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09.10.2001
00:00 Von: Meier, Urs

Primär geht es um Programme
Gespräch mit Bakom-Direktor Marc Furrer

Nach Abschluss der Vernehmlassung über den Revisionsentwurf für das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) sieht der Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) einen breiten Konsens über die Grundzüge des Reformvorhabens. Die Resultate der bisherigen Liberalisierung in der Rundfunkordnung bewertet er nüchtern. Sie hat wohl einen Markt geschaffen und bietet mehr Auswahl, aber ein echter Meinungspluralismus ist durch die entpolitisierten Sender nicht entstanden. Die für die Willensnation Schweiz wichtigen Rundfunkleistungen muss deshalb der Service public erbringen, der zu diesem Zweck eng definiert und klar der SRG zugeordnet wird.


Ein Gespräch mit Bakom-Direktor Marc Furrer

Von Urs Meier

Nach Abschluss der Vernehmlassung über den Revisionsentwurf für das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) sieht der Direktor des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom) einen breiten Konsens über die Grundzüge des Reformvorhabens. Die Resultate der bisherigen Liberalisierung in der Rundfunkordnung bewertet er nüchtern. Sie hat wohl einen Markt geschaffen und bietet mehr Auswahl, aber ein echter Meinungspluralismus ist durch die entpolitisierten Sender nicht entstanden. Die für die Willensnation Schweiz wichtigen Rundfunkleistungen muss deshalb der Service public erbringen, der zu diesem Zweck eng definiert und klar der SRG zugeordnet wird. Das in diesem Konzept an sich nicht vorgesehene Gebührensplitting bleibt nach der Einschätzung von Marc Furrer trotzdem in der politischen Diskussion. Das Bakom gibt sich in diesem Punkt betont gesprächsbereit. Offenbar haben die heftigen Reaktionen der entsprechenden Lobbies ihre Wirkung nicht verfehlt.

Medienheft: Herr Furrer, Sie waren selbst Journalist und haben die SRG zwischen 1978 und 1988 von innen kennen gelernt. Wenn Sie zurückblicken: was hat sich - abgesehen vom äusseren Rahmen - geändert?

Marc Furrer: Als ich damals zur SRG ging, erschien das vielen als Sprung ins linke Lager. Das erstaunte mich, weil ich das selbst nicht so sah. Ich wollte ganz einfach Journalismus machen, obschon es als verwegener Schritt galt, als Anwalt zu einem Medium zu gehen. Der Hofer-Club hatte der SRG in weiten Kreisen dieses linke Image gegeben. Doch das waren grobe Klischees. Wer weiss, vielleicht ist das Radio gegenwärtig mehr links als es damals war. Heute ist das Links-Rechts-Schema glücklicherweise kein Thema mehr. Gewiss gab es - eher im Fernsehen als im Radio - Leute aus der 68er Zeit, die ihre Tätigkeit als "Gang durch die Institutionen" betrachteten. Die SRG wurde von beiden Seiten als politisches Kampfinstrument missbraucht - von den einen als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft, von den anderen als Feindbild. Das hat sich in den späten 80er Jahren gelegt. (vgl. Schneider 2001 Dossier 16 Anm. d. Red.)

 

1. Die SRG war eine Institution, heute ist sie ein Unternehmen

Medienheft: Aus heutiger Sicht kann man unaufgeregt zurück blicken. Damals wurden die Medien insgesamt und die SRG im Besonderen geradezu unglaublich ernst genommen.

Furrer: Heute herrscht generell bei den Medien eine grosse Beliebigkeit. Das Angebot ist breit und unverbindlich. Mit dem Zappen ist auf Benützerseite eine total neue Kultur entstanden. Positiv ausgedrückt haben wir es mit einer Erscheinungsform des Pluralismus zu tun. Er hat dazu geführt, dass in der Tat die SRG nicht mehr so ernst genommen wird. Sie war eine Institution, heute ist sie ein Medienunternehmen. Sie hat einen Auftrag und muss sich im Markt bewähren. Dabei muss sie aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr der Kultur der Beliebigkeit anpasst und nur noch trendige Sendungen macht, sondern gemäss ihrer Zweckbestimmung auch gegen den Strom schwimmt und die nötige Ernsthaftigkeit pflegt.

Medienheft: Sie haben gesagt, die SRG war eine Institution. Wenn man es noch weiter zuspitzt, könnte man formulieren: die SRG war die Schweiz. Die Kämpfe um die SRG waren Kämpfe um die Schweiz.

Furrer: Die Vorstellung von den Medien als der Vierten Gewalt im Staat verführte dazu, den Medien - und ganz besonders der SRG - die absolut dominierende Rolle bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung zuzuschreiben. Verfügungsgewalt über die Medien wurde gleichgesetzt mit politischer Macht. Das war natürlich eine grenzenlose Überschätzung der Medien. Deshalb der Kampf um die SRG. Hinzu kam, dass die Auseinandersetzung um die SRG zu einem politischen Modethema geworden war. Es gibt in der Politik solche wechselnden Zankäpfel. Heute hat man sich auf andere Themen verlegt. 

Trotzdem, die SRG-Medien haben eine gewisse Macht. In der Radio- und Fernseh-Information sind sie immer noch führend. Deshalb darf man jetzt nicht den umgekehrten Fehler machen und die SRG unterschätzen. Die politischen Querelen von damals waren von Hektik geprägt. Immerhin haben sie aber gewissermassen den Humus geschaffen für eine offenere Rundfunkpolitik; das heisst man setzte richtigerweise auf Konkurrenz statt auf Programmkontrolle. Die Lösung konnte ja nicht darin bestehen, eine lückenlose Aufsicht über die Radio- und Fernsehsendungen einzurichten. Nebenbei bemerkt: Ich habe das in der DDR bei Radio-live-Berichten über Sportveranstaltungen erlebt. Jede Direktreportage wurde von Zensoren kontrolliert und mit einer Verzögerung von etwa zwanzig Sekunden ausgestrahlt. Das ist eben die einzige Art, Live-Medien wie Radio und Fernsehen totalitär in den Griff zu bekommen. - Wie gesagt, die politischen Aufregungen um die SRG waren eine der Ursachen für die Errichtung einer pluralistischen Ordnung.

 

2. Die entstandene Vielfalt ist kein Meinungspluralismus

Medienheft: Stichwort Pluralismus. Irgendwann zwischen den 70er und den 90er Jahren hat sich der Wandel vollzogen, den gesellschaftlichen Pluralismus anzuerkennen. Vorher gab es das heimliche Leitbild, eigentlich müsste man sich einig sein. Mit der Diskussion um die Postmoderne kam das Bewusstsein, dass man in einer modernen Welt nicht einig sein kann, dass eben Pluralismus herrscht. Da erst wurde dieser Umstand ohne Vorbehalt bejaht, und dies wiederum war wohl eine weitere Voraussetzung für die Schaffung einer pluralistischen Medienordnung.

Furrer: Das stimmt. Bloss haben wir bei Radio und Fernsehen den Nachteil, dass die entstandene Vielfalt kein Meinungspluralismus ist. Auch bei der Presse bin ich übrigens nicht sicher, ob wir tatsächlich ein breites Meinungsspektrum haben. Bei der Öffnung der Rundfunkordnung gab es die Erwartung, Privatfernsehen werde das "andere Fernsehen" sein. Das ist es nicht geworden. Entstanden ist vor allem ein unpolitisches Fernsehen. Es geht darum, Geld zu machen, und das hat mit Pluralismus wenig zu tun. Wenn ich mich über Politisches informieren will, dann sind immer noch die Service-public-Sender der SRG die zuverlässigsten und fundiertesten Quellen. Der Anspruch eines Lokalradios ist halt ein anderer. Der grosse Meinungspluralismus findet deshalb in den elektronischen Medien kaum statt. Die Schweiz ist dafür ein zu kleiner Markt. Beim Fernsehen: Was macht TV3? Sie fahren die Information zurück und geben viel Geld für den Big Brother aus. Sie sind nicht schlechter und besser als alle anderen Privatsender - auch verglichen mit jenen im Ausland. Es geht halt ums Überleben, aber ein grosser Zusatz an Meinungspluralität ist davon nicht zu erwarten. Von daher schätze ich übrigens die Sendungen von Roger Schawinski. Er bemüht sich, Information zu machen, oft als Talk und nicht in aufwändiger Form. Mehr erlaubt der enge Markt vermutlich kaum. Sicher bringt auch Presse TV inhaltlich Interessantes - aber auch das ist halt nur punktuell. Vielleicht wird das Internet auf Dauer die Hoffnungen auf Pluralismus besser erfüllen. Es ist allerdings dem Print näher als dem Rundfunk.

 

3. Die Integrationsleistung der Medien und die Idee der Schweiz

Medienheft: Für den Service public wird nicht nur die Information als Argument ins Feld geführt, sondern auch die Integrationsleistung. Man hat die Vorstellung, ein Mediensystem könne die soziale und kulturelle Wirklichkeit so abbilden, dass die Gesellschaft sich mit sich selber verständigen kann. Die Nachfrage nach dieser Leistung könnte mit der Zeit schwächer werden, weil kein so grosses Bedürfnis mehr vorhanden ist, sich als Einheit zu verstehen.

Furrer: Ich frage mich, ob jemals beim einzelnen Bürger diese Lust auf Integration vorhanden ist. Es gibt gewisse Aufgaben staats- und kulturpolitischer Art, die mit der Übernahme von Verantwortung verbunden sind. Die Willensnation Schweiz zusammen zu halten, ist keine Frage des Bedürfnisses, sondern das ist eine klassische politische Aufgabe. Hier im zweisprachigen Biel ist es vielleicht ein wenig anders, aber andernorts ist das kein primäres Anliegen der Leute. Immerhin wissen es viele zu schätzen, in einem Land mit so verschiedenen Eigenheiten friedlich zusammen zu leben. Die kulturellen Eigenarten sind so, dass das Land eigentlich zentrifugal auseinander driften müsste. Und doch leben wir mit wenig Konflikten zusammen. Das ist eine Leistung der Willensnation Schweiz, und es ist eine Aufgabe der Politik, sie zu ermöglichen. Die SRG trägt sicher mit dem Leistungsauftrag ihren Anteil dazu bei. Darin liegt eine wichtige raison d' être der SRG. Nun muss man die Integrationsleistung nicht, wie es zeitweilig gemacht wurde, volkspädagogisch verstehen. Wir wissen ja, dass kaum ein Deutschschweizer die Programme der italienischen oder französischen Schweiz tatsächlich verfolgt. Wichtig hingegen ist die politische Haltung, die sich im Interesse an einem gewissen Programmaustausch ebenso zeigt wie in der solidarischen Finanzierung einer gleichwertigen Versorgung der Landesteile. Darin äussert sich ein gegenseitiger Respekt, und darin sehe ich die entscheidende Integrationswirkung. Diese von Solidarität geprägte Idee der Schweiz ist für mich zeitlos. Sie wird sich nicht überholen. Deshalb ist der Service public für mich kein Auslaufmodell - so wenig wie die Schweiz eines ist.

Medienheft: Die NZZ, die ja als durchaus staatserhaltendes Organ gilt, hat zum Ersten August in einem Leitartikel konstatiert, der emotionale Bezug zur Schweiz sei am Schwinden. Wachsende Teile der Gesellschaft empfänden die Schweiz eher als Ensemble von Dienstleistungen. So lange der Service o.k. sei, habe man zu keinen Klagen Anlass, aber ein patriotisches Nationalgefühl sei in der jüngeren Generation selten. Was ist mit dem Service public, wenn das Interesse an der Idee Schweiz schwindet?

Furrer: Auch ich stelle fest, dass junge Leute sich eher Europa oder einer Weltgemeinschaft zugehörig fühlen als der Schweiz. Was ich aber ebenfalls sehe, ist eine starke Beziehung zum Wohnort, zur engeren Heimat. Im übrigen ist es für mich nichts Beunruhigendes, wenn die Leute keine Tränen mehr kriegen bei Alphornklängen und Schweizerfahnen. Denn die gleichen Leute sind ja trotzdem gerne Schweizerinnen und Schweizer. Und das hat nicht nur mit der Qualität der Dienstleistungen zu tun, denn die sind ja vielleicht in Deutschland nicht schlechter als in der Schweiz. Selbst in der EU haben die Nationalstaaten noch immer eine recht grosse Bedeutung. Die europäischen Länder tun sich ja zum Teil schwer mit der Integration, etwa mit der Einführung des Euro. Trotzdem ist klar: der übersteigerte Nationalismus ist vorbei. Er hat einem nüchternen Hang Platz gemacht, an Bewährtem und Liebgewordenem festzuhalten.

 

4. Das RTVG löst ein Verteilungs- und ein Leistungsproblem

Medienheft: Ist diese "Identität Schweiz" der eigentliche Grund, weshalb wir noch ein RTVG brauchen?

Furrer: Nein, das ist nicht der Grund. Weshalb wir den Rundfunk nicht wie die Presse oder das Internet behandeln, liegt an einem Verteilungs- und Leistungsproblem. Das Verteilungsproblem steckt in den beschränkten Frequenzen. Das Radio- und Fernsehgesetz muss die Verteilung mit Priorisierungen regeln. Das Leistungsproblem liegt ursprünglich darin begründet, dass man den Rundfunkmedien traditionell eine grössere Suggestivkraft zuschrieb als etwa den Printmedien und deshalb eine Kontrolle postulierte. Diese Kontrollidee besteht heute nicht mehr, aber man stellt fest, dass der Markt gewisse erwünschte Leistungen nicht von sich aus erbringt. Deshalb fordert man gesetzlich die Erbringung solcher Leistungen, z.B. Information und Kultur bei den Inhalten und gleichwertige Angebote für die Landesteile. Interessanterweise sind bei den Reaktionen auf das RTVG diese beiden Gründe für die besondere Regelung von Radio und Fernsehen, eben der Verteilungs- und der Leistungsaspekt, kaum bestritten worden.

Medienheft: Was aber zum Teil kritisiert wird, ist die lange Dauer der Gesetzgebungsprozedur. Nach optimistischer Annahme kann das neue RTVG im Jahr 2004 in Kraft treten. Bis dahin kann sich im Umfeld noch vieles verändern. Besteht nicht die Gefahr, dass die Revision zwangsläufig zu spät kommt?

Furrer: Beim Fernmeldegesetz mussten wir ein ganz anderes Tempo anschlagen, weil dort diese Gefahr tatsächlich drohte. Wir kamen dann rechtzeitig mit dem neuen Gesetz. Beim Radio und Fernsehen ist der Druck bei weitem nicht so gross. Die einzigen, denen es zu lange dauert, sind die Privatsender, die ungeduldig auf die Lockerung der Werbevorschriften warten. Allerdings ist noch nicht entschieden, ob es zu einer vorgezogenen Teilrevision kommt. Die parlamentarische Initiative von Ständerat Carlo Schmid, Präsident von "Werbung Schweiz", verlangt dies. Ob jedoch das Parlament zum Beispiel die Alkoholwerbung wie gewünscht liberalisieren wird, ist noch nicht ausgemacht. (Der Initiative wurde am 26.9.2001 Folge gegeben; Anm. d. Red.).

Wie auch beim Fernmeldegesetz streben wir beim RTVG ein Rahmengesetz an, das für eine gewisse Zeit Bestand haben wird. Das Gesetz konzentriert sich mehr auf gesellschaftspolitische und weniger auf technische Aspekte, und deshalb wird es nicht so bald wieder überholt sein. Auch aus diesem Grund bin ich gegen Teilrevisionen, die auf Druck einzelner Interessen erfolgen. Eine Medienregelung ist ein Gesamtsystem, und wenn man da gewisse Dinge herausbrechen würde, wäre das nicht gut.

 

5. Für eine klare und griffige Definition von Service public

Medienheft: Ein wichtiges Kennzeichen des Entwurfs ist die enge Fassung des Begriffs Service public. Wir haben das im Medienheft positiv kommentiert, haben aber trotzdem Zweifel, ob es politisch durchsetzbar ist. Diese Regelung wird von mehreren Seiten gleichzeitig attackiert. Die einen wollen den Begriff des Service public lieber möglichst weit haben, damit alle Veranstalter Gebühren bekommen können. Und die anderen erklären den Begriff für völlig überholt und politisch unbrauchbar.

Furrer: Die Mehrheit der Reaktionen in der Vernehmlassung ist für einen fassbaren und daher eingeschränkten Service-public-Begriff. Das Problem der Umsetzung bleibt natürlich bestehen. Deswegen haben wir den SRG-Beirat vorgeschlagen: Der Inhalt des Begriffs soll im Diskurs definiert werden. Für uns war dies übrigens eine Quintessenz aus dem Kulturbericht 1999 des Bundesamts für Kultur BAK. Was das Gebührensplitting betrifft, bin ich sehr skeptisch. Es ist unbestritten, dass auch Private ausgezeichnete Sendungen machen. Deshalb müssen wir den Service public enger verstehen und mit einer bestimmten Gesamtleistung in Verbindung bringen. Dies führte uns dazu, den Service public klar an die SRG zu binden, die dementsprechend als einziger Veranstalter einen kontrollierten Leistungsauftrag zu erfüllen hat. Das heisst dann aber für die SRG umgekehrt, dass sie nicht auch noch alle Vorteile eines Privaten haben kann bei der freien Betätigung auf dem Markt. 

Medienheft: Hätte es sich nicht nahe gelegt, ein SRG-Gesetz zu machen, um diesen Unterschied zu unterstreichen?

Furrer: Es geht eben nicht nur um die SRG, sondern beispielsweise allgemein um die Frequenzen, um den Zugang zu den Technologien, um die Werbeordnung. Klar ist jedoch, dass der Staat im Rundfunk weniger als bisher gestalten soll, und dass es sich dort, wo er gestaltend eingreift, primär um die SRG handelt.

Medienheft: Das RTVG ist SRG-freundlich, weil es zur Erfüllung der hohen Leistungserwartungen einen starken nationalen Veranstalter braucht. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die SRG für den kleinen Medienmarkt Schweiz eigentlich zu mächtig ist.

Furrer: Ich habe Verständnis für derartige Klagen. Es ist schwierig, neben der SRG überhaupt existieren zu können, insbesondere im Fernsehen. Was ist die Alternative? Wir könnten die SRG-Medien kleiner machen, der SRG einzelne Kanäle wegnehmen. Bloss müssten wir dann aufpassen, dass wir nicht am Ende zwei oder drei mittelkleine Unternehmen hätten, die keinen guten Service public mehr bieten könnten. Den Markt grösser machen können wir nicht. Wir kommen also nicht daran vorbei, dass wir einerseits einen starken Service public-Veranstalter brauchen und dass es andererseits deswegen private Veranstalter in der Schweiz sehr schwer haben.

 

6. Zu viel oder zu wenig Regulierung?

Medienheft: Um in dem kleinen Markt ein gewichtiges Service public-Unternehmen zu ermöglichen, setzt der Entwurf einen klaren, ordnungspolitisch einigermassen konsequenten Rahmen. Und dies wiederum hat die Kritik ausgelöst, das RTVG gebe dem Staat zu viel Einfluss auf den Rundfunkmarkt, es werde allgemein zu viel reguliert.

Furrer: Die Regelung sorgt unter anderem dafür, dass die notwendigerweise grosse SRG in dem kleinen Markt nicht alles machen kann. Deshalb braucht es zum Beispiel für Spartenprogramme die Bewilligung des Bundesrates. Die SRG soll nicht alle an die Wand drücken. Deshalb die Regulierungen. An sich finde ich es eine eher müssige Diskussion, wenn man sich über zu viele Regeln beklagt. Der Einwand, das RTVG betreibe eine Überregulierung, hat übrigens die SRG zuerst vorgebracht - ausgerechnet! Der Hintergrund ihres Arguments ist der Wunsch, alle Privilegien zu haben und möglichst wenig Einschränkungen hinnehmen zu müssen. Das entspricht weder meiner noch Bundespräsident Leuenbergers Vorstellung von einem Service public-Unternehmen. Die Privilegierung hat Grenzen! Im übrigen führen viele Vorschläge der Vernehmlassung zu mehr Regulierung. Aber wir schauen das jetzt an - wir wollen ja selbst auch nur das regeln, was man wirklich regeln muss.

Medienheft: Die Privaten haben sich umgekehrt fast darüber beklagt, dass bei ihnen jetzt zu wenig reguliert werde. Vorher gab es auch von privater Seite die Kritik an zu vielen Einschränkungen, und jetzt, da sie weitgehend in den freien Markt entlassen werden und keine Konzession mehr benötigen, beklagen sie sich, man nehme sie zu wenig ernst. 

Furrer: Wir müssen gesetzlich dort eingreifen, wo es nötig ist. Was sollen wir ein Satelliten-Radioprogramm konzessionieren? Entweder findet der Veranstalter einen Kabelbetreiber, der sein Programm überträgt und ein Publikum, das es hören will oder eben nicht. Warum soll der Bundesrat darüber entscheiden? Wenn die Zugangsbedingungen eines Privatprogramms erfüllt und die Frequenzen vorhanden sind, soll der Markt entscheiden. Dieses Konzept ist bei den Privaten grundsätzlich auf Zustimmung gestossen. Mehr Regelung möchten sie da, wo es um Gebühren geht, damit sie Ansprüche anmelden können. 

 

7. Gebührensplitting als Verhandlungsmasse?

Furrer: Es wurde nun neun Jahre lang immer geschimpft über das Gebührensplitting: ordnungspolitischer Sündenfall, Giesskannenprinzip, Bürokratie, Landwirtschaftspolitik! Wir haben das gehört und die Konsequenzen gezogen. Wir wollen tatsächlich diesen Verteilaufwand nicht mehr betreiben, der zwei Beamte und einen höchst komplizierten Schlüssel erfordert. Es ist wie immer in diesem Land. Alle kritisieren die Subventionen, aber wenn diese dann abgeschafft werden sollen, kommt das Lamento. Ich verstehe es, wenn Kleine so reagieren, auch bei Herrn Schawinski begreife ich es noch, aber wenn gewisse Verleger ihre Forderungen nach Gebührenanteilen mit zivilem Ungehorsam gegen die geltenden Gesetzesvorschriften (sie drohen mit illegaler Unterbrecherwerbung) durchsetzen wollen, fehlt mir das Verständnis. Ein anderer Fall ist beispielsweise Teleticino. Dieser Privatsender wird sich nach dem neuen Gesetz neben der grossen SRG ohne einen Rappen aus Gebührengeldern behaupten müssen. Wenn Herr Lombardi sich da ungerecht behandelt fühlt, ist das einigermassen verständlich. Nochmals etwas anderes sind die zahlreichen Kleinst-Lokalfernseh-Veranstalter in der Westschweiz. Man darf sicher von ihnen erwarten, dass sie sich - wenn man ihnen doch Gebühren geben würde - in lebensfähigeren grösseren Verbänden organisieren. Wir haben die Aufhebung des Gebührensplittings als Diskussionsanreiz verstanden, und die Debatte läuft. Was wir brauchen, sind klare Kriterien für die Verteilung. Und wenn der Gesetzgeber in dem Punkt mehr regulieren will als der Entwurf, dann habe ich kein Problem. Bloss vom jetzigen Giesskannensystem beim TV möchte ich weg kommen. 

Medienheft: Sie stellen sich darauf ein, dass in der Frage Gebührensplitting das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Furrer: Ich kann nicht sagen, ob wir auf diesen Punkt zurückkommen. Sicher sind wir offen für die Argumente.

Medienheft: Wird das RTVG im Jahr 2004 - nennen wir es mal so - das letzte Radio- und Fernsehgesetz sein?

Furrer (lacht): Sicher das letzte, das ich revidieren werde. Eigentlich müssten wir das Radio- und Fernsehgesetz sowie das Fernmeldegesetz zu einem Kommunikationsgesetz zusammenfassen. Vielleicht tut jemand im Jahr 2010 oder 2015 diesen mutigen Schritt und macht etwas gesetzgeberisch Neues. Doch solange wir bei Radio und Fernsehen die Verteil- und die Leistungsproblematik haben, werden wir immer in irgendeiner Form ein RTVG brauchen. Radio und Fernsehen trifft die Menschen direkter als das Fernmeldewesen. Deshalb wird im Radio- und Fernsehbereich auch eher wieder der Ruf nach Gesetzesrevisionen kommen. Und, seien wir ehrlich, bei den Ansprüchen, die ans Gesetz gestellt werden, geht es immer auch um pekuniäre Vorteile. Weder Zuschauervereinigungen noch Kirchen noch Parteien haben gross eine Gesetzesreform gefordert. Es sind die Interessen an Gebührengeldern und Werbeeinnahmen, welche die Diskussion prägen. Dazu muss ich einfach sagen, das ist ja o.k., aber primär geht es doch um die Qualität der Produkte, nämlich der Programme.

Medienheft: Besten Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch mit Marc Furrer fand am 3. August 2001 in Nidau bei Biel statt. Die Fragen stellte Urs Meier, der auch die Niederschrift besorgte.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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