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20.03.2001
00:00 Von: Loretan, Matthias

Stars der Selbstoffenbarung im Container
Eine spätmoderne Schlüsselszene von banaler Allwissenheit

Big Brother provoziert mit einem moralischen Tabubruch, indem das TV-Format seine "Helden" in einen Container einschliesst und rund um die Uhr mit Kameras beobachtet. Wer gegen diese Verletzung der Menschenwürde Einspruch erhebt, riskiert einen Beitrag zur Vermarktung der Sendung als Skandal zu leisten. Doch es lohnt sich genauer hinzusehen.


Von Matthias Loretan

Big Brother scheint den Lebensstil einer Gruppe zu treffen, die sowohl von der Kirche als auch von der Werbung schwer erreicht wird. Die Installation provoziert mit einem moralischen Tabubruch, indem sie ihre "Helden" in einen Container einschliesst und rund um die Uhr mit Kameras beobachtet. Wer gegen diese Verletzung der Menschenwürde Einspruch erhebt, riskiert einen Beitrag zur Vermarktung der Sendung als Skandal zu leisten. Doch es lohnt sich genauer hinzusehen: Die scheinbar unmoralische Sendung kann verstanden werden als ein ethisches Laboratorium. Die Helden beurteilen ihr Handeln nicht nach den Leitbegriffen von Gut und Böse, sondern versuchen herauszufinden, mit welchem Verhalten sie in (statt: out) sind. Die Zwänge, um auf der Bühne der Selbstdarstellung bestehen zu können, lassen sich ermessen, wenn wir statt aus einer moralischen, aus einer ästhetischen bzw. religiösen Perspektive fragen: Welches ist die geistige Verfassung einer Zeit, die ihre Stars in einen Container sperrt, damit die Zuschauenden sie mit ihren Blicken beherrschen können? Die Götter werden zu Versuchskaninchen, dem Publikum wird die Rolle des Grossen Bruders zugedient. Doch die Installation von gottähnlicher Allwissenheit könnte die Zuschauer überfordern: durch die Banalität einer beliebigen Immanenz. 

Ganz im Sinne des Trash-Formats von Big Brother: Zu Beginn die Geschmacklosigkeit eines Geständnisses bzw. das Geständnis einer Geschmacklosigkeit. Der Autor gesteht, dass er sich vor allem die sonntäglichen Wochenzusammenfassungen der beiden ersten Schweizer Staffeln von Big Brother wenn möglich regelmässig angeschaut hat. Das professionelle Interesse an der Beobachtung des Medien-Phänomens mischte sich mit dem Spass an der Unterhaltung und der Neugierde, wie sich jüngere Generationen intim verhalten und sozial orientieren. Mit überheblichem Kopfschütteln flohen sein Sohn und seine Tochter die für Zielgruppen in ihrem Alter konzipierte Sendung. Noch unangenehmer berührte sie das Interesse ihres Vaters, der jeweils sonntags vor dem Bildschirm auf die Expedition in einen ihm unbekannten Kontinent aufbrach: in die Erlebniswelten ihrer Generation. Sie fühlten sich in ihren Geheimnissen verraten und straften die kolumbianische Austauschtochter mit bösen und neidischen Blicken, wenn sich der Alte und die Neue vor dem Fernseher in der Stube darauf verständigten, welchen Leuten im Container warum ihre Sympathien galten.

Der Vater ist auch Dozent für Medienethik und Leiter eines kirchlichen Mediendienstes. Diese Rollen verlangen eine professionellere Distanz und möglicherweise auch eine politisch oder ethisch korrektere Sensibilität gegenüber menschlichen Werten und moralischen Normen. Die Bedenken, die in moralischen Diskursen gegen das Format des Programms eingewendet werden (vgl. Beiträge von Thomas Bohrmann und Wolfgang Thaenert), lassen sich in zwei Gruppen von Argumenten zusammenfassen: Zum einen verstosse die Sendung Big Brother gegen die Menschenwürde, weil sie die Privatsphäre der vorgestellten Personen verletze. Zum anderen mache die Anlage der Sendung ein geächtetes Sozialverhalten, nämlich das Mobbing, zum Spielprinzip. 

 

Moralische Kritik dreht sich im Kreise

Doch die moralische Entrüstung kirchlicher Stellen (etwa vor oder zu Beginn der ersten Staffel in Deutschland) und anderer ethisch und politisch Korrekten schürt den medienwirksamen Skandal und nützt als kontraproduktiver Effekt dem Verwertungsinteresse der beteiligten Mulitmedia-Unternehmen (vgl. Urs Meier 2000: Das Fernsehen kommt zu sich selbst). Die öffentliche Aufregung gehört zum Szenario und spannt die Widersacher ins Marketing für das neue Format ein, das umso zielsicherer seine Adressaten in Abgrenzung zur Anspruchskultur der ethisch und politisch Korrekten bzw. zu den Erlebniswelten älterer Generationen findet. Der moralischen Entrüstung begegnen die Spieler vor der Kamera sowie die Verantwortlichen von Big Brother jedenfalls mit Unverständnis. Gegen die Verletzung der Menschenwürde bzw. der Privatsphäre machen sie das Prinzip der Freiwilligkeit geltend und propagieren in grossformatigen Inseraten sogar ein "neues Menschenrecht" des Publikums: "Sie haben ein Recht auf meine Privatsphäre" - gemeint ist die Intimsphäre der Selbstdarsteller vor der Kamera - ist als Slogan mit Lippenstift auf eine Toilettenwand geschmiert. 

Wenn es um die Entgegnung des zweiten moralischen Einwandes, dem des sozialen Mobbing geht, sind die Avantgardisten der Fun-Gesellschaft erstaunlich realistisch. Auf das Wunschdenken der wohlmeinenden Elterngeneration, das soziale Leben würde sanft funktionieren und könne allen Beteiligten gerecht werden, scheinen sie wie ungläubig den Kopf zu schütteln. Big Brother bietet ihnen eine einmalige Bühne, die Aufmerksamkeit der Mitspieler und des Publikums auf sich zu ziehen. Die Zeit und die Ressourcen dazu sind allerdings knapp. Gewinnen können jene, die mit authentischer Selbstdarstellung Aufmerksamkeit und Sympathie zu binden vermögen. 

 

Das gute Leben im Container als Modell ethischen Handelns

Die moralische Entrüstung geht einen Holzweg. Die Berufung auf allgemeine Werte wie Menschenwürde scheint zu abstrakt und gerade jene spezifische Mentalität nicht zu treffen, mit der die von Big Brother anvisierten Lebensstilgruppen Fragen ethischer Orientierung praktisch lösen. In Bezug auf die normativen Konflikte im Container, lässt sich das Format Big Brother als ethisches Modell interpretieren. Das ethische Modell will und kann nicht Wertvorzugsurteile als Normen begründen oder den Vorbildcharakter einer idealen Konfliktlösung illustrieren (wie z.B. die Legende). Die Strittigkeit des Modells macht aus, dass Werte nicht als Prämissen gesetzt sind, sondern im Kontext konkreter Situationen ihre Evidenz erst erweisen müssen. In der Konkretion die Sinnhaftigkeit von Erfahrungen und Werten einsichtig werden zu lassen, macht die Kreativität dieser Argumentationsfigur aus. Die Kunst und die populäre Medienkultur werden damit zu gleichwertigen Dialogpartnern für eine offene und lernfähige Sittlichkeit. Diese Form von Moralität ist typisch für moderne multikulturelle Gesellschaften, in der Angehörige verschiedener Religionen, Weltanschauungen und Lebensstile ihr Zusammenleben auf posttraditonalem Niveau koordinieren müssen. Die Einheit bzw. Integration multikultureller Gesellschaften lässt sich nicht (mehr) an der Identität einer Tradition festmachen, sondern an der Verständigung zwischen den beteiligten Kulturen. 

Das ethische Modell von Big Brother setzt auf dem postkonventionellen Niveau einer verständigungsorientierten und lernfähigen Sittlichkeit an. Die Werte und Interessen der Bewohner im Container sind heterogen. Durch die räumlichen und zeitlichen Begrenzungen entstehen Konflikt- und Stresssituationen. Zu ihrer möglichst gewaltfreien Auflösung bietet die Anlage von Big Brother institutionalisierte Verfahren von Diskursen und Nominationen auf verschiedenen Ebenen an: 

    • Verständigungen und Nominationen zwischen den Bewohnern im Container 

    • Inszenierungen von "inneren" Monologen und von Nominationen als intime Dialoge mit dem Grossen Bruder in der Doppelgestalt von Redaktion und Publikum, von Beichtvater und verzeihender göttliche Instanz

    • Studiogespräche mit Fachleuten (Psychologe und Astrologin) und Prominenz vor Publikum über Konflikte und Erfahrungen im Container

    • Beobachtungen und Diskussionen im Medienverbund: Telefon, E-mail, Web, affirmative und kritische Diskurse in den Medien

    • Nomination von Kandidaten und Abwahlmöglichkeiten durch Beteiligung des Publikums

Untersucht man die ethischen Diskurse der multimedialen Installation von Big Brother, so dürfte die moralische Entrüstung schnell abschwellen. In Big Brother gibt es nicht keine oder gar nur eine verwerfliche Moral. Im Gegensatz zu jenen, die allgemeine, für die ganze Gesellschaft gültige Werte und Prinzipien einfordern, reicht die Moral von Big Brother zuerst einmal nur für bestimmte Lebensstilgruppen. Konstitutiv für die entsprechenden Milieus ist das Alter beziehungsweise die Zugehörigkeit zur Generation der heute 15- bis 40-Jährigen. Diese Erlebnismilieus verhandeln normative Konflikte aber weniger nach sozialmoralischen Kriterien, wie sie für ältere Generationen typisch sind, die Handlungen nach dem Schema gut / böse bewerten. Der Code, nach dem die Bewohner des Containers ihr Verhalten beurteilen, richtet sich eher nach den sozialästhetischen Leitwerten von schön / hässlich. Ein typisches Muster, mit dem etwa Bewohner ihr Handeln rechtfertigen, kann so zusammengefasst werden: "Ich will im Container etwas erleben, eine gute Zeit haben, in der es für mich und die anderen stimmt." Ziel ist ein erfülltes, authentisches Leben im Hier und Jetzt. Die (moralische) Rücksichtnahme auf die Ansprüche der Anderen ist verschlüsselt im ästhetischen Code. Diese Ästhetisierung des Alltags ist typisch für ein Multioptionen-Gesellschaft, in der Fragen des Überlebens (sozialmoralischer Code) in solchen des Erlebens (sozialästhetischer Code) aufgehoben sind (Schulze 1992: Erlebnisgesellschaft). 

Die Multimedia-Installation Big Brother bietet einen öffentlichen Spiegel an, in dem Erlebnismilieus jüngerer Generationen ihre Erfahrungen und Optionen reflektieren können. Spezifisch narrative und szenische Qualitäten nutzend, kann Big Brother normative Konflikte authentisch und mit offenem Ausgang darstellen. Das ethische Laboratorium erlaubt den anvisierten Zielgruppen eine mit Emotionen und Erfahrungen gesättigte soziale Orientierung, deren Zielwerte sie selbst mitbestimmen können. Die geniale Erfindung des Formates Big Brother besteht darin, normative Konflikte aufzugreifen und in eine spielerische Anlage zu formen. Der sozialästhetische Code mit der Leitdifferenz schön / hässlich wird übersetzt in den Code des Spiels mit der Leitdifferenz in / out: Wer darf im Container bleiben, wer muss ihn verlassen? Welche Selbstdarstellung ist in, welche out?

Gekämpft wird um Prestige, genauer um Aufmerksamkeit und Sympathie. Was zählt sind für einmal nicht Punkte und Sekunden, Resultate professioneller Leistungen also. Die kleinen Brüder im Container tun alles, um Aufmerksamkeit und Sympathie der Mitbewohner und des Publikums auf sich zu ziehen. Sie versuchen sich zu profilieren als authentische und unterhaltsame Selbstdarsteller. Authentizität und Künstlichkeit bzw. Inszenierung bilden dabei keine Gegensätze, sondern bleiben aufeinander verwiesen. Es geht nicht darum, eine professionelle Show abzuziehen, welche das Gemachte der Rollendarstellung leugnet und als authentische Inszenierung ausgibt. Big Brother bietet mehr oder weniger gewöhnlichen Menschen eine Bühne, auf der sie sich mit ihren Masken und Inszenierungen selber darstellen können. Die Herstellung ihrer Masken und Oberflächen: das Schminken, die Gespräche über die eigenen Körperformate sowie die Vorbereitung von Auftritten gehören mit zu ihrer Authentizität. Es gibt kein Leben ausserhalb der Künstlichkeit und des Zwangs zur Selbstdarstellung. Und so scheint es zur condition humaine in spätmodernen Lebenswelten zu gehören, das eigene Selbst möglichst bildtauglich zur Schau zu stellen (vgl. Dani Wintsch 2000: Zur Wirklichkeit eines Container-Lebens). In einer Art höheren zynischen Bewusstseins würde Big Brother für sich in Anspruch nehmen, zur gegenseitigen Beobachtung der Selbstdarstellungen eine Beobachtung zweiten Grades zu bieten. 

 

Übergänge zwischen der präsenten Gemeinschaft und der zerstreuten Gesellschaft

Der Container ist ein Ort der Begrenzung. Die einen empfinden ihn als ein Gefängnis und verlassen vorzeitig die Szene. In der Regel gelten die freiwilligen Aussteiger als Verlierer. Sie geben ihre Rolle, die gebotene Chance zur Selbstdarstellung auf. Das freiwillige Verlassen der Gruppe wird als Treuebruch gegenüber der Gemeinschaft wahrgenommen. Die für Big Brother konstitutive Spannung von drinnen und draussen erhält unter dem Vorzeichen der Freiwilligkeit eine interessante Umpolung: Das Drinnen (Gefängnis) wird zur Gemeinschaft, das Draussen (Freiheit) zur anonymen Gesellschaft. - Die Gemeinschaft fordert Verbindlichkeiten und strebt nach Homogenität. Sie pflegt Rücksichtnahmen und Solidarität, verlangt dafür aber nach Identifikation mit ihren Werten. - Die Gesellschaft ist nichts Kompaktes. Sie umfasst zwar die Subjekte, belässt sie jedoch in der Beweglichkeit ihrer Überzeugungen, Interessen und Handlungen. Wer das Haus verlässt, wird ausgestossen in die endlose Wüste von Freiheit und Wohlstand, von Konsum und Spass, in eine zerstreute Welt ohne Sinn und Verstand. 

Die Produzenten von Big Brother verwenden komplexeste und fortgeschrittenste Multimedia-Technologie, im Container schaffen sie allerdings eine Szene, welche die Bewohner zur Kommunikation im Hier und Jetzt, zur physischen Präsenz zwingt. Den meisten Eremiten im Container fällt nach ihren eigenen Angaben der Verzicht auf ihre Leitmedien wie Handy, Radio, Musikkonserven und Fernsehen am schwersten. Mit diesen Medien kommunizieren sie in ihrem Alltag draussen exzessiv, aber unter weitgehendem Verzicht auf die Präsenz im Hier und Jetzt und somit auf die tradierten Ordnungen von Hören und Sehen. Der Container verwehrt den Singles allerdings den Rückzug in ihre Wohnungen und die Abkehr zu den unterhaltenden Medienprogrammen. Die Sammlung aus der Zerstreuung macht den Container zu einem Hort der intimen Gemeinschaft. Im Haus der Güte buhlen die physisch Versammelten mit dauerhaftem Wohlverhalten um die Gunst der Mitbewohner drinnen und der Zuschauenden draussen. Im Drinnen entwickelt sich eine Art Puppenstube, in der unentwegt Gefühle und meistens Freundlichkeiten ausgetauscht werden. Aufgehoben in den Raum der Überblickbarkeit fühlen sich die angesprochenen Zielgruppen weniger angezogen durch spektakuläre Sexszenen, als durch jene Gesten, an denen sich die Wärme der Gemeinschaft ablesen lässt: vom Anfassen, Berühren, "Kuscheln". 

Es ist ratsam, den Blick nicht auf das intime Geschehen im Haus zu fixieren, sondern die Übergänge zwischen Drinnen und Draussen, zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft im Gesamtmedienwerk Big Brother zu studieren. Ausgeklammert bleibt das Auswahlverfahren der selbstdarstellungswilligen Kandidaten. Die Staffeln beginnen jeweils mit der feierlichen Ankunft und den Inthronisationen der bis anhin unbekannten Helden. Durch die Erwählung wird den Gewöhnlichen Dignität zugesprochen, und indirekt partizipieren alle Betrachter an dieser Dignität. Über ein komplexes Verfahren wird pro Staffel aus den Kandidaten eine Siegerin oder ein Sieger erkoren und mit den entsprechenden Insignien ausgezeichnet. 

Alle Stars bzw. kleinen Brüder müssen die intime Gemeinschaft verlassen, die einen früher, die anderen später. Sie müssen zurückkehren in die Kälte der Gesellschaft, für die meisten von ihnen erlischt das Scheinwerferlicht. Die Konkurrenz um Fun, Sympathie und Aufmerksamkeit wird weiter gehen, aber nun in der Zerstreuung als alltägliches Geschäft. Alle Kandidaten müssen zum Schluss jene verrufene Ecke passieren: die Schleuse. Ungern sprechen die Bewohner davon, ängstlich umgehen sie diese Türe. Sie ist eine Höllenpforte, die den Weg ins Nichts, hinaus in die Zuschauergesellschaft öffnet. Erbärmlich ist es mitanzusehen, wie die kleinen Brüder, deren Abwahl bevorsteht, zittern und schliesslich in sich zusammenfallen. Die Bewohner versichern sich ein letztes Mal, sich draussen zu besuchen. Aber sie wissen, es wird nicht mehr sein wie im Container. 

 

Die Immanenz der Banalität: alles sehen, nur keine Unterschiede, auf die es ankäme

Die Spannung zwischen der Wärme der Gemeinschaft und der Kälte der Gesellschaft könnte ein politischer oder ein religiöser Inhalt darstellen. Die Intimität der Szene scheint eine solche Thematisierung zu tabuisieren. Ausser den verschiedenen Stilen der Selbstdarstellung gibt es keine Unterschiede (mehr), auf die es ankäme. Es darf über alles diskutiert werden, aber alle Meinungen beanspruchen nur persönlich zu sein. Scheinbar folgenlos darf deshalb auch alles öffentlich sein. Abgenabelt von der Tagesaktualität geht Politik als Thema verloren. Und was religiöse Sprachspiele betrifft, fluchen, schwören und beten die Kandidaten. Doch alles ist Privatsache. Bei einer kurzen Gesprächssequenz über ein mögliches Leben nach dem Tod wird sorgsam darauf geachtet, dass der Frieden im Haus nicht gestört wird und der Glaube der Einzelnen ja deren persönliche Angelegenheit bleibt. Martin Meyer (Neue Zürcher Zeitung: 24./25. Februar 2001, 65) bringt es auf den Punkt: "Dem Zwang zu den Formen folgt freilich ein Verbot: bitte keine Inhalte; nur nicht kühne Meinungen, deutliche Worte. Wer heftig diskutiert, ist selber schuld."

Big Brother ist eine Medieninstallation von flexibler Immanenz und Beliebigkeit. Die Mixtur verschiedener Genres (z.B. Realitätsfernsehen, Daily-Life-Soap, Game-Show), die Mobilisierung und Vernetzung verschiedener Öffentlichkeiten (Versammlungen um den Container und im Studio, hundert Tage dauernde Life-Szene der Selbstdarsteller, die fiktionalisierenden Zusammenschnitte sowie die Durch- und Überblicke der übrigen Medien) und deren Fokussierung auf eine intime Szene ergeben ein komplexes, aber inhaltsleeres Ensemble. Gewöhnliche Menschen werden zu Stars und Göttern erkoren. Statt auf den Olymp werden diese Götter allerdings in einen Container verbannt, der im flachen Land so angeordnet ist, auf dass die Zuschauenden die Eingesperrten während vierundzwanzig Stunden live beobachten können. Die medientechnische Installation dieser vormals den Göttern zugedachten Blickposition wird den Zuschauenden angedient. Als grosse Brüder können sie von ihren kleinen Brüdern im Container alles sehen. Und aus Rache können die zerstreuten Zuschauer - vermittelt über demokratische Prozesse - Gott spielen: Sympathien zuweisen und die kleinen Götter von ihrer Insel der Glückseligkeit vertreiben - hinaus in die Finsternis der zerstreuten, aber alternativen-losen Gesellschaft. 

Die Option der in ihrer Immanenz gefangenen Trivialkultur ist selbst nicht trivial. So votiert die postmodernisierte Moderne für den Vorrang der Demokratie vor der Kunst und Philosophie. Die eher angenehme Konsequenz hieraus: "Friedliche Koexistenz aller Botschaften ohne Gewalt und ohne Gehalt; die Kultur der Bestenlisten als ewige Wiederkehr des geringfügig Anderen; Selbstbeschallung der Mediengesellschaft mit dem immergleichen immerneuen Gemisch aus Nosense und No-Nonsense; Freiheit der Wahl zwischen verschiedenen Handelsformen derselben Dekadenz; Emanzipation der Sprecher von der Zumutung, etwas zu sagen zu haben" (Sloterdijk Peter, 1999: Sphären II, 787).

Was die unangenehmen Konsequenzen des freien Botschaften-Marktes angeht, Franz Kafka hat sie um 1914 in einer kleinen Parabel beschworen:

Sie wurden vor die Wahl gestellt, Könige oder Kuriere zu sein. Nach Art der Kinder wollten sie alle Kuriere sein, deshalb gibt es lauter Kuriere. Und so jagen sie, weil es keine Könige gibt, durcheinander und rufen einander selbst ihre sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.

 

Matthias Loretan ist Dozent für Medienethik an der Universität Freiburg Ue. und Leiter des Katholischen Mediendienstes 

 

Literatur:

Bohrmann, Thomas (2001): Big Brother: Alles nur ein Spiel? Eine medienethische Anfrage. In: Medienheft Dossier 15, S. 5ff.

Meier, Urs (2000): Das Fernsehen kommt zu sich selbst. Kommunikationskultur im Zeichen von "Big Brother". In: Medienheft vom 28. August 2000: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/BigBrother.html 

Meyer, Martin In: Neue Zürcher Zeitung vom 24./25. Februar 2001, 65.

Schulze, Gerhard (1992): Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/Main, New York.

Sloterdijk Peter (1999): Sphären II: Globen. Frankfurt, S. 787.

Thaenert, Wolfgang (2001): Millionen Zuschauer können nicht irren? Rechtliche Fragen zu Big Brother. In: Medienheft Dossier 15, S. 11ff.

Wintsch, Dani (2000): Zur Wirklichkeit eines Container-Lebens. Eine Beobachtung der Beobach-ter. In: Medienheft vom 3. November 2000: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k15_BigBrother_WintschDani.html 


 
 

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