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25.01.2002
00:00 Von: Meier, Urs

Kathedralen und Topfkollekten
Religiöse Präsenz in der urbanen Welt

Modernes Leben ist urban geprägt. Mobilität, Kommunikation und Konsum sind Kennzeichen einer städtischen Lebensweise, die nicht nur in Citys, sondern auch in Agglomerationen und den wenigen verbliebenen ländlichen Gegenden vorherrscht. In dieser urbanen Kultur haben die traditionellen Grosskirchen eine Randposition. Einzelne erfolgreiche Versuche der kirchlichen Adaptierung an die Welt der Stadt sind Ausnahmen geblieben. In ihrer Struktur sind die Kirchen ländlich orientiert. Sie lernen erst allmählich eine systematische öffentliche Präsenz aufzubauen, die den urbanen Kommunikationsweisen entspricht.


Von Urs Meier

Seit der Gründung der ersten Stadtsiedlungen vor fünftausend Jahren im Vorderen Orient war urbanes Leben immer ein Motor der kulturellen Entwicklung. Die Bildung von Städten setzte geschichtsmächtige Kräfte frei. Arbeitsteilung und Handel sind genuin städtische Entwicklungen und ermöglichten sowohl die Akkumulierung von Besitz und Macht wie die allgemeine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Differenzierte gesellschaftliche Systeme und ausgedehnte staatliche Herrschaftsräume basierten auf der kulturellen Dynamik und wirtschaftlichen Macht von Städten.

Diese Prozesse der Verdichtung von Ressourcen und der daraus entstehenden Anziehungs- und Strahlungskräfte bestimmten auch die religiöse Rolle der frühen Städte. Sie waren Zentren von Kulten, die das Leben der Menschen und die geordnete Machtausübung einbanden in die natürlichen Kreisläufe und in den göttlich geschaffenen, das Chaos zurückdämmenden Kosmos. Die archaische Religion kann aus heutiger Sicht verstanden werden als eine kulturelle Technik der Kommunikation zwischen dem Greifbaren und dem Unbegreiflichen. Sie hielt das Ganze der Welt zusammen, und ein Zweifel an ihrer Wirksamkeit war nicht denkbar. Das Religiöse war dermassen alltäglich und seine Relevanz in einer Weise selbstverständlich, dass es nicht als isolierbarer Bestandteil von Kultur und Gesellschaft wahrnehmbar und demgemäss auch nicht kritisierbar war. Sein Stellenwert entsprach am ehesten dem der heutigen Medien: allgegenwärtig, umfassend, die Wahrnehmung lenkend, die Vorstellungen prägend, das Weltganze repräsentierend und einen globalen Lebensraum konstituierend. Nicht zufällig wird das Phänomen der Medienkommunikation immer wieder in Kategorien des Religiösen beschrieben, ja als dessen Transformation in die moderne Lebenswelt erkannt. 

 

Ort der Freiheit

Wenn auch Städte so verschieden sind wie die Kulturen, denen sie zugehören, und wie die Epochen, in denen sie lebten, so gibt es doch Konstanten der Urbanität. Aus der Verdichtung von Kommunikation und wirtschaftlichem Handeln erzeugt die Stadt eine permanente Entwicklungsdynamik. Das Leben wird beschleunigt. Städte sind Orte der Eile. Sie treiben kulturelle Veränderungen voran, indem sie der Abweichung Raum geben. Urbanes Leben ist ein Labor gesellschaftlicher Entwürfe und Konflikte. Es gewährt Individuen und Gruppierungen ein erhöhtes Mass an Freiheit, wenn auch meist nicht freiwillig und nicht ohne Kampf und Streit. Je mehr die Möglichkeit des Abweichens genutzt wird, desto weiter fächert sich das Angebot von Meinungen, Weltanschauungen, Glaubenshaltungen. Mit der Wahlfreiheit handeln sich die Menschen allerdings einen Zwang zur Entscheidung ein. Doch die Last der Autonomie war ihnen stets leichter als das Joch der Fremdbestimmung. Die Stadt ist der idealtypische Ort der aktiven und passiven Freiheit: denken und tun zu können, was man für richtig hält und sich zu nichts zwingen zu lassen. Mit der wachsenden Menge von Menschen, Kommunikationsströmen, Lebensmustern und Subkulturen entfällt zunehmend die soziale Kontrolle. In die Stadt kann man eintauchen, man kann anonym leben, Milieus und Szenen aussuchen und beweglich bleiben. Die Anonymität der Stadt wird immer wieder als Befreiung empfunden. Städte waren im Mittelalter Orte der (relativen) politischen und wirtschaftlichen Freiheit. Seit der Aufklärung wurden sie auch zu Biotopen der freien, autonomen Person.

In wirtschaftlich hoch entwickelten Ländern relativieren sich die Grenzen zwischen Stadt und Land. Durch die allgemeine Intensivierung der Wirtschafts- und Kommunikationsvorgänge breiten sich die Merkmale der urbanen Lebensweise immer weiter aus. Der ländliche Raum und erst recht die junge Siedlungs-Mischform der Agglomeration sind stark von städtischen Lebensmustern überformt. Solche Vermengungen durchdringen auch individuelle Verhaltensweisen, sodass es zur "Ungleichzeitigkeit" etwa von Arbeitswelt und Privatsphäre, von Medienkonsum und Dorfkultur, von nachgeahmten Lifestyles und propagierten Werten kommt. 

 

Verstädtert und von tradierter Religion entfremdet

Im Mittelalter war die Kirche fest ins urbane Ensemble integriert. Sie hatte Teil am Wachstum und an der Vermehrung der Städte, an der Blüte von Kultur und Gelehrsamkeit und - nicht zuletzt dank dem Latein als lingua franca - an der intensiven Kommunikation und Vernetzung, die ganz Europa in eine geistige und wirtschaftliche "Globalität" integrierte. In den historischen Wandlungen von Neuzeit, Aufklärung, Industrialisierung, liberaler Revolution und Moderne vollzog sich eine fortschreitende Desintegration des Religiösen. Die Kirchen verloren den selbstverständlichen Platz mitten im sozialen Gefüge, indem es für die Menschen möglich wurde, ihre Beziehung zu den religiösen Bräuchen, Lehren und Autoritäten selbständig zu bestimmen. Urbane Optionenvielfalt lockerte die kirchlichen Zwänge. Durch die zunehmend praktizierte Religionsfreiheit löste sich das Band der kirchlichen Tradition, das bis in die Neuzeit die ständische Gesellschaft als Einheit zusammengehalten hatte. Mit dem Wegfall dieser religiösen Klammer war der Weg frei für die stürmischen Prozesse der Pluralisierung, die in der postmodernen Welt des anything goes ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden haben.

Der Zusammenhang von Urbanität und Entkirchlichung ist auch heute evident. Kirchenaustritte sind umso häufiger, je städtischer ein Gebiet geprägt ist. Und je deutlicher in ländlichen Lebensräumen die Elemente urbanen Lebens Einzug halten wie Mobilität, Mediennutzung und Konsumorientierung (alles im jeweils weitesten Sinn des Wortes), desto schwächer sind die traditionellen kirchlichen Bindungen. In den Kerngebieten grösserer Städte ist diese Entfremdung am grössten. 

 

Städtische und ländliche Ideale

Aus der Perspektive der Anfänge wäre die Entkirchlichung der Städte eigentlich nicht zu erwarten. Das Christentum begann nämlich in der Antike als eine ausgesprochen urbane Religion. Es breitete sich entlang den Handelswegen im römischen Reich aus und gewann Anhänger in den weltoffenen Mittelschichten der Handwerker, Händler und Beamten. Der paganus, im Wortsinn "der auf dem Land Lebende", wurde im kirchlichen Sprachgebrauch "der Nichtglaubende, der Heide". Auch im Mittelalter blieben die Städte Zentren des Glaubens, was mit dem Bau grosser Kirchen eindrücklich manifestiert wurde. Zwar waren auch die ländlichen Regionen mittlerweile christianisiert, doch so ganz vermochte die christliche Lehre sich gegen die alten Kulte und Mythen bei weitem nicht überall durchzusetzen. Vielmehr entwickelte sich vielerorts ein christlich verbrämter Synkretismus, in dem autochthone Religionen und handfester Aberglaube eine erhebliche Rolle spielten und von den kirchlichen Autoritäten oft mehr schlecht als recht im Zaum gehalten wurden.

Neuzeit und Aufklärung verliehen dem Stadtleben, wie bereits dargelegt, neue Qualitäten. Städte waren nun eher Synonyme der Entdeckung, der Neuerung, der forschenden Wissenschaft und der autonomen Person als der wahren Überlieferung und des reinen Glaubens. Es mag erstaunen, dass ausgerechnet als Begleiterscheinung zur Emanzipation der kritischen Vernunft das Bild vom unverdorbenen Landleben in Schwang kam. In seiner Funktion als kompensatorische Ideologie zu den urbanen Umwälzungen ist es jedoch verständlich. Es nahm Gestalt an in den Naturidealen und der Primitivenverherrlichung der Aufklärung, in den Idyllen des Rokoko, im Weltbild der Romantik und zieht sich bis in die Wandervogel-Bewegungen und grünen Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts. 

 

Die historische Verländlichung der Kirchen

Auch im religiösen Denken hielt das Ideal des Ländlichen Einzug. Je mehr die urbane Kultur sich von den Kirchen emanzipierte, desto gesünder erschien die angeblich nicht von kritischen Geistern infizierte Religiosität auf dem Land. Verstärkt wurde diese Tendenz von einem in gleicher Richtung wirkenden historischen Umbruch ganz anderer Art. Die Reformation definierte kirchliche Autorität neu. Nicht die bischöfliche Hierarchie, sondern die jedem Christen zugängliche Bibel galt als Richtschnur. Zwar blieb die Realisation dieses vergleichsweise demokratischen Prinzips in den Reformationskirchen lückenhaft und konfliktträchtig. Aber es führte immerhin zu einer Aufwertung der Gläubigen und der von ihnen gebildeten Gemeinden. Das Ideal des mündigen, in Glaubenssachen urteilsfähigen Kirchenvolks verlangte für seine Verwirklichung nach allgemeiner Bildung und religiöser Unterweisung. Die kirchlichen Autoritäten wurden jedoch auch von der Reformation nicht abgeschafft. Doch statt in Kult und Hierarchie waren sie nun wesentlich in der Institution der Predigt verankert.

Die - bei den verschiedenen Konfessionen unterschiedlich starke - Abstützung der kirchlichen Organisation auf die Basisstruktur der Parochien oder Gemeinden führte in der Konsequenz zu einer "Verländlichung" der Kirchen. Denn Urbild der Parochie ist immer das Dorf: der überschaubare Lebensraum, in dem die Menschen eine leicht zu kontrollierende Gemeinschaft bilden. Begriffe und Sprachbilder widerspiegeln dieses Leitbild mit heutzutage peinlicher Deutlichkeit: Der Pfarrer ist der Pastor (Hirt) und seine Gemeinde die Herde. Dieses dörfliche Muster wurde auf Stadtteile und andere Siedlungsformen gestülpt - was in dem Mass gelang, wie die Menschen auch in städtischen Verhältnissen dörflichen Idealen nachlebten.

Im Zuge der Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Organisation verwandelte sich das Religiöse endgültig in eine Teilmenge des soziokulturellen Komplexes. Die Kirchen wurden zum Subsystem der Gesellschaft, und sie organisierten sich erstmals als Institutionen mit definiertem, das heisst beschränktem Geltungsbereich. Entsprechend der Affinität ihrer parochialen Struktur zum ländlichen Raum und wegen der wesentlich grösseren Dichte konkurrierender Einrichtungen in den Städten hatten die Kirchen in urbanen Verhältnissen eine weit geringere Bedeutung als auf dem Land. 

 

Urbane Religion

Neben und zum Teil auch in den traditionellen Grosskirchen gibt es seit dem 19. Jahrhundert eine wachsende Zahl von religiösen Gruppierungen, die sich von vornherein einstellen auf die städtische Welt der Mobilität, der Konkurrenz, des Konsums und der Medien. In ganz unterschiedlicher Weise passen sie sich an die modernen Bedingungen an: Freikirchen und charismatische Gruppen nutzen Werbung, Medien und Events zum Missionieren; Sekten entsprechen auf ihre Weise dem urbanen Prinzip der Abweichung und des Experimentierens; Gruppierungen wie Scientology adaptieren populäre und modische Kulte in synthetischen und kommerziell potenten Para-Religionen; mobile kirchliche Gruppen wie die Heilsarmee und einzelne Orden verbinden karitative Dienste mit mehr oder minder demonstrativem christlichem Zeugnis. Ob Prediger in der Manier von Popstars Stadien füllen oder ob Salutisten in den teuersten Einkaufsmeilen ihre Topfkollekten durchführen - beides sind erfolgreiche Adaptationen des Religiösen an die urbanen Verhältnisse. Bewegliche Lebensmuster, Bildung von Szenen und Lifestylegruppen, Erlebnisorientierung und andere Merkmale der Postmoderne lassen sich im brodelnden Leben der Städte auch an den rasch wechselnden Erscheinungsformen von Glauben, Kult, Sinnangeboten und religiösen Organisation ablesen.

Permanenteste und sichtbarste Zeichen religiöser Präsenz in den Citys sind aber nach wie vor die grossen alten Kirchen. Sie sind kulturelle Monumente und zugleich oft die unbestrittenen Wahr- und Markenzeichen ihrer Städte. Sie werden von Touristen besucht, für Konzerte benützt und liefern Motive für Ansichtskarten und Pralinenschachteln. Einzelne prominente Predigerinnen und Prediger vermögen den Gottesdiensten in Citykirchen ein Publikum zu verschaffen, das aus der ganzen Region anreist. Bei grossen öffentlichen Erschütterungen durch Katastrophen und Trauerfälle hat sich in den letzten Jahren verstärkt gezeigt, dass die zentralen Kirchen in solchen Ausnahmesituationen als Orte der Besinnung, des symbolischen Zusammenrückens, der Kontingenzbewältigung von weiten Kreisen in Anspruch genommen werden.

Solche und ähnliche Erfahrungen haben das Nachdenken über die Rolle der Kirchen in den Innenstädten stimuliert. Seit Jahrzehnten wird experimentiert. Kirchliche Akademien und Bildungszentren wurden vereinzelt bewusst in Städten - statt wie meistens irgendwo im Grünen - eingerichtet. Mancherorts sind so genannte Offene Kirchen entstanden, die sich dem urbanen Leben zuwenden. Sie beheimaten Gruppen, die sonst keinen Fuss in eine Kirche setzen würden, betreiben Kaffeehäuser, bieten Beratung und Seelsorge an, feiern ungewöhnliche Gottesdienste. Im Blick auf die riesigen Pendlerströme wurde als neuester Versuch in Zürich die ökumenische Bahnhofkirche geschaffen, die täglich von mehreren hundert Menschen besucht wird.
Diese Versuche sind zum Teil sehr erfolgreich und zeugen vom Willen der Verantwortlichen, sich aus kirchlicher Sicht mit der urbanen Lebenswelt auseinander zu setzen. Sie machen aber zugleich auch deutlich, dass die Kirchen im Prinzip auf ihrer ländlichen, statischen Territorialstruktur beharren. Die städtischen Experimente sind lediglich die Ausnahmen von der Regel. 

 

Systematisch öffentliche Präsenz aufbauen

Die Erkenntnis, dass das Leben in der modernen Gesellschaft weitgehend urban geprägt ist, müsste für die Kirchen grundsätzliche und strukturelle Folgen haben. Noch haben viele Kirchenleute die Tatsache nicht wirklich verstanden, dass die Menschen sich heute zunehmend an dem orientieren, was öffentlich präsent ist. Die Kirchen stehen deshalb wie alle gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Akteure vor der dauernden Aufgabe, sich selbst von der Latenz in die Präsenz zu heben.

Wie dieser Aufbau öffentlicher Präsenz zu geschehen hat, ist nicht allein Sache von Medienspezialisten. Der permanente Prozess, um den es hier geht, setzt die Reflexion voraus über den Stellenwert des Öffentlichen innerhalb der kirchlichen Tätigkeit. Was das heisst, kann hier nicht im Einzelnen behandelt werden. Die Fragen stellen sich jeweils auf lokaler oder nationaler Ebene anders. Sie sind das eine Mal konfessionell, das andere Mal ökumenisch zu beantworten. In jedem Fall aber ist Kommunikation mit der Öffentlichkeit keine Einbahnstrasse. Allzu oft kranken die öffentlichen Verlautbarungen der Kirchen am Zungenschlag der pastoralen Belehrung. Greifen sie hingegen als profilierte Stellungnahmen in den allgemeinen Diskurs ein, so finden kirchliche Voten regelmässig in weiten Kreisen Beachtung und Interesse.

Die organisatorischen Notwendigkeiten sind gegenüber solchen Grundsatzfragen sekundär, bedeuten aber gleichwohl eine noch grössere Herausforderung. Im Wesentlichen wird es darum gehen, die Entscheidungs- und Managementstrukturen zu schaffen, die ein systematisches Agieren in der Öffentlichkeit erst ermöglichen. Ohne verbindliche Ziele, ohne Corporate Identity, ohne koordinierte Konzepte und ohne professionelle Umsetzung werden alle Anstrengungen relativ wirkungslos bleiben. Die Kirchen stehen vor der Aufgabe, sich als Organisationen handlungsfähig zu machen. Um das zu erreichen, müssen sie interne Barrieren abbauen und Kompetenzdefizite aufholen. Das Renommee, die Inhalte, das Geld sind nicht das Problem. Die Kirchen haben viel Goodwill, hervorragende Themen und ausreichend Mittel, um eine starke öffentliche Präsenz zu erzielen.

 

Urs Meier ist Geschäftsführer der Reformierten Medien, des Kommunikationsunternehmens der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz.


 
 

Herausgeber: Katholischer Mediendienst Charles Martig | Reformierte Medien Urs Meier
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