass die einzelnen nationalen Rundfunksysteme - und damit auch die rundfunkpolitischen Modelle - in einem spezifischen politischen und kulturellen Kontext stehen, woraus sie historisch gewachsen sind. Es kann daher nicht angehen, einzelne rundfunkpolitische Entscheidungen aus diesen Kontexten herauszulösen und auf die Schweiz zu übertragen. Als mögliche Denkanstösse jedoch können sie die rundfunkpolitische Diskussion in der Schweiz bereichern.


Von Patrick Donges und Matthias Künzler 
 

Im Einzelnen werden folgende rundfunkpolitischen Problemfelder angesprochen, die auch im Aussprachepapier des Bundesrates thematisiert werden:

  • die Finanzierung des Service public
  • Beiräte für den öffentlichen Rundfunk
  • Operationalisierung und Durchsetzung des Service public

Die vorgestellten empirischen Befunde resultieren aus einem Forschungsprojekt "Modelle der externen und internen Sicherung von Service public", das mit finanzieller Unterstützung des BAKOM am IPMZ - Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. Otfried Jarren durchgeführt wurde. Der Bericht des Projektes, das in Kooperation mit dem Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg erfolgte, wird im Dezember 2000 in der Reihe "Diskussionspunkt" des IPMZ veröffentlicht.

 

1 Finanzierung des Service public

Bundesrat Leuenberger hat in einer Rede im November 1998 drei mögliche Ordnungsmodelle skizziert, in denen zukünftig der Service public in der Schweiz organisiert werden könne:

In seinem Aussprachepapier vom Januar 2000 hat der Bundesrat die beiden letztgenannten Ordnungsmodelle verworfen und hält daran fest, die Hauptlast des Service public auch weiterhin der SRG SSR idée suisse als alleinigem nationalen Veranstalter zu übertragen. Dennoch ist in der aktuellen rundfunkpolitischen Diskussion vor allem die Idee einer Produktfinanzierung weiterhin präsent, so in dem Vorschlag von Nationalrat Weigelt, einen unabhängigen Medien-Fonds zu schaffen, der die Empfangsgebühren verwaltet und daraus einzelne Programme oder Programmgefässe, jedoch keine Sender finanziert. Anklang findet diese Idee auch unter den privaten Rundfunkanbietern.

Die dominante Form der Finanzierung des öffentlichen Rundfunks in Europa ist die eines oder mehrerer Anbieter durch Empfangsgebühren. Lediglich in Spanien, Portugal und seit Januar 2000 auch in den Niederlanden wird der öffentliche Rundfunk direkt aus dem Staatshaushalt finanziert, in der Türkei durch einen Aufschlag auf die Stromrechnung bzw. einer Steuer für Elektrogeräte.

Das Modell einer Produktfinanzierung wird in Neuseeland praktiziert. Die staatliche Behörde NZ On Air bezuschusst einzelne Sendungen, wobei besonderes Gewicht auf die Sparten drama, documentary, children's and young people's programming und programming for special interest audiences gelegt wird. Vor einer Förderung nimmt NZ On Air Abklärungen vor, ob das Programm nicht anderweitig finanzierbar und welche Zuschaueranzahl erwartbar ist. Vorrangig gefördert werden terrestrische Programme der staatlichen Sender TV 1 und TV 2 sowie des privaten Anbieters TV 3. Es zeigte sich jedoch, dass subventionierte Programme von den Sendern eher ausserhalb der Primetime ausgestrahlt werden. Der Anteil national produzierter Programme hat sich durch diese Förderungspolitik nicht erhöht, sondern sich nach einem Anstieg kurz nach Einführung dieses Modells wieder auf den vorherigen Wert eingependelt. In Neuseeland wird daher diskutiert, die Förderung einzelner Programme aufzugeben und den staatlichen Sender TV 1 zumindest wieder als teilweise gebührenfinanzierten Veranstalter mit öffentlichem Auftrag zu etablieren.

Eine Gebührenfinanzierung auch privater Anbieter, wie sich die Schweiz in Form des sog. Gebührensplittings kennt und nach dem Aussprachepapier des Bundesrates weiterhin ausnahmsweise bei Standortnachteilen vorsieht, ist in anderen Ländern unbekannt. Hingegen existiert aber eine direkte staatliche Finanzierung lokaler und regionaler Anbieter, so beispielsweise in Belgien.

Die Achillesferse jeglicher Gebührenfinanzierung ist das Verfahren der Festsetzung der Gebührenhöhe. In der Schweiz erfolgt diese bislang durch den Bundesrat als Konzessionsbehörde der SRG SSR idée suisse, woran auch im Aussprachepapier festgehalten wird. Dabei ist zu beachten, dass die Möglichkeit der Festsetzung der Gebührenhöhe der Politik - zumindest theoretisch - weit reichende Einflussmöglichkeiten auf den öffentlichen Rundfunk ermöglicht. Aus diesen Gründen sind einige Länder dazu übergegangen, die Rundfunkfinanzierung stärker von der Politik zu entkoppeln. Möglichkeiten hierzu sind die Indexierung der Empfangsgebühren oder die Festlegung ihrer Höhe durch eine unabhängige Kommission.

Ein Indexierungsverfahren wird u.a. in Grossbritannien praktiziert. Dort ist die Gebührenhöhe zum einen an den Index für Einzelhandelspreise (RPI) gekoppelt, zum anderen an eine Gebührenformel, die von der britischen Regierung für mehrere Jahre im voraus festgelegt wird. Für das Wirtschaftsjahr 1999/2000 beispielsweise wurde bereits 1997 ein Gebührenanstieg von nach der Formel RPI plus 0.5 Prozent beschlossen. Seit seiner Einführung wurde das Verfahren dreimal durch unabhängige Management Consultants evaluiert. Auch Schweden kennt ein ähnliches Indexierungsverfahren, dem der Konsumentenpreis- und der Arbeitskostenindex zugrunde liegt, die endgültige Entscheidung über die Gebührenhöhe trifft jedoch das Parlament.

In Deutschland wird ein dreistufiges Verfahren zur Ermittlung der Gebührenhöhe praktiziert: Zunächst melden die Rundfunkanstalten ihre Gebührenforderungen bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) an. Diese besteht aus 16 Mitgliedern, die von den Bundesländern aus den Bereichen Wirtschaft, Technik, Medien und der Rechnungshöfe berufen werden. Auf der zweiten Stufe prüft die KEF, ob sich die Forderungen im Rahmen des Rundfunkauftrages halten, ob die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit eingehalten wurden und nimmt zur Höhe des angemeldeten Gebührenbedarfs Stellung. Auf Grundlage dieser Stellungnahme wird auf der dritten Stufe schliesslich die Höhe der Rundfunkgebühr durch einen Staatsvertrag der Länder festgesetzt, wobei allfällige Abweichungen vom Gebührenvorschlag begründet und mit den Rundfunkanstalten und der KEF erörtern werden müssen.

Angesichts der technischen Entwicklung wird derzeit in vielen europäischen Ländern über den Anknüpfungspunkt der Gebührenfestsetzung diskutiert. In den meisten Ländern ist die Gebührenpflicht bislang mit dem Besitz der Empfangsgeräte gekoppelt, was allerdings dann Probleme aufwirft, wenn der Empfang von Radio- und Fernsehprogrammen auch über Computer in akzeptabler Qualität möglich ist. In Deutschland besteht derzeit eine Schonklausel für Computer bis Ende 2004, in der rundfunkpolitischen Diskussion wurde als Alternative unter anderem eine sog. Bürgerabgabe ins Spiel gebracht. In Grossbritannien herrscht Einigkeit darüber, die Rundfunkgebühr zumindest bis 2006 beizubehalten.

Bezüglich der Finanzierung durch Werbung spricht sich der Bundesrat in seinem Aussprachepapier dafür aus, eine asymmetrische Werberegulierung zum Nachteil der SRG zu prüfen, etwa durch die Weiterführung des Werbeverbots in den SRG-Radioprogrammen, die Einführung eines Sponsoringverbots oder die Aufrechterhaltung der heute geltenden restriktiven Regeln für Unterbrecherwerbung. Insbesondere von privaten Rundfunkanbietern wird darüber hinaus ein Werbeverbot in allen Programmen der SRG gefordert, nach dem Motto: der SRG die Gebühren, den Privaten die Werbung.

Werbeverbote in den Programmen des öffentlichen Rundfunks gibt es im europäischen Raum heute in Grossbritannien für die BBC sowie den skandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen und Schweden. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich in Grossbritannien - das häufig als Referenz für die Forderung nach einem werbefreien öffentlichen Rundfunk dient - das Werbeverbot lediglich auf die nationalen Home Services der BBC beschränkt. BBC Worldwide, der kommerzielle Arm der BBC, erwirtschaftet über Joint Ventures mit privaten Medienunternehmen, Kanälen wie BBC World, BBC Prime und BBC America, sowie durch den Verkauf von Programmen der BBC rund 19 Prozent ihrer Einnahmen. Die BBC ist strikt gehalten, kommerzielle und Public Service-Aktivitäten zu trennen, was dazu dienen soll, eine Quersubventionierung von kommerziellen Aktivitäten mittels Gebührengeldern und damit eine Marktverzerrung zu verhindern. Die BBC hat interne Richtlinien für ihre kommerziellen Aktivitäten erstellt, eine interne Kommission wacht über die Trennung beider Bereiche und über die Vereinbarkeit der kommerziellen Aktivitäten mit den Public Service-Zielen. Darüber hinaus wird diskutiert, zusätzlich eine externe Aufsicht mit der Überwachung der Trennung zu betrauen.

Asymmetrische Werberegelungen zum Nachteil der öffentlichen Anbieter sind in den meisten übrigen europäischen Ländern bekannt. Zumeist wird der maximale Anteil der Werbedauer am Gesamtprogramm oder innerhalb einer einzelnen Stunde geregelt. Erwähnenswert ist daneben die 20.00 Uhr-Grenze in Deutschland, nach der keine Werbung, wohl aber Sponsoring gesendet werden darf. Erfahrungen aus Irland, das wie die Schweiz einen hohen Anteil ausländischer Programme an der Fernsehnutzung aufweist (1996 Schweiz: 65 Prozent, Irland 47 Prozent), zeigen jedoch, dass durch eine asymmetrische Werberegulierung dem Ziel der Förderung einheimischer privater Rundfunkanbieter nicht unbedingt entsprochen wird. 1990 begrenzte das irische Parlament die Höchstgrenze an jährlichen Werbeeinnahmen des öffentlichen Anbieters RTE und die von ihm zu vergebende Werbezeit, um Werbegelder von der RTE auf den neuen privaten Rundfunk umzulenken. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht, so dass bereits 1993 die Höchstgrenze für Werbeeinnahmen wieder aufgehoben wurde. In Grossbritannien ist für den werbefinanzierten, gleichwohl mit einem Public Service-Auftrag versehenen Anbieter Channel 4, der in Form einer Non-Profit-Organisation institutionalisiert wurde, ein maximaler Marktanteil an Werbeeinnahmen festgelegt worden. Zwischen 1990 und 1996 musste Channel 4, sobald seine Werbeeinnahmen 14 Prozent des gesamten Werbeaufkommens im Fernsehmarkt überschritten, die Hälfte seiner zusätzlich erzielten Einnahmen an die privaten ITV-Gesellschaften abgeben. 1997 wurden die Zahlungen auf ein Drittel des Überschusses und ab 1999 auf Null reduziert.

 

2 Beiräte für den öffentlichen Rundfunk

Gemäss seines Aussprachepapiers spricht sich der Bundesrat dafür aus, einen unabhängigen SRG-Beirat einzusetzen, der keine Aufsichtsbehörde im eigentlichen Sinne ist und weder Verfügungen erlassen kann noch ein Weisungsrecht gegenüber der SRG besitzt. Der Beirat soll die Gesellschaft in der permanenten Diskussion um den Service public repräsentieren und über dessen Entwicklung Bericht erstatten (diskursive Qualitätssicherung).

Solche Beiratskonstruktionen sind in Europa eher selten, da der öffentliche Rundfunk zumeist eng an das politische System gekoppelt ist. Mögliche Modelle lassen sich insbesondere in Grossbritannien finden. Die BBC besitzt mit dem Board of Governors ein Gremium, das eine Rahmensetzungskompetenz besitzt, jedoch nicht in das operative Tagesgeschäft eingebunden ist und somit als Aufsichts- und Kontrollinstanz zwischen Programmaufsicht und Unternehmensleitung agiert. An dieses Board of Governors sind mehrere beratende Gremien angeschlossen: die National Broadcasting Councils in Wales, Schottland und Nordirland sowie das English National Forum. Letzteres besteht aus den Vorsitzenden von zehn Regional Advisory Councils in England. Diese Beratergremien sollen die öffentliche Meinung zum Programmservice und die Interessen und Wünsche der Öffentlichkeit in den jeweiligen Regionen ermitteln, die BBC bei der Aufstellung von Zielen beraten und überwachen, ob die BBC die auf die Interessen der Regionen bezogenen Ziele erfüllt.
Auch für den privaten Rundfunk in Grossbritannien gibt es mehrere Gremien, die die Aufsichtsbehörde Independent Television Commission (ITC) beratend unterstützen:

Beraten wird die ITC ferner durch insgesamt zwölf Viewer Consultative Councils (VCC) - je einem in Wales, Nordirland und Schottland sowie neun in England. Die VCCs setzen sich aus Zuschauern unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft zusammen, die auf Grund ihrer Meldung auf Anzeigen in lokalen Medien ausgewählt wurden. Sitzungen der VCCs finden in Anwesenheit von Kommissionsmitgliedern oder Mitarbeitenden der ITC statt.

Das britische System solcher Beratungsgremien ist so angelegt, dass sich die einzelnen Gremien z.T. in ihren Aufgabenbereichen überschneiden. Dies sollte jedoch nicht als "Überregulierung" interpretiert werden. Vielmehr kommt es zu einem Wettbewerb von Regulierungsinstanzen und damit von Regulierungsmodellen, in dem auch Defizite eines Aufsichts- oder Beratungsgremium von anderen kompensiert werden können.

In Frankreich existiert ein Programmbeirat für die Holding France Télévision. Die 20 Räte des "Conseil Consultatif des programmes" werden im Losverfahren aus den Gebührenzahlern für drei Jahre rekrutiert und geben Stellungnahmen und Empfehlungen zum Programm ab.

 


3 Operationalisierung und Durchsetzung von Service public

Der Bundesrat weist in seinem Aussprachepapier darauf hin, dass in den medienpolitischen Diskussionen teilweise gefordert wird, den Grundversorgungsauftrag des Service public rechtlich in operationalisierbare Leistungsaufträge zu fassen, deren Erfüllung anhand von eindeutigen Qualitätskriterien gemessen und durchgesetzt werden müsse. Der Bundesrat ist sich jedoch bewusst, dass damit einige Probleme verbunden sind. So stellen in einer pluralen Gesellschaft die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ganz verschiedene Ansprüche an den Service public. Sie haben unterschiedliche Auffassungen, wodurch sich zum Beispiel Kultur- oder Informationsprogramme auszeichnen. Dies macht eine inhaltliche Operationalisierung justiziabler Leistungsaufträge schwierig. Präzisen Programmvorgaben steht ausserdem das Prinzip der Staatsferne entgegen.

Eine zweite Möglichkeit wäre, den Service public weniger durch Programmvorgaben zu regulieren, sondern durch Formen der prozeduralen Steuerung. Dabei wird nicht das Programm reguliert, sondern die Art und Weise seiner Produktion, etwa indem die Anbieter auf organisationsinterne Prozesse zur Ermöglichung von Qualität und Service-public-Leistungen hin verpflichtet werden.

Für beide Modelle - die enge Festlegung des Service public auf bestimmte Programmvorgaben und die prozedurale Steuerung - finden sich im europäischen Raum Beispiele.

Programmvorgaben in Form von Quoten existieren in vielen Ländern, so beispielsweise auch in Frankreich, Portugal und den Niederlanden. So ist im Programmvertrag zwischen der Regierung und dem portugiesischen Service public RTP-SA beispielsweise vorgegeben, dass mindestens 26 Stunden pro Jahr dramatische, musikalische und choreographische Werke und ebenso viele Stunden Erziehungsprogramme ausgestrahlt werden müssen, oder dass 26 Stunden Spielfilm anerkannter Autoren im Jahr übertragen werden muss. In der Niederlande wurde die Programmgestaltung auf den drei öffentlichen Fernsehkanälen quantifiziert: So sollen mindestens 35 Prozent Information und Bildung, 25 Prozent Kultur (davon die Hälfte Kunst) und maximal 25 Prozent Unterhaltung pro Kanal gesendet werden, ebenfalls müssen 50 Prozent mit Untertiteln für Schwerhörige versehen sein. In Frankreich sind Service-public-Veranstalter beispielsweise verpflichtet, in mindestens 60 Prozent der Prime Time europäische Werke und in mindestens 40 Prozent der Prime Time französische Werke auszustrahlen. Zwischen 20.30 und 22.30 Uhr dürfen pro Jahr nur 104 Filme ausgestrahlt werden.

Die Quotenregelungen in diesen beiden Ländern dienen jedoch nicht nur dazu, den öffentlichen Rundfunk auf meritorische Medienfunktionen zu verpflichten. Sie lassen sich vielmehr aus der spezifischen Situation der dortigen Mediensysteme erklären. In Portugal soll damit eine zu starke Kommerzialisierung des öffentlichen Programms verhindert werden, da dieses wegen den grossen Finanznöten sehr stark von Werbeeinnahmen abhängig ist. In den Niederlanden wird ein aussenplurales Modell praktiziert, bei dem verschiedene Rundfunkvereine ihre Sendungen dem Gesamtprogramm zuliefern. Die Quotenregelung wird damit auch den Zweck einer Art groben Strukturvorgabe zur Planung des Gesamtprogramms haben.

Formen der prozeduralen Steuerung finden sich z.T. in mehreren Ländern, am ausgeprägtesten sicherlich in Grossbritannien. Der schwedische Service public SVT definiert selber Ziele für ein zu produzierendes Programm und nimmt nach der Produktion eine Programmauswertung vor. Die einzelnen Sendungen werden mit den Service-public-Vereinbarungen und weiteren Qualitätsnormen verglichen. Weiter ist SVT verpflichtet, jährlich in einem öffentlichen Bericht darzulegen, inwieweit sie ihren Service-public-Auftrag erfüllt hat. Mit dieser Form der Selbstevaluation soll die Selbstverpflichtung auf Service-public-Ziele erhöht werden.

Ein ähnliches System findet sich in Deutschland beim WDR, der sich übrigens am Vorbild von SF DRS orientiert. In einem Zielvereinbarungsgespräch formulieren die verantwortlichen Redakteure spezifische Qualitätskriterien für ihre Sendung. Die Einhaltung der Kriterien wird über Zuschauerbefragungen und Programmanalysen ermittelt. In einem Gespräch mit der Redaktion wird über die Ergebnisse und die sich daraus ergebenden Konsequenzen diskutiert.

In Grossbritannien ist die BBC dazu verpflichtet, selbst interne Richtlinien auszuarbeiten, die sich auf den Radio-, Fernseh- und Onlinebereich erstrecken. Sie gelten sowohl für BBC-interne Mitarbeiter als auch für unabhängige Produzenten, die im Auftrag der BBC Sendungen herstellen. In den Producer Guidelines werden Fragen bezüglich Unparteilichkeit, Genauigkeit, Jugendschutz, Berichterstattung im Wahlkampf etc. geregelt. Die Commercial Guidelines legen das Verhältnis der kommerziellen Dienstleistungen zu den gebührenfinanzierten Leistungen der BBC fest.

Intern hat die BBC Stellen geschaffen, die die Einhaltung dieser selbstauferlegten Verpflichtungen überwachen. Die Programm Complaints Unit befasst sich mit schriftlichen Programmbeschwerden, die einen Verstoss gegen die Producer Guidelines in den gebührenfinanzierten Programmen betreffen. Alle Programmmacher sind verpflichtet, bei Untersuchungen mit der Beschwerdestelle zusammenzuarbeiten. Das Fair Trading Audit Committee ist eine ständige Kommission des Board of Governors, das die Einhaltung der Trennung zwischen kommerziellen und gebührenfinanzierten Aktivitäten der BBC überwacht.

Ein Mittel der Transparenz sind auch die Statement of Promises to Viewers and Listeners. Darin beschreibt die BBC ihre Dienste, Standards und Ziele, um dem Gebührenzahler deutlich zu machen, wofür sein Geld eingesetzt wird. Die Einhaltung dieser Versprechen wird später im Jahresbericht (Annual Report) evaluiert. Ein Teil der Statement of promises sind allgemein gehalten und umfassen Auszüge der in den Charter oder den internen Richtlinien festgeschriebenen Ziele (z.B. hohe Qualität, Programme für verschiedene Bevölkerungsgruppen etc.). Daneben werden aber auch konkrete Versprechen für die einzelne Dienstleistungen der BBC abgegeben. Das Statement der BBC für das Jahr 2000 beinhaltet beispielsweise die Versprechen, auf BBC Online neue Webseiten für die Wissenschaft, Kinder, Popmusik und Sport bereitzustellen, durch die Einführung neuer Technologien und Arbeitsmethoden mindestens 64 Mio. Pfund einzusparen sowie die Anzahl der Programme mit Untertiteln um konkrete Prozentwerte zu erhöhen.

Die BBC ist gesetzlich gehalten, in ihrem Annual Report Auskunft darüber zu geben, inwieweit sie die veröffentlichten Standards und Zielvorgaben in Bezug auf die gebührenfinanzierten Home Services erfüllt hat. Genannt werden müssen auch die Redaktion-Standards (editorial standards), die Massnahmen zu ihrer Erfüllung, Forschungen und Umfragen, mit deren Hilfe Bedürfnisse und Interessen des Publikums ermittelt wurden. Darüber hinaus gibt der Annual Report Auskunft über die Behandlung von Beschwerden, über Sendezeit und Kosten der einzelnen Programmtypen, die Erfüllung der rechtlichen Vorgaben wie etwa die Anzahl unabhängiger Produktionen, die Anzahl der Beschwerden, die Massnahmen zur Gewährleistung der Kosten-Effizienz sowie die Erreichung der finanziellen Zielvorgaben.

 

4 Konklusion

Zur notwendigen Stabilisierung des Service public in der Schweiz gehört es unseres Erachtens, ihn - wie im Aussprachepapier des Bundesrates vorgesehen - fest und dauerhaft an eine Organisation zu koppeln und diese nachhaltig zu sichern, d.h. ihre publizistische bzw. journalistische Autonomie und ihre Finanzierung mittels Gebühren über einen längerfristigen Zeitraum zu gewährleisten.

Die relative Autonomie des öffentlichen Rundfunkunternehmens sollte aber daran gebunden werden, dass dieses selbst Regeln für sein Handeln aufstellt. Diese betreffen beispielsweise die Sicherung der journalistischen Qualität, die Verhinderung einer zu engen Anbindung an die Ökonomie (Gefahr der Selbstkommerzialisierung), die Ausgewogenheit der Berichterstattung etc. Eine durch Gebühren finanzierte öffentliche Rundfunkorganisation sollte grundsätzlich verpflichtet werden, Transparenz über ihr Handeln herzustellen, Rechenschaft über ihre Leistungen abzulegen und sich der öffentlichen Diskussion zu stellen. Die Schaffung einer solchen Transparenz bringt nicht nur den Vorteil, das Verständnis für die spezifische Organisationsform des Service public in der Bevölkerung zu verstärken, sondern schafft auch einen gewissen Druck innerhalb der Organisation selbst, sich stärker auf (selbst gesetzte) Service-public-Ziele zu verpflichten und diese auch einzuhalten. Die hier aufgezeigten rundfunkpolitischen Modelle, insbesondere jene aus Grossbritannien, sollten dazu Denkanstösse geben.

 

Auswahlliteratur

Bundesrat (2000): Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG). Aussprachepapier des Bundesrates. 19. Januar 2000.

Hans-Bredow-Institut (2000) (Hrsg.): Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen 2000/2001. Baden-Baden: Nomos.

Hoffmann-Riem, Wolfgang/ Schulz, Wolfgang/ Held, Thorsten (2000): Konvergenz und Regulierung. Optionen für rechtliche Regelungen und Aufsichtsstrukturen im Bereich Information, Kommunikation und Medien. Baden-Baden: Nomos.

Jarren, Otfried/ Donges Patrick (2000): Medienregulierung durch die Gesellschaft? Eine steuerungstheoretische und komparative Studie mit Schwerpunkt Schweiz. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Jarren, Otfried et al. (2000): Modelle der externen und internen Sicherung von Service public (Arbeitstitel). Zürich.

Ladeur, Karl-Heinz (2000): Der "Funktionsauftrag" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - auf "Integration" festgelegt oder selbst definiert? In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 48. Jg., Heft 1, S. 93-106.

Levy, David A. (1999): Europe's Digital Revolution. Broadcasting regulation, the EU and the nation state. London, New York: Routledge.

McKinsey&Company (1999): Public Service Broadcasters Around the World. A McKinsey Report for the BBC. In: www.bbc.co.uk/info/bbc/pdf/McKinsey.pdf (Link nicht mehr aktiv)

Meier, Werner A. (1997): Öffentlicher Rundfunk in Europa. In: Zoom K&M 1997, Heft 9, S. 30-44.

Weber, Rolf H. (2000): Finanzierung der Rundfunkordnung. Zürich: Schulthess.


 
 

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