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20.03.2001
00:00 Von: Neumann-Braun, Klaus

Hass, der integriert?
Form und Funktion der Hasskommunikation in den Medien

Wer der Ex-Freundin, dem Nachbarn oder dem Chef eins "auswischen" will, ist im Internet zweifellos richtig: Anonym Rache zu nehmen, hat im World Wide Web Tradition. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit jenen Zeitgenossen, die sich in besonderer Weise mit ihren Mitmenschen auseinandersetzen - frei nach dem Motto: Zur Rache, Schätzchen!


Von Klaus Neumann-Braun 

Rache und Kunst: das Stinky Meat Project

Alles hat - wie so häufig - in den Vereinigten Staaten mit einem Projekt begonnen, dem Stinky Meat Project: Seit Monaten ärgerte sich der Systemadministrator Mahlon Smith aus Oregon über seinen Nachbarn. Dieser führte sich bevorzugt cholerisch auf und schrie jeden an, der seiner Auffassung nach zu nahe an seinem Grundstück parkte. Als Smith den Nachbarn dabei ertappte, wie er Postkarten aus fremden Briefkästen zog und las, war das Mass voll: Es war Zeit, sich zu rächen. Smith fuhr in den nächsten Supermarkt und kaufte ein Steak, drei billige Würste und Hackfleisch ein. Wieder zuhause, legte Smith das Fleisch auf einen Teller und schob es unter dem Zaun hindurch in den Garten des Nachbarn. Von da an kehrte Smith jeden Tag zum Ort der Tat zurück, machte ein Foto des Tellers - und veröffentlichte es im Internet. Das Stinky Meat Project war geboren. Sein offizielles Ziel war es herauszufinden, wie lange ein Teller mit verfaultem Fleisch in Nachbars Garten liegen kann, ohne dass dieser es bemerken und die Polizei rufen würde - so der Initiator.

Laut Netz-Zeitschrift Wired News zog dieses Projekt allein mittels Mundpropaganda innerhalb von zwei Wochen über eineinhalb Millionen Besucher an. Und diese fassten die von Smith mit skurrilen Kommentaren untermalten Bilder verrottenden Fleisches als eigenwilliges Kunstwerk auf - wie es einer der Besucher im Gästebuch der Site auf den Punkt brachte: "Das Stinky Meat Project ist absolut abstossend, aber trotzdem kann ich nicht wegsehen, es ist die abgefahrenste Soap Opera, die es je gab" (Borsch 2000:39).

Mit seiner ungewöhnlich hingebungsvollen und einfallsreichen Rache hat sich Smith in eine der ältesten Traditionen des Internets eingereiht. Schon 1983 - das World Wide Web lag noch in den Windeln - gründete sich die News Group Alt.Revenge. Dort fanden sich in der perfekten Anonymität des neuen Mediums diejenigen zusammen, die in der wirklichen und virtuellen Welt eine Rechnung zu begleichen hatten, und tauschten sich über Rachemethoden aus. Der Anspruch war hoch: Noch heute findet sich in der offiziellen Datei Frequently Asked Questions der News Group das hehre Ziel, Rache zu einer Kunstform zu erheben. 

Die banale Realität jedoch ist - wie so häufig - eine andere: Im Netz vollzogene Racheakte sind in der Regel kindisch, kleinlich, plump, obszön, rüde und zuweilen kriminell. Sie finden meist schnell ihr zahlenmässig gar nicht einmal so kleines Publikum. Was passiert aber im einzelnen, wenn der technisch weniger Versierte und der wenig Show-Kompetente im Netz aktiv wird und selbst beschimpft, bloßstellt und hasst? Neben persönlichen Zwistigkeiten (z.B.: Ex-Freund stellt seine Ex-Freundin im Netz an den Pranger) und neben den rechtsradikalen Angeboten, in denen erwartungsgemäss grauenvoller Ausländerhass inszeniert wird (www.ostara.org), gibt es "Hass-Seiten", die als Foren respektive Gästebücher es einem offenen Interessentenkreis erlauben, seinem Ärger und seiner Missgunst freien Lauf zu lassen (www.hatepage.com).

 

Rache und Alltag: die Blümchen-Hass-Page

Beispielhaft sei hier auf eine Hate-Page eingegangen, auf der man seinem Missfallen über den Popstar Blümchen Ausdruck verleihen kann (www.bacman.de). "Das Wort Hatepage (oder Hate-Page) stammt aus der englischen Sprache und kann am besten mit Hass-Seite übersetzt werden. Oft werden zu einem bestimmten Thema Dutzende Fan-Seiten (engl. Fan-Pages) geschrieben. Doch wo es engagierte Befürworter gibt, da gibt es auch engagierte Gegner: die Geburt der Hate-Pages." So ein Zitat auf der Website www.hatepage.com. Der Pop-Star Blümchen mit Jahrgang 1980 heißt mit bürgerlichem Namen Jasmin Wagner und steht seit dem 15. Lebensjahr auf der Musikbühne. Bei der HatePage handelt sich um eine Art pointierter Anti-Fan-Seite, die fast ausschliesslich von Männern frequentiert wird. Die Datenerhebung wurde in der Zeit vom April 1999 bis September 2000 durchgeführt. Auf ihr sind zahlreiche Einträge zu finden, die alle einem einzigen Thema gewidmet sind: Blümchen als Sexualobjekt! Die junge, inzwischen zwanzigjährige Popsängerin wird von den Usern umstandslos und ohne jegliches Federlesen zum Sexualobjekt degradiert und in allen, wirklich allen Hardcore-Varianten vergewaltigt - sogar vor kinderpornographischen Phantasien wird keineswegs Halt gemacht, alles scheint denk- und machbar. Und als sei das noch nicht genug, werden auch fast alle denkbaren Varianten von Strafe und Folter durchgespielt - bis zum Morden nach dem Muster der Kettensägefilme, bis zum Aufrufen von Holocaust-Szenarien, also beispielsweise dem "Vergasen unwerten Lebens". Präzisierungen seien Ihnen an dieser Stelle ausdrücklich erspart. Finden sich hier Gleichgesinnte zu einer Hate-Community zusammen, amüsieren diese den Anderen, den Fremden zu Tode? Oder ist das alles nur ein Scherz, alles nicht ernst gemeint - die Humorkeule lässt grüssen?

 

Hass: Worum geht es?

Analysiert man solche Hass-Angebote genauer, entsteht zunächst die Frage, ob alles, was hier Hass genannt wird, überhaupt Hass ist? Handelt es sich nicht um harmlosere Kommunikationsformen wie Spotten, Frozzeln, Beschimpfen oder ähnliches? Der Begriff des Hasses verweist auf eine von Feindseligkeit, von leidenschaftlicher Abneigung getragene Einstellung gegenüber anderen. Das Verb "hassen", "Hass empfinden" steht gemäss dem "Etymologischen Wörterbuch des Deutschen" in Bezug zum Kausativum "hetzen", eigentlich "hassen machen", "zur Verfolgung bringen bzw. bewegen" (Pfeifer 1989:514, 537). Grundlegend für die Sprache des Hasses ist eine spezifische Form der sozialen Kategorisierung, nämlich die der Stereotypisierung. Stereotypisierungen werden bekanntlich als übervereinfachende Gruppenurteile definiert. Es entstehen Vorurteile im Sinne feindlicher, diskriminierender Haltungen gegenüber sozialen Gruppen (vgl. Arnold / Eysenck / Meili 1971, Stichworte Stereotyp S. 2210ff. sowie Vorurteil/ S. 2508ff.; siehe auch: Stroinska 1999:544ff.). Diskriminierung meint die ungerechte Behandlung von Individuen infolge der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe - in unserem Beispiel der Gruppe der Frauen. Ohne Zweifel steckt in den Gästebucheinträgen - und es sind wahrlich nur vereinzelte Ausnahmen zu finden! - ein nicht zu übersehendes Hass-Potential: Nicht die Tanz- oder Sangeskünste des Popstars Blümchen werden kritisch bewertet, sondern sie, die junge Frau, wird aufgrund ihres Geschlechts in ein Machtszenario platziert und phantasiert, in dem sie von den männlichen Usern in letzter Konsequenz psychisch und physisch vernichtet wird. Die dabei auftauchenden Phantasien stehen den Grausamkeiten, die in den zivilisationsgeschichtlichen Arbeiten eines Hans Peter Duerr (1993) dokumentiert werden, in nichts nach!

 

Hass-Kommunikation im Internet 

Die virtuelle Hate-Community findet ihre Kohäsion im Gefühl des Hasses: Bei allen Gruppenmitgliedern ist ein spezifisches Wissen - hier: Einzelheiten über den Popstar - sowie eine von allen geteilte extrem diskriminierende Einstellung gegenüber dem Star vorhanden. Die für die In-Group-Konstitution zentrale Erfahrung gemeinsamer Kommunikationspraxis besteht in den sich über die Zeit extremisierenden Hass-Phantasien, an denen sich im übrigen auch der Webmaster beteiligt. Einige wenige Mahnungen und Aufrufe zur Mässigung, eingebracht von Out-Group-Netzteilnehmern, laufen bei den "Hassenden" ins Leere: Sie führen allenfalls zu Einträgen von Comicwörtern wie zum Beispiel "gähn...". Hass kann offensichtlich seine ihm eigene integrative Wirkung entfalten: Gleichgesinnte treffen sich im Netz und nutzen dessen Anonymität dazu, die Grenzen einer "guten" Gesellschaft vollständig zu sprengen. Kein Mass ist mehr erkennbar, alle Formen der Erniedrigung und Vernichtung werden ausgeführt. Was hier praktiziert wird, ist mit Blick auf die Frage der integrativen Funktionen der Medienkommunikation sowohl in quantitativer Hinsicht von nicht unerheblicher Relevanz als auch in qualitativer Hinsicht von Bedeutung: In solchen von den sog. Stinos, den "stink Normalen", installierten Chats und Gästebüchern findet sich ein spezifisches Hasspotential in Form von radikal inszenierten Stereotypen und Vorurteilen, die möglicherweise einer Faschisierung der Gesellschaft in die Hände arbeitet.

Aber - so liesse sich nun selbstkritisch einwenden - wird die bislang entwickelte ethische Argumentation überhaupt dem Phänomen gerecht? Heisst es in Gesprächen und Kommentaren nicht immer, dass alles nur ein Scherz und nicht so gemeint sei? Ist das Ganze ein Spuk und das Netz wie das Fernsehen eben doch ein "Nullmedium" - einem leeren Blatt gleich, das sich in jeder Sendung mit einer Zaubertinte vollschreibt, die hinterher spurlos verschwindet, weil alles eben nicht so gemeint war? 

 

"Hass"-Kommunikation in der natürlichen Gruppeninteraktion Jugendlicher

Wechseln wir den Schauplatz der Schadenfreude und blicken in den Alltag der jugendlichen User: Eigene ethnographische Studien zeigen, dass auch in ihrer normalen Gruppeninteraktion rüdeste Beschimpfungen gang und gäbe sind. Zu hören sind Aussprüche wie "Du bist ein Asso!" (d.h. ein "Asozialer") oder "Der gehört vergast!". Das Frappierende an dieser Praxis ist, dass solche Interaktionsrituale wechselseitigen Dissens Teil der normalen In-Group-Kommunikation sind. Sie dienen - in unserem Diskussionszusammenhang entscheidend - nicht dem Aufbau und Erhalt der Grenze zwischen In- und Out-Group, sondern werden als kompetitives Interaktionsspiel zwischen den Mitgliedern der eigenen Gruppe eingesetzt. Vor der Gruppe als Bühne haben die einzelnen ih-ren Auftritt und handeln im Medium der Beschimpfung ihren Status aus. Sie zeigen sich als schlagfertig und witzig: Sie fiktionalisieren und extremisieren Realitätsaspekte in der Spannung von Ernst und Unernst. Die Erniedrigung des anderen wird für alle Beteiligten - Täter, Opfer, Gaffer - zu einem ästhetischen Vergnügen. Die Jugendlichen zeigen eine betonte Lust am stilvoll Unschönen, Hässlichen, an dem die Political Correctness Attackierenden. Nichts ist mehr heilig. Selbst die Geltung einer der zentralen Sinnstiftungen unserer deutschen Nachkriegsgesellschaft, die Tabuisierung des Antisemitismus, scheint dispensiert und freigegeben als treffsichere Munition für gnaden-losen Witz und Humor (vgl. Foto von Stefan Raab in der Jugendzeitschrift YAM! Nr. 38, 13.9.00, S.16f.).

 

Humor-Hass: die Verschränkung von Ent- und Re-Normierung 

Doch zurück zu den Hass-Internetseiten: Die klassische Humorforschung lehrt uns, dass Witz mit der Realität spielt und dabei ein eigentümliches Verschränkungsverhältnis entstehen lässt, die Realität gleichermassen in Frage zu stellen wie zu bestätigen (vgl. Zijderveld 1971). Auf den Hass-Seiten wird derb zur Sache gegangen, man übertrifft sich in Anzüglichkeiten und "toppt einander" beim Extremisieren der Sexualisierung des Popstars - im übrigen prinzipiell dem Fall des "Blondinenwitzes" vergleichbar: Auch hier gilt das Spiel, den "härtesten Blondinenwitz" zu kreieren, in dem und mit dem dann das Stereotyp der ewig dummen Frau weiterlebt. Aber der jeweilige kommunikative Kontext differiert: Der Blondinenwitz wird dem realen Stammtisch erzählt, während die Blümchen-Hasser virtuell agieren. In der Anonymität des Netzes lässt sich alles an den Mann bringen, der Ent-Normierung sind keinerlei Grenzen gesetzt, Kontrollen und zurechtweisende Stellungnahmen unterbleiben. Das Frauenbild, das auf diese Weise entsteht, lässt das prekäre Geschlechterverhältnis der überwunden geglaubten vergangenen "alten Gesellschaft" wieder aufleben, in dem Männer dem anderen Geschlecht umstands- und rücksichtslos ihren Willen aufgezwungen haben bzw. nun wieder aufzwingen. Soll das aber Fortschritt sein, pointierter: der Fortschritt, der uns mit dem World Wide Web annonciert worden ist?

 

Hass im virtuellen Raum und die Kompartimentalisierung der Wirklichkeit

Festzuhalten bleibt, dass im Netz extreme Hass-Phantasien praktiziert werden, deren Geltung intersubjektiv ratifiziert wird. In normtheoretischer Perspektive ist dies ein ent-scheidender Vorgang, denn die Geltung von Norm und Moral ist bekanntlich abhängig von der zustimmenden Praxis der Gruppenmitglieder. Ist etwas aber bereits einmal angedacht und immerhin im virtuellen Raum des WWW gemeinsam verbal praktiziert worden, muss es dem alltagsrelevanten Handlungsrepertoire zugerechnet werden. Nur ein stabiles System der Kompartimentalisierung der Wirklichkeit kann sicherstellen, dass sich Betroffene, Verfolgte vor den unangenehmen Folgen solchen Hasses sicher wissen können. Nur das Wissen der User, dass man in der einen Situation etwas machen kann ohne Furcht vor Sanktionen (Kommunikationsraum WWW), das in einer anderen Situation zu eben solchen führen würde (Kommunikationsraum Alltag), garantiert Schutz. Aber wie stabil ist eine solche Unterscheidung, eine solche Grenzziehung zwischen Fiktion und Realität? Ist es ausreichend, hier auf die Medienkompetenz vieler dieser Internet-Berserker hinzuweisen (vgl. Lutz 2000:97ff.), die in medial erschlossenen Nischen hinter digitalen Schutzschildern ihr prekäres Spiel treiben?

 

Comedy und die moralische Indifferenz des Medienkapitalismus

Das Umfeld des Humor-Hasses im WWW, das gegenwärtige Medienunterhaltungssystem, arbeitet jedenfalls der Diffusion zentraler Kategorien unserer sozialen Wahrnehmung in die Hände. In Daily-Talks wird "auf Teufel komm raus" gestritten und in Comedies weidlich blossgestellt, beleidigt und beschimpft. Hinter dem Spiel mit Schadenfreude und Häme steht das grosse Geld: Zu einer Moderatorin, die er wegen ihres Lispelns zur Lachnummer gemacht hat, sagte Comedy-Star Stefan Raab unlängst, dass es sein Job sei, Spässe auf Kosten anderer zu machen, dafür werde er bezahlt, und - so Raab weiter - ihr Job sei es, bei ihrem TV-Sender darüber zu berichten, wenn er gegen einen Baum fahren würde - dafür würde sie bezahlt. Tabubruch, Schadenfreude und Schmuddelboulevard stellen seit jeher eine grosse Attraktion für das Unterhaltungspublikum dar, sie sind in jeder Hinsicht billige Türöffner auf einem übervollen, stark umkämpften Markt. Und über die gängige Comedy-Verwertung lässt sich auch dem Krudesten noch Kult-Charakter zusprechen: Plötzlich wird aus Ekel "Kult", aus Schmuddel Glamour und aus Zoten Esprit. Eine Reizspirale entsteht, der anscheinend niemand entkommen kann - und gegenwärtig im Übrigen auch nicht entkommen muss: Ist der Prozess der gegenwärtigen Auflösung gesellschaftlicher Grund-Überzeugungen nicht "cool" zu bewältigen, wenn er mit zynischer Raffinesse vonstatten geht? Die manchmal elegante Andeutung, der manchmal rüde Hinweis, das Gegenteil könnte der Fall sein, lassen bei den Beteiligten eine Überlegenheit des Augenzwinkerns entstehen, die resistent ist gegen alle Anfeindungen aus dem kulturellen Lager der öffentlich bestellten Besorgnisträger: Unterhaltung statt Ethik - so könnte das Motto lauten. Der kommerziellen Ausbeutung der neuen deutschen Lust auf Lockerheit sind Tür und Tor geöffnet, die flächendeckende Rundum-Ironisierung gilt inzwischen als "total normal"?

 

Mediengesellschaft und ihre Spasskinder: Selbstinszenierungen im Cyberspace

Skeptiker können in diesem Zusammenhang auf die grosse Attraktivität hinweisen, die Sendungen im Real-People-Format geniessen. Allem voran ist an den weltweiten Erfolg der Fernsehsendung Big Brother zu denken. Wahrscheinlich provoziert die fortschreitende Enttraditionalisierung sowie Mediatisierung - also das Aufgehen des Einzelnen in immer abstraktere und immer perfektere symbolische, strikt immaterielle Welten digitaler Daten - dass Echtes, Wahrhaftiges, Authentisches so hoch im Kurs steht. Die Suche nach der wirklichen Wirklichkeit gesellt sich bestens und eben auch notwendig - so scheint es jedenfalls - zum ironischen Spiel mit ihr. 

In den Real-People-Sendungsformaten ist das "wahre Leben" zu sehen: In Big Brother bekommen junge Menschen vorgeführt, wie man sich in Zeiten der forcierten Kulturalisierung unserer Gesellschaft gewinnbringend in Szene setzt, sich in Peer Group und Gesellschaft platziert und behauptet. Wenn der vielfach ausgezeichnete Moderator Harald Schmidt sagt, sein oberstes Ziel sei es, zitierfähig zu bleiben (Mohr 2000:142), dann kommt es allemal für junge Menschen darauf an, zitierfähig zu werden. Also heisst es für sie, auch auf dem Medienklavier kompetent spielen zu lernen - und zwar auf dem neusten, dem World Wide Web, womit im übrigen auch gleich der Grundstein für das vorherrschende Elitebewusstsein der "Internauten" gelegt ist. Nun muss nur noch ein attraktiver Programm-Gag her - zusammengefügt aus den Elementen: intelligentes, scharfsinniges Beobachten der Szene, treffsicheres Finden von Ereignissen und Leuten, über die man eigentlich nicht mehr ernsthaft zu reden braucht, aber wenigstens lachen kann und eben lachen soll (z.B.: Blümchen), dann die oben angesprochene Reizschraube kräftig, sprich "toppend", anziehen und blossstellen und entlarven auf einer nach oben hin offenen Zynismus-Skala. Die Internet-Berserker haben ihren unvermuteten Auftritt und präsentieren ihren Teil der Grundversorgung mit politisch unkorrektem Witz und Humor.

Sicher wäre es aufschlussreich, die User selbst zu ihrer Beteiligung an der Hass-Page zu hören, um auf direktem Wege in Erfahrung zu bringen, was sie mit ihren Aktivitäten im einzelnen verbinden. Die Anonymität des Netzes verhindert dies jedoch. Immerhin zeigt sich bislang, dass die Gästebucheinträge zwischen Last und Lust changieren: Sie lassen sich auf der einen Seite als Ausdruck von Orientierungsproblemen deuten, die eine von Enttraditionalisierung und Individualisierung geprägte Gesellschaft dem einzelnen zumutet. Sie verweisen auf die Last, sich in Zeiten pluralisierter Werte und moralischer Indifferenz selbst verfassen zu müssen. Der Kreis von Gleichgesinnten ist Anlaufstelle, im Schutz von Anonymität und Virtualität rückwärtsgewandte, regressive Gewaltszenarien zu entwerfen. Auf der anderen Seite ist aber auch eine Lust an der widerständigen, widerspenstigen Provokation, der Irritation und der Verrätselung der Wirklichkeit spürbar: Wenn beispielsweise in den Einträgen die Welt der "Beavis and Butthead"-Comics unvermittelt mit vormodernen Mordgelüsten zusammengedacht werden, wird augenscheinlich, dass hier mit dem Aufs-Spiel-Setzen der Wirklichkeit selbst zynisch gespielt wird.

Besonders hervorzuheben ist schliesslich die augenfällige Kompatibilität von face-to-face- und medialer Kommunikation: Das radikalisierte, extreme Dissen und Fertigmachen des anderen findet in beiden Handlungssituationen, in der virtuellen wie in der realen Kommunikation der Peer Group sowie des Unterhaltungsfernsehens à la Comedy und Talk statt. Und in diesem Moment wird endlich der Ernst greifbar, der in all diesem vielen Witz steckt: Gesellschaftlich forciert freigesetzte Individuen tragen in radikaler Weise ihre Konkurrenzkämpfe auf dem Feld des kulturellen Kapitals aus: Die Masken von Individuum und Gesellschaft werden durch groteske Überzeichnungen und Provokationen demaskiert: Übrig bleibt das - in vielerlei Hinsicht - Nackte, wovon die Hate-Pages drastisch Zeugnis ablegen. Es bleibt am Ende die Frage zu stellen, wie viel an solchem zynischen Lachen eine Gesellschaft zu bewältigen in der Lage ist, bis nicht das Lachen erstickt sondern sie selbst an eben diesem.

 

Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun ist Professor für Soziologie an der JWG Universität Frankfurt. 

Der Beitrag wurde auf dem Mediensymposium Luzern 2000 vorgetragen. Er referiert erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt mit dem Titel "Konflikt-Kultur in Alltag und Medien", das gegenwärtig im Arbeitsbereich "Familien-, Jugend- und Kommunikationssoziologie" unter Mitwirkung von Arnulf Deppermann, Axel Schmidt und Andrea Teuscher durchgeführt wird. Im Zentrum der Analyse stehen vergleichende Untersuchungen der Formen und Funktionen von Konflikt und Hass im Rahmen der natürlichen resp. der medialen Kommunikation. Fokussiert wird auf die Kommunikationspraxis Jugendlicher auf der einen und der audiovisuellen Unterhaltungspraxis auf der anderen Seite, letztere exemplifiziert an den beiden TV-Formaten Daily Talks und Comedies sowie dem multimedialen Format Hate Pages. 

 

Ich danke Krzysztof Bogudzinski, Silvester Lo Sardo, Sebastian Korsch, Markus Kütt sowie Isabelle Stier für ihre engagierte Mitarbeit an der Analyse der Blümchen-Hass-Page.

 

Literatur:

Arnold, Wilhelm, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili (Hg.) (1971): Lexikon der Psychologie. Frei-burg. Stichworte Stereotyp S. 2210ff. sowie Vorurteil S. 2508ff..

Borsch, Frank (2000): Das Stinky Meat Project. In: Zeitung zum Sonntag, 2.7.00, S. 39.

Deppermann, Arnulf / Schmidt, Axel (im Druck): Dissen. In: OBST.Duerr, Hans Peter (1993): Obszönität und Gewalt. Frankfurt.

Lutz, Ellrich (2000): Das Gute, das Böse, der Sex - zur Beobachtung des Begehrens im Container. In: F. Balke/ Staeheli, U. (Hg.): Big Brother. Beobachtungen. Bielefeld 2000, S. 97-123.

Mohr, Reinhard (2000): Eine Rakete namens Harry, in: Der Spiegel Nr. 48, S. 138-143, hier: S. 142.

Pfeifer, Wolfgang (1989): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München, 4. Aufl. 1999, S. 514, 537.

Stroinska, Magda (1999): Discourse of Black and White and Stereotyping: Some Linguistic Princi-ples of Hate-Speech. In: Jef Verschueren (Ed.): Language and Ideology. Antwerpen/ Belgium, S. 544-559.Zijderveld, Anton (1971): Humor und Gesellschaft. Graz.


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